Col. James Churchward und das versunkene Mu

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Abb. 1 Diese Original-Skizze aus dem Jahr 1927 zeigt den versunkenen Kontinent Mu nach J. Churchward. Geographisch soll Mu also weiter im Osten gelegen haben als das klassische Lemuria der Theosophen.

(bb) Das Werk des Briten Colonel James Churchward (1851-1936) gehört eindeutig zu den Grenzfällen zwischen alternativ-historischer und esoterischer Beschäftigung mit dem "pazifischen Atlantis" (siehe dazu auch: 'Mu' - James Churchward und das Atlantis des Pazifik von Lyon Sprague de Camp). Churchwards Mu war eine kontinentale, zentralpazifische Landmasse, die vor etwa 13 000 Jahren bei dem globalen Kataklysmus untergegangen sein soll, der auch Atlantis ein Ende bereitete. Bei näherer Betrachtung erweist sich Churchwards, über lange Jahre hinweg betriebene, Forschung leider in vielen Bereichen als wenig beispielhaft für eine mustergültige, grenzwissenschaftliche Arbeit.

Vieles, was uns Churchward in seinen Veröffentlichungen präsentiert hat, ist wenig glaubwürdig oder letztlich nicht überprüfbar, seine Argumentation war häufig äußerst mangelhaft, und manches, was er von sich gab, fällt in den Bereich okkulter Spekulation. So schreibt J.B. Hare bei SACRED TEXTS: "Churchwards Mu-Theorie hat nicht einmal ihm Ansatz die Glaubwürdigkeit von Atlantis. Zum einen ist seine wissenschaftliche [Grundlage] absurd. Der Pazifik scheint seit Milliarden [sic!; bb] von Jahren frei von irgendwelchen großen Landmassen gewesen zu sein.

Tatsächlich könnte das Pazifik-Becken die Stelle markieren, wo der Mond aus der Proto-Erde gerissen wurde [sic!; bb]. Die Korallen-Atolle, welche den Pazifik überziehen, hatte Millionen von Jahren Zeit, sich ungestört zu entwickeln. Und der Pazifik-Raum war eines der letzten Gebiete auf dem Planeten, die von Menschen besiedelt wurden; dies ist durch linguistische Evidenzen, und die wohldokumentierten mündlichen Überlieferungen bewiesen, welche die Geschichte der polynesischen Migrationen beschreiben." [1]

Abb. 2 Colonel James Churchward (1851-1936) entwickelte das Konzept des versunkenen Kontinents "Mu".

Halten wir fest, dass auch Hare´s Argumente z.T. nicht hieb- und stichfest sind. So dürfte die Frage nach der Entstehung des Mondes und den Gegebenheiten auf einem Proto-Globus wenig damit zu tun haben, ob vor weniger als 100 000 Jahren im Pazifik-Raum BEDEUTENDE Landmassen über dem damaligen Meeresspiegel lagen. Die erwähnten "wohldokumentierten mündlichen Überlieferungen" beschreiben zudem Migrationen, die sich in einem - für Anthropologen - überschaubaren, historischen Zeitraum vor der Entdeckung des Pazifik durch die Europäer ereignet haben. Die Historizität nativer Überlieferungen, die Relikt-Wissen aus älteren Perioden beinhalten, wird von Fachwissenschaftlern in aller Regel nicht anerkannt (vergl. dazu: Beringstraßen-Theorie und indianische Überlieferungen von Itztli Ehecatl).

Dabei stehen die "gesicherten Erkenntnisse" der Anthropologen und Archäologen häufig im Widerspruch zu denen anderer Fachwissenschaften, und inzwischen sind die konventionellen Deutungs-Muster zur Besiedlung Amerikas (vergl.: Farewell, Clovis! - Vom langsamen Sterben eines Paradigma) und des polynesischen Pazifik (vergl.: Peter Marsh´s Szenario zur Besiedlung des Pazifikraums) massiv diskreditiert. Ob die von Hare bemühten "linguistische[n] Evidenzen" TATSÄCHLICH den Schluss zulassen, der Pazifik-Raum gehöre zu den letzten vom Menschen Gebieten des Globus, lassen wir dahingestellt, da er keine konkreten Beispiele nennt. GENETISCHE Evidenzen scheinen jedenfalls das Gegenteil anzudeuten.

