Jürgen Spanuth und die 'Große Wanderung'

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Von der Nordsee ans Mittelmeer - Ein 'Protogermanen'-Sturm über Mittel- und Südeuropa?

Abb. 1 J. Spanuths 'Große Wanderung' der nordeuropäischen 'Seevölker' bei Gerhard Gadow (1973). Einige Jahre später legte Spanuth selbst eine weitere Karte mit Modifikationen vor, in der u.a. noch eine zusätzliche, im Westen, von Britannien über Gibraltar ins Mittemeer hinein verlaufende, Wanderungs-Route zu sehen ist.

(bb) Nach der an anderer Stelle betrachteten Groß-Katastrophe, die zum plötzlichen Ende des 'Goldenen Zeitalters' der Bronzezeit führte, hatte sich das Gesicht Europas verändert. Besonders im Nordwesten des Kontinents waren die Lebens-Grundlagen der dort lebenden Menschen aufgrund des Klimasturzes (siehe dazu auch: Die end-bronzezeitliche Klimakatastrophe aus atlantologischer Sicht) nachhaltig zerstört und fast überall waren sie gezwungen, ihre unwirtlich gewordene Heimat zu verlassen. Jürgen Spanuth erklärte 1976 dazu: "Die archäologische Forschung hat gezeigt, daß der nordeuropäische Raum, der in der Bronzezeit dicht besiedelt war, im 13. Jahrhundert v. Chr. den größten Teil seiner Bevölkerung verloren hat.

Der schwedische Archäologe Eric Graf Oxenstierna spricht von einer >fast völligen Fundlosigkeit auf den dänischen Inseln und dem skandinavischen Festland, die meist 350 Jahre dauert< und bringt diese >weiträumige und langanhaltende Lücke im Fundstoff< mit den Naturkatastrophen jener Zeit in Verbindung. [1] Der deutsche Archäologe H. Hoffmann weist auf die >ungeheure Zahl von Depotfunden< hin, die ein Beweis für Wanderbewegungen sind, >da man Depots als Verwahrniederlagen belastender Habe oder als Opfer an die Götter niedergelegt hat<. [2]

Auch O. Paret [3] ist dieser Ansicht und erwähnt ebenfalls die ungeheure Zahl von Depotfunden, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts von der Nordsee bis ans Mittelmeer angelegt wurden und schreibt: >Es mag während der Klimakatastrophe bei der Flucht vor dem Hunger oft genug geheißen haben: rette sich wer kann! und viele werden ihren Metallbesitz anfangs mitgeführt, aber dann abseits der Straßen niedergelegt haben, um schneller vorwärts zu kommen. Die Verbreitung der Hortfunde läßt uns dann weniger die Handelswege als die Fluchtwege erkennen<." [4]

Gerhard Gadow schrieb 1973 in seiner weitgehend zustimmenden Besprechung von J. Spanuths Theorie über diese Massenflucht: "Die umfangreichen Völkerverschiebungen, welche die schweren Naturkatastrophen im 13. Jahrhundert v. Chr. zur Folge hatten, werden gemeinhin als >Große Wanderung< (Abb. 1) bezeichnet. Diese >Große Wanderung< verlief in mehreren Wellen, deren erste die Wanderung der >Nord- und Seevölker< war. Über die Herkunft dieser Seevölker herrscht in Fachkreisen ein wahres Meinungschaos. Bereits 1953 mußte sich Spanuth mit fast einem Dutzend sich gegenseitig ausschließender Theorien auseinandersetzen." [5]

Abb. 2 Archäologische Funde aus Nordeuropa zur Zeit der endbronzezeitlichen Katastrophen (um 1200 v. Chr.): 1 Boslunde, Dänemark 2 Seelwig, Krs.Dannenberg 3 Whdel, Krs. Wesermünde; 4 Hoilandsvandet, Dänemark; 5 Frankfurt/Oder; 6 Ülzen; 7 Friedeberger Hütte, Mansf.; 8 Slate, Krs. Parchim; 9 Dobbin Krs. Güstrow.

