Jürgen Spanuth und die 'Große Wanderung' (II)

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Dorer, Urnenfelder-Leute und Atlanter in Griechenland

(bb) Das Eindringen der Seevölker des Nordens in den zentralen und östlichen Mittelmeer-Raum und insbesondere die Invasion Griechenlands stellt eine wichtige Etappe der 'Großen Wanderung' dar, wie sie von Jürgen Spanuth konzipiert wurde. Dieser Feldzug war aus Spanuths Sicht, wie man bei WIKIPEDIA formuliert, von "zentraler Bedeutung für den weiteren Verlauf der europäischen Geschichte" [1], denn, wie er 1953 schrieb: "Die Orientalisierung des Südostraums, die bis zum Einbruch der Nordvölker im unaufhaltsamen Vordringen war, wurde jäh beendet und vor allem Griechenland, das für Europa bereits endgültig verloren schien, dem Orient entrissen." [2]

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Abb. 1 Die Herren von Mykene stammten von den Achäern (den ersten Griechen) ab, die Anfang des 2. Jahrtausends vor der Zeitenwende von Norden her auf die Balkanhalbinsel einwanderten und dort die mykenische Kultur begründeten. Am Ende der Bronzezeit ging sie unter. (Bild: Mykene, Blick auf das Löwentor)

Über dieses kreto-mykenische bzw. achäische Griechenland der Bronzezeit heißt es bei ihm: "In dieser Zeit blühten auf dem griechischen Festland, auf Kreta und vielen anderen Inseln im Jonischen und Ägäischen Meer viele Siedlungen zu volkreichen Städten auf, zahlreiche großartige Paläste und Burgen wurden erbaut. Im sogenannten >Schiffskatalog< im 2. Gesang der Ilias nennt Homer viele Städte, die über 1200 Schiffe mit zahlreichen Kriegern zum Kampf um Troja über das Meer sandten. Daß dieser >Schiffskatalog< die Verhältnisse Griechenlands in der Blütezeit der mykenischen Kultur um etwa 1300 v. Chr. richtig beschreibt, hat Viktor Butt in seinem interessanten Werk >Neon Katalogos< überzeugend nachgewiesen." [3]

Das Ende der mykenischen Kultur und die Umstände unter denen sie unterging, erscheinen durchaus unklar. Spanuth, der anfangs ein modifiziertes Konzept der 'Dorischen Wanderung' [4] vertrat, war zunächst davon überzeugt, das Reich von Mykene sei unter dem Ansturm der Nordleute zusammengebrochen und militärisch zerschlagen worden. So hatte er 1953 geschrieben: "Die Nord-Seevölker waren, bevor sie nach Kleinasien hinübersetzten, auf den Landweg von Norden her in Griechenland eingedrungen, hatten alle Burgen gestürmt, alle Städte verbrannt und der mykenischen Kultur ein gewaltsames, jähes Ende bereitet." [5]

Allerdings geriet die dabei zugrundeliegende Vorstellung, dass eine Invasion der 'Dorer' das Ende der kreto-mykenischen Welt verursacht habe, unter Archäologen in den folgenden Jahrzehnten mehr und mehr in Mißkredit und gilt, wie es bei bei WIKIPEDIA heißt, "heute aufgrund genauerer archäologischer Untersuchungen als überholt." [6] Dazu zitiert man dort aus der Standard-Literatur: "Archäologisch ist d(ie). W(anderung). nicht faßbar. (...) Auch für die Zerstörung der myk. Paläste um ca. 1250 v. Chr. und den Untergang des myk. Palastsystems werden in der mod(ernen). Forsch(ung). andere Faktoren als d.(ie) W.(anderung) verantwortlich gemacht." Und weiter: "Grundsätzlich ist (...) mit der Zuwanderung verschiedener dorischer Stammesgruppen in die ehemaligen Kernlandschaften der mykenischen Kultur der Peloponnes zu rechnen, deren Niederlassung zu unterschiedlichen Zeit, aber erst ca. 150-300 Jahre nach der Zerstörung der myk. Paläste erfolgte." [7]

Bei WIKIPEDIA bemerkt man zu Recht: "Spanuth trug in seinen späteren Arbeiten diesen neuen Erkenntnissen der Wissenschaft durchaus Rechnung und modifizierte seine Theorie entsprechend. Statt eines gewaltsamen Vordringens der Atlanter entwickelte er ein Katastrophenszenario, nach der die mykenische Kultur nahezu ausschließlich von derselben Reihe von Naturkatastrophen zerstört worden sei, die eben auch die Wanderung der Germanen verursacht habe. An der Identität der Dorer mit den germanischen >Seevölkern< hielt er fest." [8]

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Abb. 2 Die große Eruption des Insel-Vulkans von Thera/Santorin (Bild) kommt nicht, wie Spanuth vermutete, als Ursache für den Untergang der mykenischen Kultur in Frage: nach neueren Erkenntnissen fand sie bereits im 17. Jahrhundert v.d.Z. statt.

