Pygmäen (Teil 3)

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Eine historisch-kryptoanthropologische Betrachtung (Fortsetzung)

Die Pygmäendebatte ab dem Beginn der Neuzeit

Abb. 1 Links: Der Polyhistor Sebastian Münster (1488-1552); rechts: Das Titelblatt der Erstausgabe seiner Cosmographia aus dem Jahr 1544

(bb) Mit dem Anbruch der Neuzeit und dem Aufkommen des Humanismus ebbt die Diskussion um den Charakter der Pygmäen keineswegs ab, ohne zunächst wesentliche neue Argumente zu liefern. In gewisser Weise manifestiert sich nun, mit dem Ende der starren Scholastik und einer wachsenden Freiheit des Geistes, sogar eine gewisse 'innere Zerrissenheit' der Gelehrten, was den Gegenstand dieser Debatte betrifft. Beispielhaft dafür ist der Kosmograph und Humanist Sebastian Münster (Abb. 1) (1488-1552), der sich in seinem anno 1544 erschienenen Hauptwerk "Cosmographia", einer mit historischen und geographischen Anmerkungen versehenen Beschreibung der Welt, auch mit den Pygmäen und anderen, weitaus skurrileren Wesenheiten befasste, über welche die antiken Autoren berichtet hatten.

Der Historiker Michael Schnell fasst Münsters Aussagen folgendermaßen zusammmen: "Im 5. Buch (ab Seite 751, Ausgabe Basel 1545) beschreibt er Indien. Er geht zunächst auf die antiken Erzählungen (u.a. Plinius) von kopflosen Menschen, Menschen mit nur einem Fuß, mit Ohren, die bis zum Boden reichen, ein. Über die Pygmäen schreibt er, dass sie (nach den alten Berichten) nicht länger als >drey spannen< seien und im Krieg gegen Vögel (Kraniche) auf Widdern und Geißböcken ritten (s.o.). Im Folgenden zweifelt Münster diese Geschichten an, verwirft sie aber nicht komplett: >Nun die vergemelten und vil dergleichen monstra oder wunder sezten die alten in de Land India / ist aber keiner hie außen ie erfunden worden der diser wunder eins gesehen hab.< (S. 753) Aber trotzdem könne es sein, dass Gott in jedem Land solche Wunderwerke geschaffen habe, um seine Macht und Weisheit zu zeigen." [1]

Abb. 2 Hier das Titelblatt der Pseudodoxia Epidemica von 1646, in der Thomas Browne u.a. mit dem Irrtum aufräumte, in der Bibel sei von Pygmäen die Rede

Die Frage, ob die Pygmäen als Nachfahren Adams Teil des in der Bibel beschriebenen göttlichen Schöpfungsaktes sind, spielt in der frühen Neuzeit noch eine gewisse Rolle. "Anfang des 16. Jahrhunderts meint auch Paracelsus, dass diese Wesen nicht von Adam abstammen, und hält sie für besondere Kreaturen - weder Mensch noch Tier. Auf jeden Fall besitzen sie keine Seele." [2] Athanasius Kircher (1602–1680), hielt sie, wie einige seiner Zeitgenossen, sogar für Dämonen. Derartige Fragen verlagerten sich nach der 'Entdeckung' Amerikas weg von physisch nicht wahrnehmbaren Wesenheiten, wie Pygmäen, Zyklopen oder Satyren, hin zu den nun weitaus greifbareren - und leider auch angreifbaren - Bewohnern der so genannten 'Neuen Welt', den Indianern. Deren Status im göttlichen Schöpfungsplan war aus Sicht des Klerus und der weltlichen Eliten Europas von weitaus größerem Interesse [3] als jener der in gewisser Weise überflüssig gewordenen Wesenheiten aus den Schriften der Antike.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begannen jedenfalls immer mehr Gelehrte die Existenz der Pygmäen grundsätzlich zu bestreiten. Dies mag u.a. damit zu tun gehabt haben, dass solcher Zweifel nicht mehr unbedingt als Infragestellen der 'Heiligen Schrift' betrachtet werden konnte. Immerhin hatte der britische Philosoph Thomas Browne 1646 in seiner viel gelesenen Abhandlung Pseudodoxia Epidemica (Abb. 2) deutlich gemacht, dass die Verwendung des Begriffs 'Pygmäen' in der lateinischen Bibel auf einem Übersetzungsfehler beruhte.

