Die Prähistorie von 10.000 bis 5.000 v. Chr. in Mythos und Archäologie

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Die amerikanische Wissenschaftlerin Mary Settegast verfasste zu diesem Thema ein Buch mit dem Titel: Plato Prehistorian – 10.000 to 5.000 BC in Myth and Archeology (1987).


Buchbesprechung von Ferdinand Speidel


Abb. 1 Das Frontcover von Mary Settegasts Werk aus dem Jahr 1987

In ihrem Buch (Abb. 1) stellt Mary Settegast dem platonischen Atlantisbericht die Erkenntnisse der Archäologie gegenüber, um dessen Richtigkeit zu belegen bzw. zu widerlegen. Sie unternimmt dieses Unterfangen, weil immer deutlicher wird, dass es, je mehr wir über den frühen Menschen erfahren, es umso schwieriger wird, ihn als primitiv zu bezeichnen. Es wird klar, dass zumindest einige der Kulturen der Altsteinzeit weit mehr als Jäger und Sammler waren.

Aus diesem Grund verliert auch das bestehende Modell der Prähistorie, dass sich der Mensch in linearer Form vom primitiven Jäger des oberen Paläolithikums über die neolithischen Bauerndörfer zum hochzivilisierten Menschen der Bronzezeit und den urbanen Gesellschaften der Moderne entwickelte, seine fundamentale Basis. Zwar sind sich viele Archäologen der Problematik bewusst, aber die bisher unternommenen Versuche einer Korrektur zeichnen sich immer noch durch den linearen Evolutionsprozess aus.

Soll eine authentische neue Vision der Vergangenheit des Menschen erreicht werden, müssten die bisherigen Annahmen fallengelassen werden, zusammen mit dem alten Modell. Ein Historiker bezeichnete die Aufgabe wie folgt: „Die schwierigste aller Formen intellektueller Aktivitäten ist es, das gleiche Bündel von Daten wie bisher zu nehmen, es aber in ein neues System mit einem unterschiedlichen Rahmen zu bringen.

Im einleitenden Teil des Buches gibt Settegast eine Übersicht über Widersprüchlichkeiten in der alten Geschichtsschreibung, welche die Notwendigkeit einer Korrektur belegen:

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Abb. 2 Übersichtstafel zur Prähistorie nach Mary Settegast, 1986

Zu Beginn ihres Buches werden die relevanten Teile der Atlantis-Geschichte aus Platons Dialogen „Timaios“ und „Kritias“ wiedergegeben. Im nachfolgenden Überblick ist die Abfolge von Kulturen in Europa, Nordafrika und Nahost beschrieben. Der Kultur des Aurignacien folgte vor etwa 30.500 Jahren das Grevettien, das bis vor etwa 20.000 v.Chr. anscheinend Europa von den Pyrenäen bis nach Russland beherrschte, danach wurde die Verbindung zwischen Ost und West geschwächt oder unterbrochen, zu dieser Zeit setzte sich in Westeuropa das Magdalenien durch, während in Osteuropa das Grevettien fortbestand.

Das Magdalenien bestand bis vor etwa 11.000 Jahren fort und übte auch Einfluss auf Osteuropa aus, ohne dass sich dort die berühmten Höhlenzeichnungen des Magdalenien finden. Am Ende des 10. Jahrtausends v.Chr. kommt es zum Ende. Einige Felszeichnungen zeigen deutlich, dass diese Kultur bereits Pferde zähmte. Es fällt auch auf, dass fast keine Waffen oder Abbildungen davon zu finden waren. Selbst die bisher als Harpunen betrachteten Gegenstände erscheinen viel zu rundlich, um Durchdringungsvermögen zu haben.

Abb. 3 Karte zur geographischen Verbreitung der urzeitlichen Kultur des Natufien im Nahen Osten

Vergleichbare Funde im antiken Libyen wurden der iberomaurusischen Kultur zugeschrieben, die ähnlich wie die Magdalenier praktisch keine Waffen vorwiesen. Erst um die Zeit der griechisch-atlantischen Auseinandersetzung werden in Grabfunden Spuren von gewaltsamem Tod gefunden. Es scheint, dass bis zu jener Zeit in Europa und Nordafrika keine kriegerischen Auseinandersetzungen stattfanden. Somit entsprechen archäologische Funde der Erzählung Platons.

