Die Ursprünge der 'Gigantologie'

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Abb. 1 Der "böse Riese" aus der Märchenwelt. Hier, auf einer Illustraton von Richard Doyle zu The story of Jack and the giants (London 1851), sogar mit zwei Köpfen!

(bb) Es ist an der Zeit, uns auf die Suche nach Spuren möglicher historischer Vorbilder der riesenhaften Invasoren aus Meropa zu begeben. Dabei wollen wir uns zunächst einiger grundsätzlicher Aspekte annehmen, die mit der Erforschungs-Geschichte des >Riesen-Phänomens< zu tun haben. Euhemeristische Interpretationen der mythischen 'Riesen', also die Annahme, es hätten einst historische Vorbilder dieser späteren "Fabelwesen" gelebt, sind nämlich durchaus nicht neu.

Von Homer über die graeco-romanischen Autoren der Antike bis hin zu den Riesensagen des des Spätmittelalters galten Riesen im (proto)-europäischen Kulturkreis allgemein als real existente Naturwesen einer mehr oder weniger fernen Vergangenheit. Während viele legendäre und märchenhafte Riesen - von den einäugigen Zyklopen der Antike bis zum doppelköpfigen Riesen aus dem englischen Märchen von "Jack and the Giants" (Abb. 1) - mit körperlichen Anomalien dargestellt wurden, gab es schon immer auch die Vorstellung vom wohlproportionierten, menschlichen Giganten.

Beim spanischen Adel galt es z.B. als vornehm, seine Herkunft von Riesengeschlechtern anzuleiten (vergl. dazu "Das Erbe der Giganten" von Uwe Topper) Wem das nicht lag, der konnte sich immerhin einen Hof-Riesen engagieren, wie das Beispiel von Giovanni Bona zeigt, dem Hof-Riesen Erzherzog Ferdinands. Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts stellte der spätere preußische König Friedrich-Wilhelm I. zu seinem Vergnügen eine 'riesige' Garde-Truppe von "großen und schönen" Männern über 1, 80 m Körpergröße auf: die 'Langen Kerls' (auch: 'Potsdamer Riesengarde' genannt).

Bis zur Periode der 'Aufklärung' wäre im übrigen niemand in Europa auf die Idee gekommen, die historische Existenz von Riesen und Riesen-Völkern in Frage zu stellen - immerhin berichtet das Alte Testament recht eindeutig über sie, und Angaben aus der Bibel waren damals "sakrosankt" (durch ihre angebliche "Heiligkeit" unantastbar). Auch systematische Überlegungen zum Charakter riesenhafter Menschen und humanoider Formen in Überlieferungen und (da, wo man ihrer gewahr wurde) in der Natur, wären vermutlich abwegig erschienen: Gottes Wille war bekanntermaßen unerforschlich! Die zunehmende Emanzipation vieler Menschen von den Dogmen der Kirche wirkte sich dann zwangsläufig auch auf Betrachtungsweisen und Erklärungsmodelle zum 'Phänomen Riese' aus.

Abb. 2 Das Interesse an der Erforschung von Riesen begann bereits im 17. Jahrhundert. Hier die undatierte Darstellung eines Riesenfundes, die - der Kleidung der Herren rechts im Bild zufolge - um 1800 entstanden sein dürfte.

Im 17. Jahrhundert machte man sich jedenfalls bereits Gedanken über die Ursachen eines enormen Riesenwuchses 'gewöhnlicher' Menschen. So erfahren wir bei Monika Sauter: "Eine erste detaillierte Kasuistik verfasste Johann Weyer [...] schon 1567 über eine junge Frau, die ab ihrem 12. Lebensjahr zur Riesin heranwuchs. Weyer unterstrich durch die Bezeichnung >febris quartana< bereits den krankhaften Charakter dieser Veränderung. Die jüngeren, umfangreich dokumentierten Kasuistiken beginnen mit den irischen Riesen Charles Byrne und Cornelius Magrath, deren Skelette noch heute in Museen besichtigt werden können. Zusammen mit späteren Fällen, etwa die von Rudolf Virchow dokumentierten Lewis Wilkins und Franz Winkelmeier, erlauben sie eine verlässlichere Fallbeurteilung. All diesen „Riesen“ gemein ist eine Körpergröße von deutlich über 220 cm, jenseits dessen, was gemeinhin als konstitutioneller Hochwuchs bezeichnet wird." [1]

