Franz Susemihl

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Eine Kritik seiner Platon- und Atlantisbetrachtung

von Thorwald C. Franke

Abb. 1 Der klassische Philologe Franz Susemihl (1826-1901) trug wesentlich zur Entwicklung des wissenschaftlichen Dogmas von der Erfindung der Atlantis durch Platon bei.

Mehr noch als die Dissertation sur l'Atlantide von Thomas Henri Martin waren die Werke von Professor Franz Susemihl (Abb. 1) (1826-1901) aus Greifswald ein Meilenstein auf dem Weg zur Etablierung einer wissenschaftlichen Meinung über Platons Atlantis.

1855 legte Franz Susemihl in einer Rezension zu der gerade aktuellen Atlantishypothese von Abraham S. Norov erstmals seine Auffassung ausführlich vor, warum er Atlantis für eine Erfindung Platons hielt [1]. Wie andere vor ihm begann auch Susemihl seine Beschäftigung mit dem Thema Atlantis aus apologetischen Gründen und in einem polemischen Stil. Für seine These von der Erfindung von Atlantis beruft sich Susemihl auf bemerkenswerte Vorgänger: „Erst die deutsche Wissenschaft dieses Jahrhunderts schlug – nach den Vorgängen von Hißmann und Tiedemann – im ganzen und abgesehen von einigen Übereilungen in der Auffassung dieser Dichtung einen richtigeren Weg ein“.

Mit diesen Worten konstruierte Susemihl eine Wissenschaftstradition, die es in dieser Form bis Susemihl gar nicht gab: Zwischen den Göttinger Empiristen Hißmann und Tiedemann und der Zeit Susemihls gab es praktisch keine weitere wegweisende oder auch nur vom Umfang her nennenswerte Abhandlung von deutschen klassischen Philologen und Altertumsforschern, die Atlantis zur Erfindung erklärte. Es ist nicht wahr, dass Hißmann und Tiedemann nur „vorangegangen“ waren, und dann eine Entwicklung und Entfaltung der Erfindungsthese bis in Susemihls Zeit stattfand. Vielmehr gab es nur unbedeutende und kurze Aussagen, die Atlantis als Erfindung einordneten, und zwar am Rande von Werken zu ganz anderen Themen. Diese kurzen Aussagen schwankten zudem häufig in ihren Urteilen über das Vorhandensein und die Größe eines möglichen historischen Kerns der Atlantiserzählung, ob z.B. die Überlieferung aus Ägypten nicht doch wahr sein konnte. Darüber hinaus gab es in dieser Zeit namhafte Wissenschaftler, die weiter über ein reales Atlantis im Atlantik oder andere Lösungen nachdachten.

Susemihl griff also nicht auf eine bereits vorhandene Wissenschaftstradition zurück, sondern er selbst, Franz Susemihl, begründete die Suggestion einer solchen Wissenschaftstradition, indem er fälschlich behauptete, zwischen den Göttinger Empiristen und seiner Zeit hätte sich die deutsche Wissenschaft im Sinne der Erfindungsthese entwickelt. Auf diese Weise trug Franz Susemihl maßgeblich dazu bei, dass sich die Erfindungsthese ohne die für eine wissenschaftliche Meinung notwendige organische Entwicklung als wissenschaftliche Meinung etablierte – und so zu einem Dogma wurde: Denn eine Meinung, die auf diese Weise zustande kam, kann nur dogmatisch verteidigt werden.

Abb. 2 Das Front-Cover einer heutige Ausgabe der Übersetzung des Timaios durch Franz Susemihl

1856 fiel in einer Anmerkung in Susemihls Timaios-Übersetzung jener Satz, der inzwischen zu einem Symbol für die dogmatische Haltung vieler Atlantisskeptiker geworden ist: „Eine gründliche Untersuchung und Würdigung der verschiedenen Ansichten über die Atlantis in alter und neuerer Zeit, die einen reichhaltigen Beitrag zur Geschichte menschlicher Torheiten liefern ..., gibt Thomas Henri Martin“. [2] Meist wird der Satz in einer durch Bessmertny leicht abgewandelten Form zitiert: „eine Übersicht der verschiedenen Ansichten über Atlantis liefere einen reichhaltigen Beitrag zur Geschichte menschlicher Torheit[3] In der englischsprachigen Welt hat sich offenbar die Version durchgesetzt, die in der englischen Übersetzung des russischen Werkes von Nikolai F. Zhirov enthalten ist: „The catalogue of statements about Atlantis is a fairly good aid for the study of human madness.[4]

