GEHEIMNIS – MALTA

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Auf der Suche nach der versunkenen Zeit

Vortrag vom 27.03.2003 im Evangelischen Bildungswerk, Regensburg

von unserer Gastautorin Dr. Christiane Dittmann (✝ 2012)


ÜBERSICHT

1. Das Megalith – Volk, die älteste Hochkultur Europas

  • Fundstücke
  • Tieropfer
  • Wohlstand
  • Sozialstruktur
  • Religion
  • Organisation des Tempelbaus
  • der ungeklärte Untergang des Volkes

2. Die naturräumlichen Grundlagen der Maltesischen Inseln

  • Felsabstürze
  • Aufbau der Gesteinsschichten
  • Tektonik ( Great – Fault, Maghlaq – Fault )
  • Subduktionszone zwischen Afrikanischer und Europäischer Platte
  • Erdbeben und Flutwellen
  • Ausmaß der Zerstörungen
  • verkippte Cart – Ruts
  • Flucht der Steinzeitbewohner nach einer Naturkatastrophe

3. Spurensuche in Platons Atlantis – Mythos

  • Westlage des atlantischen Inselreichs
  • atlantische Meerenge
  • Stammvater Atlas
  • Atlanterhafen – Atlantertempel und Götterbild
  • Elefanten
  • Klima und Landwirtschaft ( Cart – Ruts als Feldwege )
  • Pferde und Titanenschlacht
  • Flutmythos


GEHEIMNIS – MALTA Auf der Suche nach der versunkenen Zeit

1. Das Megalith – Volk, die älteste Hochkultur Europas

Abb. 1 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Wer sich für einen Urlaub auf den Maltesischen Inseln entscheidet, der fährt in eine weitgehend unbekannte Gegend. Denn über den Staat Malta, der 2004 der EU beitritt, informieren uns die Medien sehr wenig. Von den Kreuzrittern haben wir schon gehört und das Fernsehen zeigt gelegentlich Kultursendungen über die Megalith–Bauten, deren Bekanntheitsgrad jedoch viel geringer ist als derjenigen in der Bretagne oder von Stonehenge. Und so wird der historisch interessierte Tourist, der ein bisschen Bescheid weiß, sich auf die Besichtigung der Steinzeitruinen freuen und unerwartete Superlative erleben.

Die Heiligtümer sind die ältesten freistehenden Steingebäude der Welt, über vierzig fand man auf den kleinen Inseln. Die ersten wurden schon vor sechstausend Jahren errichtet. Bis zu fünfzig Tonnen schwere Steinplatten wuchteten die Bauleute auf Rollsteinen und setzten sie fugenlos in Wände oder Eingangsportale ein (Foto 1). In den Tarxien–Tempeln schuf das Volk die erste Kolossalstatue, eine Göttin oder einen Gott von über drei Metern Höhe, von der nur noch der untere Teil erhalten ist. Dicht dahinter sind in tonnenschwere Steinplatten zwei Stiere mit einer säugenden Sau fast in Lebensgröße eingemeißelt, das älteste Großrelief. Im etwa fünfhundert Meter weit entfernten Hypogäum steigt man drei Tiefgeschosse hinunter in die Totenstadt, die in den weichen Kalkstein gehauen wurde (Foto 2). Neben weiteren Wohn- und Grabhöhlen sind die Cart–Ruts, parallele Rillen im Fels, ein weiteres Rätsel. Sie erinnern mit ihrer Spurbreite von 1,40 Meter an ein Straßennetz, Fahrzeuge mit Rädern bleiben aber stecken.

Nun möchte man eigentlich wissen, wer diese Menschen waren, die diese Extremleistungen vollbrachten und wie sie lebten. Sie gehören der langschädelig – mediterranen Rasse an und kamen wohl aus Sizilien, wie Keramikfunde vermuten lassen. Es herrschte von Anfang an großer Wohlstand. Neben dem Ackerbau bildeten Schweine, Rinder, Schafe und Ziegen die Grundlage des Speiseplans, der durch Fische, Vögel und Gewürze ergänzt wurde. Die Skelette, die die Archäologen untersuchten, ließen ausnahmslos eine gesunde, reichhaltige Ernährung erkennen. Für diesen Reichtum bedankten sich die gläubigen Menschen bei der Fruchtbarkeitsgöttin, der sie in den Tempeln viele Haustiere opferten.