Bedeutsamer und relevanter sind mit Sicherheit Hare´s formale und methodologische Bedenken gegen Churchward´s Arbeit: "Es ist der Sache wenig dienlich, dass in Churchward´s Büchern Appendices mit Fußnoten oder Bibliographie weitgehend fehlen, und dass sein wesentliches Quellen-Material nicht unabhängig bestätigt werden kann. In seiner Mu-Monomanie benutzt er Zirkelschlüsse und Tautologien. Oft macht er verblüffende Aussagen, und springt dann auf einen völlig anderen gedanklichen Zug auf, ohne sie zuvor belegt zu haben. Bei anderen Gelegenheiten schreibt er sachlich über, sagen wir einmal, ägyptische Mythologie, ohne dass der Leser den geringsten Hinweis darauf bekommt, was dies im Zusammenhang mit Mu beweisen soll. Der Leser wird durch dieses intellektuelle Versteck-Spiel gleichermaßen unterhalten wie irritiert." [2]

Abb. 3 Skizze einer angeblich uralten Stein-Tafel aus Indien, die nach James Churchward mit Symbolen der fast vergessenen, muvanischen Schrift-Sprache "Naacal" versehen war.

Immerhin darf Churchward nicht nur für sich in Anspruch nehmen, den Namen "Mu" in esoterisch und auch alternativ-historisch interessierten Kreisen der westlichen Welt bekannt gemacht zu haben; im Vergleich zu der ideologischen Lemuria-Rezeption der Theosophen und ihrer Epigonen wirkt sein alternativ-prähistorisches Szenario für den pazifischen Großraum fast bodenständig. Trotz aller Schwächen ist es Wert, näher betrachtet zu werden. Im Gegensatz zu den Lemuria-Phantasien echter "Okkultisten" findet sich bei Churchward nämlich einiges, was aus Sicht heutiger Primhistorik vom Kopf auf die Füße gestellt werden kann.

Churchward interessierte sich schon als junger Mann für alte und geheimnisvolle Sprachen. Als britischer Armee-Offizier kam er nach Indien, wo er angeblich die Bekanntschaft eines Hindu-Priesters ("Rishi") machte, mit dem er sich anfreundete. Dieser Rishi soll Churchward dann uralte Tafeln zugänglich gemacht haben, die in "Naacal", einer fast vergessene Sprache aus ferner Vergangenheit beschriftet waren. Außerdem soll er den Colonel diese Schrift-Sprache gelehrt haben, sodass dieser den Inhalt der Tafeln entziffern konnte. Auf diese Weise will Churchward erstmals von der Existenz einer weit prähistorischen Zivilisation erfahren haben, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigen sollte.

Die Authentizität dieser Angaben ist allerdings weitgehend ungesichert, und auch Churchwards Kompetenz als Epigraphiker [3] bleibt zweifelhaft. Nach Sprague de Camp war er jedenfalls "von einer Lieblingsvorstellung der Okkultisten besessen: daß es vor Zeiten einmal eine universale Geheimsprache gegeben habe, in der unsere Altvorderen ihr geheimes Wissen weitergegeben hatten. Eine intuitiv begabte Person könne, wenn sie nur lange genug auf alte Zeichensymbole starre, deren Bedeutung herauslesen und auf diese Weise vergessene historische Tatsachen ans Licht bringen." [4]


Churchwards Quellen zum >verlorenen Kontinent Mu<

Abb. 4 Eine weitere Abbildung angeblicher Schriftzeichen und Symbole von Mu, auf die James Churchward bei seiner Spurensuche in Indien und Mittelamerika gestoßen sein will.

Nach Beendigung seiner dreißigjährigen Militär-Laufbahn widmete sich Churchward ganz seinen mehr oder auch weniger empirischen Forschungen und unternahm eingehende Studien der Maya in Yucatan, denn nicht nur in Indien, sondern auch in Mittelamerika vermutete er Spuren der von ihm angenommenen Ur-Kultur. So war er der Auffassung, dass einige Steintafeln, die der US-amerikanische Archäologe William Niven 1911 bei Mexico-City ausgegraben hatte (vergl. dazu: Ein alternatives Bild der Vorgeschichte von Dr. Horst Friedrich), Informationen aus der Zeit der Muvaner enthielten. Auch ein überkommener Maya-Text, der Codex Troano [5], hatte es ihm angetan. Einer dubiosen "Übersetzung" dieses Codex war zu entnehmen, dass einst ein Land namens "Mu" im Meer versunken sein soll.

