Thera - Ursprung der Atlantis-Legende II

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von Dr. Spyridon Marinatos


Zum historischen Verhältnis von Kreto-Mykenern und Ägyptern

Die Periode zwischen dem Mittleren und dem Neuen Königreich, die genau zweihundert Jahre lang dauerte (1780-1580), wird beherrscht von den Hyksos, die nach Manetho "Hirten" waren, Fremde auf dem Thron und von semitischer Abkunft. Die Revolte gegen sie wurde von den heimischen Prinzen von Theben organisiert. Heute sind sich so ziemlich alle Gelehrten darüber einig, daß dies mit Hilfe von außen geschah, daß man also die Hyksos unter nachdrücklicher Mithilfe anderer als ägyptischer Kräfte vertrieb. Erwähnt wird das auch in ägyptischen Quellen, und in diesem Zusammenhang taucht der Name Haunebt oder Hanebu auf. Unglücklicherweise ist die Bedeutung dieses Namens nicht ganz eindeutig, denn er wird sowohl für die Bewohner der libyschen Küste wie auch der ägäischen Inseln gebraucht. Der berühmte Eduard Meyer akzeptiert ohne zu zögern die letztere Bedeutung. Die verehrte Königinmutter Aahnhotep trägt den Titel >Prinzessin der Küste von Hanebu<, und aus diesem Titel, dem wir nie wieder begegnen, schließt er, sie müsse mit einem kretischen Prinzen verheiratet gewesen sein. Also wurden die Hyksos wohl mit Hilfe der Kreter verjagt. [1]

Abb. 1 Mehr als 16 antike Pyramiden existieren verteilt über Griechenland, die älteste von ihnen bei Hellinikon. Auch sie stellen einen Beleg für die frühen kulturellen Beziehungen beider Völker dar.

Abgesehen von dieser Theorie, die einige Historiker nicht akzeptieren wollen, hoffe ich, demnächst eine Studie veröffentlichen zu können, die beweist, daß die Mykener und nicht die unkriegerischen Kreter den Ägyptern zu Hilfe kamen. Sicher haben die Kreter einen Beitrag geleistet, als sie die mykenischen Krieger in ihren Schiffen transportierten. Ich glaube, daß die großen, von Schliemann im Friedhof der königlichen Akropolis gefundenen Goldmengen der Preis für diese Hilfe an die Ägypter waren. Diese einfachen, sehr stämmigen Krieger brachten neue Begräbnissitten aus Ägypten mit: Die Mumien, Gesichtsmasken, Grabstelen und die reichen Begräbnisbeigaben.Eine bessere Erklärung für das plötzliche >Wunder< von Mykene während der armen und sehr einfachen helladischen Periode ist nicht zu finden.

Die Söldner aus der Ägäis hörten von da an nicht mehr auf, die Ägypter zu unterstützen. Erst dachte man, die >Shardana< seien nur während der Regierungszeit Ramses II. ägyptische Söldner gewesen, doch die Tafeln von Amarna bewiesen, daß sie vorher schon für Garnisonen in Syrien Dienst taten. Meyer zieht daraus den Schluß, ihr Einsatz zu Beginn des Neuen Königreichs [2] sei sehr problematisch. Der beste Beweis ist der ständige enge Verkehr zwischen Ägypten und Kreta-Mykene vom 16. Jahrhundert an und weiter. Den ägyptischen Funden in Griechenland (Abb. 6) hat J. Pendlebury ein ganzes Buch gewidmet, Aegyptica.

Die Völker des Mittelmeerraums besuchten Ägypten nicht immer nur als Freunde. Entweder kamen sie zu Raubexpeditionen, oder es fielen unter dem Druck großer Völkerwanderungswellen des 13. und 12. Jahrhunderts bewaffnete Gruppen verschiedener mediterraner Rassen in Ägypten ein. Merenptah und Ramses III. kämpften erbittert und erfolgreich, um sie abzuwehren. Ägypten war noch ausreichend mächtig, um den Eindringlingen zu widerstehen. Wir finden unter ihnen die Akaiwasha, Danuna, Tursha, Shekelesh und Shardana, die identifiziert wurden als Achäer, Danaer, Tyrrhenier, Sizilier und Sardinier. Die Pulesatim oder Pelestim werden für die Philister gehalten, seltener auch für die Pelasger.