Abb. 2 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Die Archäologen fanden massenhaft Knochen, teils verbrannt, und Schlachtmesser aus Feuerstein. Ösen an großen Steinen zeigen uns noch heute, wo die Opfertiere festgebunden waren. Und hierbei lässt sich erneut eine erstaunliche Besonderheit der Tempelbau–Kultur erkennen. Es gibt keinerlei Hinweise auf Menschenopfer. Die Menschen müssen auch sonst friedlich und harmonisch zusammengelebt haben. Denn nirgendwo fand man an den Skeletten Anzeichen von Gewaltanwendung und es gibt auch keine Verteidigungsanlagen aus dieser Zeit. Das ist keine Selbstverständlichkeit, auch wenn damals nur etwa zehntausend Menschen die Inseln bevölkerten, denn Streit und Feindschaften vergiften ja sehr häufig die Nachbarschaft. Erst in der Bronzezeit entstanden riesige steinerne Schutzwälle.

Unwillkürlich stellt man sich die Frage, nach welchen sozialen Regeln ein Volk eineinhalb Jahrtausende in Frieden und Wohlstand leben konnte. Aus den Funden lässt sich zunächst schließen, dass die Fruchtbarkeitsgöttin verehrt wurde und Frauen, wie auch später in der minoischen Gesellschaft auf Kreta eine hohe soziale Stellung einnahmen. Denn in den besonders hervorgehobenen Grabnischen im Hypogäum lagen nur weibliche Skelette.

Die Verehrung des Mondes kann daraus abgeleitet werden, dass die magische Zahl dreizehn mehrfach auftritt. So weist eine rituelle Schöpfkelle ein Muster mit dreizehn Segmenten auf und die bereits erwähnte säugende Sau, das Symbol der Himmelsgöttin, hat dreizehn Ferkel. Auch im vordynastischen Ägypten ist die Fruchtbarkeitsgöttin Nut als Schwein dargestellt, das mit seinem Körper den Himmel überspannt. Die Zeitrechnung erfolgte in Mondjahren.

Trotz dieser matriarchalischen Strukturen waren Männer gesellschaftlich angesehen, denn ihr Beitrag zur Fruchtbarkeit war anerkannt und geschätzt. So fand man Bruchstücke von Tempel–Modellen, vielleicht Votivgaben, bei denen die Säulen als Phalli gestaltet sind. Auch der Stierkult verweist wie bei vielen Völkern auf die Verehrung der Potenz. Außerdem fand man Tonstatuen männlicher Würdenträger, die auch die damalige Mode erkennen lassen: Wollkleidung mit tief angesetzten Faltenrock, halblange, gelockte Haare und kein Bart.

Der Tempelbau erforderte Logistik. Und daher gab es, völlig untypisch für Steinzeitgesellschaften, eine Oberschicht, die körperlich nicht arbeitete und wohl mit der Organisation und Bauaufsicht beschäftigt war. Denn auch das können die Archäologen anhand der Skelette feststellen, dass es Männer gab, die keine kräftigen Muskeln hatten. Des weiteren geht man davon aus, dass Priesterinnen die Gesellschaft lenkten.

Abb. 3 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Das Tempelbau–Volk lebte also in so großem Wohlstand, dass alle Menschen gut ernährt waren und ein Teil der Bevölkerung sich nicht um die Lebensmittel – Erzeugung kümmern musste. In einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft mit einer straffen Organisation beschäftigte man sich mit dem Tempelbau und kam nicht vor Langeweile auf dumme Gedanken. Ein religiöser Konsens ist dafür allerdings die Grundlage.

Diese erfolgreiche Zivilisation, die älteste Hochkultur Europas, endete ganz plötzlich vor 4500 Jahren. Auch für die Menschen kam das Ende völlig unerwartet, denn die Archäologen fanden Hinweise, dass wie bei einer Flucht alles stehen- und liegengelassen wurde. Feinde haben das Megalith–Volk nicht vertrieben, denn es gibt keine Kampfspuren. Unerklärlicherweise bleiben die Maltesischen Inseln fünfhundert Jahre lang unbesiedelt. Die alten Einwohner kommen nie mehr zurück. Um zweitausend vor Christus lassen sich Bronzezeitleute des rundschädelig–alpinen Typs dort nieder.

Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel. Erklärungsversuche sind leicht zu widerlegen oder unsinnig. Keinesfalls hat das Tempelbau – Volk seine Lebensgrundlagen ökologisch ruiniert. Denn die Phönizier beschrieben den großen Wohlstand und die Fruchtbarkeit Maltas, das die Römer deshalb „Melite“, das bedeutet "Honiginsel", nannten (Foto 3). Entwaldung, Erosion und Verkarstung sind aber irreversibel. Und weil sich die These von der Naturzerstörung nicht halten lässt, schwadronieren verzweifelte Wissenschaftler schon mal über eine religiöse Hysterie mit kollektivem Selbstmord. Aber alle Forscher sind sich einig, dass es keine Hinweise auf eine Naturkatastrophe gibt. Diese These wird nirgendwo begründet.


2. Die naturräumlichen Grundlagen der Maltesischen Inseln

Abb. 4 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Schauen wir uns jetzt einmal die Landschaft an. Auch wer kein Geograph ist erkennt schnell, dass die Inseln zerbröseln. So rutschen vor allem an der Südwest – Küste Maltas riesige Gesteinspakete ab und der Urlauber hofft, dass das Hotel noch bis zum Abfahrtstag standhält (Foto 4). An der Steilwand der alten Hauptstadt Mdina stürzen jedoch die Außenwände ein, die Gebäude zeigen gefährliche Risse, z.B. der Vilhena–Palast, in dem das Naturkunde–Museum untergebracht ist. Die geologische Präsentation dort ist sehenswert, nur so kann man das Landschaftsbild verstehen.

Zunächst muss man sich die Gesteinsfolge merken, die wie ein Sandwich aufgebaut ist. Oben und unten liegt Korallenkalk, dazwischen GlobigerinenKalk und Blaulehm. Auf die unbedeutende Schicht Grünsandstein gehe ich nicht ein. Aus der Schichtenfolge ergibt sich auch das Grundwasser–Reservoir. Es ist zweigeteilt. In der Höhe staut sich das im Oberen Korallenkalk versickernde Regenwasser auf dem Blaulehm. Das ist der obere Grundwasserhorizont, bis ins 19. Jahrhundert hinein Maltas einzige Wasserquelle. Erst danach bohrte man auf Meeresspiegelhöhe im Unteren Korallenkalk den unteren Grundwasserhorizont an.

Das wichtigste Gestein ist der GlobigerinenKalk, der so weich ist, dass die Bausteine der Häuser noch heute aus dem Fels geschnitten werden. Er gibt dem Straßenbild die gelbe, freundliche Farbe und weil er sich so leicht wie Holz bearbeiten lässt, haben auch Neubauten Steinmetzfassaden wie Barockpaläste. Die Felsabstürze an der Küste entstehen dadurch, dass der Obere Korallenkalk auf dem glitschigen Blaulehm stetig abrutscht. Das ist ein Erosionsprozess, der mit dem Verschwinden des Megalith–Volks nichts zu tun hat. Doch die geologische Karte zeigt uns auch noch gewaltige Bruchzonen auf den kleinen Inseln. Allgemein bekannt ist der Great–Fault, der Malta mittendurch spaltet und eine Steilwand verursacht. Auch gebildete Einheimische kennen dagegen nicht den Maghlaq–Fault, der sich an der Südküste durch ein kleines abgebrochenes Eckchen bei Ghar–Lapsi bemerkbar macht.

Abb. 5 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Am Great–Fault im Süden bei Fomm–ir–Rieh sind die Gesteinspakete um 180 Meter vertikal verschoben (Foto 5). Östlich bildet der Untere Korallenkalk eine Steilwand, westlich davon zernagen die Wellen den Blaulehm und GlobigerinenKalk. Beim Zerbrechen sind die Gesteine V–förmig versackt und so bietet sich ein sensationelles Panorama, das die Labilität der Maltesischen Inseln eindrucksvoll vor Augen führt. Der Great–Fault ist allerdings durch Erosion angegriffen. Er muss also schon mindestens in der letzten Eiszeit existiert haben. Für Hinweise für das Verschwinden des Tempelbau–Volkes ist er auch nicht zu gebrauchen.

