Günther Kehnscherper: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Bild:Solon 1875.jpg|thumb|'''Abb. 2''' Die Urheberschaft des Staatsmannes ''Solon'' am Atlantisbericht stellte ''Günther Kehnscherper'' in Abrede. (Bild: ''Solon'' auf einem Stich von 1875)]]
 
[[Bild:Solon 1875.jpg|thumb|'''Abb. 2''' Die Urheberschaft des Staatsmannes ''Solon'' am Atlantisbericht stellte ''Günther Kehnscherper'' in Abrede. (Bild: ''Solon'' auf einem Stich von 1875)]]
  
Obwohl '''Günther Kehnscherper''' fachlich in vielen Punkten durchaus mit [[Jürgen Spanuth]] und dessen Forschungsergebnissen übereinstimmte oder wohlwollend bzw. lobend auf sie Bezug nahm, wäre es doch falsch, ihn vereinfachend als 'Spanuth-Anhänger' darzustellen. So unterschieden sich zum Beispiel bereits ihre exegetischen Ansätze zur Interpretation des [[Atlantisbericht]]s merklich. Während etwa [[Jürgen Spanuth|Spanuth]] die von [[Platon]] im Dialog [[Timaios]] erwähnte, auf [[Solon]] zurückgehende, Überlieferungskette der Atlantiserzählung akzeptierte <ref>Red. Anmerkung: Siehe dazu z.B. bei ''Atlantisforschung.de'': "[[Spanuths 'Schlüssel zum Atlantisbericht']]" ([[bb]])</ref>, bemerkte '''Kehnscherper''' zu [[Platon]]s diesbezüglichen Angaben lapidar: "''Solon'' '''(Abb. 2)''' ''hat er wohl nur als bekannte Autorität vorgeschützt, er selbst war längere Zeit in Ägypten und hat die Quellen in Karnak und Medinet Habu gesehen, schreibt also aus eigener Anschauung.''" <ref>Quelle: Unveröffentlichter Brief von '''Günther Kehnscherper''' an [[Günter Bischoff]], datiert: Greifswald, den 15.11.86</ref>  
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Obwohl '''Günther Kehnscherper''' fachlich in vielen Punkten durchaus mit [[Jürgen Spanuth]] und dessen Forschungsergebnissen übereinstimmte oder wohlwollend bzw. lobend auf sie Bezug nahm, wäre es dennoch falsch, ihn vereinfachend als 'Spanuth-Anhänger' darzustellen. So unterschieden sich zum Beispiel bereits ihre exegetischen Ansätze zur Interpretation des [[Atlantisbericht]]s merklich. Während etwa [[Jürgen Spanuth|Spanuth]] die von [[Platon]] im Dialog [[Timaios]] erwähnte, auf [[Solon]] zurückgehende, Überlieferungskette der Atlantiserzählung akzeptierte <ref>Red. Anmerkung: Siehe dazu z.B. bei ''Atlantisforschung.de'': "[[Spanuths 'Schlüssel zum Atlantisbericht']]" ([[bb]])</ref>, bemerkte '''Kehnscherper''' zu [[Platon]]s diesbezüglichen Angaben lapidar: "''Solon'' '''(Abb. 2)''' ''hat er wohl nur als bekannte Autorität vorgeschützt, er selbst war längere Zeit in Ägypten und hat die Quellen in Karnak und Medinet Habu gesehen, schreibt also aus eigener Anschauung.''" <ref>Quelle: Unveröffentlichter Brief von '''Günther Kehnscherper''' an [[Günter Bischoff]], datiert: Greifswald, den 15.11.86</ref>  
  
 
Auch die - von [[Jürgen Spanuth|Spanuth]] gebilligten - Größenangaben im [[Atlantisbericht]] stellte '''Kehnscherper''' in Frage: "''Die Maße [[Plato]]s sind von den Maßen der griechischen [http://de.wikipedia.org/wiki/Polis Polis], also [http://de.wikipedia.org/wiki/Agora Agora] u.a., genommen. Die 'maß'los überlieferten, übertriebenen Seefahrererzählungen hat dann [[Plato]] nach seinen Vorstellungen ergänzt. Nach maßstabgerechten Vorlagen ''[z.B. für die Stadt oder Ebene von Atlantis; bb]'' zu fragen erübrigt sich. Sie sind topoi, Einzelbausteine, die Plato zu seinen Zwecken zusammengefügt hat.''" <ref>Quelle: ebd.</ref>
 
