Señor Kon-Tiki - Teil 13

Aus Atlantisforschung.de
Wechseln zu:Navigation, Suche

„Ra“

von Andreas Delor

Viele haben es als billige Selbstkopie, reine Sensationsmache und als Zeichen, dass ihm nichts mehr einfällt angesehen, dass Thor Heyerdahl sich entschließt, den Atlantik auf einem altägyptischen Schilfboot zu überqueren. Nichts ist jedoch falscher als das.

Ra II - in Fahrt.png
Abb. 1 Die Ra II - Auf ihr gelang Thor Heyerdahl und seiner Crew 1970
die erste Atlantik-Überquerung der Moderne mit einem Schilfboot.

Thor Heyerdahl ist lange nicht der erste Gelehrte, dem 'weiße' Polynesier aufgefallen waren. Vor ihm hatte man angenommen – z. B. Percy Smith [1] –, dass aufgrund der auffallenden Ähnlichkeit der Rongo-Rongo-Schrift (Abb. 2) der Osterinsel mit den Hieroglyphen der Indus-Kultur diese wirklich die Heimat dieser 'Weißen' sei, die auf abenteuerlich komplizierten Wegen über Indonesien nach Polynesien gekommen seien – es besteht neben allem anderen eine zeitliche Distanz von etwa 2500 Jahren! Auf den Gedanken, den Blick auf das viel näher liegende Südamerika zu richten, von wo zudem noch Wind und Strömung herkommen, kommt seltsamerweise vor Heyerdahl niemand. Er ist der Erste, der das Rätsel der 'weißen' Langohren bzw. Uru Kehu mit dem Rätsel der "weißen, bärtigen Männer" in den mittel- und südamerikanischen Hochkulturen in Verbindung bringt – eine Gleichung mit zwei Unbekannten, über die er in den Augen der wissenschaftlichen Welt gestolpert ist.

Abb. 2 Die Rongo-Rongo-Schrift der Osterinsulaner

Der Sieg wäre ihm absolut sicher gewesen, die amerikanische Beeinflussung der Südsee längst durchgesetzt, hätte Heyerdahl sich nicht an diesem Tabu-Thema der Existenz „weißer, bärtiger Männer“ im frühen Amerika vergriffen. Trotz der im Prinzip gewonnenen Kon-Tiki-Schlacht bleibt dies die Achillesferse seiner Theorie. Hätte er dieser Idee abgeschworen, eine Professorenstelle an irgendeiner Universität wäre ihm nach der Verleihung der Vega-Medaille sicher gewesen, damit verbunden ein geruhsames, abgesichertes Leben, wenn auch nicht weiter aufregend und weltbewegend. Diesen Weg wählt er nicht.

Heyerdahl ist die Vorstellung „weißer, bärtiger Männer“ so selbstverständlich, dass er sie für seine Besiedlungstheorie des Pazifik mit einer gewissen Naivität voraussetzt: „Viele Forscher haben mit gewichtigen Gründen behauptet, dass die großen Indianerkulturen, von den Azteken in Mexiko bis zu den Inkas in Peru, nach plötzlichen Impulsen aus dem Osten her über das Meer entstanden seien“, schreibt er in „Kon-Tiki“. Bereits Alexander von Humboldt hatte darauf aufmerksam gemacht: „Bei der Ankunft der Spanier schrieben die Eingeborenen diese Bauwerke (von Tiahuanaco am Titicacasee) einer Rasse von weißen und bärtigen Männern zu, die das Anden-Plateau lange vor der Gründung des Inkareiches bewohnten“ (zitiert nach Arnold Jacoby, s. o.).

Außerdem kennt der Norweger die nicht wenigen Sagen von den mexikanischen Kulturbringern, am prägnantesten die Gestalt des Votan, von den Tzendal-Maya als weiß und blondhaarig beschrieben, der übers Meer aus dem „Land der aufgehenden Sonne“ auf Schlangenflößen (Schilfschiffen) kommt, den Maya alle Kultur bringt und die Stadt Palenque und viele andere begründet. Ein anderer weißer und blonder Kulturheros, Ce Acatl Topiltzin Quetzalcoatl, wird viel später – um das Jahr 1000 herum – als König der Tolteken von einem Widersacher gen Osten übers Meer vertrieben, kündigt aber an, er werde dereinst wiederkommen – diese Prophezeihung versetzt den Aztekenkaiser Moctezuma derartig in Angst und Schrecken, dass er dem spanischen Konquistador Hernando Cortez als offensichtlich wiedergekehrtem Quetzalcoatl sein Reich zu Füßen legt.

Abb. 3 Den spanischen Conquistadoren Francisco Pizarro hielten die Inka zu ihrem Unglück für einen Sendling des göttlichen Con-Ticci-Viracocha.

