Atlantisforschung, Tachylit und die Sache mit dem gebrochenen Telegraphen-Kabel - Teil I

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von Bernhard Beier und Roland M. Horn

Ein transatlantisches Telegraphenkabel wird Teil der Atlantologie-Geschichte

Abb. 1 Diese historische Karte zeigt die Route der, 1858 verlegten, ersten transatlantischen Telegraphen-Linie. Sie erschien in Frank Leslie's Illustrated Newspaper, vom 21. August 1858.

Eines der am meisten kolportierten 'Histörchen' der modernen Atlantisforschung beschäftigt sich mit dem legendär gewordenen Kabel-Bruch einer transatlantischen Telegraphen-Leitung, bei deren Reparatur verschiedene interessante Details zur Beschaffenheit des Meeresbodens im Nord-Atlantik und mögliche Evidenzen für kataklysmische Ereignisse entdeckt worden sein sollen, die sich dort angeblich in erdgeschichtlich rezenter Zeit zugetragen haben.

In seinem, 1939 erschienenen, Buch "Atlantis - Mother of Empires" nahm der Atlantologe Robert B. Stacy-Judd eine kritische Überprüfung der Rezeption dieses Ereignisses in der zeitgenössischen atlantologischen Literatur vor, wobei er zu interessanten Ergebnissen kam. Dazu erfahren wir zunächst, dass das betreffende Vorkommnis u.a. von Lewis Spence in seinem Buch "The Problem of Atlantis" (Erstveröffentl. im Mai 1924) vorgestellt wurde. Dort schrieb Spence auf Seite 38: "Diese Schlussfolgerungen sind in außergewöhnlicher Weise durch frische und überraschende Evidenzen überboten worden, die von den Agenten der Western Union Telegraph Company und anderen gesammelt wurden, und die beweisen, dass das Bett des Ost-Atlantik während der vergangenen fünfundzwanzig Jahre stark alteriert hat."

Auf Seite 205 zitiert er Spence weiter: "Die Resultate kürzlicher Echo-Lotungen durch die Western Union Telegraph Company haben eine Welle der Überraschung durch die zivilisierte Welt gesandt. Ein Schiff, welches dieser Gesellschaft gehört, suchte (im August 1923) nach einem verloren gegangenen Telegraphen-Kabel, das fünfundzwanzig Jahre zuvor verlegt worden war; und die Offiziere der Company fanden zu ihrem Erstaunen, als sie an exakt der Stelle, wo es verlegt worden war, Echo-Lotungen durchführten, dass sich die Oberfläche des Meeresbodens dort während dieses Zeitraums um etwa zweieinviertel Meilen gehoben hatte."

Wie Stacy Judd feststellt, tauchte die Geschichte dann wieder in der Ausgabe des Magazins Current History vom Januar 1934 auf. Dort hieß es in einem Artikel von Richard Clavering unter dem Titel "In Quest of the Lost Atlantis" (S. 444), dass "sich große Bewegungen im Bett des Atlantischen Ozeans ereignet haben und immer noch ereignen, was niemand bezweifeln kann. Wurde doch erst jüngst, im August 1923 ein Schiff von der Western Union Telegraph Company ausgesandt, um nach einem verloren gegangenen Kabel zu suchen, das etwa fünfundzwanzig Jahre zuvor verlegt worden war. Echolotungen wurden exakt an jenem Punkt vorgenommen und enthüllten, dass sich das ozeanische Bett während dieser kurzen Zeit fast zweieinviertel Meilen angehoben hatte."