Nach der Zwanzigsten Dynastie beginnt die Periode des Abstiegs. Schwach und geteilt ist das Volk zum Untergang verurteilt (das ist das Schicksal aller Völker, die sich auf Söldner verlassen) und wurde eine leichte Beute für die Assyrer. Der letzte glorreiche Glanz erstrahlte unter der Sechsundzwanzigsten Dynastie, die wir als Saïs-Periode kennen (663-525). Für unser Thema war die Rolle der Griechen damals von großer Bedeutung. Psammetich I. schüttelte das fremde Joch ab, so wie tausend Jahre vorher mit der Hilfe der Carier und hauptsächlich ionischer Söldner. Er eroberte Syrien und kämpfte gegen die Skythen. Sein Sohn Necho (609-593) siegte über die Asiaten und verließ sich noch einmal auf die Griechen. Wir könnten sagen, die Ionier seien seine Götter gewesen. Nach jedem Sieg brachten die großen Pharaonen des Neuen Königreichs dem Gott Ammon von Theben prachtvolle Geschenke dar. Sie bestanden aus Gold und anderen Metallen, neuen Bauten, Tieren und sogar Sklaven.

Abb. 2 Eine Karte des hellenisierten Ägypten zur Zeitenwende, als Rom zur vorherschenden Macht des Mittelmeer-Raumes wurde.

Amasis jedoch opferte nicht dem Ammon von Theben, sondern dem Apollo der Branchiden; am interessantesten dabei ist wohl, daß´das Opfer sehr einfach war, die vollständige, natürlich doch prächtige Rüstung des Königs. Vergeblich sucht man in der vorhergehenden Geschichte Ägyptens nach einem ähnlichen Fall. Griechische Ideen drangen immer mehr in Ägypten vor. Zum ersten mal in der Geschichte dieses stolzen und alten Landes wurde die Erlaubnis gegeben, eine ionische Kolonie zu gründen. Naucratis wurde das erste Zentrum des Hellenentums in Ägypten. Die Pharaonen sogen diese neue Kultur und die Ideen der Griechen trotz der tradi-tionell konservativen Haltung der ägyptischen Rasse begierig in sich auf, wie Breasted es ausdrückt. Necho versuchte den Suezkanal zum Roten Meer zu öffnen und schickte phönizische Seeleute aus, die Afrika erforschen sollten. Nach drei Jahren kehrten sie zurück und waren die ersten, die den Afrikanischen Kontinent umsegelten - 2000 Jahre vor Vasco da Gama.

Psammetich II. (593-588), der Sohn des Necho, führte seine griechischen Söldner nach Abu Simbel in Nubien, wo sie am Bein der Kollosalstatue von Ramses II. ihre Inschriften anbrachten. Apries und Amasis, die ihm folgten, kennen wir gut aus griechischen Quellen und aus der Freundschaft zwischen Amasis und Polykrates, dem Tyrannen von Samos. 525 besiegte Kambyses II. Ägypten und beendete damit die lange Unabhängigkeit der Ägypter. [3]

Das Bild der kretisch-mykenischen Geschichte ist einfacher. Der enge Verkehr zwischen Kreta und Ägypten läßt sich bis zur Zwölften Dynastie zurückverfolgen, und den Namen des Hyksos-Pharao Kyan fand man eingraviert auf dem Deckel einer Alabasterdose, die im Palast von Knossos entdeckt wurde. Nach 1600 v. Chr. trat Mykene als internationale Macht auf die Szene. Zur Zeit von Hatschepsut und Thotmes III., also um etwa 1500 oder ein wenig früher, wurden die Keftiu oft auf den Gräbern der Nekropolis von Theben mit Gaben dargestellt. Die Keftiu können Kreter gewesen sein, doch das ist nicht sicher. Viele der Gaben sind jedoch zweifellos kreto-mykenischen Ursprungs. Die Ziermotive der beiden Regionen haben einander so sehr beeinflußt, daß es oft schwierig zu bestimmen ist, wer wem was geliehen hat.