So hieß es dann 1965 bei Spanuth: "Die mykenische Kultur […] wurde nicht, wie immer gesagt wird (Vietta) [aber nicht von Spanuth selber?; WIKIPEDIA [9]], durch die Nordvölker vernichtet […]. Sie wurde durch die furchtbaren Naturkatastrophen, die […] mit einer Hitze- und Austrocknungszeit begannen, vor allem aber um 1220 v. Chr. durch den Ausbruch des Santorin […] vernichtet […]. Dann kehrten […] die Nordmeervölker zurück und ließen sich […] nieder." [10]

Tatsächlich kommt der Ausbruch des Vulkans von Thera (Abb. 2), wie man bei WIKIPEDIA weiter feststellt, nach neueren Erkenntnissen nicht als Ursache für das Ende Mykenes in Frage: "Die Vulkankatastrophe der minoischen Eruption von Thera (Santorini) ist inzwischen durch Radiokohlenstoffdatierung und Dendrochronologie zweifelsfrei auf das 17. vorchristliche Jahrhundert (sehr wahrscheinlich 1628 v. Chr.) datiert. Ein Zusammenhang zwischen der Thera-Eruption und dem Seevölkersturm scheidet daher aus." [11]

Allerdings widerlegt diese Feststellung keineswegs Spanuths neo-katastrophistisches Untergangs-Szenario für die Kulturen des bronzezeitlichen Griechenland, das im Grundsatz durch zahlreiche archäologische Evidenzen gestützt wird, die für diese zeit starke Erdbeben nachweisen. [12] Und auch Spanuths Bild vom Angriff nordeuropäischer Invasoren wird durch diesen Umstand kaum tangiert, wenn man genauer betrachtet, was er 1977 dazu schrieb: "Es gibt Anzeichen dafür, dass die Nordmeervölker erst n a c h der dem letzten, dem furchtbarsten Ausbruch des Santorin- Theravulkans, also n a c h 1220 v. Chr. in Makedonien und Griechenland eingedrungen sind. Denn ihre Hinterlassenschaften finden sich stets über dem Brand- und Aschenhorizont, den dieser Ausbruch hinterließ." [13]

Im übrigen rückte Spanuth, wie zu zeigen ist, keineswegs von der Annahme kriegerischer Ereignisse ab, die im spätmykenischen 'Proto-Hellas' mit dem Eindringen fremder Völkerschaften aus dem Norden verbunden waren. Dieses Szenario beschrieb er 1976 folgendermaßen: "Die Könige in den Burgen und Palästen Griechenlands hatten [...] Nachricht erhalten, welche Gefahr aus dem Norden ihnen drohte. So hatten sie Zeit, sich auf diesen drohenden Angriff vorzubereiten. Alles, was nun in Griechenland geschah, >deutet auf Wetterleuchten und Sturmes-vorboten< [14], ja >Todesangst< [15] befiel die mykenische Bevölkerung Griechenlands.

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Abb. 3 Ausschnitt der Zyklopenmauer der Burganlage von Mykene. Wie auch in Tiryns und Athen errichteten die achäischen Griechen hier in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts vor der Zeitenwende in aller Eile zusätzliche Befestigungen, um anrückenden Feinde abzuwehren. Die Dorer und 'Herakliden'?

Zahlreiche Verteidigungsanlagen wurden errichtet, unter ihnen die im Atlantisbericht beschriebene erste Mauer auf der Akropolis von Athen und die Brunnenanlage innerhalb dieser Mauer im Nordteil des Akropolisfelsens [vergl.: Spanuths 'Schlüssel zum Atlantisbericht', Abschnitt II]. In Mykene und Tiryns wurden, ähnlich wie auf der Akropolis von Athen, Mauern in der schnell zu errichtenden, >zyklopischen Bauweise< (Abb. 3), d.h. durch unbehauen übereinandergetürmte Felsbrocken, errichtet und innerhalb derselben und von außen unsichtbar Brunnenanlagen angelegt, die bei einer Belagerung die Besatzung mit Süßwasser versorgen sollten.

