Atlantis und das 'Heiden-Paradigma'

Aus Atlantisforschung.de
Wechseln zu:Navigation, Suche

Die Besiedlungsgeschichte Amerikas und das Atlantis-Problem, Teil 2

Christlich-europäischer Kulturimperialismus im nachkolumbischen Amerika

Abb. 1 Dem biologischen und kulturellen Genozit an den Alt-Amerikanern, der von Conquistadoren wie Hernando Cortez (Bild) 'im Zeichen des Kreuzes' begonnen wurde, fielen etwa 20 Millionen Menschen sowie ein Großteil des Erbes der präkolumbischen Welt zum Opfer. Jedwede Erinnerung an die alten Zivilisationen sollte getilgt werden.

(bb) Nachdem wir im vorigen Kapitel die Zusammenhänge zwischen der Entdeckung Amerikas und Platons Atlantida sowie die Entwicklungs-Geschichte der Theorie von der Identität der "Neuen Welt" mit Atlantis beleuchtet haben, wollen wir uns nun mit den frühesten und schärfsten Gegnern der Annahme befassen, die Ureinwohner des Doppelkontinents könnten etwas mit einer hochentwickelten, versunkenen Kultur der Vorzeit zu tun haben. Die Rede ist von jener europäischen Institution, die wie keine andere Verantwortung für den Genozid zu tragen hat, dem im Verlauf von fünf Jahrhunderten insgesamt etwa 20 Millionen indigene Amerikaner zum Opfer fielen: die Römisch-katholische Kirche.

Sind 'Indianer' eigentlich Menschen? Diese Frage mag aus Sicht eines heutigen, "aufgeklärten", Zeitgenossen geradezu absurd erscheinen; im 'Zeitalter der Entdeckungen' beschäftigte sich die Kirche höchst intensiv und mit entsetzlichen Konsequenzen mit ihr. So kommt Lyon Sprague de Camp zu der ebenso lakonischen wie plakativen Feststellung: "Die Theologen [...] vertraten alsbald die Meinung, daß die Rothäute eine besondere Spezies der Menschheit seien, die sich der Teufel eigens für seine lasterhaften Zwecke geschaffen hatte. Diese Auffassung war bei unseren Vorfahren Sprague de Camp war 'weißer' US-Amerikaner; bb] recht beliebt, bot sie doch die Möglichkeit, die bedauernswerten Geschöpfe ohne viel Federlesens niederzumetzeln." [1]

Die 'Verteufelung' der Indianer durch die Autoritäten der Kirche ist eine traurige Realität. Sie hatte System und reicht in die Frühzeit der europäischen Invasion des Doppelkontinents zurück, als die spanischen Conquistadoren wie Hernando Cortés (Abb. 1) mit bestialischer Grausamkeit über die indigenen Kulturen Mittel- und Südamerikas herfielen. Mit höchstem Misstrauen begegnete der hohe Klerus den aus der Neuen Welt eintreffenden Berichten über unbekannte Länder und alte Kulturen, von denen nichts in der Bibel stand. So hatte etwa der "zum Christ gewordene Aztekenprinz Ixtlilxochitl [...] im 16. Jahrhundert [...] in glühenden Farben die Vorfahren seines Volks, die Tolteken geschildert, die im 9. Jahrhundert v. Chr. eine glänzende Stadt Tula gegründet und schon Schrift und Kalender gekannt hatten. [...] Aber nur wenige wollten dem >aztekischen Märchenerzähler< glauben." [2]

Immerhin zeigten die zahlreichen derartigen 'Märchen', die nach Madrid und Rom gelangten, durchaus Wirkung. Ivar Zapp und George Erikson bemerkten 1998 dazu: "Besonders die Berichte von Cortes´ Chronisten über die großartige aztekische Hauptstadt Tenochtitlán (Abb. 2) erregten die Aufmerksamkeit von Kirche und Staat. Die spanische Kirche sandte unverzüglich Emissäre in die Neue Welt. Ein gelehrter Priester, Don Carlos de Siguenza, freundete sich mit den Abkömmlingen der mexikanischen Könige an, lernte die Nahuatl-Sprache und studierte die alten Manuskripte und Codices der Tolteken, der Vorgänger-Volk der Azteken in Mexiko. Siguenza, ein Jesuiten-Priester, war zugleich auch Poet, Mathematiker und Astronom.