Unter anderem wird darin angeblich der Kataklysmus (Abb. 5) geschildert, der dieses mythische Land vernichtet haben soll: "Im 6. Jahre Kau, am 11. Muluk im Monat Zac, fanden schrecklich gehobene Erdbeben statt, die ohne Unterbrechung bis zum 13. Chuen andauerten, das Land von Mu war das Opfer; es wurde zwei mal emporgehoben, und plötzlich war es über Nacht verschwunden: das Meer wurde fortwährend durch vulkanische Gewalten aufgewühlt. [...] Unfähig, den gewaltigen Zuckungen gegenüber stand zu halten, versanken sie mit ihren 64 Millionen Einwohnern 8060 Jahre vor der Abfassung dieses Buches." [6]

Diese, freilich ungesicherte Übersetzung eines französischen Gelehrten, des Physikers und Maya-Forschers Augustus Le Plongeon (1826-1908), beruht ursprünglich auf den Bemühungen eines Mannes, der sich bereits etwa 300 Jahre zuvor mit Entzifferung der Maya-Schrift beschäftigt hatte: Diego de Landa. L. Sprague de Camp bemerkte zu de Landas Aktivitäten: "Dieser spanische Mönch, der mit den Conquistadores nach Amerika kam, war der erste Prior des Klosters von Izmal und wurde schließlich Bischof von Yucatán.

Abb. 5 "Im 6. Jahre Kau, am 11. Muluk im Monat Zac, fanden schrecklich gehobene Erdbeben statt, die ohne Unterbrechung bis zum 13. Chuen andauerten". Schildert eine Passage aus dem Codex Troanus den Untergang von "Mu"? (Bild aus: Atlantis - Mother of Empires by Robert B. Stacy-Judd)

Die Maya-Indianer, über die er gebot, besaßen eine beachtliche Literatur. Diese war in Büchern aus langen Streifen primitiven Papiers aufgezeichnet, die im Zickzack gefaltet und in hölzerne Buchdeckel gebunden waren. Sie berichtete von der Geschichte des Landes, von Astronomie und anderen Dingen. Landa, entschlossen, >heidnische< Kultur auszurotten und die christlich-europäische Kultur einzuführen, ließ ab 1562 die Bücher, die aufzufinden waren, verbrennen.

Er schrieb dazu: >Wir fanden eine große Anzahl von Büchern dieser Art. Da sie nichts wie Aberglauben und Teufelswerk enthielten, verbrannten wir sie sämtlich, was die Leute in erstaunlicher Weise bedauerten und was ihnen viel Kummer zu bereiten schien." L. Sprague de Camps Kommentar: "Wegen dieses Vandalismus wurde Landa von einigen seiner spanischen Amtsbrüder kritisiert; von Wissenschaftlern wurde er seitdem wohl mehr als einmal zur Hölle gewünscht." [7] (Der Verfasser der vorliegenden Betrachtung schließt sich diesen guten Wünschen ausdrücklich an!)

Später begann sich Landa zwar für die Kultur und den Ursprung [8] der Maya zu interessieren, aber seine Versuche dem Geheimnis ihrer Schrift [9] auf die Spur zu kommen, waren nur von sehr begrenztem Erfolg gekrönt. "Offenbar war sein Vorgehen derart, einen literarisch gebildeten Maya zu sich zu zitieren, zu erklären, was er wollte, und diesen anzuherrschen: >Que es A?<. Der Arme, zweifellos zitternd vor Angst, als Ketzer verbrannt zu werden, nahm wohl an, der schreckeinflößende Alte frage nach dem Zeichen für a a c, >Schildkröte<, und zeichnete das Symbol dafür, nämlich den Kopf einer Schildkröte.