An der Landenge von Korinth wurde in zyklopischer Bauweise eine starke Sperrmauer erbaut. Broneer sagt über sie: >Es war der letzte Versuch, die Eindringlinge aus dem Norden abzuwehren.< [16] Diese in der primitiven >zyklopischen Bauweise< errichteten Mauern beweisen nun nicht >einen Verfall der Technik< (Palmer) gegenüber der voraufgegangenen Zeit, sondern die große Eile, in der diese Verteidigungsanlagen erstellt werden mußten.

Andere Fürsten der Achäer hofften", wie es bei Spanuth weiter hieß, "den erwarteten Feind auf See oder an der Küste abwehren und sich so die Errichtung großer Verteidigungsanlagen sparen zu können. Von ihren Plänen wissen wir aus zahlreichen Linear-B-Täfelchen, die in den Ruinen ihrer Paläste gefunden wurden. Der König von Pylos gab einer Flotteneinheit den Befehl, nach Pleuron an der Nordküste des Golfes von Korinth, etwa 30 km westlich von Naupaktos, aufzubrechen. [...] Die Flotte und der Küstenwachdienst des Königs von Pylos konnten nicht verhindern, daß die Nordmeervölker an der Küste des Peloponnes landeten. [...] Bei Tegea, heute Tripolis, stellte sich ihnen der dortige König Echemos (oder Echemenos) entgegen." [17]

Hyllos, der Heerführer der Eindringlinge - nach der Legende ein auf der 'heiligen Insel Elektris' gezeugter Sohn des Herakles und der Melite [18] -, schlug König Echemos vor, "man solle doch nicht Heer gegen Heer den Entscheidungskampf kämpfen lassen, sondern den tapfersten Mann des peloponnesischen Heeres erwählen und ihm selber zum Zweikampf auf gewisse Bedingungen entgegenstellen. Die Peloponnesier erklärten sich damit einverstanden und beschlossen folgendes Abkommen: wenn Hyllos den peloponnesischen Führer besiegte, sollten die Herakliden [= Nachkommen des Herakles] das Land erhalten, wenn er aber besiegt würde, sollten die Herakliden wieder abziehen, ihr Heer wegführen und innerhalb von hundert Jahren keinen neuen Versuch zur Wiedergewinnung der Peloponnes machen." [19]

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Abb. 4 Mit diesem quantitativen Vergleich der peloponnesischen Siedlungs-Stätten des 13. und 12. Jahrhunderts v. Chr. machte J. Spanuth deutlich, welch katastrophale Veränderungen sich während dieses Zeitraums in Griechenland ereignet haben müssen. (Daten nach V. R. d'A. Desborough, Oxford, 1964)

Nachdem Hyllos von Echemos in diesem Duell getötet worden war, zogen die Herakliden tatsächlich ab, doch pünktlich nach Ablauf der vereinbarten Frist erschienen ihre Nachkommen erneut und eroberten, wie es in den Legenden - und bei Spanuth - heißt, in diesem zweiten Anlauf die peloponnesische Halbinsel: "Das Land wurde unter die drei Urenkel des Hyllos verteilt: Temenos erhielt als Ältester Argos, Kresphontes Messenien, Aristodemus Lakonien mit der Hauptstadt Sparta. [...] Vieles spricht für die Glaubwürdigkeit dieser Überlieferung. Die archäologische Forschung auf der Peloponnes hat ergeben, daß die Nordmeer-Herakliden kurz vor 1200 v. Chr. in die Halbinsel eingedrungen, aber dann weitergezogen seien." [20]

Wie bereits 1965 (s.o.) betonte Spanuth 1976 erneut, dass der eigentliche Untergang der mykenischen Kultur nicht auf Kampfhandlungen, sondern auf kataklysmische Natur-Ereignisse zurückzuführen sei: "Es hat sich auch gezeigt, daß die Paläste und Siedlungen auf der Peloponnes nicht durch Menschenhand, sondern durch schwerste Erdbeben und gewaltige Feuersbrünste zerstört wurden. Die Teile der Bevölkerung, die diese Katastrophen überlebt hatten - von 224 Siedlungen, die aus mykenischer Zeit auf der Peloponnes bekannt sind, zeigen nur 35 eine allerdings viel schwächere Nachbesiedlung im 12. Jahrhundert v. Chr. [21] - sammelten sich um die zerstörten Paläste und versuchte[n] sie teilweise wieder aufzubauen. (Abb. 4)