Damit war der Grundstein für eine medizinische Betrachtungsweise gelegt, welche die Existenz von "Riesen" jenseits des "konstitutionellen Hochwuchses" grundsätzlich akzeptiert, aber lediglich im Rahmen einer pathologischen Definition zulässt. Im Gegensatz dazu entwickelte sich nun auch eine Sichtweise, welche - in Übereinstimmung mit christlichen und "heidnischen" Überlieferungen, die Existenz "echter" bzw. "nichtmenschlicher" Riesen in ferner Vergangenheit postulierte.

Die Ursprünge der Erforschung (im engeren Sinne) dieser vermuteten, prähistorischen Riesen reichen zurück bis ins späte 17. Jahrhundert: "Im Jahre 1677 veröffentlichte Robert Plot, ein Professor der Universität Oxford, einen Aufsatz, in dem er einen gewaltigen Knochen beschrieb, der in einem Steinbruch in der Grafschaft von Oxfordshire gefunden worden war. Es handelte sich um den Oberschenkel eines riesigen Tieres, das die Größe eines Elefanten hatte. Zunächst vermutete er, die Römer hätten während ihrer britannischen Herrschaft Elefanten mit nach Britannien gebracht. Hierfür gab es jedoch keinerlei schriftliche Belege.

Nachdem er ein wirkliches Elefanten-Skelett untersuchen durfte, stellte er fest, daß diese Knochen im Vergleich mit dem Fund in Oxfordshire wesentliche Unterschiede aufzeigten. Daraus folgerte Plot, es müsse irgendwann menschliche Riesen gegeben haben. Es war der untere Teil des Oberschenkelknochens eines Megalosaurus, der dank einer exakten Zeichnung Plots identifiziert werden konnte. Obwohl weitere zahlreiche Funde gemacht wurden, gab es bis vor etwa 150 Jahren keine ernstzunehmenden wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bereich der Dinosaurier." [2]

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich jedoch allgemein die Auffassung durchgesetzt, dass den alten Mythen keinerlei historische Bedeutung oder Beweiskraft zukäme. So bemerkt Friedrich Arnold Brockhaus´ Bilder-Conversations-Lexikon im Jahr 1839: "Obgleich es nun erwiesen ist, daß Menschen eine Größe von 7 - 8 F. [2,13 m - 2,44 m; d. Red.] erreicht haben, so waren es doch immer einzelne, und was im Altertum und später von Riesenvölkern und Riesengeschlechtern erzählt wurde, gehört der Fabel an [sic!; bb]." [3] Damit hatte sich innerhalb von drei Jahrhunderten gesellschaftlich wie auch im Bereich wissenschaftlicher Forschung ein Differenzierungsprozess vollzogen, als dessen Folge nun eindeutig zwischen Riesen als Fabelwesen und Riesen als Naturphänomen unterschieden wurde.

Abb. 3 Mr. und Mrs. Van Buren waren mit einer Größe von 8 Fuß bekannte "Riesen" des 19. Jahrhunderts.

Im 'Brockhaus' las man damals als 'Bildungsbürger' außerdem: "Riesen nennt man vorzugsweise Menschen von sehr hohem, die gewöhnliche Menschengröße ansehnlich überragendem Wuchse, welche in gemäßigten Erdgegenden zwischen fünf und sechs F[uß; bis 1,85 m; d. Red.] beträgt. [...] So reden die h. Überlieferungen der Juden von Riesen vor und nach der Sündflut, deren letzter der von Moses besiegte König Og von Basan [...; siehe: 'Homo sapiens gigantus orientalis' - Die Riesen des Alten Testaments und der Apokryphen; d. Red.] gewesen sein soll, und dem von David überwundenen Riesen Goliath [siehe ebd.; d. Red.] schreiben die jüd. Ausleger eine Länge von 11 F. zu.