So hielt Spanuth es bereits 1953 für "methodisch falsch", die Heimat der Seevölker "in der Gegend um den Sinai oder in Palästina, in Kleinasien, auf den Ägäischen Inseln oder auf Kreta, in Griechenland oder Thessalien oder Makedonien zu suchen. Zahlreiche Ausgrabungen in diesen Gebieten haben immer wieder den Nachweis erbracht, daß sie um 1200 v. Chr. durch die einbrechenden Nordvölker zerstört worden sind." [6] und 1977 bemerkte er weiter: "Ein umfangreiches archäologisches Beweismaterial ermöglicht es, die Wanderwege oder Marschrouten, die die Nordmeervölker auf ihrem Weg nach Süden einschlugen, zu erkennen.

Sie benützten die alten >Bernsteinstraßen<, auf denen schon Jahrhunderte vor der Großen Wanderung Bernstein aus dem Gebiet der Deutschen Bucht in die Mittelmeerländer transportiert worden war. [7] Jetzt finden sich an diesen alten Handelswegen zahlreiche Depot- oder Verwahrfunde, aber auch Urnenfelder und Hügelgräber, in denen die Nordmeervölker, >die ja Urnenfelderleute waren< [8] ihre Toten beigesetzt haben. Die typische Waffe der Nordmeervölker, das >gemeingermanische Griffzungenschwert< (Abb. 2), findet sich an diesen Wanderwegen immer wieder. [...]

Drei verschiedene Marschrouten lassen sich deutlich erkennen. (Abb. 3) Die erste ging Elbe- und Oderaufwärts durch Böhmen an die Donau. Hierbei werden die Illyrer am Mittel- und Oberlauf der Elbe aus ihren Wohnsitzen vertrieben. H. Kutzleb stellt fest: >Viele Zeugnisse sprechen dafür, daß damals von Norden her fremde Einwanderer auf die Illyrer drängten, und so mag es sein, daß das ganze Volk der Illyrer damals dem übermächtigen Druck gewichen ist.< [9] Ein Teil der Illyrer ist möglicherweise von den Nordmeervölkern mitgerissen worden. Archäologisch sind Illyrer aber zu dieser Zeit im Südosten Europas noch nicht nachweisbar. [10]

Die Hauptmasse der Illyrer wanderte vor allem in die Ostalpen vor und von dort nach Venetien und Apulien ab. [11] [...] In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts v. Chr. erreichten die Nordmeervölker die ungarische Tiefebene. Hier hatte die einheimische Bevölkerung zahlreiche Siedlungen wohl in Erwartung der nach Süden vorwärtsdrängendenNordmeervölker befestigt. Aber sie wurde aus ihren Siedlungen vertrieben und wich an den östlichen Rand des Karpatenbeckens aus." [12]

Die sie verdrängenden Neuankömmlinge aus dem Norden hinterließen im heutigen Ungarn zahlreiche Spuren ihrer 'Hügelgräber-' und 'Urnenfelder-Kultur', denn ein Teil von ihnen wurde dort ansässig: "In Ungarn haben sich die Nordmeervölker einige Zeit aufgehalten und offenbar auch größere Bevölkerungsteile zurückgelassen. Zahlreiche Funde von Waffen und Gegenständen, von Hügelgräbern und Urnenfeldern, wie wir sie genauso im nordeuropäischen Raum aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. bekannt sind, sprechen hierfür. Dann sind die Nordmeervölker ein oder zwei Jahrzehnte vor 1200 v. Chr. mit starken Kriegerscharen, mit Weibern und Kindern wieder aufgebrochen und donauabwärts über den Bosporus in Kleinasien und über Täler der Morawa und des Vardar in Griechenland eingedrungen." [13]


Die 'Große Wanderung' als komplexes Szenario

Bevor wir uns im folgenden Teil unserer Betrachtung mit dieser, von Spanuth angenommenen, Invasion der Nordleute im Griechenland der Achäer befassen, sollte zunächst festgehalten werden, dass die oben geschilderten Migrationsbewegungen offenbar nur einen späten - nach der vermuteten Phaéthon-Katastrophe - erfolgten Teil eines komplexeren Migrations-Geschehens darstellten. Im nördlichen Europa scheinen bereits Jahrzehnte zuvor starke Migrations-Bewegungen eingesetzt zu haben. G. Gadow schrieb 1973 (S. 83) dazu: "Ursache der Abwanderungen war vermutlich eine anhaltende Trockenzeit, die die letzten Jahrzehnte der Wärmeperiode [d.h. vor dem Klimasturz im 12. Jahrh. v. Chr.; bb] begleitet. Ablesbar ist diese Trockenzeit an einem enormen Absinken des Wasserspiegels vieler Binnenseen um 5-7 m." [14]

Abb. 3 J Spanuths Karte der 'Großen Wanderung' orientiert sich an der Verbreitung des 'Germanischen Griffzungenschwertes'. Die Fundorte solcher Bronze-Schwerter sind durch Punkte gekennzeichnet, die verschiedenen, von ihm angenommenen, Wanderwege der 'Atlanter des Nordens' werden durch Pfeile dargestellt.