Als solchem gelang es ihm, das Vertrauen der aztekischen Priester zu gewinnen, die heilige Texte vor den eindringenden Spaniern verborgen hielten. Sie gewährten dem gelehrten Ordensbruder Einblick in ihre bemerkenswerten Manuskripte und Zeichnungen, darunter Berechnungen, die auf den Eklipsen von Sonne und Mond beruhten sowie Abbildungen von vorbeiziehenden Kometen. Aus diesen Evidenzen schloss Siguenza, dass die Tolteken und ihre Vorfahren, die Olmeken, eine alte Rasse gewesen seien, die von einem Kontinent oder einer Inselgruppe stammte, die Platons legendäres Atlantis darstellten." [3]

Abb. 2 Als erste Berichte der Conquistadoren aus Mittelamerika, z.B. über die die großartige Azteken-Hauptstadt Tenochtitlán (Bild), die Autoritäten des Klerus in der 'Alten Welt' erreichten, sandte die katholische Kirche Spaniens unverzüglich Emissäre aus, um 'nach dem Rechten' zu sehen.

Solche Aussagen ließen jedoch bei seinen Auftraggebern in Spanien die Alarmglocken schrillen, widersprachen sie doch völlig dem, was die Herren Kardinäle zu hören wünschten. Das, wie Zapp und Erikson es nennen, 'Heiden-Paradigma' (orig.: "pagan paradigm") der katholischen Kirche, attestierte den Altamerikanern nämlich Primitivität, Barbarei und Unmündigkeit. Dabei ging es durchaus nicht nur um eine theologische Legitimation für die Raubzüge der Conquistadoren, sondern Wissen und Kenntnisse der präkolumbischen Kulturen stellten, wie wir sehen werden, eine direkte Bedrohung des christlichen Welt- und Geschichtsbildes sowie des kirchlichen Machtanspruchs dar.

Für den Astronomie-begeisterten Platon-Kenner de Siguenza endete sein Auftrag in Mexiko jedenfalls mit einem Fiasko, auch wenn er - im Gegensatz zu vielen anderen kirchlichen Emissären, die eine zu große Nähe zu den 'Heiden' entwickelten - mit dem Leben davonkam: Der Pater "wurde aus dem Jesuitenorden ausgestoßen. Obwohl er im Orden noch viele Freunde hatte und man ihm gestattete, seine Bücher und Manuskripte zu behalten, untersagte man ihm jegliche Publikation. Nach seinem Tode wurden die meisten seiner Schätze von Repräsentanten der katholischen Kirche in Spanien konfisziert und verbrannt.

Einige seiner Manuskripte wurden jedoch von Jesuiten in Mexiko aufbewahrt. Unglücklicherweise wurden die Jesuiten 1767 aus Mexiko abkommandiert, und viele von ihnen erwartete ein Verfahren und die Exekution wegen zu großer Sympathie mit heidnischen Kulturen." Das, was von de Siguenzas Unterlagen noch übrig war, wurde nun "ebenfalls konfisziert und entweder zerstört, oder nach Europa transportiert und möglicherweise in irgendwelchen Archiven vergraben (manche sagen in der großen Geheim-Bücherei des Vatikan)." [4]

Carlos de Siguenza war jedoch keineswegs der einzige gebildete Kleriker, dessen Dossiers aus der Neuen Welt das 'Heiden-Paradigma' im sprichwörtlichen Sinn auf den Kopf stellten. So berichtete auch der Pater Diego de Landa (Abb. 3) seinen Vorgesetzten über die hoch entwickelten astronomischen Kenntnisse der Alt-Amerikaner, und über ihre bis in fernste Vergangenheit zurückreichenden Aufzeichnungen besonderer Himmels-Erscheinungen. Sprague de Camp schreibt über ihn: "Dieser spanische Mönch, der mit den Conquistadores nach Amerika kam, war der erste Prior des Klosters von Izmal und wurde schließlich Bischof von Yucatán.

Die Maya-Indianer, über die er gebot, besaßen eine beachtliche Literatur. Diese war in langen Streifen primitiven Papiers aufgezeichnet, die im Zickzack gefaltet und in hölzerne Buchdeckel eingebunden waren. Sie berichteten von der Geschichte des Landes, Astronomie und anderen Dingen. Landa, entschlossen, >heidnische< Kultur auszurotten und die christlich-europäische Zivilisation einzuführen, ließ ab 1562 die Bücher, die aufzufinden waren, verbrennen. Er schrieb dazu: >Wir fanden eine große Anzahl von Büchern dieser Art. Da sie nichts wie Teufelswerk und Aberglauben enthielten, verbrannten wir sie sämtlich, was die Leute in erstaunlicher Weise bedauerten und was ihnen viel Kummer zu bereiten schien<." [5]