Die südamerikanischen Inka hingegen halten den Spanier Francisco Pizarro (Abb. 3) – wie dessen Neffe und Page Pedro Pizarro berichtet – für einen Abgesandten ihres weißen, bärtigen Gottes Con-Ticci-Viracocha. Und die spanischen Chronisten beschreiben die Adelsschicht der Inka als weiß, weißer als die Spanier selber.

Mitte der Sechziger Jahre schreibt Heyerdahl seine ersten Aufsätze über dieses Thema (heute in überarbeiteter Form zu finden in „Wege übers Meer“). Aber die „Diffusionisten“, wie die Verfechter eines frühen Kontaktes zwischen Amerika und Europa genannt werden, befinden sich, als Heyerdahl diese Bühne betritt, bereits in einem hoffnungslosen Rückzugsgefecht gegen die „Isolationisten“ oder „Evolutionisten“ (alle kulturelle Evolution hätte sich jeweils an Ort und Stelle abgespielt), die sich 'Weiße' in Mittel- und Südamerika als Führungsschicht der dortigen Hochkulturen schlichtweg nicht vorstellen können. Als Heyerdahl 1966 zum Vorsitzenden des 37. internationalen Amerikanisten-Kongresses in Argentinien berufen wird, muss er eine herbe Niederlage der Diffusionisten miterleben:

Die kontaktfreudigen Diffusionisten waren zahlreich erschienen und hatten Redner von drei Kontinenten in ihren Reihen. Die Isolationisten waren ebenfalls zahlreich vertreten, aber auf den Zuhörerbänken. Ihre Taktik bestand darin, die anderen reden zu lassen und dann deren Argumente niederzusäbeln. Die Beweislast überließen sie auf bedächtige Art ganz denjenigen, die da meinten, das Weltmeer sei schon vor Kolumbus überquert worden. Den Diffusionisten fehlte es nicht an Argumenten, doch fehlten ihnen stets die Beweise. [...] Dieser Angriff der Diffusionisten wurde mit Leichtigkeit abgewehrt, nach wie vor. Die Kulturparallelen in Ost und West waren Schläge in die Luft.[2]

Das Problem ist, dass im vorkolumbischen Amerika das Rad, das Pferd und andere europäische Haustiere, der Pflug, die Töpferscheibe, das hölzerne Schiff und das Eisen unbekannt waren, in Mexiko sogar die Bronze (dass all das in dieser Ausschließlichkeit überhaupt nicht stimmt, nur im Großen und Ganzen, war damals kaum bekannt). Wenn es Kontakte zwischen der Alten und Neuen Welt gegeben hatte, dann zu einer ganz frühen Zeit, in der all diese Errungenschaften in Europa noch nicht flächendeckend verbreitet waren, mindestens 3000 v. Chr. In den Sechziger Jahren aber kennt man keine so alten amerikanischen Hochkulturen, die frühesten – Olmeken in Mexiko und Chavin in Peru – werden damals auf ca. 800 v. Chr. angesetzt (heute 1300 – 1500 v. Chr.).

Abb. 4 Eine der uralten Pyramiden von Caral im Valle de Supe in Peru

Mittlerweile hat sich die historische Lücke durch die Entdeckung der peruanischen Kultur von Caral (Abb. 4) aber geschlossen, deren Anfänge (Mysterienstätten mit gewaltigen Pyramiden wie Aspero, Sechín Bajo, Salinas de Chao und El Paraiso) bis ca. 3400 v. Chr. zurückreichen [3] Es ist die Zeit, als im Mittelmeer noch ausschließlich Schilfschiffe fahren und ganz ähnliche Pyramiden gebaut werden. Die Datierung der Caral-Kultur gelingt aber erst 2001, ein Jahr vor Heyerdahls Tod, als die Diffusionisten längst völlig „niedergesäbelt“ sind. Um 3400 v. Chr. waren (bis auf Bronze und Eisen) alle obigen Kulturerrungenschaften im Mittelmeerraum zwar schon verbreitet, aber eben nicht flächendeckend.

Viele andere vertraten die Ansicht, die Ägypter hätten lange vor Kolumbus Kulturimpulse in das tropische Amerika gebracht. Ich verfügte über keine solche Theorie. Ich hatte nie einen Beweis dafür gefunden, allerdings auch keinen Gegenbeweis. [...] Der Wissenschaft fehlten allzu viele Steinchen in dem Puzzlespiel. Es gab große Lücken in der Chronologie, es gab unerklärliche Widersprüche, und es gab ein riesiges Meer, zehntausendmal breiter als der Nil.“ schreibt er in „Expedition Ra“.