>Que es B?< Nun bedeutet b e in der Maya-Sprache >Straße<, also zeichnete der Maya das Symbol für >Straße< [...] Und so ging es weiter durch das Alphabet, bis Landa 27 Zeichen und verbindende Begriffe zusammen hatte. Die meisten davon entsprachen aber nicht der Bedeutung, die er ihnen gab. Zudem stellte er - dies allerdings korrekt - die Zahlen der Mayas zusammen." [10]

Selbst dieses fragmentarische Wissen über die Schrift der Maya ging nach Landas Tod wieder verloren, "da die katholischen Geistlichkeit ihre Kampagne gegen die Literatur der Eingeborenen fortsetzte und diese es vorzogen, das leichtere lateinische Alphabet anzuwenden". [11] Niemand war in den folgenden Jahrhunderten in der Lage, die wenigen alten Texte zu entziffern, die den Autodafés entgangen waren, bis 1864 der Abbé Charles Étienne Brasseur, genannt >de Bourbourg< (1814-1874), eine gekürzte Abschrift von Landas "Relación" entdeckte. Umgehend versuchte er sich an einer Übersetzung des Troano-Codex.

Abb. 6 Der Codex Troanus wurde von zahlreichen Autoren als Quelle der Überlieferung von Mu betrachtet.

"Was herauskam", schreibt Sprague de Camp, "war die zusammenhanglose Beschreibung einer vulkanischen Katastrophe, welche folgendermaßen begann: >Er ist der Herr der sich emporhebenden Erde, der Herr der Flaschenkürbisse, die Erde hob sich über dem lohfarbenen Tier (dort, wo alles von den Fluten verschlungen wurde). Er ist der Herr der sich emporhebenden Erde, der ohne jedes Maß schwellenden Erde, er, der Herr ... des Wassers."

Bei seiner "Entschlüsselung" des Maya-Manuskripts stieß er auch auf ein häufig vorkommendes Glyphen-Paar, dessen linkes "Zeichen eine leichte Ähnlichkeit (aber nur eine leichte) mit Landas >M< aufweist und das andere mit dessen >U<. In einer kühnen Schlussfolgerung unterstellte Brasseur, daß dies beiden Symbole den Namen des bei einer Katastrophe untergegangenen Landes ergäben: Mu." [12]

Durch die späteren Forschungen von Förstemann, Bowditch und Morley wurden Landas Alphabet und Brasseur de Bourbourgs Übersetzung zwar einigermaßen entzaubert, trotzdem wurden sie gerade unter Atlantisforschern - z.B. von Ignatius Donnelly - aufgegriffen und kolportiert. Auch Donnellys Zeitgenosse Augustus Le Plongeon, dessen Version vom Untergang Mu´s wir oben bereits kurz vorgestellt haben, widmete sich leidenschaftlich diesem Thema. "Nach der Troano-Codex-Übersetzung Brasseurs und einigen Wandbildern, die er in den Ruinen der Maya-Stadt Chichén-Itzá gefunden hatte, konstruierte [er; ...] die romantische Geschichte von der Rivalität zwischen dem Prinzen Coh (>Puma<) und Aac (>Schildkröte<), die um die Hand ihrer Schwester Móo oder Mu, Königin von Atlantis, anhielten.

Abb. 7 Eine muvanische Galeere, vermutl. nach Augustus Le Plongeon (aus: Tony Earll, "Mu Revealed", 1970).

Coh trug den Sieg davon, wurde aber von Aac ermordet, der Móos Reich eroberte. Beim Untergang des Kontinents floh Móo nach Ägypten, wo sie die Sphinx von Gizeh in Erinnerung an ihren Ehemann und Bruder errichten ließ und als Isis die ägyptische Zivilisation begründete. [...] Andere Mu-Bewohner hatten sich derweilen in Amerika angesiedelt - ihre Nachfahren sind die Maya." [13]

Zudem führte Le Plongeon "die Freimaurerei und das Metrische System auf die Maya zurück, hielt Mme. Blavatskys fantastisches BUCH DES DYZAN [vergl. dazu: Die Theosophen und Lemuria; d. Red.] allen Ernstes für >ein altes Sanskrit-Buch<, behauptete, daß das griechische Alphabet in Wirklichkeit eine Maya-Dichtung sei, die vom Untergang Mus erzähle, und veröffentlichte ein Foto mit einem Leoparden der Alten Welt, den er als Beispiel für die zentralamerikanische Fauna ausgab." [14]