Soweit man von Vogelschießern und aggressiven Hunden nicht verjagt wird, bietet ein Spaziergang an der Fomm-ir-Rieh–Bucht einen sehr guten Überblick über die Südküsten von Malta und Gozo. Diese bestehen aus einer geschlossenen, glatten Felsbarriere ohne Verwitterungsspuren. Es sieht so aus, als wären sie erst vor kurzer Zeit entstanden. Eine junge Steilküste, die sich über viele Kilometer erstreckt, ist äußerst ungewöhnlich und jeder Urlauber blickt von den Dingli–Cliffs ungläubig 250 Meter hinab auf den tief unten liegenden Meeresspiegel.

Und wer nach Ghar–Lapsi hinüber wandert und nach dem Maghlaq–Fault sucht, der entdeckt Felsen von einzigartiger Struktur. Auf mehreren hundert Metern Länge ist eine unverwitterte, glatte Felswand erkennbar, die sich in einem Winkel von siebzig Grad an der Küste entlangzieht (Foto 6). Es ist eine Gleitfläche, an der die seeseitigen Gesteinsschichten bei einem gigantischen Erdbeben abgerutscht sind. Meterlange vertikale Kratzspuren beweisen, dass diese Vorstellung nicht übertrieben ist. Da diese Gleitfläche auch im Wellenbereich trotz flachen Wassers keine Verwitterungsspuren aufweist, muss sie geologisch sehr jung, also nacheiszeilich sein. Doch wie kann es überhaupt zu so einem schweren Erdbeben kommen?

Abb. 6 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Das Seegebiet zwischen Sizilien und Nordafrika ist tektonisch äußerst labil, denn hier schiebt sich die Afrikanische unter die Europäische Platte. Der Ätna und die vielen Vulkaninseln belegen diese Krustenbewegung. Aber auch unter dem Meeresspiegel kommt es zu Zerrungen und Brüchen. Der Maghlaq–Fault, der sich an den Südküsten von Malta und Gozo entlangzieht, ist Teil eines gigantischen submarinen Bruchsystems, das in einem über tausend Meter tiefen Grabenbruch endet. Immer wieder donnern bei Erdbeben Gesteinspakete in diesen Grabenbruch und dann können auch die Südküsten destabilisiert werden. In einem gigantischen Bergsturz brechen dadurch Felsen ab und Flutwellen schwappen kilometerweit landeinwärts. 1692 ist das beispielsweise passiert. Nachdem die Hauptstädte der Inseln, beide Mdina genannt, bei einem Erdbeben völlig zusammenstürzten, drang im Süden Gozos ein Tsunami über einen Kilometer in das Land ein und zerschlug das Fischerdorf Xlendi.

Derartige Naturkatastrophen ereignen sich auf den Maltesischen Inseln immer wieder und nun kann man recht optimistisch nach Spuren suchen, die nahelegen, dass das Tempelbau-Volk nach einem solchen Desaster geflüchtet ist.

Archäologen fanden bei den Ausgrabungen der Tarxien–Tempel eine merkwürdige Schicht aus grauem Schlamm, die leider nicht analysiert wurde. Sie ist bis zu neunzig Zentimeter dick und überlagert die Funde der Megalith–Kultur. Außerhalb der Riesensteine kommt sie nicht vor und nun suchen Wissenschaftler nach einer Erklärung. Weil die Insel bewaldet war, scheidet die These von Wanderdünen aus. Hat diesen Schlamm eine Flutwelle dort hineingespült?

Der Zustand der Tempel–Ruinen erhärtet diese Idee. Während bei den höher gelegenen Bauwerken aufeinander geschichtete Steinquader bis zum Gewölbeansatz vorhanden sind, stehen bei den meernahen Tempeln nur noch die Grundmauern. Viele Riesensteine sind hier umgefallen und zerbrochen. Warum sind diese Tempel viel stärker zerstört?