Es verwundert kaum, dass der Bücher (und Menschen?) verbrennende de Landa im Gegensatz zu seinem Kollegen de Siguenza eine kirchliche Karriere machte, und obwohl er zu dieser Zeit noch keine Ahnung von der alten Maya-Schrift hatte (er machte erst später wenig erfolgreiche Versuche zu ihrer Entzifferung), muss ihm durchaus klar gewesen sein, welche Kulturschätze er bei seinen Autodafés vernichtete. Das geht aus seinen Rechenschafts-Berichten hervor, über die es bei Zapp und Erikson weiter heißt: "De Landa berichtete auch, dass sie über ein gleichfalls höchst fortschrittliches Zahlensystem verfügten und dass sie ihr gegenwärtiges Zeitalter bis in das Jahr 3113 v. Chr nach europäischer Rechnung zurückverfolgten, und dass die Maya das vorangegangene Zeitalter sogar bis in das Jahr 8232 v. Chr. zurückdatierten.

Abb. 3 Ein Portrait Diego de Landas, des zweiten Bischofs von Yucatan. Der katholische Fanatiker gab mit der Anweisung zur Vernichtung der alten Maya-Literatur den 'Startschuss' für die "Ausmerzung" aller alten Relikte und sämtlicher Überlieferungen der "Heiden" ab.

Diese Datierung lag weit jenseits des Zeitpunkts, den die Kirche als Beginn der Welt angab, 5500 Jahre v.Chr. Die Kirche war dadurch irritiert, dass die Maya offensichtlich für die Schöpfung ein früheres Datum angaben. [...] Andere Berichte störten die kirchlichen Offiziellen ebenfalls. Die Große Pyramide von Cholula (Abb. 4), die in ihrer Stufen-Struktur an die babylonischen Zikkurats erinnerte, wurde nach dem Glauben der Tolteken auf Befehl eines der sieben Riesen erbaut, welche die Sintflut überlebten.

Der Zweck dieser Pyramide, die auf der größten Grundfläche errichtet wurde, welche irgendein Bauwerk auf der Welt aufweist, bestand darin, es seinen Erbauern zu ermöglichen, den Himmel zu erreichen. Den Legenden zufolge zerstörten die Götter die Pyramide durch Feuer und verwirrten die Sprache ihrer Erbauer - sodass sie einander nicht mehr verstehen konnten." [6]

Wir erkennen, dass nicht nur die alte Wissenschaft des präkolumbischen Mittel- und Südamerika, sondern auch seine Religion und Mythologie christliche Dogmen und Glaubenssätze (und damit das gesellschaftliche Machtgefüge des späten Mittelalters) in Frage stellten - nicht, weil sie primitiv oder gänzlich anders geartet waren als die der Europäer, sondern im Gegenteil, weil sie starke Gemeinsamkeiten mit den Überlieferungen orientalischen Ursprungs aufwiesen (z.B. der Legende vom 'Turmbau zu Babel', den Sintflut-Mythen usw.) [7]. Damit lieferten sie jedoch zwangsläufig die Möglichkeit zum Vergleich und boten Interpretations-Möglichkeiten, die vom offiziellen Kanon des Glaubens und Wissens abwichen.

Auch Zapp und Erikson heben noch einmal hervor, wie bedrohlich für die katholische Kirche "die Information" sein musste, "dass es in diesem fernen Land Spuren einer ausgeprägten Zivilisation gab, die weitaus älter und möglicherweise auch >erleuchteter< war als irgendeine, über die etwas in der Bibel steht". Eine solche "Häresie" galt es mit allen Mitteln zu verhindern: "Die Kirche erkannte die Bedeutung und potentielle Bedrohung der astronomischen Stätten und ihres möglichen Alters, und sie trachtete umgehend danach, sie zu zerstören und in Misskredit zu bringen. Sie stellten eine Herausforderung der absoluten Autorität der Kirche dar, die natürlich nicht hingenommen werden konnte.