Dieser Kurzbericht, der auch in vielen anderen Artikeln kolportiert wurde, erschien Stacy Judd so bedeutsam, dass er weitere Recherchen anstellte, um zusätzliche Details in Erfahrung zu bringen: "Doch auf meine schriftliche Anfrage betreffend obiger Reports an den Vorstands-Vorsitzenden der Western Union Telegraph Company erhielt ich eine Antwort, datiert auf den 8. Juli 1936, in der es, auszugsweise, folgendermaßen heißt: >... der Artikel, den Sie erwähnt haben, stammt nicht von dieser Company. Unsere Kabel-Schiffe nehmen im Rahmen ihrer Arbeit zahlreiche Echo-Lotungen vor, haben bisher aber noch nie irgendeine nennenswerte Anhebung des Meeresgrunds in tiefem Wasser entdeckt." [1]

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Abb. 2 Diese Karte des 'Telegraphen-Plateaus' stammt aus Maury's "Physical Geography of the Sea" (Ausgabe von 1869). Darauf eingezeichnet sind die Routen des Atlantik-Kabels von 1858 sowie die eines französischen Kabels, das 1869 vorgeschlagen wurde.

Damit gab sich Stacy Judd aber noch nicht zufrieden: "Um dieses Statement zu bestätigen, stellte ich eine ähnlich formulierte Anfrage an das United States Hydrographic Office des Marine-Ministeriums [orig.: "Navy Department"; d. Ü.], und erhielt zur Antwort einen Brief, datiert auf den 16. Okt. 1936, unterzeichnet von L. R. Leahy, Captain, U.S. Navy, Hydrograph, in der man, im Auszug, lesen kann: >Es gibt im Hydrographic Office keine solchen Aufzeichnungen über ein derartiges Phänomen. Die Berichte über Echolotungen, die [uns] vom Kabelschiff 'Lord Kelvin' der Western Union Telegraph Company und auch von der 'All American' der All American Cables, Ltd. für das Jahr 1923 zugesandt wurden, erwähnen kein solches Phänomen." [2]

Frustriert und - zu Recht - ärgerlich stellte er danach fest: "Wo und wie eine derartige Fehlmeldung aufgekommen ist erscheint rätselhaft, doch es sind solche unfundierten Berichte, die als Evidenzen zur Stützung der Atlantis-Hypothese angeboten werden, die eine ansonsten solide Argumentation diskreditieren." [3] Ganz offenbar handelte es sich bei der Behauptung, es habe sich zwischen 1898 und 1923 eine regionale Anhebung des Meeresbodens in der Größenordnung von zweieinviertel Meilen ereignet, um eine 'Ente', für die wir uns vermutlich bei Lewis Spence zu bedanken haben. Immerhin liefern uns Spence und Clavering mit ihrer Feststellung, das alte Telegraphen-Kabel sei "fünfundzwanzig Jahre zuvor" verlegt worden, noch einen Hinweis für weitere Recherchen. Da die mysteriöse Operation im August 1923 stattgefunden haben soll, müsste es sich also um ein Kabel aus dem Jahr 1898 handeln.


Dem historischen Ereignis auf der Spur

Wenn wir nun einen Blick in die atlantologische Literatur nach Stacy Judd (1939) werfen, stoßen wir tatsächlich auf weitere Erwähnungen eines Kabel-Bruchs im Atlantik, der im Zusammenhang mit der Jahreszahl 1898 erwähnt wird. In Deutschland wurde die 'Kabel-Story' spätestens von Otto Muck (1982-1956) in seinem Buch "Atlantis - Die Welt vor der Sintflut" (1956) bekannt gemacht. Muck, der offenbar auf andere Informationsquellen als Spence zurückgriff, schrieb damals, unter ausdrücklichem Verweis auf das so genannte 'Telegraphen-Plateau': "Dieses hat seinen Namen von einem in der Geschichte der transatlantischen Kabelverlegung historisch gewordenen Ereignis.

Das im Jahr 1898 verlegte Transatlantik-Kabel riß plötzlich auf 49 Grad Nord, 29 Grad westlich von Paris. Die Kabelenden waren anscheinend ins Bodenlose gefallen. Sie mußten mit Tiefseegreifern recht mühsam heraufgeholt werden. Dabei wurden, wie der Zufall es wollte, auch andere Objekte vom Meeresboden mit heraufgebracht; darunter war ein gewichtiger Felsbrocken. Das Fundstück wurde im Pariser Museum deponiert. Fünfzehn Jahre später untersuchte es der damalige Direktor des Ozeanographischen Institutes, Paul [richtig: Pierre-Marie; d.A.] Termier, ein weit über Frankreich hinaus bekannter und geschätzter Gelehrter.

