Luis Thayer Ojeda´s euhemeristische Rekonstruktion des antediluvialen Mittelmeer-Raums

Aus Atlantisforschung.de
Wechseln zu:Navigation, Suche

von Colonel Alexander Braghine (1940)

Abb. 1 Ähnlich wie L.T. Ojeda (dessen Karte uns leider nicht vorliegt) hat auch der maltesische Atlantologe Joseph S. Ellul vor einigen Jahren eine kartographische Abbildung des hypothetischen prädiluvialen Mittelmeerraums erstellt, welche wir hier wiedergeben.

Als ich in Valparaiso (Chile) war, hatte ich die Gelegenheit, den chilenischen Archäologen Luis Thayer Ojeda zu treffen. L.T. Ojeda, ein höchst interessanter Mann und unabhängiger Geist [...], hat lange zur Toponymie des Mittelmeer-Raumes gearbeitet, wobei er den Ursprung zahlreicher historischer und geographischer Begriffe untersucht hat. Daneben hat L.T. Ojeda auch den Ursprung biblischer und mythischer Namen untersucht. Diese Arbeit erfordert große Geduld und eine profunde Kenntniss alter und moderner Sprachen sowie ihrer Philologie. [...]

Beim Vergleich der Mythen zahlreicher mediterraner Nationen stieß der chilenische Wissenschaftler auf viele wichtige Analogien und kam zu dem Ergebnis, dass die klassische Mythologie nichts anderes als die poetisierte Geschichte jener Nationen darstellt, die die im Tal des [heutigen] Mittelmeers lebten, bevor es von den Wassern des [atlantisch|Atlantischen] Ozeans überflutet wurde. Die Mythen über die Götter und Helden der Griechen und Ägypter sowie die biblischen Überlieferungen im Buch Genesis sind, Ojeda zufolge, nichts anderes als kurzgefasste Historien bezüglich verschiedener prähistorischer Stämme. [Vergl.: Stichwort: Euhemerismus; d. Red.] Die Majorität der Namen der diversen Götter, Heroen, Könige und Patriarchen repräsentiert die Namen ihrer Stämme, und die Namen der Königinnen, Göttinnen etc. - die Namen prähistorischer Staaten, Länder und Provinzen.

Die mythische Sprache ist stark symbolisch geprägt: wenn die Legende etwa besagt, dass der König Amphitryon die schöne Alkmene heiratete, bedeutet dies höchstwahrscheinlich, dass der Stamm der 'Amphitryonen' ein Land namens Alkmene eroberte, das von hervorragender Fruchtbarkeit oder von großem Reichtum war. Wenn uns die Genesis davon kündet, dass Israel zwölf Söhne besaß, bedeutet dies, dass sich die hebräische Nation aus zwölf Stämmen, oder Clans, zusammensetzte.

Der Name eines Anführers, oder des Begründers einer Nation, ist kollektiver Natur und bezieht sich auf die gesamte Nation: daher besagt etwa die Feststellung im Buch Genesis, "Abraham emigrierte in die Stadt Sigor", dass die Ibri-Nation (die Juden) ihr Lager nach Sigor verlegten, usw. Das Lebens-Alter eines Patriarchen steht für nichts anderes als die Periode der unabhängigen Existenz des betreffenden Stammes: wenn das Buch Genesis z.B. erklärt, dass Methusalem 969 Jahre lebte, so bedeutet dies, dass der Stamm Methusalem nach fast tausend Jahren vergleichsweise prosperierender Existenz von irgendeinem Eroberer unterworfen oder zerstört wurde.

Luis Thayer Ojeda glaubt, dass viele europäische Stämme, von denen man bisher annahm, sie seien von Asien nach Europa gekommen, ganz im Gegenteil aus bestimmten westlichen Ländern stammten. Nach und nach besiedelten sie die Regionen Europas, Westasiens und Nordafrikas und gaben diesen Regionen die Namen ihrer weit entfernten Ursprungsländer auf Atlantis, oder in Amerika. Daher schlägt der Wissenschaftler aus Chile vor, dass viele geographische und historische Begriffe im Mittelmeer-Raum aus westlichen Ländern stammen. Jene Emigranten, die nach der Atlantis-Katastrophe nach Europa kamen, gaben ihren neuen Wohnstätten die Namen der alten. Diese Sitte gibt es auch heute noch: So sehen wir, dass die [modernen] europäischen Auswanderer die Namen ihrer alten europäischen Städte und Provinzen auf amerikanische übertragen haben, also etwa Neuspanien, Neukastilien, Neugranada, New England, New York, New Brunswick, New Orleans usw.

Abb. 2 Nach L.T. Ojeda stellen die mythischen Überlieferungen der Antike Reminiszenzen an die Welt vor der rezenten Flutung des Mittelmeer-Beckens dar. (Bild: "The Course of Empire: Destruction" von Thomas Cole, 1836)

Vermittels äußerst sorgfältiger philologischer Analyse hat Ojeda die Existenz eines Ägypten, eines Libyen, eines Äthiopien, eines Persien, eines Indien etc. im mediterranen Becken vor der Überflutung nachgewiesen. Später, nachdem sie alle verschwunden waren, wurden diese Namen von den bekannten Ländern Ägypten, Libyen, Äthiopien, Persien, Indien etc. geerbt. Im Verlauf seiner Entdeckungen hat Ojeda eine hypothetische Karte des mediterranen Beckens vor dem Bruch des Isthmus erarbeitet. Es ist eine hoch interessante Arbeit, und ich gebe im folgenden einige der Details daraus wieder.