Als die Chronisten jedoch auch berichteten, dass die Natives heidnischen Ritualen frönten, und als sie detaillierte Berichte von Menschenopfern lieferten, stieß man in Kirche und Staat einen Seufzer der Erleichterung aus. Diese Berichte enthielten die ganze Legitimation, die man zur völligen Unterwerfung und zur Vernichtung der nativen Völker Amerikas benötigte. [8] Unter Leitung der Äbte und Bischöfe betrieb die Kirche faktisch die Verwischung aller Spuren alter Zivilisation. Während die Soldaten wertvolle Gegenstände aus Gold mit darauf befindlichen heiligen Hieroglyphen und astronomischen Beobachtungen plünderten und zu Barren einschmolzen, um sie nach Spanien zu verschiffen, zerschlugen Kleriker, darunter namentlich die Bischöfe de Landa und de Zumarraga, mit Hilfe versklavter Eingeborener tausende steinerner >Idole< und rissen Tempel bis auf die Grundmauern ab. Die Steine der geschleiften Tempel dienten später zum Bau katholischer Kirchen auf den alten Stätten, eine Praktik, die auch im >heidnischen< Europa üblich gewesen war. Schriften und Bildwerke der alten Amerikaner wurden eingesammelt und öffentlich verbrannt. Wer sich dem Willen der Kirche widersetzte, wurde zum >Götzendiener< [orig.: "idol worshipper"; d.Ü.] erklärt und ebenfalls in aller Öffentlichkeit auf dem Scheiterhaufen verbrannt." [9]

Abb. 4 Die toltekischen Mythen um den Bau der Großen Pyramide von Cholula (Bild) im heutigen Mexiko und ihre Vernichtung durch die Götter sowie eine nachfolgende Sprach-Verwirrung bei ihren Erbauern erinnern frapierend an die orientalischen Legenden vom 'Turmbau zu Babel'.

Dass die planmäßige, Jahrhunderte währende, Zerstörung alter Kultur-Relikte durch die katholische Kirche keineswegs auf Hispano-Amerika beschränkt war, zeigt ein kurzer Blick auf die Osterinseln, die erst im Jahr 1722 von den Europäern "entdeckt" wurden. Über die Vernichtung von Hinterlassenschaften der alten Insulaner-Kulturen und ihre Hintergründe schrieben Louis Pauwels und Jaques Bergier: "Genau wie in Afrika und Südamerika sorgten auch hier die ersten Missionare, die auf der Insel landeten, dafür, daß fast alle Spuren der untergegangenen Kultur getilgt wurden. Zu Füßen der Statuen lagen angeschwemmte und mit hieroglyphischen Schriftzeichen bedeckte Täfelchen: man verbrannte sie entweder oder schickte sie an die Vatikanische Bibliothek, in der so viele Geheimnisse ruhen. Ging es den Missionaren darum, die Spuren abergläubischer Vorstellungen zu vernichten, oder wollten sie die Zeugnisse eines a n d e r e n W i s s e n s verschwinden lassen?" [10]

Zapp und Erikson kommen - gut 35 Jahre später - in ihrem Urteil über derartige Aktivitäten zu Schlussfolgerungen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen: "Die Mission zu dominieren, zu zerstören und zu verunglimpfen ergab sich nicht als eine aus Übereifer entspringende Fehlleistung seitens der katholischen Kirche, und sie erfolgte sicherlich auch nicht aus blinder Ignoranz. Sie war eine kalt kalkulierte und brutale Auslöschung der Spuren von Zivilisationen, die nicht nur älter als Christus waren, sondern selbst den >heiligen< Stätten des Alten Testaments vorausgingen. Dass sie dabei so schrecklich erfolgreich war, bildete die Grundlage einer profunden Ignoranz, die Jahrhunderte andauern sollte." [11]

Selbst die größte Ignoranz konnte jedoch nicht an der Frage vorbeiführen, wer - oder 'was' - die "primitiven Wilden" eigentlich waren, die vor der Ankunft der "zivilisierten Europäer" Amerika bewohnten, und woher ihre Vorfahren einst gekommen waren. Immerhin warf die bloße Existenz dieser 'Indianer' auch theologische Probleme auf: Hatte man es bei diesen Kreaturen nun mit Ausgeburten der Hölle zu tun, oder nicht? Handelte es sich bei ihnen um beseelte Menschenwesen, und wenn ja, waren sie das Ergebnis des selben Schöpfungsakts wie der Rest der Menschheit?