Damit nicht genug. Auch Paul Schliemann (siehe: Paul Schliemann - das Phantom der Atlantisforschung) trug mit einem "mythischen" Text zu Churchwards Mu-Epos bei. Eine "uralte Tempel-Inschrift", auf die der angebliche Enkel Heinrich Schliemanns, des Entdeckers von Troja (siehe auch: Das Dokument: Heinrich Schliemanns "Testament"), im tibetanischen Lhasa gestoßen sein wollte, lautete: "Als Baals Stern auf die Stelle fiel, an der heute nur noch Wasser und Himmel sind, erzitterten die sieben Städte, und ihre goldenen Türme und ihre durchsichtigen Tempel tanzten wie Blätter im Sturmwind. Aus den Palästen ergoß sich ein dampfender Feuerstrom. Und das Geschrei der Sterbenden und das Wehklagen der Menge erfüllte die Luft.

Abb. 8 Churchward's Weltkarte zeigt, wie sich die Überlebenden Muvaner nach dem Kataklymus über Südamerika und entlang der Küsten von Atlantis bis nach Afrika verbreitet haben sollen.

Das Volk suchte Zuflucht in den Tempeln und Zitadellen. Da erhob sich der Weise Mu, der Hohepriester Ra-Mus, und sprach: Habe ich es euch nicht vorhergesagt? Die Männer und Frauen, in ihre kostbarsten Gewänder gehüllt und mit Juwelen behangen, aber flehten: Mu, rette uns! Mu jedoch antwortete: Ihr werdet verderben samt euren Sklaven und Schätzen. Aus eurer Asche werden neue Völker entstehen.

Und sollten diese Völker je vergessen, daß sie die materiellen Dinge beherrschen müssen, nicht nur um daran zu wachsen, sondern auch, um nicht daran kleiner zu werden, wird sie dasselbe Schicksal ereilen wie euch. Die Flammen und der Rauch erstickten Mus Worte. Land und Leute wurden zerstückelt und vom Abgrund verschlungen." [15]

Wie schon der französische Alternativ- und Primhistoriker Robert Charroux Mitte der 1970er Jahre bedauernd dazu feststellte, hat "leider [...] diesen Text, wie die Tafeln des Obersten Churchward, außer Dr. Schliemann kein Mensch gesehen." [16] Trotzdem wurde dieses Fragment - zusammen mit dem Troano-Fragment - zu einem der "meistdisputierten Texte [...] der ganzen Geschichte atlantischer Forschung", wie der charismatische Doyen der nonkonformistischen Atlantologie, der Brite Egerton Sykes (1894-1983), dazu bemerkte.


Mu - ein irdisches Paradies im Pazifik?

Im Gegensatz zu den meisten Interpreten seiner Zeit, die - wie Ignatius Donnelly und Augustus Le Plongeon - diese Schilderung mit den Untergang von Atlantis im Osten Mexikos gleichsetzten, verlegte Churchward diese Katastrophe in den Pazifik. Sein Mu "war nicht [...] das selbe wie das riesige transkontinentale Lemuria der Theosophen, doch ein wesentlicher Teil davon, wobei es sich von Osten nach Westen sechstausend Meilen, dreitausend von Norden nach Süden, über den Ozean hinzog." [17] Mit anderen Worten (denen Sprague de Camps) ging auch Churchward davon aus, "daß Mu [...] sich von den Hawaii- bis zu den Fidschi-Inseln und von den Oster-Inseln bis zu den Marianen erstreckte"; und, wie bissig hinzugefügt wird: "Es war flach (denn die Berge waren damals noch nicht "erfunden") und von üppiger tropischer Vegetation bedeckt." [18]

Abb. 9 Churchward und zahlreiche andere Autoren haben den Statuen auf der Oster-Insel einen lemurischen oder muvanischen Ursprung zugeschrieben. (Bild: Stich von Comte de La Perouse, Relation d'un Voyage, 1798)

Die Sichtung von Maya-Hinterlassenschaften durch Churchward soll aber noch weitere Details über die muvanische Urkultur erbracht haben. Er "untersuchte auch 2500 Steinobejkte aus Mexiko und meinte so, den Kontinent Mu relativ genau beschreiben zu können. So sagte er, dass sich die Bewohner aus 10 Volksstämmen zusammengesetzt hatten, die eine gemeinsame Regierung und einen Kaiser hatten, den Ra Mu. Auf dem ausgedehnten Kontinent erstreckten sich Ebenen mit fruchtbaren Weiden und bestellten Feldern. [...] Es gab Flüsse und bewaldete Hügel, bunte Schmetterlinge und Kolibris, Mastodonten und Elefanten." [19]