Auch die - von [[Jürgen Spanuth|Spanuth]] gebilligten - Größenangaben im [[Atlantisbericht]] stellte '''Kehnscherper''' in Frage: "''Die Maße [[Plato]]s sind von den Maßen der griechischen [http://de.wikipedia.org/wiki/Polis Polis], also [http://de.wikipedia.org/wiki/Agora Agora] u.a., genommen. Die 'maß'los überlieferten, übertriebenen Seefahrererzählungen hat dann [[Plato]] nach seinen Vorstellungen ergänzt. Nach maßstabgerechten Vorlagen ''[z.B. für die Stadt oder Ebene von Atlantis; bb]'' zu fragen erübrigt sich. Sie sind topoi, Einzelbausteine, die Plato zu seinen Zwecken zusammengefügt hat.''" <ref>Quelle: ebd.</ref>

Version vom 24. Januar 2013, 06:04 Uhr

Ein Forscherportrait

von Günter Bischoff und Bernhard Beier

"Die wichtigste Erkenntnis der vergangenen Jahre ist, daß Philister, Nord- und Seevölker und Urnenfelderleute denselben Koaltionsverband bezeichnen und einer bronzezeitlichen Kultur angehören, über die wir zahlreiche andere Nachrichten außer von Plato haben." (Günther Kehnscherper, 1986)

Abb. 1 Prof. Dr. Günther Kehnscherper (im Jahr 1990)

Prof. Dr. Günther Kehnscherper (Abb. 1) (* 23.05.1929 in Rio de Janeiro - ✝ 23.06.2004 in Berlin) war ein deutscher Theologe und Altertumsforscher, der von 1970 bis 1993 eine Professur für Praktische Theologie an der Sektion Theologie / Theologischen Fakultät der Universität Greifswald inne hatte. Neben diversen akademischen Arbeiten publizierte er auch mehrere populärwissenschaftliche Bücher und Artikel zur Ur- und Frühgeschichte des Mittelmeer-Raums sowie des nördlichen Europa.

Aus atlantologischer bzw. atlantologie-geschichtlicher Sicht ist G. Kehnscherpers 1978 erstveröffentlichtes, und u.a. 1989 in der Reihe 'Spektrum des Wissens' im Moewig Verlag, Rastatt, wieder erschienenes Buch "Auf der Suche nach Atlantis" (Abb. 2) von besonderem Interesse. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen betrachtete der renommierte Fachwissenschaftler [1] nämlich den klassischen Atlantisbericht nicht als Platonischen Mythos, sondern kam bei seinen Studien zu einem weitaus differenzierteren Urteil. [2]

Im Klappentext des Buches (Ausgabe 1989) heißt es weiter: "Der vorliegende Band versucht dem Geheimnis um die sagenumwobene Insel Atlantis auf die Spur zu kommen. Ausgehend von Platos grundlegendem Atlantis-Bericht, untersucht der Autor die verschiedenen Lokalisierungsversuche sowie die mit Atlantis verbundenen Vorstellungen und Utopien. Es kommt zu dem Schluss, dass die Bewohner von Atlantis mit den Seevölkern in Zusammenhang stehen, die im zweiten Jahrtausend v. Chr. in den Mittelmeerraum eindrangen." [3] Bei seiner Annahme, dass diese Atlantier-Seevölker tatsächlich aus dem Nordwesten Europas stammten, nahm er direkten Bezug auf die umfassende Vorarbeit, die Jürgen Spanuth zuvor in diesem Zusammenhang präsentiert hatte.

Bereits 1963 hatte Kehnscherper in einem Artikel die Frage aufgeworfen: "Ist das Atlantis-Rätsel nun endgültig gelöst? Wenn der Holsteinische Theologe J. Spanuth nun Atlantis im Seegebiet von Helgoland sucht, so ist hier nicht wieder einmal eine neue Hypothese aufgestellt, sondern ein wissenschaftlich ernst zu nehmender Beitrag zur Lösung des Atlantisproblems geleistet worden. Es war nicht die Eingebung eines Augenblicks, Atlantis in der Nordsee zu suchen, sondern Spanuth hat einen jahrzehntelangen Weg durch die wwissenschaftliche Forschung zurückgelegt, bis er seine Expeditionen ausrüstete, die mit Hilfe modernster technischer Hilfsmittel zur Feststellung bronzezeitlicher Siedlungsreste auf dem 'Steingrund' wenige Kilometer östlich von Helgoland führten." [4]

Abb. 2 Die Urheberschaft des Staatsmannes Solon am Atlantisbericht stellte Günther Kehnscherper in Abrede. (Bild: Solon auf einem Stich von 1875)

