Heinrich Kruparz - Atlantis und Lemuria. Legenden und Mythen oder versunkene Hochkulturen der Vergangenheit?

Aus Atlantisforschung.de
Wechseln zu:Navigation, Suche

Eine Buchbesprechung von Dr. Horst Friedrich (2009)

Abb. 1 Heinrich Kruparz: "Atlantis und Lemuria. Legenden und Mythen oder versunkene Hochkulturen der Vergangenheit? Neue Beweise – es gibt sie!" - 2., verbesserte Auflage, Gnas (b. Graz): Weishaupt-Verlag, 2009 ISBN 978-3-7059-0278-7, 416 Seiten

Ein verdienstvolles Werk. Sicher – mancherorts wird sich Gezeter erheben, dass das Buch und seine Rezension sich mit „schon längst überwundenen, pseudowissenschaftlichen Irrlehren“ wie jenen über versunkene Kontinente befasst. Andererseits aber mahnt der Wissenschaftstheoretiker (und Wissenschaftler) Paul Feyerabend eindringlich: „Theorienvielfalt ist für die Wissenschaft fruchtbar“ (Feyerabend, 1976: 39) und „[h]ier wie anderswo gewinnt man Erkenntnis allein durch eine Vielfalt von Anschauungen, nicht durch entschiedene Anwendung einer bevorzugten Ideologie“ (ebd.: 67).

Der Autor des Buches, Heinrich Kruparz, ist promovierter Geologe und Paläontologe, der in seinem langen Berufsleben in vielen Weltteilen mit der Erkundung von Lagerstätten befasst war. Er ist auch ein umfassender Kenner der Azoren [1] und der dortigen geologischen Verhältnisse. Mit dem russischen „Vater der modernen Atlantisforschung“, N. Zhirov (der schon 1970 schrieb: “My prime objective is to raise Atlantology to the status of a recognized science”), teilt er die nach heutigem geologischen Wissen durchaus nicht mehr abwegige Theorie, dass die Azoren die über den heutigen Meeresspiegel hinausragenden Überreste eines einstigen mittelatlantischen Kleinkontinents („Atlantis“) darstellen. [2] Zhirov (2001) und Kruparz, angesichts seiner geologischen Kompetenz, sind in dieser Hinsicht offensichtlich ernst zu nehmen.

Auch im Pazifik und im Indischen Ozean rechnet Kruparz mit einstigen, seither abgesunkenen oder zerstörten Kontinentalmassen respektive Landbrücken („Lemuria“, „Mu“).Nicht gefunden habe ich bei Kruparz hingegen den offensichtlich wichtigen, von Horn (2009: 214-215) – unter Bezugnahme auf Langbein (1995) – in einem anderen kleinen Atlantis-Werk erwähnten Umstand, dass tier- und pflanzengeografische Verbreitungsstudien zu Arten, die an Süßwasser gebunden sind und kein Salzwasser vertragen, stark dafür sprechen, dass auch die polynesischen Inselgruppen Überreste eines einstigen „Atlantis der Südsee“ sein könnten. Dies sollte Kruparz in eine etwaige Neuauflage seines Buches einarbeiten.

Kruparz rechnet damit, dass auf diesen untergegangenen Kontinentalgebieten einst, vor deren Zerstörung durch irgendwelche Kataklysmen, teils fortgeschrittene Hochkulturen existierten, von denen sich Überbleibsel in nicht all zu weit entfernten anderen Regionen erhalten haben, etwa auch Überlebende von Atlantis im prädynastischen Altägypten, wo sie die große Pyramide und die Giseh-Sphinx errichtet haben könnten.

So weit, so gut. Doch es kommt bei Kruparz (aus skeptischer Sicht) „noch viel schlimmer“. Nicht genug damit, dass er auch „Esoterisches“ wie „Trance-Readings“ [3] des amerikanischen Mediums Edgar Cayce (1977-1945) in seine Überlegungen einbezieht. Vielmehr lässt er sich auch noch von der ebenso umstrittenen wie beachtenswerten Helena Blavatsky [4] anregen, und zwar zu der These von „Menschheitsepochen“. [5] Kruparz stützt sich ferner auf ein bekanntes, umfangreiches Buch von Cremo & Thompson (1993), nach dem der Mensch der Jetztzeit schon durch verschiedene Erdzeitalter hindurch in der uns heute bekannten Erscheinungsform existiert, und er verwirft deshalb die dominierende (neo)darwinistische Lehrmeinung, der zufolge der Jetztmensch sich erst sehr spät, während eines „Großen Eiszeitalters“, aus affenmenschenähnlichen Vormenschenformen entwickelt habe.

Selbstredend habe dann, im versuchsweisen Kruparz-Szenario, der Jetztmensch auch bereits in vergangenen Erdzeitaltern Hochkulturen geschaffen. In großen zeitlichen Abständen hätten aber immer wieder gewaltige Erdumwälzungen stattgefunden, die jene prähistorischen Hochkulturen vollständig vernichtet hätten. [6] Der Erzhäretiker und Neo-Katastrophist Velikovsky mit seinem Earth in Upheaval (Velikovsky, 1956) wird von Kruparz, aus welchem Grund auch immer, mit keinem Wort erwähnt, schon aber das „Sintflut“-Buch des Geologen- und Paläontologen-Ehepaars Tollmann (1993).