Tatsächlich erscheint Churchwards Mu als das typisch esoterische 'Paradies auf Erden': "Churchward nahm für Mu diejenige Art exaltierter Attribute in Anspruch, die andere für Atlantis reklamiert hatten. Tatsächlich sei Mu, nicht Donnellys Atlantis, der [irdische] Garten Eden gewesen, und die erste, >höchste und älteste Zivilisation, welche die Welt gekannt hat.<" [20] Über die Muvaner heißt es zudem bei www.hagzissa.de: "Die Menschen sollen ungeheuer schön gewesen sein, mit großen, sanften und dunklen Augen und glatten, schwarzen Haaren.

An kühlen Abenden vergnügten sich geschmückte Männer und Frauen auf eleganten Luxusschiffen; sie genossen ihr Leben. Aber alles Schöne muß einmal enden. Im Süden Mus kam es plötzlich zu heftigen Erdbeben und Vulkanausbrüchen, die viele Städte zerstörten. Sturmfluten überschwemmten das Land. Zwar bauten die Überlebenden ihre Häuser immer wieder auf, aber die ultimative Katastrophe bahnte sich an, kam unweigerlich immer näher." [21]

Welche Ursachen könnten einen derart starken Vulkanismus ausgelöst haben? Was bewirkte die tektonischen Störungen, die den zentral-pazifischen Kontinent nach und nach zerstückelt und seine Bewohner in Mitleidenschaft gezogen haben sollen? Churchward ging von einem globalen Netz riesiger, mit Gas gefüllter Hohlräume im Erdinnern aus, deren Zusammenbrüche ein großflächiges Absacken von Landmassen, zum Teil gefolgt durch Überflutung, nach sich gezogen haben sollen.

Dieses Hohlraum-System war angeblich im Verlauf der Jahrtausende immer instabiler geworden. Dann, "vor 13 000 Jahren, brachen die >Gas-Gürtel< [...] zusammen, was den Untergang von Mu und Atlantis zur Folge hatte. Überlebende Mu-Bewohner drängten sich auf dem schmalen Raum der polynesischen Inseln zusammen und aßen schließlich einander auf, da nicht genügend Nahrung vorhanden war. Doch nicht nur sie, sondern die meisten Mu-Kolonien sanken auf die Stufe der Barbarei herab." [22] Ignorieren wir hier den Umstand, dass die (ehemalige) Existenz solcher Gas-Kavernen noch weitaus schwerer nachzuweisen sein dürfte als die eines zentralpazifischen Riesen-Kontinents, und gestehen wir Churchward zu, dass irgendein Natur-Phänomen mit dem Zerfall hypothetischer Pazifik-Landmassen wiederholte Auswanderungs-Wellen seiner Bewohner bewirkt haben könnte.

Abb. 10 Künstlerische Impression einer der Eruptionen, die Mu zerstörten. "Der ganze Kontinent wogte und rollte wie die Wellen des Ozeans. Das Land zitterte und schüttelte sich wie die Blätter eines Baumes im Sturm. Tempel und Paläste stürzten krachend zu Boden..." (Zeichnung: J. Churchward, Lost Continent of Mu, 1931)

Lyon Sprague de Camp schreibt über Churchwards diesbezügliche Angaben: "Von Mu aus erfolgte unter der Leitung von Priestern (den Nagas oder Naacals) die Gründung von Kolonien. Einige Auswanderer fuhren über das Binnenmeer, das zu jener Zeit das Amazonasbecken füllte, nach Atlantis, andere ließen sich in Asien nieder, wo sie vor 20 000 Jahren das Riesenreich Uighur gründeten. (Es existierte tatsächlich ein historisches Uighur-Reich, das im 10. Jahrhundert n.Chr. entstand und dessen Fall auf das 12. Jahrhundert datiert wird. Aber dieses hat nichts mit dem Churchwardschen zu tun.)" [23]

Auf Mu sollen in den Zeiten seiner Hochblüte 64 Millionen Menschen gelebt haben. Die Mu-Bewohner, untergliedert in zehn Stämme, waren unterschiedlicher Hautfarbe, aber natürlich stellten in Churchwards, rassisch orientierten Vorstellungen die Weißen die "herrschende Schicht". Darin zeigt sich seine fatale Neigung zu einer Überbetonung der Rolle der "weißen Rasse" im Prozess der Zivilisationsgeschichte, die über eine eurozentristisch verengte Betrachtungs-Weise hinausgeht.