Ich verfügte über keine solche Theorie“ ist allerdings starkes Understatement; Heyerdahl verfügt über unwiderlegbare BEWEISE (mittlerweile ist die Beweislage sogar noch wesentlich dichter geworden). Der Norweger hatte den letzten weißen Nachkommen der Langohren auf der Osterinsel selber die Hand geschüttelt, hatte in Peru rothaarige Mumien (Abb. 5) und blauäugige Masken gesehen; die Berichte der Spanier in Mittel- und Südamerika sind voll von ihnen, noch viel mehr die indianischen Sagen von den „weißen Göttern“, sie sind zuhauf in ihren Bildwerken dargestellt (mittlerweile sind z. B. phönizische und keltische Inschriften in Amerika und eindeutig nachgewiesene Kokain- und Nikotinspuren in altägyptischen Mumien sowie eben die mediterranen Stufenpyramiden von 3000 v. Chr. hinzugekommen) – es nützte alles nichts, 'Weiße' darf es einfach in Amerika vor Kolumbus nicht gegeben haben.

Abb. 5 Der Kopf einer der rothaarigen Paracas-Mumien, Peru, 300 v. Chr.

Aber natürlich schienen 1966 beim 37. Amerikanisten-Kongress (bei dem er als Vorsitzender die diffusionistische Niederlage quasi mitzuverantworten hatte!), als das hohe Alter der amerikanischen Hochkulturen noch nicht im entferntesten abzusehen war, die Gegenargumente weit zu überwiegen – ab hier kommt der resignative Unterton in Heyerdahls Lebenswerk hinein; dieser Kongress muss auf ihn – ohne ihn von seiner Überzeugung im Mindesten abbringen zu können – tatsächlich niederschmetternd gewirkt haben.

Die vielen Kulturparallelen zwischen Altamerika und Alteuropa werden von den Evolutionisten geradezu als Beweis dafür angesehen, dass sich kulturelle Errungenschaften an verschiedenen Orten unabhängig voneinander entwickeln. Außerdem werden die Binsenschiffe, die einzigen der frühen Alten und Neuen Welt gemeinsamen Seefahrzeuge, von den Wissenschaftlern noch weniger ernst genommen als seinerzeit die Balsaflöße. Heyerdahl hegt ein unbegrenztes Vertrauen zu allen alten Seefahrzeugen. Den Wikinger reizt das Meer. Er will wenigstens diesen gordischen Knoten durchhauen.

So lässt er, durchaus den Show-Effekt miteinbeziehend, im Angesicht der ägyptischen Pyramiden das Papyrusfloß „Ra“ nach altägyptischem Vorbild von schwarzen Schilfbootbauern des Tschadsees aus Papyrus vom äthiopischen Tanasee bauen – denn in Ägypten gibt es schon lange kein Papyrus mehr. Wie schon bei Kon-Tiki folgt er dem Sonnengott (altägyptisch: „Ra“), den er immer mehr bewundert, auf seinem Weg nach Westen (ist es ein Zufall, dass kurz zuvor die Beatles ihren Song veröffentlicht hatten: „I`ll follow the sun“?!).

Abb. 6 Die Ra (I) musste bei Heyerdahls erstem Versuch einer Atlantik-Überquerung im Jahr 1969 aufgrund eines fatalen Konstruktionsfehlers kurz vor dem Ziel aufgegeben werden.

Aber die erste Ra-Fahrt (Abb. 6) von Marokko nach Amerika im Jahr 1969 geht schief. Aufgrund eines Konstruktionsfehlers – ein winziges Detail im Bauplan der altägyptischen Papyrusschiffe ist von ihm nicht ernst genommen worden – löst sich die „Ra“ kurz vor den karibischen Inseln auf, die Mannschaft muss gerettet werden. Es zeigt die unbeugsame Willenskraft und den felsenfesten Glauben dieses Mannes an seine Idee, dass er sofort das Experiment mit einem besseren Papyrusboot, von Indianern des Titicacasees gebaut, wiederholt. Mit der „Ra II“ durchquert er 1970 zum Erstaunen der Welt in 57 Tagen den Atlantik. Der Beweis ist gelungen, dass Schilfschiffe hochseetüchtig sind, monatelang nicht versinken und aus dem Mittelmeer von alleine (denn er versteht noch nicht, das Papyrusboot gegen den Wind zu steuern) den Kurs nach Amerika nehmen.