Über diese dürrebedingten - und vermutlich noch frühere - Migrationswellen gen Süden heißt es bei Dr. Hans-Wilhelm Rathjen: "Eine ungeheure Völker-Bewegung hatte in Mitteleuropa Raum gegriffen. Neue Stämme hatten sich über den Balkan hin ausgebreitet, über Ostfrankreich, Süddeutschland und Österreich, über den italienischen Stiefel und die Inseln des westlichen Beckens, und hatten auch in Nordafrika die Herrschaft übernommen, wo der neue Stamm der Lebu, der >Libyer< dominant wurde. Es handelte sich in Europa um Völker, die von der Archäologie zur Urnenfelder-Bewegung gerechnet werden, dies wegen der Sitte, den Leichenbrand ihrer Toten in Urnen zu bestatten." [15]

Zu den Urnenfelder-Leuten - zu denen ja auch die 'Seevölker des Nordens' gehörten, welche Spanuth hervorhebt - und ihre Migrationen erklärt Dr. Rathjen weiter: "Die Achäologie hat einige Zeit benötigt, bis sie die Urnenfelder-Bewegung überhaupt einzuschätzen wußte, nicht mehr als wandernde Mode und Begräbnisstätte, sondern als Völker, die sich ausbreiteten. Auch wurde Urnenfeld lange Zeit spät angesetzt (etwa um 1200, dann im 13. Jahrhundert v.d.Z.), so dass die Überwanderung, Besiedlung, Eroberung von Balkan und westlichem Mittelmeer zeitlich nicht unterzubringen war v o r der Seevölkerinvasion [in Ägypten; ...] Indessen haben Lothar Sperbers sorgfältige >Untersuchungen zur Chronologie der Urnenfelderkultur im nördlichen Alpenvorland von der Schweiz bis Oberösterreich< (1987) einen Beginn 1365 v.d.Z. ergeben.

Zeit genug war also da. Tatsächlich verbreiten sich ab dann Urnenfelder-Stämme über Westfrankreich, Süddeutschland, Österreich, den Balkan und Tyrrhenien. [...] Die universitäre Forschung rätselt aber, wie weit gelten kann, dass Herkunft und Kultur all dieser Völker identisch oder verwandt waren. Man kann die weitgehend ähnliche bis einheitliche materielle Ausrüstung und Hinterlassenschaft natürlich nicht einleuchtender als durch verwandte Herkunft und Kultur erklären." [16]

Kennzeichnend für diese Völker ist neben ihren Bestattungs-Sitten nicht zuletzt die Verwendung des 'germanischen' (oder auch 'gemeingermanischen') Griffzungenschwertes (Abb. 2), das (so zumindest der 'offizielle Forschungsstand' zu Spanuths Zeit) in mehreren Schritten im nordeuropäischen Kulturkreis entwickelt wurde. Gerade die zahlreichen Funde dieses charakteristischen Schwert-Typs ermöglichen es, die Migrations-Bewegungen der Urnenfelder-Leute nachzuvollziehen. Spanuth selbst hat 1977 eine Karte (Abb. 3) der 'Großen Wanderung' vorgestellt, die sich an den archäologischen Funden dieses charakteristischen Schwert-Typs orientiert. Sie macht deutlich, welch ungeheuren Umfang diese end- bis nachbronzezeitlichen Völkerwanderungen in Richtung Mittelmeer-Raum tatsächlich hatten, auch wenn Spanuths 'germanisches' Szenario im Detail durchaus revisionsbedürftig sein mag.