Für etwa hundert Jahre strahlte von den instandgesetzten Palästen die letzte Stufe der mykenischen Kultur, die die Archäologen als >Stufe Myk. III c I< bezeichnen, aus, >dann hat sie einem erneuten Anstoß nicht mehr standhalten können. Diese zweite und endgültige Katastrophe, der auch Mykene und Tiryns erlagen, ist zwischen 1150 und 1100 v. Chr. Hereingebrochen. Sie bezeichnet das Ende der mykenischen Kultur (Fr.Matz, 1958)." [22]

Für Spanuth war klar, dass "die Nordmeervölker bei ihrem Eindringen in Griechenland" nur dort auf organisierten Widerstand stießen, "wo Teile der Bevölkerung die Katastrophen überlebt, sich wieder gesammelt und zur Abwehr entschlossen hatten. Das war vor allem in Athen der Fall. [...] Die Archäologen haben [...] festgestellt: >Die mächtigen zyklopischen Mauern (auf der Akropolis) sind erst im vorgerückten 13. Jahrhundert v. Chr. ausgebaut. Sie sollten den Bewohnern Schutz bieten, die, wie die jüngsten Ausgrabungen hier ergaben, um diese Zeit die Burghänge räumten. Die Unruhen der erst am Ende des 12. Jahrhundert ihren Abschluß findenden Großen Wanderung künden sich an.

Nach Bodenbefund, Sprache und Überlieferung wurden Athen und Attika nicht unmittelbar von ihr berührt, doch haben Kämpfe stattgefunden, und mit einer das ganze 12. Jahrhundert hindurch fortlaufenden Zuwanderung aus dem Peloponnes verdrängter vordorischer, griechischer Bevölkerungsteile ist zu rechnen.< [23] K. Schefold stellt fest: >Daß Athen von der Dorischen Wanderung nicht überflutet wurde, verdankt es der Akropolismauer, die nach den keramischen Funden in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts v. Chr. zu datieren ist.< [24] Zahlreiche andere Archäologen haben ebenfalls festgestellt, dass Athen gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. der Großen Wanderung, die man früher die >Dorische Wanderung< nannte, angegriffen wurde, daß die Bevölkerung Athens auf die Akropolis flüchtete und sich dort hinter den neu erbauten zyklopischen Mauern erfolgreich verteidigte, ihre Freiheit rettete und die feindlichen Scharen zum Abzug zwang." [25]

Spanuth hob zudem hervor, dass die Hellenen sogar noch über legendenhafte Berichte zu diesen kriegerischen Auseinandersetzungen verfügten: "Von diesem Sieg der Athener erzählt auch die Überlieferung. Es wird berichtet, daß der Anführer der Nordmeervölker = Dorier = Herakliden mit Namen Xanthos = der Blonde, den damaligen König von Athen Thymoitas, einen Abkömmling des Theseus, zum Zweikampf um den Besitz der Stadt und der Landschaft Attika aufgefordert habe. Thymoitas weigerte sich aber zu kämpfen. Da übernahm Melanthos, ein aus Pylos geflüchteter Nachkomme des Königs Nestor, den Zweikampf. Er erschlug den Xanthos und die Belagerer zogen, wie vor dem Zweikampf verabredet war, erfolglos ab. Die Athener aber hätten den feigen König abgesetzt und Melanthos mit der Königswürde belohnt." [26]

Diese Überlieferung aus den Zeiten 'Ur-Athens' scheint auch ein weiteres prägnantes Beispiel für die Berechtigung von Spanuths euhemeristischer Grundannahme, dass sich mündliche Überlieferungen aus der Bronzezeit erhalten haben, die einen starken historischen Kern aufweisen [27]. So kann Spanuth im vorliegenden Fall anführen: "...die Tatsache, daß der eigene König der Athener, Nachfahre des hochberümten Theseus, nicht als Held, sonderns als Feigling dargestellt wird, und schließlich Melanthos aus Pylos den Zweikampf gegen Xanthos besteht, spricht für eine gute Erinnerung. Die archäologische Forschung hat nachgewiesen, daß Flüchtlinge aus Pylos in Athen an die Macht kamen und dort Verfassungsänderungen durchführten, die den dortigen Königen den göttlichen Charakter nahmen. [28]