Und im Oktober 2002 sendete das ZDF Filmaufnahmen, die Cart-Ruts, das sind diese rätselhaften Spurrillen, tief unten im Meer zeigen. An einigen Stellen der Inseln sind Cart–Ruts außerdem durch Erdbeben verschoben.

Angesichts dieser geologischen Labilität des Gebiets und des archäologischen Befunds kann es gar keinen Zweifel mehr geben, dass das Megalith–Volk wegen einer Naturkatastrophe von den Inseln flüchtete. Und weil die Menschen sich die Welt damals durch Religion erklärten, musste das Ereignis als göttliche Strafe für sündiges Verhalten aufgefasst werden. Die schrecklichen Inseln wurden mit einem Tabu belegt und blieben lange Zeit unbewohnt. Die Spur der Tempelbau–Leute verliert sich. Einige lebten noch in Sizilien und errichteten Grabhöhlen im Stil des Hypogäums. Andere Boat–People wird der Nordwest–Wind an die afrikanische Küste getrieben haben und manche von ihnen werden wohl bis nach Ägypten gekommen sein, wo der Pharao Djoser gerade das Alte Reich begründete. Dort wurden vielleicht ihre Erlebnisberichte aufgezeichnet.


3. Spurensuche in Platons Atlantis - Mythos

Abb. 7 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Bisher habe ich über Fakten referiert, über das wohlhabende, gläubige und humane Megalith–Volk, das plötzlich verschwunden ist und über die komplizierte Tektonik der Maltesischen Inseln, die immer wieder Naturkatastrophen verursacht. Im dritten Teil des Referats werde ich nun versuchen, zwischen Fakten und Mythen Gemeinsamkeiten zu finden.

Wenn ein reiches Volk auf einer Insel durch eine Naturkatastrophe untergeht, drängt sich der Gedanke an Platons Atlantis–Geschichte auf. Andererseits ist über dieses Thema schon so viel fabuliert worden, dass man sich unseriös fühlt, auch nur darüber nachzudenken. Mit großer Skepsis habe ich trotzdem damit angefangen. Ich werde Ihnen nun einige Ergebnisse vorlegen. Beurteilen Sie bitte selbst, was davon zu halten ist.

Das sagenhafte Inselreich Atlantis muss im Westen gelegen haben. Platon kann sich nicht entscheiden, ob es diesseits oder jenseits von Gibraltar zu suchen ist. Namen, wie das Atlas–Gebirge oder der Atlantische Ozean verweisen ebenso auf die Westlage wie antike Mythen. Dort stützt der Titan Atlas am Westrand der Erdscheibe den Himmel. Seine Töchter sind die Hesperiden, Hesperos bedeutet Abendstern, diesen nennen wir heute Venus.

Die Maltesischen Inseln liegen aber gar nicht im Westen der antiken Welt, sondern in der Mitte. Doch Ägypter, Achäer oder die kleinasiatischen Stämme kannten in vor- und frühgeschichtlicher Zeit nur das östliche Mittelmeer. Erst die Phönizier erreichen um tausend vor Christus, lange Zeit nach dem Untergang der maltesischen Megalith–Kultur, die Iberische Halbinsel. Homers Odysseus kommt bei seiner Irrfahrt nicht über Malta und Sizilien hinaus.

In vorantiker Zeit war der maltesische Archipel tatsächlich das westlichste Gebiet am Ende der Welt. Rechnen wir noch Sizilien, Kalabrien, die Liparischen Inseln und weitere Inseln von Ustica bis Lampedusa hinzu, dann ergibt sich ein riesengroßes Inselreich, das mit den damaligen Navigationstechniken als unermessliche Weite erscheinen musste. Der kulturelle Schwerpunkt lag jedoch auf Malta.

Abb. 8 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Die atlantische Meerenge bei Platon, durch die man auf die Inseln im jenseitigen Meer hinausfahren kann, läge dann nicht bei Gibraltar, sondern wäre als die Straße von Messina zu deuten. Funde beweisen, dass sich das Tempelbau – Volk Obsidian von den Liparischen Inseln holte und es gibt sogar Hinweise, dass Seefahrer aus dem östlichen Mittelmeerraum bis Sardinien vordrangen.