Obwohl Günther Kehnscherper fachlich in vielen Punkten durchaus mit Jürgen Spanuth und dessen Forschungsergebnissen übereinstimmte oder wohlwollend bzw. lobend auf sie Bezug nahm, wäre es dennoch falsch, ihn vereinfachend als 'Spanuth-Anhänger' darzustellen. So unterschieden sich zum Beispiel bereits ihre exegetischen Ansätze zur Interpretation des Atlantisberichts merklich. Während etwa Spanuth die von Platon im Dialog Timaios erwähnte, auf Solon zurückgehende, Überlieferungskette der Atlantiserzählung akzeptierte [5], bemerkte Kehnscherper zu Platons diesbezüglichen Angaben lapidar: "Solon (Abb. 2) hat er wohl nur als bekannte Autorität vorgeschützt, er selbst war längere Zeit in Ägypten und hat die Quellen in Karnak und Medinet Habu gesehen, schreibt also aus eigener Anschauung." [6]

Auch die - von Spanuth gebilligten - Größenangaben im Atlantisbericht stellte Kehnscherper in Frage: "Die Maße Platos sind von den Maßen der griechischen Polis, also Agora u.a., genommen. Die 'maß'los überlieferten, übertriebenen Seefahrererzählungen hat dann Plato nach seinen Vorstellungen ergänzt. Nach maßstabgerechten Vorlagen [z.B. für die Stadt oder Ebene von Atlantis; bb] zu fragen erübrigt sich. Sie sind topoi, Einzelbausteine, die Plato zu seinen Zwecken zusammengefügt hat." [7]

Des weiteren war Günther Kehnscherpers katastrophistisches Modell zur Erklärung der massiven, endbronzezeitlichen Migrationen weitaus weniger dezidiert und entwickelt als das von Jürgen Spanuth. Während jener, beeinflusst von den Überlegungen Walter Stenders (1905-2000), ein komplexes Impakt-Szenario als Ursache der großräumigen Verheerungen entwarf [8], welche diese Völkerwanderung verursachten, scheute Kehnscherper in dieser Hinsicht wohl vor einem 'großen Wurf' bzw. vor einem 'revolutionären' Erklärungsansatz zurück [9], indem er z.B. allgemein auf "Naturkatastrophen vor über 3000 Jahren" (insbesondere Erdbeben und Vulkanismus) verwies. [10]

Zudem widersprach Prof. Kehnscherper recht entschieden Spanuths Auffassung, dieser sei bei seinen unterwasser-archäologischen Exkursionen am 'Steingrund' vor der heutigen Küste Helgolands [11] auf Überreste der Metropolis von Atlantis gestoßen: "Auf keinen Fall wurde Basileia [12] gefunden, sondern eine gewöhnliche Bronzezeitsiedlung unnd vielleicht ein Heiligtum wie Stonehenge, mehr nicht." [13] Dabei bedauerte er es angesichts dieser, in jedem Fall bemerkenswerten, Entdeckungen durchaus, dass Spanuths Feldforschung aus Kostengründen nicht hatte weitergeführt werden können.

Auch wenn Günther Kehnscherper, wie er selber erklärte, "keinen Beitrag zu einer >modernen Atlantisforschung<" leisten, sondern "vielmehr versuchen" wollte, "die Notwendigkeit einsichtig zu machen, die Lösung des Atlantis-Problems in einem Kreis vorgegebener Daten und Fakten zu suchen, der durch den antiken Erfahrungshorizont begrenzt ist" [14], so können wir doch rückblickend feststellen, dass er nicht nur auf diejenige Richtung eben jener "modernen Atlantisforschung" befruchtend gewirkt hat, die Platons Atlantisbericht mit den hoch entwickelten, bronzezeitlichen Kulturen Nordwest-Europas in Verbindung bringt; zudem hat er auch dazu beigetragen, ein neues Bild des erwähnten "antiken Erfahrungshorizont[es]" zu entwickeln und die berechtigte Frage nach Herkunft und Natur der so genannten Seevölker offen zu halten. [15]


Veröffentlichungen von Günther Kehnscherper (Auswahl)

Abb. 3 Das Frontcover einer Neuveröffentlichung (Rastatt, 1989) als TB von Günther Kehnscherpers Atlantis-Buch aus dem Jahr 1978