Im Jahr 1857 veröffentlichte Susemihl mit Die genetische Entwicklung der Platonischen Philosophie eine ausführliche wissenschaftliche Aufarbeitung der Atlantisfrage. Susemihl ging hier nicht nur auf die Atlantisfrage im Speziellen ein, sondern entwickelte auch seine Theorie des Mythischen bei Platon. Eine eklatante und wegweisende Fehlentscheidung von Susemihl ist die Ablehnung von Friedrich Ueberwegs Überzeugung, dass Platons Konzept des eikos mythos als nüchterne, wahrscheinliche Darlegung interpretiert werden muss. Statt dessen will Susemihl einen eikos mythos vor allem als eine mythische Darlegung verstanden wissen [5]. Susemihl unterschied nicht ausreichend zwischen dem modernen Mythos-Begriff und dem mythos-Begriff Platons. Zudem glaubte Susemihl aus Platons Mythen generell einen mehr oder weniger „scherzhaften“ Ton heraushören zu können, der dort keineswegs vorhanden ist.

Auf der Sachebene argumentierte Susemihl weiterhin recht einfach: So meinte er z.B., dass allein die 9000 Jahre dazu hinreichten, die Atlantisüberlieferung als Erfindung zu entlarven, und dass hinter dem Atlanterkrieg die Perserkriege zu sehen seien. Susemihl wiederholte viele Gedanken aus seiner polemischen Rezension der Atlantishypothese von Norov. Susemihl wandte sich entschieden gegen die These von Forschern wie Stallbaum, Ast oder Thomas Henri Martin, dass die Atlantisüberlieferung doch auf irgendeine Weise aus Ägypten stammen könnte.

Immer wieder kulminiert die Argumentation von Susemihl in zugespitzten rhetorischen Fragen oder in Ultimaten an den Leser, um den direkten Sinn der Aussagen Platons auf den Kopf zu stellen. Dem Leser wird durch diese Rhetorik vorgaukelt, er hätte nur die Wahl zwischen einer lächerlichen und einer klugen Alternative, so dass dem Leser Angst eingejagt wird, er könne sich lächerlich machen, wenn er der Argumentation von Susemihl nicht folgt.

Abb. 3 Was Susemihls Betrachtung Platons und Aristoteles' betrifft, so wurde er vermutlich auch durch die Ansichten seines Lehrers Adolf Trendelenburg (1802-1872) beeinflusst.

Dazu einige Beispiele [6]: „Da sollen wir allen Ernstes buchstäblich annehmen ...“ oder „Sollen wir also wirklich lieber annehmen ...?“ oder „Sollen wir etwa sogar den Widerspruch nicht merken ...?“ oder „Wollte man daher in jener Versicherung irgend etwas Anderes finden, als 'eine rednerische Wendung, deren sich gerade Märchenerzähler am Liebsten zu bedienen pflegen', so würde Platon mit ihnen seinem ganzen Systeme ins Gesicht schlagen“. Susemihl hatte auch erkannt, dass Platon seine Politeia als mythos anspricht, die Atlantisüberlieferung jedoch als logos – und versuchte nun prompt, dieses Verhältnis ins Gegenteil zu verkehren.

Man möchte Susemihl über die letzten 150 Jahre hinweg zurufen: Ja! Du sollst annehmen, dass Platons Worte ernst zu nehmen sind! Ja, Du bist verpflichtet, alte Texte nicht leichtsinnig nach dem Strich eines modernen Verständnisses zu bürsten!

Wir sehen bei Susemihl, wie sich die Kritik der Atlantisskeptiker zu überschlagen und ins Absurde zu verkehren beginnt. Die Theorie einer Erfindung von Atlantis ist nun so weit „entwickelt“ worden, dass man zu bemerken beginnt, dass sie mit immer mehr Aussagen in Platons Dialogen ins Gehege kommt. Dies wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, um innezuhalten und umzudenken. Doch leider ist dies nicht geschehen.

Zum weltanschaulichen Hintergrund von Franz Susemihl: Weltanschaulich war Franz Susemihl zunächst ein Anhänger Hegels, er wandte sich dann jedoch von diesem ab, weil er – wie er selbst sagte – die „alleinige Führerschaft der Vernunft“ nicht akzeptieren wollte. Er wurde sehr stark von Adolf Trendelenburg (1802-1872) beeinflusst, der sowohl Hegel als auch Kant stark kritisierte, und statt dessen an Aristoteles anknüpfte. Trendelenburg übernahm wesentliche Grundgedanken aus Schellings Naturphilosophie und gilt als spekulativer Theist. Schelling (1775-1854) war ein führender Philosoph der Romantik, der der Rationalität skeptisch bis feindlich gegenüberstand. Zumindest von einer romantischen Rationalitätsskepsis und Rationalitätsvergessenheit, die keiner Laune sondern einer bewussten philosophischen Fundierung entsprang, müssen wir auch bei Susemihl ausgehen. Susemihls Lehrer Trendelenburg hatte zudem ein sehr holzschnittartiges Bild von Platon und Aristoteles: Platon stand für Schönheit und Kunstsinn, für künstlerischen und dichterischen Geist, der sich angeblich auch in seinen Schriften wiederspiegelt: „und noch die schwierigsten Lehren hüllt er in den Heiligenschein des poetischen Mythos.