Auch die Sprache, die Kultur und die Sitten und Gebräuche, die in Athen aus mykenischer Zeit erhalten blieben, beweisen, daß Athen und Attika NICHT von den Nordmeervölkern = Dorier = Herakliden erobert werden konnte. [...] Die Athener waren stolz auf ihre unvermischt mykenische Art, sie bezeichneten sich als >Autochthone<, Eingeborene, während sie die um 1200 eingedrungenen Nordmeervölker = Dorier als >Zugereiste< bezeichneten (Herodot I,56)." [29]

Wir stellen fest, dass Jürgen Spanuth überzeugend nachweisen kann, dass Athen und ganz Attika im 13. und 12. Jahrhundert v.d.Z. NICHT unter die Herrschaft von Völkerscharen aus dem Raum des nordatlantischen Europa kamen. Aber wie sieht es mit seinen Argumenten dafür aus, dass im Rahmen der Völkerwanderungen dieser Zeit proto-germanische "Nord-Seevölker" nach Griechenland hinein vorstießen und dort größere Landesteile unter ihre Herrschaft brachten? Ist seine Gleichsetzung von "Nordmeervölkern = Dorier = Herakliden" wirklich tragfähig?

Bei WIKIPEDIA hält man dem z.B. linguistische Argumente entgegen: "So gibt es keine sprachlichen Hinweis auf nur eine nennenswerte germanische Präsenz in Griechenland (Lehnwörter usw.). Der dorische Dialekt der altgriechischen Sprache gehört >zur Gruppe der griech. Dialekte, die sich nach der Einwanderung von indoeurop. Stämmen um 2000 v. Chr. in Griechenland ausgebildet hatten, und stellt keine nachmyk. Entwicklung dar< (Neuer Pauly, ebd.), er wäre kein lediglich mit der Zeit graecisiertes >Germanisch< (Vorprotogermanisch) von 1250 v. Chr., oder auch nur ein von Germanen entsprechend gebrochen gesprochenes Griechisch (mit entsprechendem Akzent, durch das Atlantisch/Germanische beeinflusste Grammatik, Aussprache usw.)." [30]

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Abb. 5 Funde aus der Katastrophen- bzw. Endzeit der mykenischen Kultur um 1200 v.Chr. (nach Milojcic): 1 Mouliana (Kreta); 2 Metaxata Kephallenia; 3 Diktäische Grotte; 4 Mykene; 5 Delphi; 6 Olympia; 7 Diakata Kephallenia; 8 Jalysos; 9 Diktäische Grotte.

Und auch bei "Vor- und Frühgeschichte Griechenlands" heißt es über die "letzten und für die weitere Entwicklung besonders wichtigen Wanderungsschübe" im end- und post-bronzezeitlichen Griechenland, (zwischen 1200 und 1000 v. Chr.) stattfanden und "mit der Einwanderung indogermanischer Stämme von Nordwesten her (Ägäische Wanderung)" in Zusammenhang standen: "Die in mehreren Schüben [vergl. Anmerkung 4; d. Red.] eindringenden griechisch-sprachigen Stämme brachten ihre jeweiligen Dialekte mit, was eine Zersplitterung der griechischen Sprache zur Folge hatte. Die sprachliche Unterscheidung der verschiedenen Dialekte decken sich mit den historischen Vorgängen". [31] Die Dorer, Illyrer, Ionier usw. sprachen also offenbar altgriechische Dialekte ohne merkliche Transfusionen aus dem proto-germanischen Sprachraum, und können somit kaum zu den vermuteten "Nordsee-Völkern" gehört haben.

Spanuth dagegen kann sich auf das Zeugnis des reichen archäologischen Fundgutes aus dieser Periode und auf die vergleichenden Studien Prof. Sprockhoffs berufen. Sprockhoff hatte 1954 [32] auf die Präsenz von Kämpfern auf dem Peloponnes und in der Ägäis hingewiesen, welche mit dem 'Germanischen Griffzungenschwert' und anderen Gegenständen (Abb. 5) versehen waren, die eindeutig dem 'nord-indoeuropäischen' Kulturraum zuordnen sind und exakt mit Fundmaterial aus Dänemark und Norddeutschland übereinstimmen [33].

Das gleiche scheint für Italien zu gelten, das auf einer zweiten, von Spanuth rekonstruierten Marschroute der Nordmeer-Völker gen Süden lag: "Auch dieser Wanderweg der Nordmeervölker ist durch zahlreiche Funde von Waffen und sonstigem Gerät, von Hügelgräbern und Urnenfeldern gekennzeichnet. Die Archäologen sprechen von einer >Schicht der Neubildungen< oder von einer >Typenfront<, die uns helfen, >die Auswirkungen der Großen Wanderung auf der Apenninhalbinsel in ihren Einzelphasen zu erfassen.< [34] [...]