Ein entsetzliches Unglück traf Kreta um 1500 v. Chr. Städte, riesige Monumentalbauten und zwei der drei Paläste wurden für alle Zeiten vernichtet. Selbst die heiligen Höhlen, wie die von Arcalochori, fielen zusammen. Dieses Unglück, für das die Achäer nicht gut verantwortlich gemacht werden können, da es sich vor ihrer Zeit ereignete, schrieb ich einem Naturereignis zu, dem Vulkanausbruch von Thera. Von dieser Theorie erwähnen wir nur das, was für unsere Zwecke unbedingt nötig ist [4]


Die Tragödie von Thera

Thera war, wie alle vulkanischen Inseln, ursprünglich fast rund und mit Vegetation bedeckt - Olivenbäume und Palmen - und hatte blühende Siedlungen, da der Vulkan sehr lange untätig war. Als er ausbrach, wurden die Siedlungen völlig von Asche und Bimsstein zugedeckt. Aus Funden wissen wir, daß der Ausbruch um 1500 v. Chr. erfolgt sein muß. Aus späteren Eruptionen des gleichen Vulkans und des Brudervulkanes Krakatau zwischen Java und Sumatra 1883 lassen sich Verlauf und Resultat des Ausbruchs erschließen. Philippson sagt, das, was auf Krakatau geschah, muß es auch auf Thera gegeben haben, da beide Vulkane zur gleichen Familie gehören. Der Ausbruch des Krakatau dauerte drei Tage, und es wurde folgendes beobachtet:

Die ausgestoßene vulkanische Asche erreichte die Stratosphäre, und sechs Monate lang wurde sie in der Atmosphäre von Luftströmungen mitgetragen und kam bis Europa. Die großartigen Sonnenuntergänge dieses Jahres führte man darauf zurück. Im einem Durchmesser von 300 Kilometern wurde der Tag zur Nacht, Mauern stürzten ein oder bekamen Risse (Abb. 8), und alle schwingenden Gegenstände waren in pausenloser, angsteinflößender Bewegung. Menschen und Tiere dieses Gebiets wurden von einer unbeschreiblichen Aufregung erfaßt und wollten die Häuser nicht verlassen. Der entsetzliche Lärm war noch in 3500 Kilometern Entfernung in Australien zu hören, viele behaupteten sogar, auch noch bei den Antipoden. Sei dies nun, wie es mag, es war jedenfalls der größte historisch bekannte Lärm auf unserem Planeten.

Der Vulkan spie unglaubliche Mengen von Lava aus, die nicht nur die Insel bedeckte, sondern auch das umgebende Meer; sogar ein Hafen des benachbarten Sumatra blieb lange Zeit blockiert. Eine Reihe von 15 Meter hohen Flutwellen überfiel die benachbarten Inseln und verursachte dort das größte Chaos. Felsen wurden weggeschleudert, Eisenbahnschienen und Lokomotiven wurden herausgerissen und umgeworfen, und Städte wie Telong-Betoeng im benachbarten Sumatra wurden buchstäblich ausradiert.

Abb. 3 Die geborstenen Stufen dieser Steintreppe auf Thera zeigen, welche tektonischen Energien bei heftigen Ausbrüchen großer Vulkane frei werden.

Der Dampfer Maruw hing, von einer Welle erfaßt, über der Stadt und wurde später etliche Kilometer entfernt in einem Wald gefunden. Jedes Haus, das nicht von der Flut mitgerissen wurde, verbrannte anschließend, weil die brennenden Lampen umgestoßen wurden. Die Atmosphäre war mit statischer Elektrizität aufgeladen, und Blitze schlugen in Kraftwerke und hohe Gebäude ein. 37 000 Menschen gingen bei diesem grauenhaften Unglück zugrunde.

Das Gebiet, das in Thera explodierte und sank, ist etwa 80 Quadratkilometer groß, das um den Krakatau etwas über 20. Deshalb muß die Eruption auf Thera ungefähr viermal so stark gewesen sein. Der überlebende Ostteil der Insel trägt noch heute eine Aschenschicht zwischen 30 und 60 Metern Dicke. Von späteren kleineren Eruptionen (Abb. 10) ist uns bekannt, daß das Meer bis an die Küste von Kleinasien mit Bimsstein bedeckt war.