Einige Kritiker der Pygmäen-Überlieferungen argumentierten nun auch naturwissenschaftlich: "Ein weiterer Gelehrter, der nachdrücklich gegen die Pygmäenlegende auftrat, war Ulisse Aldrovandi (1522−1605). Er befasste sich eingehend mit der Frage, wobei er als Zoologe besonders an der Geschichte vom Kampf gegen die Kraniche Anstoß nahm." [4] 1557 vertrat der Arzt, Mathematiker und Philosoph Gerolamo Cardano in seinem Werk De rerum varietate die Ansicht, die Ursache für die Entstehung der Pygmäen-Legende sei in fehlinterpretierten Tierbeobachtungen zu suchen. Zudem kam ihm "vor allem die den Pygmäen unterstellte sehr kurze Lebensdauer unstimmig vor. Er argumentierte, bei einer so kurzen Lebenszeit müsse gemäß einer biologischen Gesetzmäßigkeit die Schwangerschaft entsprechend kurz sein; eine so schnelle Heranbildung eines menschlichen Körpers sei aber wegen dessen Komplexität ausgeschlossen." [5] Cardano irrte hier allerdings gewaltig. Heute sind die Zusammenhänge zwischen Umwelt, Kleinwüchsigkeit, früher Geschlechtsreife und Zeugungs- bzw. Gebärfähigkeit sowie niedriger Lebenserwartung der Pygmäen bekannt [6], und was der Medicus im 16. Jahrhundert als Argument gegen die Authentizität der alten Berichte über die 'Kleinen Leute' ins Feld führte, legt bei Licht besehen eher nahe, dass altertümliche Aussagen zu den Pygmäen zumindest noch einzelne authentische Informationen über die afrikanischen 'Kleinen Leute' enthielten - und nicht 'von A bis Z' erfunden oder das Ergebnis fehlinterpretierter Beobachtungen waren.

Abb. 3 Julius Caesar Scaliger (1484–1558) hielt die Welt für erforscht - und Pygmäen für Fabelwesen.

Auch der große italienische Naturforscher und Poet Julius Caesar Scaliger (Abb. 3) (1484–1558) hielt die Pygmäen für Fabelwesen, was er mit der mehr als gewagten und überaus amüsanten Behauptung begründete, die Erde sei nun erforscht, aber auf Pygmäen sei man nirgendwo gestoßen; ein dem des Strabon ähnelndes 'Argument', das, wie der Wikipedia zu entnehmen ist, in der Folgezeit "viel Anklang" fand. Zudem heißt es dort: "Ein weiterer Gelehrter, der nachdrücklich gegen die Pygmäenlegende auftrat, war Ulisse Aldrovandi (1522−1605). Er befasste sich eingehend mit der Frage, wobei er als Zoologe besonders an der Geschichte vom Kampf gegen die Kraniche Anstoß nahm. [...] 1699 veröffentlichte der englische Arzt und Zoologe Edward Tyson die Abhandlung Orang-Outang, sive Homo Sylvestris: or, The Anatomy of a Pygmie Compared with that of a Monkey, an Ape, and a Man, worin er die Pygmäen mit Schimpansen identifizierte; er betonte die anatomische Nähe des Schimpansen zum Menschen." [7]

Während der Epoche der Aufklärung (in etwa ab der ersten Hälte des 18. Jahrhunderts) und bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein setzte sich schließlich die scheinbar 'vernünftige' Ansicht durch, die Pygmäen - analog zu den Zwergen und Riesen des europäischen Sagenschatzes - als Fabelwesen zu betrachten. Dies führte zu bisweilen geradezu aberwitzigen Erklärungsversuchen. So bemerkte etwa der Archäologe und Philologe Adolf Schöll 1829 zur akademischen Betrachtung der Pygmäen zu seiner Zeit: "Gelehrte Mythologen haben in ihnen die Symbole der sechszehn Ellen des Nilanwuchses gesehen, die zu Memphis gestanden haben mochten; so daß die Kraniche, weil sie zu der Zeit in Ägypten eintrafen, wenn der Nil fiel, in diesem Sinne ihnen den Tod brachten." [8] Einen Zusammenhang zwischen nun immer öfter eintreffenden Nachrichten über tatsächlich existierende kleinwüchsige Völker in Afrika [9] und den sagenhaften Berichten des Altertums herzustellen, waren die Gelehrten dieser Zeit, die sich in gedankliche Kapriolen zur Erklärung der antiken Pygmäen-Legenden verstrickten, zumeist nicht in der Lage. [10] Paradoxerweise wurden die neu entdeckten 'Zwergvölker' trotzdem bald ebenfalls als Pygmäen bezeichnet.