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Abb. 6 In Italien gefundene Dreiecks-Dolche aus der Bronzezeit. (Bild: WIKIPEDIA)

Die >Schicht der Neubildungen< verrät ein einheitliches Gepräge von Oberitalien bis Süditalien, sie ist auf Sizilien, Malta, Sardinien und auf den Balearen durch zahlreiche Funde nachgewiesen. Unter den Waffen treten vor allem immer wieder Griffzungenschwerter und -dolche hervor, aber auch Rasiermesser, Violinbogenfibeln, Schaftlappenbeile, Sicheln usw. usw. finden sich jetzt als Neuerscheinungen in Italien und auf den oben genannten Inseln. Streitwagen und Reiterkrieger, beide in Italien vorher unbekannt, erscheinen im Zuge der Großen Wanderung, ebenso auch die Sitte der Leichenverbrennung und die Anlage großer Ur-nenfriedhöfe. Daneben haben die Träger der großen Wanderung in Italien auch große Grabhügel errichtet, wie das ja auch in den anderen Gebieten, die durch die Große Wanderung erfasst wurden, der Fall ist." [35]

Wenn wir sowohl den altphilologischen als auch den achäologischen Befund in Rechnung stellen, ergibt sich nur scheinbar - und bei Spanuths strikter Gleichsetzung von "Nordsee-Völkern = Dorern = Herakliden" - ein Widerspruch. Die archäologischen Daten besagen unzweideutig, dass im westlichen Mittelmeer, auf dem Peloponnes und in der Ägäis seit dem späten 13. Jahrhundert v.d.Z. Völker operierten, die alle mit den charakteristischen Waffen der Nord-Indoeuropäer ausgerüstet waren und mehr oder weniger deutlich der sogenannten 'Urnenfelder-Bewegung' zuzurechnen sind.

Der altphilologische Befund, den WIKIPEDIA uns präsentiert, besagt, wenn wir ihm vertrauen dürfen, letzlich, dass es offenbar nicht zu einer kulturellen Amalgamierung großerer Bevölkerungsteile der Achäer ('mediterranisierte' Indoeuropäer, deren Vorfahren bereits um 2000 v.d.Z. nach Griechenland eingewandert waren) und 'Herakliden' (Nordwest-Indoeuropäer und Teil der 'Urnnenfelder'-Bewegung) kam und dass sich dort, wo letztere auf dem Peloponnes die Herrschaft übernahmen, keine ethno-linguistischen Superstrate [36] bildeten. Die 'dorischen' oder 'heraklidischen' Herrscherhäuser (wie etwa Sparta) könnten sich schnell an die proto-hellenischen Verhältnisse assimiliert haben. Die Schrecken und Nöte des 'Dunklen Zeitalters' mögen dann das ihrige dazu beigetragen haben, dass sie keine bleibenden kulturellen Spuren hinterließen.

Immerhin kann Spanuth auf mythologischer Ebene eine ganze Reihe solcher Spuren und Eindrücke als Indizien dafür ins Feld führen, dass es tatsächlich auch Invasionsversuche ('proto-') 'germanischer' Scharen in Griechenland gegeben hat. So bemerkt er etwa zu den oben geschilderten Zweikämpfen zwischen Hyllos und Echemos sowie zwischen Xanthos und Thymoitas: "Diese Überlieferung hat manches für sich, es wird nämlich wiederholt überliefert, daß die Nordmeervölker den Zweikampf um den Besitz eines Landes vorschlugen [...] Diese Sitte, den Besitz eines Landes durch einen Zweikampf entscheiden zu lassen, kennen wir nur von den Germanen und sonst von keinem anderen Volk." [37]

Wenn wir zudem annehmen, dass 'Herakliden'/'Nordseevölker' und 'Dorer' NICHT zwangsläufig identisch gewesen sein müssen, so eröffnet sich uns ein differenzierteres Bild auf die Große Wanderung und ihre Akteure. Was, wenn nicht alle, die zu dieser Zeit mit Bronze-Schwertern und anderem nordischen Material ausgerüstet waren - oder besser: aufgerüstet wurden -, zu den nördlichen Atlantikern gehörten, die bei den mediterranen Ereignissen des 13. und 12. Jahrhunderts gehörig 'mitmischten'? Klar erscheint, dass mit dem Einsetzen der Urnenfelder-Bewegung auch die alten Strukturen, die sich während des zweiten Jahrtausends v.d.Z. - mithin während der 'hohen' und 'späten' Bronzezeit - im Mittelmeer-Raum entwickelt hatten (z.B. die mykenische Kultur), ins Wanken gerieten und zusammenbrachen.