Nachdem die ersten Reisen von Cristoph Kolumbus zweifelsfrei erbracht hatten, dass es in der 'Neuen Welt' menschliche - oder zumindest menschenähnliche - Kreaturen gab, "begann", wie Barry Fell 1976 in 'America B.C.' bemerkte, "der kalte Wind des Skeptizismus durch die Klöster zu wehen und den Gleichmut derjenigen ins Wanken zu bringen, welche unverblümt die absolute Wahrheit der Genesis predigten." Eine Weile (unter dem Regnum Papst Alexanders IV., Rodrigo Borgia) ignorierte der hohe Klerus das Problem, doch "1512 berief ein neuer Papst, Giuliano della Rovere, Julius II., das fünfte Lateran-Konzil ein und erließ eine offizielle Erklärung, die attestierte, dass die amerikanischen Indianer echte Nachfahren von Adam und Eva, und menschliche Wesen seien.

Ihre fehlende Erwähnung, und die ihres Kontinents, in der Bibel wurde durch den Rückschluss kompensiert, dass die amerinden [Völker] Abkömmlinge von Babyloniern seien, die [von Gott] aufgrund der Verfehlungen ihrer Vorfahren aus der Alten Welt vertrieben worden seien." [12] Ein ähnlicher, früher Erklärungsversuch kirchlicher Scholaren lief darauf hinaus, die amerikanischen "Rothäute" seien verwilderte Nachfahren der 'Verlorenen Stämme Israels'. Diese skurrilen Vorstellungen hätten den Indianern immerhin einen klar definierten Status im Rahmen der christlichen Völkerkunde beschert, aber genau das war ja nicht im Interesse von Kirche und Staat. Noch weniger schätzte man im Vatikan vermutlich die Atlantis-Theorien, die nun im Zusammenhang mit der Neuen Welt zu grassieren begannen (siehe: Atlantis und die Wiederentdeckung Amerikas durch die Europäer).

Abb. 5 Nicht nur indianische "Götzendiener" oder "Ketzter" wurden lebendig verbrannt. Auch 'Kirchenmänner', die es bei der Vernichtung des "Heidentums" in der Neuen Welt an Eifer fehlen ließen, wurden nach Spanien zurück beordert und endeten dort auf dem Scheiterhaufen.

Doch im Jahr 1590 lieferte ein katholischer Ordensmann namens José de Acosta (Abb. 6) den geistlichen und weltlichen Autoritäten die gewünschte Erklärung zur Besiedlung Amerikas durch echte "Wilde". Acosta schlug nämlich vor, "Amerka sei von primitiven Jägern besiedelt worden, die dem entlegensten und unterentwickeltsten Teil Asiens entstammten - Sibirien. [13] Obwohl man sie nun als Menschen betrachtete, wurden die frühen Amerikaner somit als Abkömmlinge der rückständigsten und isoliertesten Rassen der Menschheit angesehen, die aus armseligen Ursprüngen hervorgegangen seien. [...] Später bemächtigte sich die Wissenschaft dieser Idee und folgte, wie sie dies häufig tat, der Führung durch die Kirche, indem sie ein religiöses Dogma in ein wissenschaftliches einfügte.

Eine ziemlich dürftige Theorie, die auf keiner tatsächlichen Forschung beruhte, errang allgemeine Akzeptanz in der scientific community und fand ihren Weg in unseren Korpus wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dort ist sie dann lange genug verblieben, um heute zum Allgemeinwissen [orig.: "conventional wisdom"; d.Ü.] zu gehören. Dabei spielte keine Rolle, dass Acosta weder Beringia noch irgendeinen Teil Amerikas besucht hat, um seine Theorie zu untermauern, und später auch nicht, dass die ganze Theorie sich als ziemlich sinnlos erwies. SIE WURDE AKZEPTIERT, WIE SIE IN JEDEM SCHULBUCH NACHLESEN KÖNNEN." [14]

Mehr als drei Jahrhunderte lag - während der physische und kulturelle Genozid an den Alt-Amerikanern im Zeichen des Kreuzes unvermittelt anhielt - verfestigte sich das Bild vom 'steinzeitlichen' und 'kulturlosen' Indianer immer mehr - und wir sprechen hier ausdrücklich auch von den Bewohnern der großen Kulturzentren des präkolumbischen Mittel- und Südamerika: "Die Darstellung der Amerikaner durch europäische Historiker stellte", so Zapp und Erikson, "eine arrogante Herabwürdigung dar. Obwohl ein paar von ihnen es unternahmen, die Ruinen der Paläste und Tempel zu besuchen, die von den Chronisten der Conquistadoren beschrieben wurden, waren die Historiker schnell mit der Erklärung bei der Hand, diese Konstruktionen seien primitiv oder degeneriert." [15]