Da die Wellengeschwindigkeit in einem bestimmten Verhältnis zur Tiefe der See steht und diese Tiefe zwischen Kreta und Thera stellenweise das Zehnfache, ja sogar das Dreißigfache jener um Krakatau erreicht, müssen die Wellen dort noch furchterregender gewesen sein und viel schneller zugeschlagen haben. Die Wellen, die damals das 100 Kilometer entfernte Kreta erreichten, brauchten nur eine sehr kurze, mathematisch errechenbare Zeit und schufen auf den niederen Küstenstrichen ein unglaubliches Chaos.

Nach dem verstorbenen Professor N. Criticos ist ein typisches Phänomen für die Ausbrüche auf Thera eine Reihe von Erdbeben (Abb. 9), die den Eruptionen vorausgingen oder folgten und ein riesiges Gebiet im östlichen Mittelmehr in Mitleidenschaft zog. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß Kreta damals verlassen wurde. Daß dies geschah, wurde von den Einwohnern nie vergessen, denn Herodot schreibt diese Tatsache der praisianischen-eteokretischen Überlieferung zu, bringt sie aber mit anderen Zeiten und Ursachen in Verbindung. Das, was beim Ausbruch des Krakatau geschah, läßt uns nicht zweifeln, daß die Eruptionen auf Thera noch wesentlich heftiger waren und auch auf Ägypten gewirkt haben müssen. Seltsam ist nur, daß bisher keine darauf bezüglichen Beweise gefunden wurden. [5]

Seit dieser Zeit war der Abstieg Kretas nicht mehr aufzuhalten. Daß der Palast von Knossos sich noch weitere 50 bis 100 Jahre hielt, reichte nicht aus, den Abstieg auch nur zu verzögern. Um 1500 nahm der Peloponnes mit Mykene den Platz Kretas ein. Amenhotep III., der großartigste aller ägyptischen Könige (1411-1375), unterhielt enge Beziehungen mit Mykene, aber nicht mehr mit Kreta.

Aber etwa ein Jahrhundert später waren die mykenischen Herrscher trotz der reichen, glänzenden Zivilisation, wenn auch in kriegerischer Atmosphäre, sehr besorgt über die ersten Anzeichen einer Gefahr. Die mykenische Akropolis wurde befestigt. Tiryns und Mykene bauten zusätzliche Mauern, und die große Akriopolis von Gla wurde eilends errichtet. Es war nicht einmal ausreichend Zeit, um einen ordentlichen Palast innerhalb ihrer Mauern zu bauen. Ein Unheil schien unmittelbar bevorzustehen, und zwischen 1200 und 1100 wurden alle Zentren mykenischer Zivilisation zerstört.

Abb. 4 Vermutlich gingen gewaltige Erdbeben im gesamten kretisch-mykenischen Einflußbereich einem todbringenden Tsunami voraus, der durch den Thera-Ausbruch verursacht wurde.

Die Elemente der historischen Legende von Atlantis können nun auf die historischen Grundlagen gestellt werden. In einem Artikel in der Londoner Times (19.Januar 1909) hat es jemand gewagt, anonym über die großartigen Entdeckungen auf kretischem Boden zu schreiben, und dort wurde die Ansicht ausgesprochen, dies sei das Atlantis der Ägypter. Er betonte die Ähnlichkeiten zwischen den Atlantis-Überlieferungen und den Funden auf Kreta (Kampf gegen Stiere ohne Waffen, Organisation, Gesetze und dergleichen), den blühenden Verkehr zwischen der Insel und Ägypten (Keftiu usw.). Der Autor hatte keine Erklärung für das plötzliche Verschwinden der Kreter; danach und unter der Herrschaft von Mykene erfanden die Ägypter den Mythos von einer Insel, die im Meer unterging. Dieser Artikel erregte einige Aufmerksamkeit, andere beeilten sich, diese Ansichten zu unterstützen, und der Autor wurde dadurch ermutigt, sich in einer wissenschaftlichen Zeitung mit seinem Namen zu melden: K. Frost [6]

Ich glaube, das ist die vernünftigste Erklärung. Eine große, blühende und mächtige Insel außer Kreta gab es innerhalb des ägyptischen Bewußtseinskreises nicht. Daß man aber eine Legende erfunden haben sollte von einer untergegangenen Insel, obwohl man doch selbst eine Geschichte von dem schiffbrüchigen Reisenden hatte, ist unwahrscheinlich. Da haben wir die Armee der Athener, die durch ein schreckliches Erdbeben mit Fluten in einem Tag und in einer Nacht [7] mit Atlantis bis auf den letzten Mann verschlungen wurden. Die Ägypter haben sicher von der untergegangenen Insel gehört, und das war Thera (Abb. 11), die sie vielleicht nicht kannten, weil sie so klein und unbedeutend war. Deshalb übertrugen sie dies auf Kreta, das so entsetzlich geschlagen wurde und zu dem plötzlich aller Kontakt verloren ging.