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: WIKIPEDIA, die freie Enzyklopädie, "Jürgen Spanuth" (Abschnitt: "Der Griechenlandfeldzug der Atlanter"), 27. März 2007 um 15:11 Uhr, online unter http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Spanuth
  2. Quelle: J. Spanuth, "Das enträtselte Atlantis", Stuttgart, 1953, S. 215; zit. nach WIKIPEDIA, op. cit.
  3. Quelle: J. Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 95
  4. Anmerkung: DORISCHE WANDERUNG = Über die indoeuropäischen Wanderungs-Bewegungen in und um Griechenland heißt es aus schulwissenschaftlicher Sicht und vor einem linguistischen Forschungs-Hintergrund bei 'Vor- und Frühgeschichte Griechenlands': "Generell ist das 2. Jahrtausend durch eine große Nord-Südwanderung gekennzeichnet.. Am Anfang des Jahrtausends wanderten die Achäer (die ersten Griechen) von Norden her auf die Balkanhalbinsel ein und begründeten dort die mykenische Kultur. Die Achaier oder Achäer waren ein vor- bzw. frühgriechischer Volksstamm. Ursprünglich lebten sie in Thessalien. Durch die Dorische Wanderung wurden sie in die nach ihnen benannte Landschaft Achaia im Nordwesten der Peleponnes verdrängt. In Homers Epen steht die Bezeichnung neben Danaer für die Griechen insgesamt. [...]

    Die letzten und für die weitere Entwicklung besonders wichtigen Wanderungsschübe setzen gegen Ende des 2. Jahrtausends (1200-1000 v.Chr.) mit der Einwanderung indogermanischer Stämme von Nordwesten her ein (Ägäische Wanderung).Die in mehreren Schüben eindringenden griechisch-sprachigen Stämme brachten ihre jeweiligen Dialekte mit, was eine Zersplitterung der griechischen Sprache zur Folge hatte. Die sprachliche Unterscheidung der verschiedenen Dialekte decken sich mit den historischen Vorgängen:

    • Illyrische Wanderung (ca. 1200 v.Chr.
    • Äolische Wanderung (ca. 1200-1000)
    • Dorische Wanderung (ca. 1200-1000)
    • Ionische Wanderung (ca. 1100-800)

    Sie lösten weitere Wanderungen der ihnen ausweichenden Stämme in andere Gebiete Europas, Asiens und Afrikas aus, die weitreichende weltgeschichtliche Folgen hatten:

    • Illyrer auf die Balkaninsel. Sie waren einer der Auslöser der Dorischen Wanderung und führten zur Zerstörung der achaiischen (mykenischen) Palastkultur
    • Phryger nach Kleinasien, was zum Ende des Hethiterreiches führte
    • Philister nach Palästina
    • Seevölker nach Ägypten"