Berge sind in vielen Religionen der Sitz der Götter und der Ätna ist mit 3350 Metern der höchste Berg der Mittelmeerküsten. Der Titan Atlas, nach dem der Stammvater des sagenhaften Atlanter–Volkes benannt ist, wurde ursprünglich als Himmelsgott verehrt. Später degradiert ihn Zeus und er muss das Himmelsgewölbe tragen. Ist es wirklich nur Zufall, dass am Westrand der damals bekannten Welt der höchste Berg liegt, genau dort, wo nach der mythischen Vorstellung der Titan Atlas den Himmel stützt?

Sehr genau beschreibt Platon den Hafen der Atlanter. Um die Königsburg in der Mitte hat der Meeresgott Poseidon drei konzentrische Kreise aus dem Felsen der atlantischen Insel herausgedrechselt. Ein solch gigantisches Götterwerk nennen wir heute Naturhafen. Der Naturhafen von Valletta besteht zwar nicht aus konzentrischen Kreisen, aber aus drei konzentrischen Kreisbögen mit dem Mittelpunkt bei Marsa (Foto 7). Das religiöse Zentrum, die Tarxien-Tempel, befindet sich ganz in der Nähe. „Die Erdgürtelränder erhoben sich hoch über das Meer“, schreibt Platon. Hier wird noch einmal deutlich, dass ein Naturhafen beschrieben ist und kein prähistorisches Hafenbecken. Und auch heute noch bietet, wie Platon berichtet, der Hafen für das Einlaufen der Schiffe ausreichend Platz. Die beiden bis über dreißig Meter tiefen Wasserrinnen des Grand–Harbour und des Marsamxett-Harbour erinnern an die von Platon beschriebenen Durchstiche zwischen den kreisförmigen Hafenbecken und in der Mitte erstreckt sich die Halbinsel von Valletta wie eine Landbrücke. Auch die Atlanter sollen eine Brücke zwischen den Hafenkreisen angelegt haben.

Abb. 9 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Die Tempel der Atlanter sollen teils weiß, teils schwarz, teils rot gewesen sein. Diese klassischen Farben für Leben und Tod kommen auch in den maltesischen Megalith–Tempeln vor Die prähistorischen Architekten wählten sogar rote und rosa Kalksteine aus, um die Wände von besonders heiligen Räumen zu tönen (Foto 8). Nach Platon war die Bauart der atlantischen Tempel fremdländisch. Diese gewölbten, höhlenartigen Räume der maltesischen Sakralbauten, die mit Stroh gedeckt waren, entsprechen nun wirklich nicht den geometrischen Formen der antiken Klassik (Foto 9). Und im Haupttempel der Atlanter stand eine Götterstatue, so groß, dass sie mit dem Haupt die Decke berührte. Vielleicht existiert in Tarxien noch der untere Teil davon.

Mit Gold und Silber waren die maltesischen Heiligtümer allerdings nicht überzogen. Die weißen Kalksteine wirken im hellen Sonnenlicht jedoch so silbrig, die gelben GlobigerinenKalkQuader glänzen in der Abendsonne so goldartig, dass die moderne Autorin Sibylle von Reden den Vergleich nicht scheute und schrieb: Auf dem Hügel liegen die „goldenen Tempel von Qrendi“ und hinter ihnen „schwimmt die Klippe Filfla wie ein silbernes Felsboot auf dem Meer(Foto 10).

Abb. 10 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Der sagenhafte Reichtum der Atlanter passt auch ganz gut zu dem Wohlstand der Maltesischen Inseln. Wie Platon beschreibt, war auf der versunkenen Insel das „Geschlecht der Elefanten sehr zahlreich“. Das Tempelbau–Volk hat jedoch keine lebenden Elefanten mehr angetroffen. Doch in der Höhle Ghar Dalam, die frühen Siedlern als Wohnplatz diente, fanden sich Unmengen von Elfenbein – Stoßzähnen. Denn ebenso wie auf einigen anderen Mittelmeerinseln lebten hier Zwergelefanten, die von den Menschen leider sehr bald ausgerottet wurden. Wenn Platon also schreibt, die Atlanter hätten ein Gewölbe aus Elfenbein gebaut, so wäre das auf Malta tatsächlich machbar gewesen.