Aristoteles hingegen sei das direkte Gegenteil: „Aber Aristoteles ist der Mann der Prosa, wie er ja die nackte Wirklichkeit durchforscht.“ Ist es verwunderlich, dass auf der Grundlage dieses falschen Platonbildes eine falsche Interpretation von Platons Atlantis gewachsen ist? Umhüllt Atlantis etwa der „Heiligenschein des poetischen Mythos“ eines kunstsinnigen Schwärmers, ohne jeden Realitätssinn und ohne jede Erdung in der Wirklichkeit?

Schließlich spielt bei Trendelenburg die Idee der „Bewegung“ eine entscheidende Rolle, die sein philosophisches Denken von Platon und Kant unterscheidet. Und tatsächlich klingt bei Susemihl bei der Besprechung des Wunsches des Sokrates, den Idealstaat in Bewegung zu sehen, genau dieser Begriff der „Bewegung“ im Sinne von Trendelenburg an. [7]





Anmerkungen und Quellen

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Dieser Beitrag von Thorwald C. Franke (©) wurde seinem im Juli 2016 veröffentlichten Buch Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis (Unterkapitel: "Franz Susemihl 1855/56/57"; S. 399-403) entnommen. [8] Bei Atlantisforschung.de erscheint er - mit freundlicher Genehmigung des Verfasser - im Juni 2017 in einer redaktionell bearbeiteten Online-Version.

Fußnoten:

  1. Siehe Franz Susemihl, Rezension zu: Noroff, "Die Atlantis nach griechischen und arabischen Quellen", in: Jahrbücher für classische Philologie, B.G. Teubner, Leipzig, 1855, S. 355-388
  2. Siehe: Franz Susemihl, Timaios, übersetzt von Franz Susemihl, in: Platon's Werke - Vierte Gruppe: Die Platonische Kosmik, J.B. Metzler, Stuttgart, 1856, S. 727
  3. Siehe: Alexander Bessmertny, "Das Atlantisrätsel", Leipzig (Voigtländer), 1932, S. S. 18
  4. Siehe: Nikolai F. Zhirov, "Atlantis - Atlantology: Basic Problems", erste englischsprachige Ausgabe: Moskau (Progress Publishers), 1970, S. 17 (Erstaufl in russischer Sprache: 1964)
  5. Siehe: Franz Susemihl, "Die genetische Entwicklung der platonischen Philosophie" Teil II 1, Verlag B.G. Teubner, Leipzig, 1857, S. 321 Fußnote 187; Franz Susemihl, "Platonische Forschungen" I, II, III, in: Philologus, Zweiter Supplementband, Heft I und II, Verlag der Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1863, II, S. 238; vgl.: Friedrich Ueberweg,"Über die Platonische Weltseele", in: Rheinisches Museum für Philologie RhM Nr. 9, 1854, S. 76 f. Fuußnote 40
  6. Siehe: Franz Susemihl (1857), S. 318-333; 468-506
  7. Vgl.: B.A. Müller, "Franz Susemihl", in: Biographisches Jahrbuch für die Altertumswissenschaft, Nr. 34 / 1911, Verlag O.R. Reisland, 1911; Adolf Trendelenburg, "Logische Untersuchungen", 2 Bände, Verlag Gustav Bethge, Berlin, 1840; sowie Derselbe, "Raphaels Schule von Athen", Wissenschaftlicher Verein 1843, in: A. Trendelenburg, "Kleine Schriften" Teil II, Verlag S. Hirzel, Leipzig, 1871, S. 253-256
  8. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: Bernhard Beier, "Ein Buch, das neue Maßstäbe in der Atlantologie-Historik setzt - Rezension zu: Thorwald C. Frankes Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis - Von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne"

Bild-Quellen:

1) Marcus Cyron bei Wikimedia Commons, unter: File:Franz Susemihl - Imagines philologorum.jpg
2) Bild-Archiv Atlantisforschung.de
3) Bild-Archiv Atlantisforschung.de