    (Quelle: Vor- und Frühgeschichte Griechenlands, 4. Völkerwanderungen, online unter http://www.weikopf.de/Sprache/Indoeuropaisch/Griechisch/Griechisch1/griechisch1.html)
  5. Quelle: J. Spanuth, "Das enträtselte Atlantis", Stuttgart, 1953, S.49; zit. nach WIKIPEDIA, op. cit.
  6. Quelle: WIKIPEDIA, die freie Enzyklopädie, "Jürgen Spanuth" (Abschnitt: "Der Griechenlandfeldzug der Atlanter"), 27. März 2007 um 15:11 Uhr, online unter http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Spanuth
  7. Quelle: 'Neuer Pauly', Artikel "Dorer / Dorische Wanderung", zit. nach: WIKIPEDIA, op. cit.
  8. Quelle: WIKIPEDIA, op. cit. (Abschnitt: "Der Griechenlandfeldzug der Atlanter")
  9. Anmerkung: Der Verfasser teilt durchaus die Meinung des WIKIPEDIA-Autors, dass J. Spanuth nicht gerade zu denjenigen Forschern gehörte, die Fehler in ihrer Arbeit quasi 'ohne mit der Wimper zu zucken' eingestehen, wenn sie diese erkennen.
  10. Quelle: J. Spanuth, "Atlantis: Heimat, Reich und Schicksal der Germanen", Tübingen, 1965, S. 517
  11. Quelle: WIKIPEDIA, op. cit., Abschnitt: "Kritik"
  12. Siehe: B. Beier, "Spanuths 'Schlüssel zum Atlantisbericht'", Abschnitt: 'Ur-Athen' und Spanuths Revision der Platonischen Datierungen'
  13. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 292
  14. Siehe: Fr. Schachermeyr, "Wanderung und Ausbreitung der Indogermanen im Mittelmeergebiet", in: Festschrift für H. Hirt, Heidelberg 1936, S. 244
  15. Siehe: L.R. Palmer, "Mycenaeans and Minoans", New York, 1962, S. 154
  16. Siehe: O. Broneer, "What happened at Athens", in: American Journal of Archaeology (A.J.A), 1948, S. 111-114
  17. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 292-294
  18. Siehe: Apollonius von Rhodos (um 265 v. Chr.), Argonautika, IV, Übers. von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden, 1947, S. 538f.
  19. Quelle: Herodot (485-425 v. Chr.), "Historien" IX, Übers. von A. Horneffer, Stuttgart, 1955, S. 26 (zit. nach J. Spanuth, 1976, S. 295)
  20. Siehe: Fr. Matz, "Die Katastrophe der mykenischen Kultur im Lichte der neuesten Forschungen", in: Vorträge auf dem archäolog. Kongress in Neapel, 1958
  21. Siehe: V.R. Desborough, "The Greek Dark Ages", London, 1972, S. 19ff.
  22. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 296
  23. Siehe: K. Kübler, "Kerameikos, Ergebnisse der Ausgrabungen der Frühzeit", in: H. Berve, "Das neue Bild der Antike", Bd. 1, Leipzig, 1942, S. 190
  24. Siehe: K. Schefold, "Orient, Hellas und Rom in der archäol. Forschung seit 1939", Bern, 1949, S. 61
  25. Quelle: J. Spanuth, op. cit. (1976), S. 298-299
  26. Quelle: ebd., S. 299
  27. Anmerkung: Vergl. dazu auch: B. Beier, "Das 'Goldene Zeitalter' der Bronzezeit und sein kataklysmisches Ende - J. Spanuth, das Phaethon-Problem, Surt und der Fimbul-Winter; dort insbesondere Anmerkung Nr. 19
  28. Siehe: T.B.L. Webster, "Von Mykene bis Homer", München u. Wien, 1960, S. 192
  29. Quelle: J. Spanuth, op. cit. (1977), S. 300
  30. Wikipedia, Stichwort: Jürgen Spanuth (Stand: 27. März 2007)
  31. Quelle: Vor- und Frühgeschichte Griechenlands, 4. Völkerwanderungen, vormals online unter: http://www.weikopf.de/Sprache/Indoeuropaisch/Griechisch/Griechisch1/griechisch1.html
  32. Siehe: F. Sprockhoff, "Nordische Bronzezeit und fühes Griechentum", Mainz, 1954
  33. Anmerkung: Vergleiche dazu B. Beier, "Jürgen Spanuth und die 'Große Wanderung' - Von der Nordsee ans Mittelmeer - Ein 'Protogermanen'-Sturm über Mittel- und Südeuropa?"; sowie dort insbesondere Abb. 2 mit Sprockhoffs Abbildungen der nordeuropäischen Vergleichsfunde.
  34. Siehe: J. Wiesner, "Italien und die Große Wanderung", in: Die Welt als Geschichte, Jg. 8, 1942, S. 202
  35. Quelle: J. Spanuth, op. cit. (1977), S. 304-306
  36. Anmerkung: SUPERSTRAT = Sprachwissenschaftl.: "Sprache, Sprachgut eines Eroberervolkes im Hinblick auf den Niederschlag, den sie in der Sprache der Besiegten gefunden hat." (DUDEN, Fremdwörterbuch, 1982, S. 738). Im Diffusionismus: "Ethno-linguistische Überlagerung, einem andersartigen Substrat überlagert." (Def. nach Friedrich, 1995)
  37. Quelle: J. Spanuth, op. cit. (1976), S. 299-300


Bild-Quellen

(1) Bild-Quelle unbekannt

(2) http://wiki27.parsimony.net/wiki66690/bilder/vulkane/santorin-luftbild.jpg

(3) http://www.burgenseite.com/MWK/other/mykene_mwk_3.jpg

(4) Bildarchiv Atlantisforschung.de

(5) Sprockhoff, "Nordische Bronzezeit und fühes Griechentum", Mainz 1954, nach: http://www.braasch-megalith.de/Spanuth.html

(6) http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Italian_daggers_(Bronze_Age).png