Zusammenfassung:

Vom Beginn der Neuzeit an bis ins frühe 19. Jahhundert hinein vollzog sich ein grundlegender Wandel in der Betrachtung der antiken Überlieferungen zu den Pygmäen. Hatten anfangs noch - wie im Mittelalter - theologische Fragen zur Natur dieser Wesen eine Rolle gespielt, deren Existenz zumeist nicht bestritten wurde, galten sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als reine Fabelwesen wobei die angeführten Gründe für diese Ansicht bisweilen alles andere als valide waren. Obwohl die fortschteitende Erforschung Afrikas bereits damals damals erste deutliche Hinweise auf die dortige Existenz zwergenhafter Völker erbrachte, stellten die Gelehrten keine Verbindung zwischen den Aussagen der Klassiker und diesen neuen Erkenntnissen her.





Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Michael Schnell, "Kleine Geschichten aus der Frühen Neuzeit: Zwerge, Pygmäen, Erdmännlein (Teil 1: Die Pygmäen)", 3. Aug. 2015, bei: WebHistoriker - Ein Portal zur Geschichte der Frühen Neuzeit (abgerufen: 10. Okt. 2015)
  2. Quelle: Cočo C. Bojadžiev und Tzotcho Boiadjiev, "Die Nacht im Mittelalter", Königshausen & Neumann, 2003, S. 176
  3. Siehe dazu z.B.: Ivar Zapp und George Erikson, "Atlantis in America - Navigators of the Ancient World", Adventures Unlimited Press, Kempton, Illinois (USA), 1998; sowie online bei Atlantisforschung.de: Bernhard Beier, "Die Besiedlungsgeschichte Amerikas und das Atlantis-Problem", Teil 2, "Atlantis und das 'Heiden-Paradigma' - Christlich-europäischer Kulturimperialismus im nachkolumbischen Amerika" (2009)
  4. Quelle: Wikipedia - die freie Enzyklopädie, unter: "Pygmäen (Mythologie)", Abschnitt: "Frühe Neuzeit" (abgerufen: 10. Oktober 2015)
  5. Quelle: ebd.
  6. Siehe dazu z.B. einführend: "Warum Pygmäen klein sind", 11.12.2007, bei: bild der wissenschaft (abgerufen: 11. Okt. 2015); sowie weiterführend: Andrea Migliano (Universität Cambridge) et al.: PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, DOI 10.1073/pnas.0708024105
  7. Quelle: Wikipedia - die freie Enzyklopädie, unter: "Pygmäen (Mythologie)", Abschnitt: "Frühe Neuzeit" (abgerufen: 10. Oktober 2015)
  8. Quelle: "Herodot's von Halikarnaß Geschichte: Erste Abteilung (d.h. Band 1)", übersetzt von Dr. Adolf Schöll zu Tübingen, Verlag der J.B. Metzler'schen Buchhandlung, 1829, S. 337 (Fußnote)
  9. Anmerkung: Zu frühen Meldungen über Begegnungen von Europäern mit Pygmäen heißt es kurz in Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1901: "Im 16. Jahrh. wird über zwerghafte Bewohner an der Loangoküste (Mima, Bake-Bake) durch portugiesische Seefahrer berichtet, im 17. Jahrh. über die Dongo in Äquatorialafrika." Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20, Leipzig 1909, Stichwort: "Zwergvölker" S. 1041-1042.
  10. Anmerkung: Zu de meistenteils ebenfalls relitätsfernen Aussagen der wenigen gelehrten 'Pygmäen-Befürworter' dieser Zeit bemerkten George Milbry Gould und Walter Lytle Pyle 1897: "Im siebzehnten Jahrhundert meinte van Helmont, dass es auf den Kanarischen Inseln Pygmäen gebe, und über Abessinien, Brasilien und Japan wurde in älterer Zeit wiederholt gesagt, es gebe dort Pygmäen-Rassen." Quelle: G. Milbry Gould und W. Lytle Pyle, "Anomalies and Curiosities of Medicine", Rebman, 1897; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de nach der digitalisierten Fassung der Neuauflage von BLACKSLEET RIVER bei Google Books

Bild-Quellen:

1) Links: Momo bei Wikimedia Commons, unter: File:Portrait of the Cosmographer Sebastien Munster WGA.jpg; rechts: Michael Sch. bei Wikimedia Commons, unter: File:Cosmographia titelblatt der erstausgabe.JPG (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
2) Google Books / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
3) Marcus Cyron bei Wikimedia Commons, unter: File:Julius Caesar Scaliger - Imagines philologorum.jpg