Anmerkungen und Quellen

  1. Anmerkung der Verf.: Die despektierliche, zunächst auf seinen Theologen-Kollegen Jürgen Spanuth gemünzte Bezeichnung "Laienforscher" wies Kehnscherper mit folgender Begründung zurück: "Grundsätzlich würde ich aber bei Akademikern, die sich in 30jähriger Arbeit in ein Spezialgebiet ihres Studienfachs (Archäologie gehört an vielen Theol. Fakultäten - auch in Greifswald - zum Lehrplan) eingearbeitet haben, nicht von Laienforschern sprechen. Wir reden auch nicht bei Staatsleuten von Laienpolitikern, obwohl sie in den seltensten Fällen Akademiker sind oder rer.pol. studiert haben." (Quelle: Unveröffentlichter Brief von Günther Kehnscherper an Günter Bischoff, datiert: Greifswald, den 15.11.86)
  2. Anmerkung der Verf.: Ein Rezensent fasste dieses Urteil 1979 folgendermaßen zusammen: "Atlantis ist kein Mythos, wurde nicht von Plato erfunden. Professor Kehnscherper analysierte das Material, das Plato in seinen Dialogen verarbeitete, die gesellschaftlich-politische Lage Athens, in der das Werk entstand, und die Persönlichkeit des Philosophen. Er kommt zu dem überzeugenden Schluss, daß es >psychologisch undenkbar< ist, >daß sich Plato den Bericht lediglich ausgedacht hat, um das theoretische Modell einer hoch entwickelten Kultur zu entwerfen.<" (Quelle: Dr. Christian Heermann, "Plato hat Atlantis nicht erfunden" (Rezension zu: G. Kehnscherper, "Auf der Suche nach Atlantis"), in: WochenPost Nr.6/1979)
  3. Quelle: Günther Kehnscherper, "Auf der Suche nach Atlantis" (Klappentext), Rastatt, 1989
  4. Quelle: Günther Kehnscherper, "Liegt Atlantis bei Helgoland?" - Beitrag eines westdeutschen Theologen, in: Neue Zeit, Nr. 161, 14.07.1963
  5. Red. Anmerkung: Siehe dazu z.B. bei Atlantisforschung.de: "Spanuths 'Schlüssel zum Atlantisbericht'" (bb)
  6. Quelle: Unveröffentlichter Brief von Günther Kehnscherper an Günter Bischoff, datiert: Greifswald, den 15.11.86
  7. Quelle: ebd.
  8. Red. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: "Phaéthons Sturz und der Untergang von Atlantis" von Günter Bischoff
  9. Anmerkung der Verf.: ...was vermutlich dazu beigetragen hat, dass er zeitlebens und auch posthum von jenen gehässigen Attacken seitens des akademischen Establishments und einer publizistischen Schlammschlacht verschont geblieben ist, denen der Bordelumer 'Atlantis-Pastor' so massiv ausgesetzt war.
  10. Siehe dazu etwa: Günther Kehnscherper, "Liegt Atlantis bei Helgoland?" - Beitrag eines westdeutschen Theologen, in: Neue Zeit, Nr. 161, 14.07.1963
  11. Red. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantsforschung.de: Bernhard Beier", "Jürgen Spanuth - eine atlantologie-historische Betrachtung", Teil VII, "Spanuths 'Steingrund'-Expeditionen und die Diskussion ihrer Ergebnisse"
  12. Red. Anmerkung: Basileia = Die Königsburg von Atlantis
  13. Quelle: Unveröffentlichter Brief von Günther Kehnscherper an Günter Bischoff, datiert: Greifswald, den 15.11.86
  14. Quelle: Dr. Christian Heermann, "Plato hat Atlantis nicht erfunden" (Rezension zu: G. Kehnscherper, "Auf der Suche nach Atlantis"), in: WochenPost Nr.6/1979
  15. Red. Anmerkung: Über zusätzliche Informationen aus dem Kreis unserer Leserinnen und Leser zur Vita (Privatleben und wissenschaftliche Laufbahn) des atlantophilen Theologen & Prähistorikers sowie zu weiteren Details seiner Forschung, würden wir uns freuen. Hinweisgeber werden selbstverständlich - sofern nicht anders gewünscht - im Beitrag bzw. in den Quellenangaben dazu genannt!


Bild-Quellen

(1) Zeitschrift „Schleswig-Holstein“ (Spezialheft „Helgoland“), Heft 1+2 1990; S. 38 - Bildarchiv Günter Bischoff

(2) Wikimedia Commons, unter: File:Illustrerad Verldshistoria band I Ill 095.jpg

(3) Bildarchiv Atlantisforschung.de