Das Stück war Tachylit von ausgesprochen glasiger Natur. Über die Ergebnisse seiner Untersuchung hat Termier dann in einem Aufsehen erregenden Vortrag >L´Atlantide< - das heißt >Atlantis< - im Ozeanographischen Institut berichtet und darin die folgenden Schlußfolgerungen formuliert: 1. Das Stück ist vulkanischer Herkunft; der Meeresboden ist dort in weitem Umkreise von Lava bedeckt. Im Raum des Telegraphenplateaus müssen somit einstmals sehr starke Vulkanausbrüche stattgefunden haben, bei denen jene Lava ausgeflossen ist, von der das Fundstück stammt.

2. Das Stück ist amorph, glasig und nicht kristallin in seiner Struktur. Es kann nicht im Tiefenwasser, es muß an freier Luft erstarrt sein. Nur ein damals obermeerischer Vulkan kann es ausgeworfen haben. Die Lava, die gewaltige Areale heutigen Meeresbodens bedeckt, stammt aus ehemaligen Landvulkanen. 3. Zugleich mit diesem Ausbruch oder sehr bald danach muß das ganze Gebiet sich um mehr als 2000 Meter abgesenkt haben. Das Stück dokumentiert eine vorzeitliche Katastrophe mitten im Atlantik - dort, wo nach Platon die Insel Atlantis versunken sein soll.

4. Das Stück ist seiner mineralogischen Zuordnung nach, wie erwähnt, ein Tachylit. Tachylite lösen sich binnen 15 000 Jahren im Meerwasser auf. Das Fundstück weist aber scharfe, nicht angefressene Konturen auf. Die durch seine Auffindung indirekt bezeugte Katastrophe im Atlantik müßte sich vor weniger als 15 000 Jahren, also nach 13 000 v. Chr., ereignet haben, wahrscheinlich erheblich später. Dieses Altersmaximum deckt sich überraschend mit Platons summarischer Angabe >9000 Jahre vor Solon<, also um 10 000 v. Chr., und mit dem bisher ermittelten Durchschnittswert geologischer Schätzungen für das Quartärs-Ende." [4]

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Abb. 3 Eine oberseeische Tachylit-Formation. Die buntschillernde, glasig erscheinende Oberfläche legt die Vermutung nahe, dass es sich auch hier um vulkanisches Material handelt, das an freier Luft erstarrt ist.

Wir wollen hier das 'Tachylit-Problem' zurückstellen, das an anderer Stelle ausführlich diskutiert werden soll und uns im Zusammenhang mit der Story vom gebrochenen Telegraphen-Kabel zunächst auf folgende Feststellungen konzentrieren: Muck gibt zwar - ebenso wie Spence - leider keine Quellen für diesen Bericht an, aber - im Gegensatz zu Spence - lässt sich zumindest teilweise feststellen, woher sein Material stammt. Seine Angaben sind nämlich nicht nur aufgrund des Detailreichtums (z.B. genaue Positions-Angaben) größtenteils verifizierbar, sondern er liefert uns mit der Erwähnung Termiers auch einen deutlichen Hinweis auf die Herkunft seiner Informationen. Sowohl der Bruch eines Kabels im Jahr 1898 über dem 'Telegraphen-Plateau' sowie seine Reparatur als auch die Historizität von Termiers Analyse des Tachylit-Brockens steht gänzlich außer Zweifel.