Die griech. Mythen erzählen ebenfalls viel von Riesen, die ind. Mythologie läßt Brama Riesen hervorbringen und in der nordischen spielen sie nicht minder eine wichtige Rolle. [...] Nach der Meinung der Römer waren besonders die nördl. Länder die Heimat von Riesen und in der Schlacht, welche M a r i u s (s.d.) bei Aquae Sextiae den Teutonen lieferte, soll deren König Teutobocus als ein ungeheurer Riese aufgetreten sein. In den Ritterromanen des Mittelalters nehmen die Riesen neben Feen, Zwergen und anderen fabelhaften Wesen auch ihre Stelle ein.

Die Entdeckung von Amerika brachte von Neuem Gerüchte von dort heimischen Riesenvölkern in Umlauf, welche sich am Ende auf die Patagonier [siehe dazu auch: Die Riesen von Patagonien - nur ein Mythos?; d. Red.] beschränkt haben, von denen viele eine seltene Größe erreichen. Ebenso ist von Alters her viel unerhörtes von aufgefundenen Riesengerippen berichtet worden. Nach Strabo ward z.B. das 60 Ellen lange Gerippe des vom Hercules erdrückten fabelhaften Antäus in Mauretanien gefunden und 1613 wollte man in Hochburgund die Gebeine des obengenannten Königs Teutobocus entdeckt haben. Doch gilt vermutlich von diesen wie von ähnlichen spätern Funden angeblicher Riesengerippe, daß sie vorweltlichen Thieren angehörten und aus Unkunde für menschliche gehalten worden sind. Auch die sogenannten Hünengräber (s.d.) hat man für Riesengräber ausgegeben." [4]

Mit dem "Triumph" der 'Londoner' gegen die 'Pariser' Richtung der Naturwissenschaften (siehe: Lyell, Darwin & Co.) verschwanden Sintflut und Riesen der Vorzeit schließlich vollständig aus den Hörsälen der Universitäten, wo Berichte von 2, 50 m bis 3, 00 m großen - oder noch größeren - Menschenwesen nun vor allem der Übertreibung und ideologischer Überhöhung verdächtig waren. In den theologischen Fakultäten begannen selbst die Kleriker opportunistisch damit, den alttestamentarischen Überlieferungen über Riesen der Ur- und Frühzeit ihren historischen Charakter abzusprechen. (z.B. wurde der ohnehin sprichwörtliche Kampf 'David gegen Goliath' [5] nicht mehr als Tatsachen-Bericht, sondern als Gleichnis verstanden). Für die 'Gigantologie' war nun kein Platz mehr in der offiziellen 'Welt der Wissenschaft' - was allerdings nicht bedeutete, dass dieses Thema völlig vom Tisch war.

Abb. 4 Dass es auch im frühen 20. Jahrhundert noch "9-Fuß-Giganten" gab, beweist auch diese Aufnahme eines riesenhaften Mongolen (kein Einzelfall!). Der links abgebildete Mann - immerhin ca. 1,80 m groß - wirkt neben ihm fast wie ein 'Zwerg'.

Einen weiteren 'Sargnagel' für die wissenschaftliche Erforschung des Phänomens prähistorischer Riesen stellten diverse "Riesen-Fakes" [6] dar, die in Europa und Amerika während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Form von Sensations-Meldungen durch die Medien geisterten und bisweilen zu Rummelplatz-Sensationen avancierten. Neben der üblichen Sensationslust mag - gerade in den USA - eine Ursache für das enorme Publikums-Interesse in den massenhaft publizierten Riesen-Fundberichten gelegen haben, die zu dieser Zeit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregten.