Aus Platons Ausführungen lässt sich schließen, dass das sagenhafte Atlanter-Reich im Mittelmeergebiet zu suchen ist, denn das Klima ist durch Winterregen und Sommertockenheit charakterisiert. Und darum mussten im Sommer die Felder bewässert werden. Das war auch bei den alten Maltesern so. Und jetzt bekommen die Cart–Ruts, diese rätselhaften Spurrillen einen Sinn. Sie verweisen auf Feldwege, auf denen mittels eines Gleitschlittens das Wasser zu den Feldern transportiert wurde. Weil der Obere Grundwasserhorizont, wie beschrieben, in der Höhe liegt, führen auch die Wirtschaftswege über die Hochflächen, die heute verkarstet sind. Ergiebige Quellen bilden Verkehrsknotenpunkte, aus allen Richtungen verlaufen die Cart–Ruts dorthin, z.B. im Süden Maltas bei den Buskett–Gärten. Da Starkregen immer wieder den Boden abspülen, transportierte man auch die Erde auf die Felder zurück und baute Ackerterrassen, um die Erosion zu verringern. Der berühmte Archäologe Themistokles Zammit hält den Terrassen – Feldbau sogar für eine größere Kulturleistung als den Tempelbau (Foto 11).

Trotz dieses Wohlstands machte sich das Megalith–Volk ebenso wie die Atlanter nichts aus weltlichen Schätzen. Die Archäologen rätseln, warum auf Malta keine Metalle gefunden wurden, die doch bei anderen Völkern schon gebräuchlich waren. Es gibt auch keinen Goldschatz.

Abb. 11 Foto: © Dr. Christiane Dittmann

Ehrlicherweise muss gesagt werden, dass es in Platons Atlantis–Geschichte Textstellen gibt, die gar nicht zur maltesischen Megalith–Kultur passen. Wir finden zwar Elefanten, aber keine Pferde. Alters- und Größenangaben sind sehr interpretationsbedürftig. Wollte Platon bei der Beschreibung des ursprünglich tugendhaften Atlanter–Volkes seine eigenen Ideen von Demokratie und Gewaltenkontrolle anhand eines erfundenen Beispiels belegen? Oder gab es Archivmaterial in Ägypten über eine untergegangene friedliche Zivilisation?

Was bedeutet die Atlanter–Schlacht? Historisch existieren dafür keinerlei Indizien. Aber es gibt den Mythos von der Titanen–Schlacht. Der griechische Gott Zeus besiegt das von Westen heranbrausende Heer des Atlas, der mit seinen Titanen und Giganten die Welt unterwerfen will. Die grauenhaften Angreifer werden in die Unterwelt eingesperrt, Atlas ist zum Himmelsträger degradiert, Zeus setzt sich als Obergott durch. Ein solcher Mythos, der auf Machtkämpfe zwischen Religionen hinweist, wurde von den Menschen damals sicher als Realität geglaubt. Auch in der Bibel finden sich mythische Texte, die auch heute noch etliche Leute für Wirklichkeit halten. Die Atlantis–Geschichte ist also auch ein mythischer, ein religiöser Text, denn ein Volk wird von Gott als Strafe für sündiges Verhalten vernichtet. Diese Thematik tritt immer wieder auf, z.B. bei der Sintflut, Sodom und Gomorrha, der Deukalionischen Flut und anderen.

Platons Atlantis–Geschichte ist also mehrdeutig und interpretationsbedürftig. Und wenn es mir jetzt gelungen ist, Sie für dieses Thema zu interessieren, dann bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig, als nach Malta zu fahren und sich selbst ein Bild zu machen von der Megalith–Kultur und der Steilküste. Und vielleicht kommen Sie dann nach Hause und erzählen, Sie haben sich das angeschaut, was von Atlantis noch übrig ist.


Literaturhinweis:

Vollständige Untersuchung mit detaillierten Literaturhinweisen, 57 Fotos, 16 Farbfotos und 24 Abbildungen in:

Dittmann Buch.jpg
Christiane Dittmann: "GEHEIMNIS – MALTA: auf der Suche nach der versunkenen Zeit", Kerschensteiner Verlag, ISBN 3-931954-07-2