An diesem Punkt unserer Betrachtung sollten wir uns allerdings die Frage stellen, ob nicht der gesamte, von Spence mit dem Ereignis von 1898 in Verbindung gebrachte, Aussagen-Komplex zu einer späteren Expedition lediglich zu den fiktionalen Aspekten in seinem Bericht gehört. Auch bei Muck ist der Sachverhalt nicht eindeutig formuliert, wenn er schreibt: "Das im Jahr 1898 verlegte Transatlantik-Kabel riß plötzlich..." - Riss es Tage, Wochen und Monate nach seiner Verlegung? Riss es - wie Spence nahelegt - erst 23 Jahre, nachdem die Leitung in Betrieb genommen wurde? Oder riss es möglicherweise schon, WÄHREND es verlegt wurde? Um dies herauszufinden, müssen wir nicht lange in der Fach-Literatur suchen.

Fündig werden wir in "Das Atlantis-Rätsel" (orig.: "The Mystery of Atlantis", 1974) von Charles Berlitz. Dort entdecken wir folgenden Kurz-Bericht dazu, der kompatibel mit Muck´s Aussagen ist: "Eine weitere ungewöhnliche Entdeckung war das Zufalls-Ergebnis eines Kabelbruchs. Im Jahr 1898 wurde 750 Kilometer nördlich der Azoren das Transatlantikkabel verlegt. Als es brach, stellte man während der Suche fest, daß der Meeresgrund in diesem Gebiet aus zerklüfteten Gebirgen, Berggipfeln und tiefen Tälern bestand und mehr einer Landschaft über Wasser als dem Boden des Ozeans glich. Enterhaken brachten aus einer Tiefe von 1700 Faden [5] Felsproben herauf, die sich als Tachylit erwiesen, eine glasig ausgebildete, basaltartige Lava, die sich ü b e r Wasser unter atmosphärischem Druck bildet." [6]

Dass der Bruch des Kabels tatsächlich bereits während seiner Verlegung erfolgte, muss spätestens dann deutlich werden, wenn Berlitz wenig später feststellt: "Der Bruch des Transatlantischen Kabels, der zur Jahrhundertwende einen solchen Aufruhr in die Studien über Atlantis brachte, ereignete sich östlich des Altair->sea-mounts<." [7] Damit legt Berlitz auch weitere Detail-Informationen vor, die bei Muck (dessen Arbeit ihm bekannt war) nicht erwähnt werden. [8] Es ist bedauerlich, dass Berlitz, wie Muck, keine Quellenangaben gemacht hat, da er – neben Termier als gemeinsamem Informationsgeber - scheinbar auch über andere Informationen verfügte als sein Kollege aus Österreich.

Einen kurzen Bemerkung zu Termier als wichtigem Chronisten des zur Diskussion stehenden Kabelbruchs liefert uns auch der gewissenhafte Atlantologie-Kritiker Willam H. Babcock (vergl. dazu 'Atlantis' von Willam H. Babcock). In seiner Abhandlung "Legendary Islands of The Atlantic - A Study in Medieval Geography" stellt er fest: "Termier erwähnt, was er als äußerst signifikante Indikation erachtet, einen Punkt 500 Meilen nördlich der Azoren in einer Tiefe von 1700 Faden, wo die Greif-Eisen eines Kabelleger-Schiffes mehrere Tage lang über eine gebirgige Oberfläche von Gipfeln und Spitzen schleiften, wobei sie "kleine Mineral-Splitter" nach oben holten, die offensichtlich >von blankem Fels abgelöst waren, einem scharfkantigen und gratigen Vorsprung<." [9]

Inhaltlich erfahren wir aus diesem kurzen Verweis zwar keine Neuigkeiten; allerdings erschien Babcocks Buch schon im Jahr 1922 und die Erstveröffentlichung von Termiers Studie 'L´Atlantide' erfolgte bereits im Jahr 1912. Damit wird endgültig klar: die von Spence aufgebrachte Datierung für die Behebung dieses Kabel-Bruch (1923) ist entweder fiktional (worauf einiges hindeutet), oder sie muss sich auf ein späteres Ereignis beziehen, auf das wir in der Literatur allerdings nicht den geringsten Hinweis finden.