Während wir - in beusstem Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der Fachwissenschaftler - die MEISTEN dieser gemeldeten Funde als authentisch betrachten (siehe dazu: Riesen in Nordamerika: (k)ein Streitpunkt für Archäologen?), waren es leider gerade tatsächlich gefälschte "Relikte" wie der Gips-Riese von Cardiff (vergl. dazu: Die gefälschten Riesen - Fakes und Flops in der Giganten-Forschung), die aufgrund kräftiger Promotion der beteiligten Geschäftsleute nicht nur zu Publikums-Magneten wurden, sondern auch das Interesse zahlreicher akademischer Forscher weckten. In der Scientific community lösten diese Objekte noch einmal einen denkbar heftigen Disput aus.

Als sich jedoch ihr tatsächlicher Charakter herausstellte, waren all jene Wissenschaftler 'bis auf die Knochen' blamiert, die sie zuvor als "echt" eingestuft hatten; kein Wunder, dass in der Folge kein Anthropologe oder Archäologe mehr bereit war, wegen ein paar riesenhafter alter Knochen, Mumien oder Versteinerungen seine Reputation auf´s Spiel zu setzen. Fortan blieb es also nonkonformistischen Außenseiter-Forschern vorbehalten, sich weiterhin Gedanken zum Giganten-Problem zu machen. Die Gigantologie wurde zur "Schatten-Wissenschaft", und es waren vor allem sogenannte "Crackpots", die sich weiterhin mit Eifer und großer Ernsthaftigkeit der Riesen-Problematik widmeten. Gerade Vertreter der empirischen Atlantologie haben seither immer wieder wesentliche Beiträge zur Lösung des alten Rätsels um die "Giganten der Vorzeit" geleistet.

So gehörten im 20. Jahrhundert gerade Atlantisforscher und alternative Prähistoriker aus dem deutschsprachigen Raum, wie Otto Muck (siehe: "Riesen - Märchenwesen oder historische Realität?"), Uwe Topper (siehe: "Wer waren die 'Zwerge' und 'Riesen' der Vorzeit?") und in jüngster Zeit Reinhard Prahl (siehe: "Mythos und Realität der Riesen") zu denjenigen, die in ihren Arbeiten besonders vehement für eine Ent-Mythisierung der prähistorischen Riesen plädiert haben.

Nach diesem einleitenden Exkurs zur Entwicklung der Giganten-Forschung wollen wir uns in der nächsten Sektion unserer Betrachtungen zunächst mit den verschiedenen Ursachen beschäftigen, die für das Auftreten solch überdimensionaler Menschen - die nicht zwangsläufig der Gattung Homo sapiens sapiens angehören müssen! - in Frage kommen.


Fortsetzung:

Ursachen für das Auftreten von riesigen Menschen - und Giganten (bb)


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: Monika Sauter, "Klinik, Therapie und Langzeitverlauf des hypophysären Riesenwuchses - eine retrospektive Studie, Kinderklinik und Polyklinik der Technischen Universität München", online unter http://66.102.9.104/search?q=cache:iEL4aQK3tnYJ:tumb1.biblio.tu-muenchen.de/publ/diss/me/2003/seidt.pdf+in+der+Kindheit+aufgrund+der+noch+nicht+vollst%C3%A4ndig+geschlossenen+Epiphysenfugen+zu+einem+ex-zessiven+Wachstum+&hl=de&lr=lang_de
  2. Quelle: http://www.chisi.de/ent0.htm (nicht mehr online)
  3. Quelle: F.A. Brockhaus, Illustriertes Conversations-Lexikon, 3. Band, M-R, Leipzig 1839, Autorisierte Faksimile-Ausgabe, ARTUS-Verl., München, Sonderausgabe für Weltbild Bücherdienst, Augsburg, S. 710
  4. Quelle: ebd.
  5. Vergl. dazu: 'Homo sapiens gigantus orientalis' - Die Riesen des Alten Testaments und der Apokryphen
  6. Siehe dazu: Die gefälschten Riesen - Fakes und Flops in der Gigantenforschung (bb)


Bild-Quellen

(1) http://www.bl.uk/collections/britirish/chilgallery.html (Bild nicht mehr online)

(2) http://www.s8int.com/giants3.html

(3) Bildarchiv Steve Quale

(4) Bildarchiv Adventures Unlimited Press