Abb. 5 Von 1938 bis 1941 gab es immer wieder vulkanische Aktivitäten auf der Insel Thera. Hier eine Dokumentaraufnahme eines dieser Ausbrüche im Jahr 1939.

Der Mythos von einer verlorenen Armee deckt sich mit den Nachrichten über den Untergang von Tausenden von Seelen. Mythen werden durch einen Mangel an Zusammenhang und Logik charakterisiert - wie auch andere Produkte der Fantasie eines Volkes -, und nicht einmal Plato erfaßte den Widerspruch von Atlantis im Atlantischen Ozean und den gesamten bewaffneten athenischen Kräften, natürlich in Athen, die zu genau gleicher Zeit untergingen!

Warum ist es ausgerechnet die Armee Athens? Die Erklärung ist auch hier einfach: Der Priester von Saïs sprach mit Solon, dem Athener. Die Athener waren Ionier. Der Priester wußte, daß sich Ägypten seit Generationen auf die ionischen Fußsoldaten (Hopliten) verließ und unter Psammetich I. mit ihrer Hilfe die Unabhängigkeit erlangte. Die Ionier waren also die tapfersten aller Soldaten, daher auch ihr Einsatz gegen die Atlanter.

Die Überlieferung der Herrschaft der Atlanter bis Libyen und Tyrrhenien und die Bedrohung der Griechen und Ägypter, deren Land im Delta sie zu besitzen versuchten [8] ist auch klar. Wir wissen, daß seefahrende Völker Ägypten im Delta angriffen und zum Teil in Seeschlachten vernichtet wurden, wie die Reliefs von Ramses III. von Medinet Habu beweisen. [9] Die Befestigungen der mykenischen Akropolen, von denen schon die Rede war, weisen auf Gefahren hin.

Es ist daher einleuchtend, zu glauben, daß im Sog der Völkerwanderungen des 13. Jahrhunderts v. Chr. wandernde Völker Griechenland angriffen oder anzugreifen versuchten, ehe sie Ägypten erreichten. Geschah dies, so wurden sie ziemlich bestimmt abgewiesen, weil wir keinen Beweis für eine Vernichtung der mykenischen Zivilisation während dieser Periode haben [10] Erschöpft erreichten sie Ägypten; daher stammt wohl auch die ägyptische Überlieferung, daß die Athener die Ägypter gerettet hätten, indem sie die Atlanter überwältigten.

Abb. 6 Ein wahrlich "untergegangenes" Eiland: Die Inselruine von Thera auf einer Satelliten-Aufnahme.

Wir wissen so wenig über die Geschichte des Gebiets der mykenischen Zivilisation, daß diese Überlieferung sehr wohl wahr sein könnte. Eine sehr große Armee aus den westlichsten Mittelmeerländern - Tursa, Shekelesh und Shardana - kann sehr wohl von den mächtigen Dynastien der mykenischen Zivilisation vernichtet worden sein.

Eine Erklärung für die Verlegung der untergegangenen Insel in den Atlantischen Ozean muß erst noch gegeben werden. Zwei Ereignisse helfen uns; erstens die damalige Umsegelung Afrikas unter der Regierung von Necho. Die zurückkehrenden Seeleute müssen die wundervollsten Geschichten mitgebracht haben, wie es ja auch heute noch üblich ist. Andererseits nehme ich an, daß die Priester von Sais von Völkern wußten, die aus dem Mittelmeer heraus Ägypten angriffen; das geht aus den Reliefs von Medinet Habu und aus anderen Quellen hervor. Das waren dann eben die "atlantischen Krieger".