Weitere Teile unseres unseres Puzzles erhalten wir, wenn wir einen Blick in die von Egerton Sykes überarbeitete Neufassung von Ignatius Donnelly´s "Atlantis, the Antediluvian World" aus dem Jahr 1970 werfen, wo Sykes ebenfalls Bezug auf Termier nimmt. Bei ihm heiß es über das Modell einer azorischen Groß-Insel: "Eine Bestätigung erfährt diese Theorie, und auch jene über weit verbreitete vulkanische Eruptionen, die in Kapitel 4 erwähnt werden, liefert die Entdeckung von Tachylit-Fragmenten im Jahr 1898, fünfhundert Meilen nördlich der Azoren, in einer in einer Tiefe von 1500 Faden, durch ein französisches [aha!; d.A.] Kabelleger-Schiff. Diese glasige Lava [...] kann nur an der Luft geformt worden sein - Lava, die sich unter Wasser formt, hat eine andere kristalline Struktur - und [muss sich], aufgrund ihrer spezifischen Natur, unmittelbar nach ihrer Verfestigung im Wasser abgekühlt haben. Diese Angelegenheit ist ausgiebig von dem wohlbekannten französischen Wissenschaftler Pierre Termier [10] und anderen [11] diskutiert worden.

Der deutsche Geologe Otto Wilkins [12] geht davon aus, dass dieses Gebiet, und auch dasjenige des Northwest-afrikanischen Schelfs, in der quartären Epoche ein Schauplatz bemerkenswerter vulkanischer Aktivität gewesen sein muss. Da Tachylite sich in weniger 15 000 Jahren zersetzen, steht zu bedenken, dass der Meeresboden, wo die Fragmente - welche nun im Pariser Museum befinden - aufgesammelt wurden, sich innerhalb jener Periode oberhalb des Wasser-Pegels befunden haben muss, welche der atlantinischen Katastrophe vor 13 000 Jahren entsprach.

Es hat unzählige Meinungs-Streitigkeiten zwischen amerikanischen und europäischen Denk-Schulen darüber gegeben, ob Atlantis im Atlantik existiert haben könnte. Die Lament-Schule, angesiedelt an der Columbia University in New York, vertritt die Auffassung, dass, während jeder andere Ozean in Form und Konfiguration alteriert haben könne, solche Möglichkeiten für den Atlantik nicht anwendbar seien. Dr. N. Th. Zhirov legte die wesentlichen Streitpunkte auf diesem Feld zwischen den Vereinigten Staaten und Europa in einem Artikel mit dem Titel 'Stagnation in Oceanography' [13] dar, auf den bisher noch keine zufriedenstellende Entgegnung geschrieben wurde." [14]

Wir haben auch hier wieder solche Passagen in das Zitat einbezogen, die nicht direkt mit der Kabel-Bergung von 1898, sondern mit dem geologischen und ozeanographischen Diskurs (vergl: Der geologische Streit um den versunkenen "Kleinkontinent" im Atlantik) um die These des 'Azoren-Atlantis' (vergl. auch: Atlantis auf den Azoren? von Andrew Collins) zu tun haben. Sie verdeutlichen jedoch im Gesamt-Zusammenhang, dass Spence´s Fehlinformationen zu dieser Angelegenheit in der 'Atlantologic community' keinen nachhaltigen Eindruck hinterließen. Dazu mag nicht zuletzt auch Stacy Judd´s Kritik beigetragen haben.

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Abb. 4 Diese Karte des Nordatlantik der Anglo-American Telegraph Company stammt aus dem Jahr 1880.

Jedenfalls taucht Spence´s Behauptung, der ostatlantische Meeresboden habe sich im frühen 20. Jahrhundert - zumindest partiell - um mehr als zwei Meilen gehoben, nach 1939 in der Fachliteratur nicht mehr auf, sondern spätere Berichte (Muck, Berlitz, Sykes) stimmen inhaltlich mit Termier´s und Babcock´s´Berichterstattung überein. Weitere Adaptionen - mit und ohne Angabe von Muck als Quelle - finden sich im deutssprachigen Raum z.B. bei Manfred Hocke (1913 - 1995) in "Das Problem "Atlantis" - Betrachtungen aus der Sicht der Naturwissenschaften und der Mythologie" (1978) und bei Roland M. Horn (der sich explizit auf Muck bezieht) in "Das Erbe von Atlantis - Die geheimen Vermächtnisse einer längst vergangenen Kultur" (2001).