In Palästina wurden Stätten des “Natufien(Abb. 2) freigelegt, die eindeutig die Abkunft vom Gravettien Mittel- und Osteuropas aufweisen. Allerdings belegen sie ein deutlich höheres Kulturniveau als die europäischen Vorläufer. Es bleibt die Frage, wo diese Kultur entstand, denn sie trat in Palästina voll entwickelt auf. Die Reste des auf 10.300 Jahre geschätzten Jericho, die eine klare Verbindung zu der Natuf-Kultur haben, zeigen, dass die Architekten dort nicht unerfahren im Bau der Mauern und Türme waren.

Die Kultur von Natuf bestand bis vor maximal 10.500 Jahren und verschwand dann. Die Herkunft verschiedener Völkerschaften von Natuf bleibt ein Rätsel. Es wird spekuliert, es könnte sich um Flüchtlinge gehandelt haben, die vor kriegerischen Auseinandersetzungen (Atlantis, Athener?) flohen.

Zur Situation Griechenlands herrschte lange die Meinung vor, dass vor 12.000 Jahren noch keine höhere Kultur bestand. Das änderte sich mit Funden von Obsidian in der Grotte von Franchthi, der von der Insel Melos stammte. Zwar hatten Griechenland und das westliche Kleinasien zwischen 18.000 und 9.000 Jahren vor heute große Landverluste, weil die Erhöhung des Meeresspiegels vor 15.000 Jahren begonnen haben dürfte. Aber dennoch war Melos zu der Zeit, aus der der Obsidian stammte, bereits eine Insel, so dass zu jener Zeit eine schon bestehende Seefahrt vorausgesetzt werden muss.

Abb. 4 Eine steinerne Pfeilspitze der so genannten Ahrensburger Kultur

Im 9. vorchristlichen Jahrtausend traten in Europa plötzlich gestielte Steinspitzen (Abb. 4) für Pfeil und Speer auf, so dass man vermutet, sie seien zu kriegerischen Zwecken entwickelt wurden. Es gab zwei Gruppen, eine nördliche Gruppe um den ersten Fundort Ahrensburg und eine südöstlich davon gelegene, die sich zwischen den Oberläufen von Oder und Weichsel erstreckte. In Palästina wurden für die gleiche Periode ebenfalls Steinspitzen gefunden.

Eine neue Art der Felszeichnung, bei der der Mensch – nicht mehr das Tier – im Vordergrund steht, breitete sich in der Mittleren Steinzeit im östlichen Spanien aus. Ähnliche Bilder wurden auch in Kobystan, westlich des Kaspischen Meeres, gefunden. Vergleichbare Felszeichnungen von „Rundköpfen“ wurden vielfach in der Sahara und auch in Sizilien gefunden, wogegen die früheren Zeichnungen in der Sahara Tierdarstellungen waren, die jenen des Magdaleniens ähnlich waren.

Die Betrachtung der archäologischen Erkenntnisse innerhalb der Säulen des Herakles vor und nach dem von Platon genannten Zeitpunkt des Untergangs von Atlantis vor ca. 11.600 Jahren weist für das Gebiet des Mittelmeerraums eine sehr einheitliche Entwicklung auf und zeigt viele Parallelen zu Platons Bericht.

Diese Übereinstimmungen lassen Settegast den Schluss ziehen, dass der Bericht eine historische Grundlage besitzt, wobei sie jedoch eine Diskrepanz mit Blick auf den zeitlichen Aspekt sieht. Sie tendiert zu der Meinung, der Untergang von Atlantis sei nicht vor etwa 11.600 Jahren, sondern erst vor 9.500 bis 9.300 Jahren geschehen.

Abb. 5 Topographische Karte Irans mit dem Zāgros-Gebirge

Diese Annahme basiert auf der Feststellung, dass im 8. vorchristlichen Jahrtausend in einem Gebiet von Palästina über Syrien bis Ostanatolien und den Zāgros-Bergen (Abb. 5) (Iran) eine große Zahl von Siedlungen einer fortgeschrittenen Kultur praktisch aus dem Nichts entstand. Sie geht davon aus, dass der Untergang von Atlantis erst zu dieser Zeit, also 7.500 bis 7.300 v.Chr. geschah und diese Wanderungen auslöste.

Eine noch deutlichere Dissonanz gibt es nach Settegast hinsichtlich der geografischen Lage von Atlantis. Nach den von ihr zu Rate gezogenen geologischen Quellen schließt sie aus, dass Atlantis im Atlantik gelegen haben könnte und neigt eher dazu, es im Mittelmeer zu suchen.