Der Rezensent muss gestehen, dass ihm die von Kruparz vorgeschlagene Quasi-Parallelisierung von Erdzeitaltern und „Menschheitsepochen“ eine verdienstvolle Idee zu sein scheint, verdienstvoll eben im Sinne der eingangs zitierten Feyerabend-Passagen. Sie könnte manches bisher etwas zu vorschnell Geglaubte oder auch Unverstandene in neuem Licht erscheinen lassen.

Welches Fazit darf man ziehen? Das Buch stellt eine ungewöhnlich anregende Lektüre dar. In einer Zeit, in der wir mit medial aufbereiteten vermeintlich „gesicherten Erkenntnissen der Wissenschaft“ überversorgt werden, ist es doppelt wichtig, dass wir auch Werken qualifizierter „Außenseiter“ Aufmerksamkeit schenken. Nur dann kann man ein unabhängiges Urteil bilden. Um eine solche qualifizierte Außenseiter-Arbeit handelt es sich bei diesem Buch. Selbstverständlich ist der plakative Sub-Untertitel „Neue Beweise – es gibt sie!“ nicht all zu wörtlich zu nehmen (und möglicherweise eher dem Verlag als dem Autor anzulasten). Über jeden Zweifel erhabene „Beweise“ sind in den Wissenschaften eben nicht so leicht zu erlangen. Wer sich in der „Wissenschaft von der Wissenschaft“ auskennt, der weiß dies. Neue und beachtenswerte Argumente für die von Kruparz vorgeschlagene Sicht der Dinge stellt sein Buch jedenfalls zur Verfügung.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Dr. Horst Friedrich wurde erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift für Anomalistik, Band 9 (2009), S. 300-302. Bei Atlantisforschung.de erscheint er im Januar 2014 in einer redaktionell Bearbeiteten Fassung nach der Online-Version bei Anomalistik.de (PDF-Datei) im Dr. Horst Friedrich Archiv.

Fußnoten:

  1. Siehe dazu auch: Heinrich Kruparz, "Azoren, Paradies an den Toren Europas. The Azores, Atlantic Paradise Rediscovered", Weishaupt, 2001 (d. Red.)
  2. Red. Anmerkung: Mit der von Zhirov als auch von Kruparz vertretenen Annahme einer großen, vormals existenten und später unter kataklysmischen Umständen versunkenen Landmasse im Atlantik erschöpfen sich aber auch schon die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden genannten Autoren. Um es deutlich zu sagen: Zhirov war ein geschworener Gegner der auch durch H. Kruparz repräsentierten "Atlantis-Esoterik". Mit einiger Sicherheit hätte er - bei allem persönlichen Respekt vor Herrn Kruparz gesagt - empört darauf reagiert, 'in einem Atemzug' mit ihm zusammen genannt zu werden.
  3. Red. Anmerkung: Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, sei hier kurz erwähnt, dass Dr. Friedrich, obwohl selbst durchaus kein Anhänger einer materialistischen Weltsicht, 'Channeling'-Durchsagen und Ahnlichem keinerlei wissenschaftliche Beweiskraft zubilligt. Siehe dazu von ihm bei Atlantisforschung.de. "ATLANTIS, MU, LEMURIA - Gab es eine Ur-Zivilisation?"(2004)
  4. Anmerkung des Verfassers: Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891) war die Begründerin der neuzeitlichen Theosophie, deren Einfluss sowohl in der westlichen Welt als auch in Südostasien beachtlich war.
  5. Red. Anmerkung: Letztlich sollte festgestellt werden, das H. Kruparz Atlantisbuch zu etwa 80-90 Prozent aus esoterisch geprägten Äußerungen besteht, und dass seine - durchaus bemerkenswerten und wertvollen! - geologischen Aussagen regelrecht in einem Mischmasch aus theosophischen, anthroposophischen, New Age-esoterischen usw. Zutaten untergehen.
  6. Anmerkung des Verfassers: Ein Argument, das den Rezensenten an ein eigenes Opusculum (Friedrich, 1998) erinnert.

Literatur:

  • Cremo, M., & Thompson, R. (1993). Forbidden Archeology: The Hidden History of the Human Race. San Diego: Bhaktivedanta Institute.
  • Feyerabend, P.K. (1976). Wider den Methodenzwang. Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Friedrich, H. (1998). Erdkatastrophen und Menschheitsentwicklung. Peißenberg: EFODON.
  • Horn, R.M. (2009). Atlantis. Alter Mythos – neue Beweise. Grafing: Aquamarin-Verlag.
  • Langbein, W.-J. (1995). Das Sphinx-Syndrom. München: Langen Müller.
  • Tollmann, A., & Tollmann, E. (1993). Und die Sintflut gab es doch. Vom Mythos zur historischen Wahrheit. München: Droemer Knaur.
  • Velikovsky, I. (1956). Earth in Upheaval. London: Victor Gollancz.
  • Zhirov, N. (2001). Atlantis / Atlantology [1970]. Honolulu: Basic Problems.

Bild-Quelle:

  • Bildarchiv Atlantisforschung.de