So zitiert er (1965), wie Dr. Horst Friedrich (1990) feststellt, "Herbig (1940, 1941) und Schachermeyr (1929) und schließt sich deren Feststellung an, die Seevölker-Krieger von Medinet Habu zeigten einen >nordischen< Typ; bei genauerem Studium der Wandreliefs finden sich indessen neben >germanischen<, >nordischen< und >griechischen< (Velikovsky, 1977) meist im Profil wiedergegebenen Gesichtszügen auch zahlreiche solche, auch eindeutig zu den Seevölkern gehörig, die weit mehr auf Angehörige mediterraner Völker, Nordafrikaner oder Orientalen hindeuten. Trotz des ansehnlichen, breit gefächerten Katalogs von Argumenten muß also irgendetwas an seiner Germanen-These falsch sein." [17]

Auch Spanuth selbst muss im Laufe der Zeit klar geworden sein, dass sich das Szenario der 'Seevölker'-Wanderungen insgesamt nicht allein mit der Abwanderung katastrophengeschädigter Nordeuropäer aus dem skandinavisch-deutschen Großraum zu erklären ist. "Gut ein Jahrzehnt später" (1977) ist er, wie Friedrich konstatiert, "viel vorsichtiger geworden. Er hebt jetzt mehr die Völkergemeinschaft der bronzezeitlichen westeuropäischen Megalithkultur, die sich von Marokko bis Südskandinavien erstreckte, hervor, deren in den Naturkatastrophen in der Nordsee versunkenes Zentrum er bei Helgoland lokalisiert." [18]


Fortsetzung:


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe: Dr. Eric Graf Oxenstierna, "Die Nordgermanen", Stuttgart, 1957, S. 17 u. 19
  2. Siehe: H. Hoffmann, "Zur Siedlungsgeschichte der jüngeren Bronzezeit", in: Nordelbingen, Bd. 11, 1935
  3. Siehe: O. Paret, "Das neue Bild der Vorgeschichte", Stuttgart, 1948, S. 145
  4. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 287-288
  5. Quelle: Gerhard Gadow, "Der Atlantis Streit - Zur meistdiskutierten Sage des Altertums", Fischer Taschenbuch Verlag, Juli 1973, S. 82
  6. Quelle: Jürgen Spanuth, "Das enträtselte Atlantis", Stuttgart, 1953, S. 62f. (zitiert nach Gadow, op. cit., S. 83)
  7. Red. Anmerkung: Bei WIKIPEDIA heißt es dazu einschränkend: "Der Bernstein, der über die historischen Bernsteinstraßen nach Griechenland gelangte, stammte eher aus dem Gebiet des Baltikums als aus Jütland, denn die jütländische Bernsteinstraße führte in erster Linie nach Südfrankreich." (WIKIPEDIA, "Jürgen Spanuth" (Abschnitt "Kritik"), online unter http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Spanuth
  8. Siehe: Hj. Kutzleb, "Steinbeil und Hünengrab", 4. Aufl., Hamburg, 1940, S. 122
  9. Siehe: Kehnscherper, "Wanderwege der Nord- und Seevölker", I. Teil, Hamburg, 1963, S. 5
  10. Siehe: H. Berve, "Das neue Bild der Antike", Leipzig, 1942, S. 31f. --- Vl. Milojcic, "Die Dorische Wanderung im Lichte der vorgeschichtlichen Funde", in: Archäolog. Anzeiger 1948/49
  11. Siehe: Schachermeyr, "Wanderung und Ausbreitung der Indogermanen im Mittelmeergebiet", in: Festschrift für H. Hirt, Heidelberg, 1936, S. 240
  12. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1977, S. 289 u. 291
  13. Quelle: ebd., S. 292
  14. Quelle: Gerhard Gadow, "Der Atlantis Streit - Zur meistdiskutierten Sage des Altertums", Fischer Taschenbuch Verlag, Juli 1973, S. 292
  15. Quelle: Dr. Hans-Wilhelm Rathjen, "Zehn Takte Besinnung zu Atlantis", unveröffentlichtes Manuskript, Minden 2006, S. 15
  16. Quelle: ebd., S. 16
  17. Quelle: Horst Friedrich, "Velikovsky, Spanuth und die >Seevölker-Diskussion - Argumente für eine Abwanderung atlanto-europäischer spät-bronzezeitlicher Megalith-Völker gegen 700 v. Chr. in den Mittelmeerraum", 2. Auflage mit ausführlichen aktualisierenden Vorbemerkungen, (im Selbstverlag des Autors) Wöthsee, 1990, S. 17
  18. Quelle: ebd.

Bild-Quellen:

1) Gerhard Gadow, op. cit., S. 89
2) Sprockhoff, "Nordische Bronzezeit und fühes Griechentum", Mainz 1954, nach: http://www.braasch-megalith.de/Spanuth.html
3) Jürgen Spanuth, 1976, S. 290