So können die Mythen um Atlantis als historische Überlieferung angesehen werden, die – typisch für die Verzerrung solcher Ereignisse - aus der Verschmelzung verschiedener von einander unanhängigen Episoden entstanden. Die Vernichtung von Thera, begleitet von entsetzlichen Naturkatastrophen, war ein Ereignis in der Ferne, und das gleichzeitige Verschwinden der Kreter aus dem Handel mit Ägypten ließen Mythen von einer Insel entstehen, die über alle Maßen mächtig und reich gewesen war, aber unterging. Die Verlegung von Atlantis in den Atlantik läßt sich mit der Umseglung von Afrika durch die Phönizier erklären. Invasionen von Völkern des zentralen Mittelmeerraumes wurden zu den Invasoren aus Atlantis. Ihre Abweisung durch die Mykener, unterstrichen durch die Tapferkeit der ionischen Hopliten im Dienst der Könige von Saïs, waren die Elemente, aus denen sich der Mythos einer unbesiegbaren athenischen Armee entwickelte.

Der Kern dieser Ereignisse ist in eine einzige historische Legende eingebettet, die Eruption von Thera, und die Zeit liegt bei 1500 v. Chr. Die jüngsten Elemente des Mythos sind etwa um 600 v. Chr. dazugekommen. Neunhundert Jahre wurden so überbrückt, und die Priester von Saïs waren längst im Abgrund der Vergangenheit verschwunden. So kam die unmögliche Chronologie von neuntausend Jahren vor Solons Ära zusammen. Es gab hier zuviel Unmögliches.


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Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Dr. Spyridon Marinatos erschien erstmalig (Datierung unbekannt) unter dem Titel "Zur Legende von Atlantis" in der griechischen Wissenschafts-Zeitschrift Cretica Chronica (Bd. IV, 1950). 1977 übernahm Martin Ebon in seinem Buch "ATLANTIS, THE NEW EVIDENCE" eine englischsprachige Übersetzung des Orginals als Anhang, die später von Leni Sobez für die, im Wilhelm Heyne Verlag erschienene Ausgabe von Ebons Buch ("Atlantis - Neue Beweise", 1978) ins Deutsche übersetzt wurde.

Fußnoten:

  1. Quelle: Ed. Meyer: Geschichte des Altertums, 2, 1, S. 54-55
  2. Ed. Meyer, op. cit. S. 57
  3. Besondere Hinweise sind meiner Meinung nach unnötig. Die Werke von Ed. Meyer und besonders von James H. Breasted (A History of Egypt) genügen.
  4. Einen detaillierten Bericht habe ich veröffentlicht in Antiquity, 1939, S. 425-439
  5. Quelle: Herodot, 7, 11
  6. Quelle: The Critias and Minoan Crete, JHS 33, S. 189 f.
  7. Quelle: Platos Timaios, 25 c-d
  8. Quelle: Timaios, 25 b
  9. Siehe Ed. Meyer: Geschichte des Altertums, 2, 1, Tafel VI. Bossert: Altkreta, 3, Abb. 552
  10. (Notiz von 1969) Nun ist ziemlich klar, daß die mykenische Zivilisation sich wirklich für einige Zeit in Griechenland hielt. Aber die Paläste wurden verbrannt und geplündert, und viele Mykener mußten sich (nach Myc. IIIb) um 1250 v. Chr. auf die Inseln oder in abgelegene Landesteile zurückziehen. Dies schien das Ergebnis einer wütenden, plündernden und katastrophalen, jedoch nur zeitweiligen Invasion zu sein. Es gibt viele historische Parallelen solcher später Invasionen von Barbaren, die verheerend waren wie ein Taifun. (Letztes Buch: V.R. d´ A. Desborough; The Last Mycenaeans and their Successors, Oxford 1964.)

Bild-Quellen:

1) http://www.crystalinks.com/pyrgreece.html
2) http://198.62.75.1/www1/ofm/mad/articles/ills/138AegyptusMap.jpg
3) http://wynkyn.com/atlantis.htm
4) http://people.freenet.de/xxl-faktor/atlantis1.htm (nicht mehr online)
5) http://www.ddg.com/LIS/InfoDesignF97/car/Real1b.htm
6) http://volcano.und.nodak.edu/vwdocs/frequent_questions/grp11/question137.html (nicht mehr online)