Wie „Kon-Tiki“ ist auch diese Ozeanüberquerung – diesmal mit einer internationalen Besatzung; auch einer seiner schwarzen Bootsbauer ist dabei – der Versuch einer Gemeinschaftsbildung und „multikulturellen Gesellschaft“ im Kleinen. Auf dieser Fahrt über den großen Teich bemerkt er aber auch als Erster mit Entsetzen die schwarzen Teerklumpen, die zu Milliarden über die Ozeane treiben, seine Meldung darüber schreckt die ganze Welt auf. [4]

Er macht aber diesmal umgekehrt wie bei Kon-Tiki die Fahrt zuerst und reicht die Theorie später nach. Das hat ihm ungeheuer geschadet. „Ein Jahr später gelingt Heyerdahl unter großen Mühen und Gefahren die Überfahrt mit >Ra II<. Und, wie bei Kon-Tiki, hält er seine These damit für bewiesen.“ steht in dem Artikel „Held der Meere und der Medien“ von Udo Zindel in „Abenteuer Archäologie“ 4/2007. Es ist jedoch erstens Heyerdahl in beiden Fällen sehr bewusst, dass er nur die Möglichkeit der Überfahrt mit damals möglichen Seefahrzeugen aufgezeigt hat, zweitens aber geschieht die Ozeanüberquerung in beiden Fällen mit einer gewissen Leichtigkeit!

Abb. 7 Mit seiner Ra II gelang Thor Heyerdahl 1970 nicht nur der Beweis, dass solche Schilfschiffe hochseetüchtig sind, sondern auch, dass bereits vor tausenden von Jahren Atlantik-Überquerungen möglich waren.

Weil aber das Problem von einer Komplexität ist, die ein Menschenleben vielleicht überfordert, ist es keine richtige Theorie, die er nachliefert, sondern nur Fragmente. Im „pazifischen“ Abschnitt seines Lebens hatte er jedes gegnerische Argument akribisch unter die Lupe genommen und pedantisch entkräftet, hatte alle wichtigen süd- und mittelamerikanischen Ausgrabungsstätten vor Ort studiert und zwei beispiellos umfangreiche und bis in die letzte Einzelheit ausgearbeitete wissenschaftliche Werke geschrieben. So etwas macht man vielleicht nur einmal im Leben, „aus dem Überschwang jugendlicher Kräfte heraus“, Thor Heyerdahl außerdem gestählt durch alles, was er im Krieg hatte durchmachen müssen. Jetzt will er einfach weiterkommen, ohne sich von einer derart gründlichen Durcharbeitung, zu der er offensichtlich keine Kraft mehr hat, aufhalten zu lassen.

Ein Theorie-Fragment über die europäische Beeinflussung Amerikas stellt z.B. sein erst 1992 erschienenes Buch dar: „Lasst sie endlich sprechen – die amerikanischen Ureinwohner erzählen ihre Geschichte“ – ein Werk, welches in puncto Exaktheit und umfassender Überschau weit hinter seinen pazifischen Abhandlungen zurückbleibt. Heyerdahl wirkt verunsichert. Letztendlich hält er zwar unumstößliche Beweise für einen europäischen Kultureinschlag in Amerika in Händen, doch sind die Widersprüche für ihn noch schier unentwirrbar.

Dass er sich auf so schwankenden Boden begibt, kostet ihn seinen wissenschaftlichen Ruf wieder, den er sich in der Kon-Tiki-Schlacht und durch seine früheren wissenschaftlichen Werke erobert hat. Es scheint nun erwiesen, dass er doch nur ein Abenteurer ist. Rückwirkend schlägt dies auch auf die Anerkennung seiner „pazifischen“ Werke zurück, zumal er sich, mit anderen Dingen beschäftigt, um die sozusagen hinter seinem Rücken stattfindende Demontage seiner pazifischen Theorie nicht mehr kümmert. Er ist der Meinung, schon alles gesagt zu haben – was auch stimmt, eine wirkliche Widerlegung von ihm hat seither, schaut man auf die Tatsachen, tatsächlich nicht im Geringsten stattgefunden.


Fortsetzung: „Tigris“ (Señor Kon-Tiki - Teil 14)

Zurück zur Übersicht


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe: Percy Smith, „Hawaiki. The original Home of the Maori“, Wellington 1910
  2. Quelle: Thor Heyerdahl, „Expedition Ra“, Berlin 1979
  3. Siehe: Renate Patzschke, „Die formativzeitliche Anlage von Sechín Bajo und ihre zeitliche Einordnung“, Inauguraldissertation. Berlin 2008; sowie: Ruth Shady Solís, „Caral – La ciudad del fuego sagrado", Lima 2004
  4. Siehe dazu auch: "Thor Heyerdahl als Pionier der Umweltschutzbewegung" (red)

Bild-Quellen:

1) Thor Heyerdahl © Kon-Tiki Museum, Oslo
2) Kwamikagami bei Wikimedia Commons, unter: File:Rongo-rongo script.jpg
3) Frank Schulenburg und Mathiasrex bei Wikimedia Commons, unter: File:Francisco-Pizarro-um1540.png
4) Xauxa bei Wikimedia Commons, unter: File:PeruCaral17.jpg
5) Thor Heyerdahl © Kon-Tiki Museum, Oslo
6) Thor Heyerdahl © Kon-Tiki Museum, Oslo
7) J.M. Allen, History of Reed Ships