Noch im 18. Jahrhundert betrachteten die Koryphäen der Altertumskunde Inka, Maya und Azteken als unzivilisierte Wilde, und zeigten keinerlei Bereitschaft, die Existenz irgendeiner präkolumbischen Kultur anzuerkennen: "William Robertson, in Sachen Amerika die führende Autorität des 18. Jahrhunderts, beschrieb die mesoamerikanische Architektur als >geeigneter als Behausung für Menschen, die gerade aus dem Barbarentum heraustreten, denn als Wohnsitz eines kultivierten [orig.: "polished"; d. Ü.] Volkes ... Diese Strukturen drücken in Kunst und Einfallsreichtum keine hohe Vorstellung aus ... Wenn Gebäude, die solchen Beschreibungen entsprechen, jemals in mexikanischen Städten existiert hätten, so sollte man annehmen, dass noch einige ihrer Überreste zu sehen sein müssten ... Die spanischen Berichte erscheinen stark übertrieben<." [16]

Abb. 6 Das Bild 'primitiver' Steinzeit-Jäger, die von Sibirien aus nach Amerika vorstoßen, wurde bereits 1590 von dem Geistlichen José de Acosta (Bild) entworfen. Seine Hypothese wurde später eine Grundlage des Status quo zwischen Kirche und Wissenschaft zur amerikanischen Urgeschichte.

Und wenig später verstieg sich Cornelius de Pauw, ebenfalls ein führender Historiker jener Zeit, sogar zu der Bemerkung, "der sogenannte Palast, den die mexikanischen Könige bewohnten", sei eigentlich nur "eine Hütte" gewesen. [17] Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts bahnte sich mit der zunehmenden Entwicklung und Emanzipation wissenschaftlicher Forschung von den Kirchen, deren gesellschaftliche Macht dahin schwand, ein Umbruch an, der mit einem steigenden Interesse europäischer Forschungsreisender am präkolumbischen Mittel- und Südamerika einher ging. Zu der sich entwickelnden Kontroverse um die Existenz, den Charakter und das Alter der alten Hochkulturen Amerikas bemerken Zapp und Erikson:

"Gelehrte des 19. Jahrhunderts, die von der Kirche kontrolliert wurden, betonten, dass die Astronomischen Gärten Mesoamerikas keinesfalls einem derartigen Zweck gedient hätten, sondern lediglich Anlagen darstellten, die gerade einmal dazu geeignet gewesen seien, die Menschen daran zu erinnern, wann sie ihr Getreide aussähen mussten! (Welcher Bauer benötigt einen entwickelten Astronomischen Garten, um herauszubekommen, wann Frühling ist?) Als der mexikanische Gelehrte Leon y Gama sich Gedanken über den verwirrenden aztekischen Stein-Diskus machte und ihn als hoch entwickelten Kalender bezeichnete, unterdrückte die Kirche schleunigst seine Schriften, wobei sie argumentierte, der >Kalender-Stein< sei ein Opferaltar, dessen rätselhafte Markierungen rein ornamental und das Werk >irrationaler und geistig schlichter Wesen< seien." [18]

Der Umdenk-Prozess war jedoch nicht mehr aufzuhalten und mit der nun erfolgenden Wiederentdeckung der präkolumbischen Hochkulturen durch die Forschung stand bald auch erneut die alte Vermutung zur Debatte, der platonische Atlantisbericht liefere wesentliche Anhaltspunkte zum Verständnis ihrer Ursprünge. Die alte Hypothese vom "amerikanischen Atlantis" gewann erneut an Bedeutung: "Im 18. Jahrhundert wurde diese These von [dem Mathematiker und Naturforscher Georges Louis Leclerc Comte de] Buffon aufgenommen, von Jakob Krüger und Alexander von Humboldt dann im 19. Jh. Um 1855 lokalisierte der deutsche Schriftsteller Robert Prutz Atlantis nicht nur in Amerika, sondern arbeitete auch [...] eine Theorie aus, wonach die Phönizier Amerika entdeckten." [19]

Doch das Atlantis-Problem wurde auch jetzt vor allem im Zusammenhang mit den alten Hochkulturen Mittel- und Südamerikas diskutiert. In Nordamerika, wo die europäischen Invasoren im siebzehnten bis neunzehnten Jahrhundert auf hunderttausende alter Erdwerke, die sogenannten 'Mounds' stießen, betrieben nur wenige seriöse Ausnahme-Forscher (z.B. C. Atwater und J. Priest) ernsthafte ethnologische und archäologische Studien zur Identifikation einer frühen, autochthonen Moundbauer-Kultur, von denen auch die Atlantisforschung profitierte. Benerkenswert ist in diesem Kontext Ignatius Donnellys atlantologische Betrachtung der Moundbauer, die erst heute - vor dem Hintergrund der folgenden 150 Jahre US-amerikanischer Archäologie-Geschichte - voll gewürdigt werden kann.