Im Bereich der Mythen untersucht Settegast die Bedeutung des Meeresgottes Poseidon, der bei Platon der Begründer von Atlantis ist. Nach den Griechen galt er als gewalttätiger Gott, der deshalb auch die Beinamen Prokystios (der Fluter), weil er viele Länder überflutete, und auch Enosichthon, der Erderschütterer, erhielt. Seine Gegnerschaft zu den Griechen sei auch durch seine Nachkommenschaft, die vielfach riesige oder missgestaltete Wesen waren, belegt, die häufig im Kampf mit Herakles standen.

Auch in der Titanomachie, der Gigantomachie, der Sage um Typhon / Set und der Auseinandersetzung mit Athene um Athen sieht Mary Settegast einen möglichen Zusammenhang mit Atlantis.

Abb. 6 Diodorus Siculus´ wichtige Aussagen über die Atlantioi finden in Mary Settegasts Arbeit von 1986 erstaunlicher Weise keine Berücksichtigung.

Plato Prehistorian“ bietet eine sehr breit angelegte Analyse der archäologischen Erkenntnisse über den untersuchten fünftausendjährigen Zeitraum. Da das Werk einen Bezug zu Platons Atlantis herstellt und damit auch Überlieferung und Mythos anspricht, ist es überraschend, dass diese Themen nicht in gleicher Tiefe behandelt werden. Gerade der im Vergleich zu Platon nicht minder interessante Bericht des Diodorus Siculus (Abb. 6) findet keine Berücksichtigung, wie auch viele mythische Überlieferungen.

Im anschließenden Teil geht Settegast sehr ausführlich auf das plötzliche Auftreten der „Jungsteinzeit“ in Anatolien, Syrien, Palästina und Teilen des Irans in der Zeit von 7.500 bis 7.300 v.Chr. ein (s.o.). Die fortgeschrittenen architektonischen und agrarischen Fähigkeiten sind so überraschend, als seien sie über Nacht gekommen. Nach dieser plötzlichen Einführung neuer Anwendungen von Ton und Stein, Korn und Metall ist es bemerkenswert, dass während der folgenden zwei Jahrtausende keine wesentlichen Veränderungen mehr geschahen.

Auffallend bei den vielen, neu entstandenen Siedlungen war die Tatsache, dass sie von Ort zu Ort eine große Vielfalt aufwiesen, die dennoch auf die Abkunft von einer gemeinsamen Ahnenkultur schließen lässt. Ebenso wird eine Vielfalt religiöser Themen ersichtlich, wie sie zuvor nicht vorhanden war. Es lassen sich sehr starke Ähnlichkeiten mit der griechischen Mythenwelt feststellen, aber auch ägyptische und iranische Einflüsse sind erkennbar.

Insgesamt bietet Settegasts Werk einen sehr ausführlichen Überblick über den angesprochenen, prähistorischen Zeitraum. Es behandelt vor allem mit großer Ausführlichkeit die Erkenntnisse der Archäologie und zeigt zugleich die Parallelen zu Platons Atlantisgeschichte auf.

Zur Erweiterung und Abrundung des Geschichtsbildes wäre es wünschenswert gewesen, dem Versuch, auch Mythen und Überlieferungen heranzuziehen, einen etwas weiteren Rahmen zu geben. Fast unberücksichtigt bleibt die Frage nach möglichen geologischen Veränderungen während des fraglichen Zeitraums. Sie wird nur durch die Feststellung gestreift, Atlantis könne nicht im Atlantik gelegen haben.

Aus dieser stark durch die Archäologie geprägten Sicht beurteilt Settegast die Geschichte Platons, vereinfacht dargestellt, als die Erinnerung an Wanderungsbewegungen, die im 13. Jahrtausend v.Chr. zunächst friedlich begannen, schließlich aber in kriegerischen Auseinandersetzungen endeten.

Dem Leser stellt sich am Ende die Frage, ob mit dieser Auslegung die eingangs des Buches gestellte Forderung nach einem „new model“, einem neuen Paradigma, für die prähistorische Forschung erreicht werden kann.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Ferdinand Speidel (©) wurde im September 2014 für Atlantisforschung.de erstellt.

Bild-Quellen:

1) Bildarchiv Atlantisforschung.de
2) Bildarchive Ferdinand Speidel und Atlantisforschung.de
3) Phirosiberia bei Wikimedia Commons, unter: File:NatufianSpread.svg
4) Locutus Borg bei Wikimedia Commons, unter: File:Ahrensburg point.png (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
5) Magnus Manske bei Wikimedia Commons, unter: File:Iran topo.jpg (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
6) VISDOMS NETTET, unter: HVOR GAMMEL ER EGYPTEN? (4 af 9) (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)