Beispielsweise zeigt sie zwischen den heutigen Balearen, Korsika und der südfranzösischen Küste einen großen See. Dieses Gewässer wurde 'Tritonis-See' genannt und sein südlicher Rand reichte bis an die [heutige] afrikanische Küste. Vor einigen Jahren hat der deutsche Archäologe, Dr. A. Herrmann, im Schott el Dscherid in Tunesien Spuren des Tritonis-Sees entdeckt. Sizilien war ein Ausläufer der Apenninen-Halbinsel, und durch eine breite Landzunge mit Afrika verbunden. Inmitten dieses Landstreifens existierte auch ein See mit Namen 'Charon-See'. Die Balkan-Halbinsel, Morea und die Inseln Zypern und Kreta waren mit Kleinasien verbunden, und an der Stelle des heutigen Archipels befand sich ein flaches Sumpfland, welches in seinem östlichen Teil leicht hügelig war.

All die toponymischen Vermutungen von L.T. Ojeda sind mehr oder weniger plausibel, und einige von ihnen wurden durch direkte Untersuchungen und Echolotungen im Mittelmeer bestätigt. Dies gilt auch für die Mutmaßung des chilenischen Gelehrten bezüglich des unterirdischen Königreichs des Pluto, den Tartarus. Die griechischen Überlieferungen berichten uns, dass es in diesem düsteren Königreich drei, parallel verlaufende, infernalische Flüsse gab, die jedoch folgende Besonderheit aufwiesen: der Strom in der Mitte floss in entgegen- gesetzter Richtung wie die beiden anderen.

Nach Meinung der Wissenschaftler handelt es sich bei der Tartarus-Region um das heutige Gebiet des Vulkans Ätna auf Sizilien, doch Ojeda erweitert dieses Gebiet um das weitere Umland des Ätna, das zur Zeit der mittelmeerischen Katastrophe unterging. Der chilenische Forscher macht geltend, dass sich die drei infernalischen Flüsse sich irgendwo in dem nun überfluteten Gebiet befinden müsste. Jüngste hydrographische Echolotungen bestätigten auf´s Schönste die griechische Legende und Ojedas Hypothese: nahe dem Ätna wurden am Meeresgrund drei parallele und ausgedehnte Vertiefungen entdeckt, deren mittlere eine den anderen entgegengesetzte Neigung aufweist.

Der breite Land-Streifen, welcher Sizilien mit Afrika verband und Charon genannt wurde, wurde von einem Stamm selbigen Namens bewohnt: seit der Überflutung des Beckens und jenes Landes wurde der Name 'Charon' dann für den höllischen Fährmann benutzt, der die Seelen der Verstorbenen in seinem Boot in den Tartarus, d.h. nach Sizilien, transportierte.

Ich empfehle jedem Mythologie-Studenten L.T. Ojedas Bücher: La Geografia Premediterranea, Valparaiso, 1927, sowie Ensaio de Cronologia Mitologica, Valparaiso 1928. Unglücklicher Weise sind diese beiden Schriften bisher nicht ins Englische übersetzt worden, doch das Werk dieses chilenischen Wissenschaftlers verdient nähere Aufmerksamkeit.

Ich hatte Gelegenheit, in Madrid mit Professor Obermeyer, dem wohlbekannten Fachmann für prähistorische Archäologie, über Ojedas Hypothese zu sprechen. Der Wissenschaftler kann damit nicht konform gehen, da, ihm zufolge, im mediterranen Becken versteinerte Muscheln aus der pliozänen Epoche gefunden wurden, was eine Existenz des Mittelmeers vor Millionen von Jahren belege. Ich denke nicht, dass dieses Argument von Professor Obermeyer Ojedas Hypothese widerlegt, da sich zwischen dem Pliozän und der gegenwärtigen geologischen Epoche viele Transformationen der See und des Festlands ereignet haben, deren Zeuge die alte Bevölkerung Europas wurde. [...] Die alten Reiche und großen prähistorischen Städte ruhen jetzt unter den türkisfarbenen Wellen des Mittelmeers, doch womöglich werden sie, bedingt durch neue seismische Konvulsionen der Erdkruste, wieder aus den Wassern aufsteigen.


Anmerkungen und Quellen

Shadow.jpg

Dieser Beitrag von Alexander Braghine wurde seinem, erstmalig 1940 publizierten, Buch "The Shadow of Atlantis" entnommen (S. 144-147), das 1997 in der Reihe THE ATLANTIS REPRINT SERIES bei ADVENTURES UNLIMITED PRESS, Kempton, Illinois (USA) erschienen ist. Übersetzung ins Deutsche und redaktionelle Bearbeitung durch Atlantisforschung.de


Bild-Quellen:

(1) Joseph S. Ellul, Die Steinzeittempel Maltas und ihre vorsintflutliche Kultur

(2) Atlantean Themes