Abb. 7 Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein interessierte sich kaum ein Berufswissenschaftler für die Hinterlassenschaften der Alten Nordamerikaner. (Foto: Einer der Mounds von Etowah in Georgia)

Im Gegensatz zu den frühen Repräsentanten der Mound(bauer)-Forschung, die vor allem eine Domäne von 'Privatgelehrten' darstellte (siehe dazu auch: Riesen in Nordamerika: (k)ein Streitpunkt für Archäologen?, Teil II), und zur Atlantologie, die zum Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr aus dem offiziellen Wissenschaftsbetrieb in die Diaspora des Privatforschertums abgedrängt wurde [20], war man in universitären Kreisen (noch) nicht bereit, den faszinierenden archäologischen Relikten, die quasi 'im eigenen Hinterhof' entdeckt wurden, eine besondere Bedeutung beizumessen. Für die meisten Altamerikanisten galt, was den nördlichen Teil des Doppelkontinents anging, nach wie vor das vom 'Heiden-Paradigma' geprägte Bild einer barbarischen präkolumbischen Welt, der die christlichen Europäer mit ihrer Religion und Zivilisation das 'Heil' bringen mussten.

Obwohl professionelle Historiker, Anthropologen, Ethnologen und Archäologen nun mehrheitlich geneigt waren, die vormalige Existenz alter Kulturen in Mittel- und Südamerika anzuerkennen, betrachtete man die amerinden Völker des Nordens nach wie vor als "Wilde", die seit eh und je im Zustand der Primitivität gelebt haben sollen. Diese rassistische und eurozentristische Grundhaltung erklärt auch den - vorübergehenden - Erfolg der Annahme, die rätselhaften Funde (u.a. Petrolyphen, Kalendersteine, komplexe Erdwerke und Artefakte aus Kupfer) seien samt und sonders auf frühere präkolumbische Immigranten aus dem Atlantikraum zurückzuführen. [21]

Aber auch die Vorstellung, dass es schon lange vor den 'Pilgervätern' andere Kolonisten aus Übersee (seien es nun Phönizier, Waliser oder Wikinger) in den Norden des Doppelkontinents verschlagen haben könnte, wurde - ebenso wie atlantologische oder bibelorientierte [22] Konzepte zur frühen Besiedlung Amerikas - nach und nach 'in Bausch und Bogen' aus dem Diskurs verbannt. Dies aber lag keineswegs vor allem daran, dass sich immer mehr Fachwissenschaftler langsam von den althergebrachten Vorurteilen gegenüber dem 'Roten Mann' und dem extremen Eurozentrismus zu lösen begannen, wie heute gerne behauptet wird. [23]

Derartige Vorstellungen präkolumbischer Migrationen und kultureller Diffusion liefen vielmehr immer stärker dem isolationistischen Ideen-Gebäude zur amerikanschen Prähistorie zuwider, welches sich spätestens an der Schwelle zum 20. Jahrhundert in der 'Welt der Wissenschaft als regelrechtes Dogma etabliert hatte. Insbesondere zur urzeitlichen Besiedlungsgeschichte Amerikas waren die Vorstellungen und Szenarien des schulwissenschaftlichen Mainstreams (= Einwanderung ALLER Ur-Amerikaner auf dem Landweg, via Beringia, aus dem sibirischen Norden) und der 'Schatten-Wissenschaftler' oder Privatforscher aus dem Lager der Atlantologen (= zumindest teilweise Einwanderung von Paläo-Amerikanern auf dem Seeweg aus dem atlantischen Osten und via Pazifik) völlg unvereinbar geworden und bilden seither eine zentrale Konfrontations-Linie zwischen den beiden Parteien (siehe dazu auch: Paläo-Anthropologie und Atlantisforschung).