Churchwards latenter Rassismus präsentiert sich in christlich-monotheistischem, antievolutionärem Gewand: "Sie [die Muvianer] besaßen nicht nur eine hohe Kultur, sondern hingen einer rein arisch-monotheistischen Religion an, die Jesus Christus später wiederzubeleben versuchte. Barbarei existierte zu keiner Zeit. Churchward hielt nichts von der >Der-Mensch-stammt-vom-Affen-ab-Theorie<, er war der Meinung, der Mensch sei im Pleistozän bereits als kultiviertes Wesen erschaffen worden." [24]

Insgesamt dürfte es kaum verwundern, dass kaum ein ernsthafter Primhistoriker oder Atlantisforscher die Schriften Brasseur de Bourbourgs, Le Plongeons, P. Schliemanns, oder auch Churchwards Arbeiten unreflektiert zur Grundlage von Betrachtungen über versunkene Landmassen im Atlantik und Pazifik machen wird. Selbst die Ableitung des Namens "Mu" aus dem Troano Codex steht massiv in Frage, auch wenn es, unabhängig davon, durchaus Hinweise auf die einstige Existenz eines Landes mit dem Namen "Mu" im Stillen Ozean zu geben scheint (siehe: Mythologische Grundlagen für die Pazifika-Hypothese?). Bewiesen scheint in Churchwards Mu-Szenario jedenfalls kaum etwas zu sein.

Doch, wie Sprague de Camp ironisch anmerkt, wird kein "glühender Verfechter von Mu [...] seinen Glauben daran um ein paar Tatsachen willen aufgeben. So haben auch Churchwards pseudo-wissenschaftliche Meisterwerke Nachfolger gefunden, in den Broschüren von Dr. Louis Effler etwa, der um die Welt fliegt, um das Spiralen-Symbol von Mu zu finden. 1947 verkündete F. Bruce Russel, ein Psychoanalytiker, der sich ins Privatleben zurückgezogen hatte, daß er Mumien vom verschwundenen Kontinent Mu von 2, 50 Meter bis 2, 70 Meter Länge gefunden habe, und zwar in der Nähe von St. George in Utah (zu Riesenfunden in Utah siehe auch: Die Kammer der Riesen in den Rocky Mountains). Ganz offensichtlich spukt Mu, ohne das dagegen etwas zu tun wäre, weiter in den Köpfen der Menschen herum." [25]


Fortsetzung:

Mu im japanischen "Mahikari-Shintoismus"


Addendum

Wer gerne einmal die Stimme von James Churchward hören möchte, kann dies hier tun:


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: J. B. Hare, Vorwort zur freien Online-Fassung von James Churchwards "The Sacred Symbols of Mu" (1933), bei SACRED TEXTS, unter http://www.sacred-texts.com/atl/ssm/
  2. Quelle: ebd.
  3. Anmerkung: "Das Epigraph (griechisch επιγραφή [weiblich]), auch das Epigraf, ist eine antike Inschrift, üblicherweise in Stein gemeißelt oder geätzt. Epigraphe werden im Rahmen der Epigraphik (Inschriftenkunde) erforscht und spielen als historische Hilfswissenschaft in der Altertums- und Bibelforschung, aber auch in der Mediävistik eine wichtige Rolle.Im übertragenen Sinn kann es sich auch um ein Zitat oder einen sonstigen Satz handeln, der einem literarischen Werk oder seinen Abschnitten als Hinführung zum folgenden Thema oder Umspielung des Themas vorangestellt wird." (Quelle: netlexikon, unter http://www.lexikon-definition.de/Epigraf.html)
  4. Quelle: L. Sprague de Camp, "Versunkene Kontinente", Wilhelm Heyne Verlag, München, 1977 (Erstveröffentlichung: USA, 1954), S. 57
  5. Anmerkung: Der Codex Troano gehört zu dem zweiteiligen 'Codex Tro-Cortesianus' (vermutl. ca. 1500 v. Chr. entstanden), welcher neben dem 'Dresdner Codex' und dem 'Codex Pereziamus' eines von nur drei großen Werken der Maya-Literatur darstellt, die der Vernichtungswut der christlichen Invasoren aus Europa entgangen sind.
  6. Quelle: Heinz Kaminski, "Atlantis - die Realität", bettendorf 1997, Seite 57
  7. Quelle: L. Sprague de Camp, "Versunkene Kontinente", Wilhelm Heyne Verlag, München, 1977 (Erstveröffentlichung: USA, 1954), S. 41
  8. Anmerkung: Zur Herkunft der Maya bemerkte D. de Landa in seiner umfangreichen Abhandlung "Relación de las Cosas de Yucatán" (Rechenschaftsbericht über die Verhältnisse in Yucatán): "Einige der alten Leute in Yucatán berichten, daß sie von ihren Vorfahren gehört hätten, das Land sei von Menschen besiedelt worden, die aus dem Osten kamen und die Gott errettet habe, indem er ihnen zwölf Wege durch das Meer eröffnete." (Sprague de Camp, op. cit., S. 41)
  9. Anmerkung: "Die Mayas benutzten ein kompliziertes System von Schriftzeichen, die durch einige phonetische Elemente ergänzt wurden, woraus eine komplexe Hieroglyphen-Schrift entstand, ähnlich dem frühen ägyptischen und dem modernen japanischen Schriftbild. Landa nahm jedoch an, daß in der Maya-Sprache - wie ihm dies aus dem Spanischen und Lateinischen geläufig war - von einem phonetischen Alphabet ausgegangen wurde". (Sprague de Camp, op. cit., S. 41)
  10. Quelle: L. Sprague de Camp, "Versunkene Kontinente", Wilhelm Heyne Verlag, München, 1977 (Erstveröffentlichung: USA, 1954), S. 41, 42
  11. Quelle: ebd., S. 45
  12. Quelle: ebd., S. 46
  13. Quelle: ebd., S. 54
  14. Quelle: ebd., S. 55
  15. Quelle: Robert Charroux, "Das Rätsel der Anden - Phantastische Thesen über unsere Entwicklungsgeschichte", Wilhelm Goldmann Verlag, 1979, S. 34, 35
  16. Quelle: ebd., S. 35
  17. Quelle: Anonymus, "Atlantean Alternatives: Lemuria or Mu", online unter http://www.ddg.com/LIS/InfoDesignF97/car/Alternatives.htm
  18. Quelle: L. Sprague de Camp, "Versunkene Kontinente", Wilhelm Heyne Verlag, München, 1977 (Erstveröffentlichung 1954), S. 58
  19. Quelle: Anonymus, unter http://www.hagzissa.de/Atlan5.html
  20. Quelle: Anonymus, "Atlantean Alternatives: Lemuria or Mu", online unter http://www.ddg.com/LIS/InfoDesignF97/car/Alternatives.htm
  21. Quelle: Anonymus, unter http://www.hagzissa.de/Atlan5.html
  22. Quelle: L. Sprague de Camp, "Versunkene Kontinente", Wilhelm Heyne Verlag, München, 1977 (Erstveröffentlichung 1954), S. 60
  23. Quelle: ebd.
  24. Quelle: ebd., S. 59, 60
  25. Quelle: ebd., S. 60


Bild-Quellen

(1) http://kjmatthews.users.btopenworld.com/cult_archaeology/lost_continents_3.html

(2) http://www.brotherhoodoflife.com/MU.html

(3) http://www.sacred-texts.com/atl/ssm/

(4) http://www.anomalies-unlimited.com/Alien%20Writing/Mu.html

(5) http://www.goldenageproject.org.uk/22escapefromatlantis.html

(6) ebd.

(7) http://www.ddg.com/LIS/InfoDesignF97/car/Alts1c.htm

(8) http://www.crystalinks.com/lemuria.html

(9) http://www.ddg.com/LIS/InfoDesignF97/car/Alts1c.htm

(10) ebd.