Der historische Kabel-Bruch von 1898 muss immerhin konkrete Gründe gehabt haben. Eine der naheliegendsten Vermutungen dazu stellt tatsächlich eine signifikante, regionale Niveau-Veränderung des Meeresbodens dar, wobei Muck allerdings keine Anhebung, sondern ein ABSINKEN nahelegt. ("Die Kabelenden waren anscheinend ins Bodenlose gefallen.") Da das gerissene Kabel nach Termier jedoch nicht aus "bodenlosen" Abgründen, sondern aus 1700 Faden Tiefe geborgen wurde, kann sich dieses mögliche Absinken keineswegs in einer Größenordnung von Kilometern oder Meilen abgespielt haben.

Im übrigen verneinten damals, wie selbst der kritische Stacy-Judd anmerkt, die von ihm angeschriebenen Fachleute keineswegs die grundsätzliche Möglichkeit eines Ansteigens und Absinkens der Meeres-Böden. So erfuhr er in seiner Korrespondenz mit der Western Union Telegraph Company: "Es ist unsere Erfahrung, dass in der Vergangenheit mangelhafte Echo-Lotungen gemacht wurden, die mit heutigen verglichen werden müssen, um genau zu bestimmen, ob es einen merkliche Anhebung des Meeresbodens gegeben hat, oder ob nicht." [15]

Fassen wir zusammen, über welche untersuchungsfähigen Eckdaten zu der Verlegung und Reparatur unseres Transatlantik-Kabels wir nun verfügen: 1. sie soll im Jahr 1898 stattgefunden haben (Muck, 1956; Sykes 1970; Berlitz, 1974); 2. sie wurde nicht von einem amerikanischen, sondern von einem französischen Schiff (Sykes, 1970) durchgeführt; 3. Zur geographischen Lokalisierung des beschriebenen Kabel-Bruchs liegen folgende Angaben vor: er erfolgte a) "auf 49 Grad Nord, 29 Grad westlich von Paris" (Muck, 1956) und "östlich des Altair->seamounts<." (Berlitz, 1974); b) das betreffende Kabel war "500 Kilometer" (Babcock, 1922) oder "750 Kilometer" (Berlitz, 1974) nördlich der Azoren verlegt worden; c) Die Wassertiefe, aus welcher das gebrochene Kabel geborgen wurde, lag bei etwa 1500 Faden (= 2743,3 m; Berlitz, 1974) oder 1700 Faden (= 3108,96 m; Babcock, 1925)


Fortsetzung:

II. Teil: Exkurs zur Geschichte der transatlantischen Telegraphie


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Robert B. Stacy-Judd, "Atlantis - Mother of Empires", org. 1939; zitiert n. Neuauflage: Adventures Unlimited Press, Kempton, Illinois/USA, (March) 1999, S. 48
  2. Quelle: ebd.
  3. Quelle: ebd.
  4. Quelle: [[|Otto Muck]], "Alles über Atlantis", Knaur (München/Zürich) 1976, S. 165, 166 (Text ist identisch mit dem der Original-Ausgabe: "Atlantis - Die Welt vor der Sintflut" von 1956)
  5. Anmerkung: Ein englischer Faden (Fathom) = 1,8288 m (Quelle: BROCKHAUS` KONVERSATIONSLEXIKON, Leipzig, 1908)
  6. Quelle: Charles Berlitz, "Das Atlantis-Rätsel", Paul Zsolnay Verlag (Wien/Hamburg) 1976, S. 74
  7. Quelle: ebd., S. 76
  8. Anmerkung: In "Without a Trace", 1977 unter dem Titel "Spurlos: Neues aus dem Bermuda-Dreieck" im Verlag Paul Zsolnay, Wien, erschienen, griff Charles Berlitz den Sachverhalt noch einmal auf: "Bodenproben oder sogenannte 'Kerne' in der Nähe der Azoren weit draußen im Atlantik erbrachten ebenfalls Resultate, die auf ein starkes Ansteigen des Wasserspiegels oder ein Absinken der ehemaligen Landgebiete schließen lassen, und zwar besonders die vom Meeresboden heraufgeholten Proben von Tachylit, einer glasig ausgebildeten basaltartigen Lava, die man erstmals 1898 anläßlich der Reparatur des Transatlantik-Kabels fand und erneut 1969 durch eine sowjetische ozeanographische Forschungsexpedition. Die Bedeutung der Tachylit-Funde beruht auf der Tatsache, daß diese basaltartige Lava sich nur bei Abkühlung über Wasser glasig ausbildet, ansonsten jedoch kristallin. In beiden Fällen wurden die Funde auf ein Alter von ungefähr 15 000 Jahren datiert. Außerdem legen 'Kerne', die dem Meeresboden bei den Azoren entnommen wurden, in überzeugender Weise die Vermutung nahe, daß das zutage geförderte Gestein über dem Meeresspiegel komprimiert wurde." (Vergl.: Das Bermuda-Dreieck und Atlantis von Charles Berlitz)
  9. Quelle: Willam H. Babcock, "Legendary Islands of The Atlantic - A Study in Medieval Geography, Kapitel II, S. 11-33, das 1922, American Geographical Society, 1922 veröffentlicht wurde. Bei Atlantisforschung.de als deutschsprachige Erstveröffentlichung in einer gekürzten und illustrierten Online-Fassung unter dem Titel: 'Atlantis'; Übersetzung ins Deutsche nach der Ausgabe der University Press of the Pacific, die 2002 erschienen ist.
  10. Siehe: Pierre-Marie Termier, "L'Atlantide", im Bulletin Institut Oceanographique, Monaco 1912 (englischer Text im Smithsonian Report für 1915); Les Oceans a trovers les Ages (Monaco, 1924); A la Gloire de Terre (Paris 1924); La Derivee des Continents, Paris 1924 (englisch-sprachiger Text im Smithsonian Report für 1924, pp. 219-236) [nach Donnelly / Sykes, 1970, S. 332]
  11. Siehe: Eduard Suess, "Das Anlitz der Erde" (Wien, 1894) sowie "Are Ocean Depths Permanent?", Natural Science, 1893, vol. 2 [nach Donnelly / Sykes, 1970, S. 333]
  12. Siehe: Otto Wilkins, "Atlantis" (Leipzig, 1913) (erwähnt in: A. Bessmertny, "L'Atlantide", Paris 1925 [nach Donnelly / Sykes, 1970, S. 333]
  13. Siehe: Dr. N. Th. Zhirov, "Stagnation in Oceanography", New World Antiquity, Vol. 7, 1960 [nach Donnelly / Sykes, 1970, S. 333]
  14. Quelle: Ignatius Donnelly, "Atlantis - The ante diluvian world", A new and revised Edition by Egerton Sykes, Sidwig and Jackson LTD, London 1970, S. 40, 41
  15. Robert B. Stacy-Judd, "Atlantis - Mother of Empires", org. 1939; zitiert n. Neuauflage: Adventures Unlimited Press, Kempton, Illinois/USA, (March) 1999, S. 48

Bild-Quellen:

1) History of the Atlantic Cable & Undersea Communications from the first submarine cable of 1850 to the worldwide fiber optic network, unter: http://www.atlantic-cable.com/Article/1858Leslies/0821f_small.jpg
2) ebd., unter: http://www.atlantic-cable.com/Maps/
3) School of GeoSciences (Science and Engineering at The University of Edinburgh), unter: http://www.geos.ed.ac.uk/.../field/mull98/tachylit.jpg (Bild dort nicht mehr online; Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
4) History of the Atlantic Cable & Undersea Communications from the first submarine cable of 1850 to the worldwide fiber optic network, unter: http://www.atlantic-cable.com/Maps/