Fortsetzung:

Irrwege konventioneller Alt-Amerikanisten des 20. Jahrhunderts


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: Lyon Sprague de Camp, "Versunkene Kontinente", 3. Aufl., Heyne 1975, S. 40
  2. Quelle: Kurt Benesch, "Auf den Spuren großer Kulturen - Das Abenteuer Archäologie", Verlagsgruppe Bertelsmann, 1980, S. 165
  3. Quelle: Ivar Zapp und George Erikson, "Atlantis in America - Navigators of the Ancient World", Adventures Unlimited Press, Kempton, Illinois (USA), 1998, S. ; Zapp u. Erikson berufen sich dabei auf: Peter Tompkins, "Mysteries of the Mexican Pyramids", Harper & Row, New York, 1976, S. 34-35
  4. Quelle: I. Zapp und G. Erikson, op. cit., S. 50
  5. Quelle: L. Sprague de Camp, op. cit., S. 41
  6. Quelle: I. Zapp und G. Erikson, op. cit., S. 50-51
  7. Anmerkung: Bei Ignatius Donnelly findet sich dazu eine interessante Aussage über die alten Mittelamerikaner: "Ihre Religion besaß so viele Merkmale, die jenen dar alten Welt ähnelten, dass die spanischen Priester erklärten, der Teufel habe ihnen eine verfälschende Imitation des Christentums gegeben, um ihre Seelen zu vernichten." Quelle: I. Donnelly, "Atlantis: the antediluvian world", Courier Dover Publications, 1976, S. 351 (Übersetzung durch d. Verf.)
  8. Siehe: Peter Tompkins, "Mysteries of the Mexican Pyramids", Harper & Row, New York, 1976, S. 11
  9. Quelle: I. Zapp und G. Erikson, op. cit., S. 53
  10. Quelle: L. Pauwels und J. Bergier, "Aufbruch ins dritte Jahrtausend - Von der Zukunft der phantastischen Vernunft", Berlin, Darmstadt Wien, 1965, S. 214 [Orig.: "Le Matin des Magiciens", Frankr. 1962]
  11. Quelle: I. Zapp und G. Erikson, op. cit., S. 53
  12. Quelle: Barry Fell, "America B.C. - Ancient Settlers in the New World", Demeter Press, Quadrangle / The New York Times Book Co.. NY, 1977, S. 15-16
  13. Siehe: Stuart J. Fiedel, "Prehistory of the Amerikas", 2nd Ed., Cambridge University Press, Cambridge UK, 1992, S. 2
  14. Quelle: I. Zapp und G. Erikson, op. cit., S. 56-57
  15. Quelle: ebd., S. 55
  16. Quelle: ebd.
  17. Quelle: ebd., S. 56; Zapp u. Erikson berufen sich dabei auf: Peter Tompkins, "Mysteries of the Mexican Pyramids", Harper & Row, New York, 1976, S. 41
  18. Quelle: I. Zapp und G. Erikson, op. cit., S. 53
  19. Quelle: L. Sprague de Camp, op. cit., S. 38
  20. Anmerkung: Zu den Ursachen dieser Entwicklung siehe z.B. auch: Paläo-Anthropologie und Atlantisforschung sowie: Geologie - Antipode oder Hilfswissenschaft der Atlantisforschung? von Bernhard Beier
  21. Anmerkung: Dass Entdeckungen, die auf solche transatlantischen 'Besuche' hinweisen, damals im Sinne der seinerzeit vorherrschenden eurozentrischen Sichtweise instrumentalisiert wurden, ist natürlich kein Argument, das im Einzelfall gegen die Validität entsprechender Annahmen spricht. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de zahlreiche Beiträge in der Rubrik: Präkolumbische, transatlantische Kontakte - Ägypter, Phönizier Kelten & Co in Amerika
  22. Anmerkung: Hier vor allem die bereits erwähnte, noch der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts höchst populäre, Hypothese, die nordamerikanischen Indianer (oder zumindest ein Teil von ihnen, vor allem die Mandan) seien Abkömmlinge der so genannten "Verlorenen Stämme Israels".
  23. Vergl. zu dieser Sichtweise bei Atlantisforschung.de etwa: Michael Arbuthnot, "Geschichte des Niedergangs der Diffusions- und Migrations-Theorien"


Bild-Quellen

(1) AZSC, unter: http://www.azsolarcenter.com/video/stills/ancient/cortez.jpg

(2) University of Minnesota, Duluth, unter: Ancient Cultures of Middle America

(3) Robert B. Stacy-Judd, "Atlantis: Mother of Empires", Santa Monica, CA. (USA), 1939, S. 98b

(4) Sacred Destinations, unter: http://www.sacred-destinations.com/mexico/cholula-gr... (nicht mehr online)

(5) Bildarchiv Atlantisforschung.de

(6) Claudia Comes Peña, El pasado indígena en México o el instrumento de la memoria

(7) Wikimedia Commons, unter: File:USA-Georgia-Etowah Indian Mounds-Mound B.jpg