Liegt Atlantis bei Helgoland?

Aus Atlantisforschung.de
Wechseln zu:Navigation, Suche

Beitrag eines westdeutschen Theologen

von Dr.Günther Kehnscherper, Altenhagen (1963)

Wo hat die sagenhafte Königsinsel der Atlanter gelegen? In einer furchtbaren Sturmnacht soll Atlantis mit seiner Hauptstadt Basileia versunken sein. Kaum 20 Seiten umfaßt der Bericht, den uns der griechische Philosoph Plato hinterlassen hat. Inzwischen sind es fast 25000 Bücher und Veröffentlichungen, die sich mit dem geheimnisvollen Atlanterreich befassen. Es gibt kaum ein Gebiet der Erde, in dem man Atlantis nicht schon vermutet hätte. Ist das Atlantis-Rätsel nun endgültig gelöst? Wenn der Holsteinische Theologe J. Spanuth nun Atlantis im Seegebiet von Helgoland sucht, so ist hier nicht wieder einmal eine neue Hypothese aufgestellt, sondern ein wissenschaftlich ernst zu nehmender Beitrag zur Lösung des Atlantisproblems geleistet worden.

Es war nicht die Eingebung eines Augenblicks, Atlantis in der Nordsee zu suchen, sondern Spanuth hat einen jahrzehntelangen Weg durch die wissenschaftliche Forschung zurückgelegt, bis er seine Expeditionen ausrüstete, die mit Hilfe modernster technischer Hilfsmittel zur Feststellung bronzezeitlicher Siedlungsreste auf dem 'Steingrund' wenige Kilometer östlich von Helgoland führten. [1]

Abb.1 Seevölker-Krieger mit charakteristischer 'Federkrone' (Zeichnung nach einem Tempel-Relief in Medinet Habu)

Untersuchungen über die Heimat der Nord- und Seevölker, die uns in altägyptischen Inschriften des Tempels in Medinet Habu, aus der Zeit Ramses III. (1198-1167 v. Chr.) und in den "Philistern" der Bibel begegnen, waren der Ausgangspunkt Spanuths. [2] Nach den Angaben in Medinet Habu kamen die Seevölker von den Inseln und Festländern am "Großen Wasserkreis" im fernsten Norden, der nach Spanuths Ueberzeugung identisch mit dem Nordsee-Ostseegebiet ist. In diesen Breiten lagen nicht nur nach altägyptischer, sondern auch nach griechischer und römischer Vorstellung die Enden der Erde und die Säulen des Himmels. Plinius nennt das Gebiet das Hyperboreerland. Dort liegt nach Spanuth also die Heimat der "Palusati" , der "Phlst" der ägyptischen Inschriften, eines Hauptstammes der Nord- und Seevölker. In den Tagen Ramses III. siedelten in Mitteleuropa nördlich der Donau bis in das Elbegebiet Völkergruppen, die wir heute zum großen Kulturkreis der Urnenfelderleute rechnen. Manche Einzelheiten der ägyptischen Wandbilder in Medinet Habu scheinen diese Vermutung zu bestätigen. Einige der dort abgebildeten Tracht-, Schiffs- und Waffenformen, so etwa die Federkronen (Abb, 1) und die Griffzungenschwerter, waren im Mittelmeergebiet bis zum Eindringen der Nord- und Seevölker unbekannt.


Naturkatastrophen vor über 3000 Jahren

Fehler beim Erstellen des Vorschaubildes: Datei fehlt
Abb. 2 Die Periode der Katastrophen gegen Ende der Bronzezeit war auch durch einen verstärkten Vulkanismus im gesamten Mittelmeer-Großraum gekennzeichnet. (Bild: Künstlerische Impression eines Ausbruchs des Ätna, ca. 1785-1790)

Die Ursache dieser Großen Wanderung von Mitteleuropa bis vor die Tore Ägyptens, der unter anderen auch das Hethiterreich und das Reich von Mykene zum Opfer fielen, ist noch recht unklar. Einigen Anhalt gibt aber das von Spanuth zusammengetragene, vielschichtige Material über weitreichende Naturkatastrophen zur Zeit Ramses III., die Mittel- und Südeuropa verheerten. Diese Ereignisse ließen am Ende der Bronzezeit den Wasserspiegel vieler Seen in unseren Breiten um mehrere Meter absinken, Moore und Flüsse trockneten aus. Gleichzeitig wurde in verschiedensten Gebieten Europas viele bronzezeitliche Siedlungen verlassen. Auch schwere Erdbeben müssen, nach den Funden in Griechenland zu urteilen, in dieser Zeit stattgefunden haben. Dazu brachen fast alle Vulkane des Mittelmeergebiets aus, darunter auch der Santorin auf Thera in der Ägäis. Seine Explosion führte zu der größten Vulkankatastrophe seit der Eiszeit. Den Ausgrabungen nach ist die von dem bis 300 m unter die Wasserlinie aufgerissenen Vulkankegel ausgehende Flutwelle noch auf Kreta mehr als 30 m hoch gewesen. Dadurch wurde die bis dahin das östliche Mittelmeer beherrschende kretisch-mykenische [3] Flotte vernichtet. Schätzungsweise 130 Kubikkilometer vom Santorin ausgeworfene Asche, Lava und Bimsstein verwüsteten damals die Ägäis und das blühende kretisch-mykenische Reich [4], das sich von dieser Zerstörung nur schwer erholen konnte und der bald nach der Katastrophe einsetzenden Völkerflut keine wirksame Gegenwehr mehr zu leisten vermochte. Die Nord- und Seevölker, unter ihnen die Philister, nutzten dann auch bald die Vernichtung der minoischen Seemacht dazu aus, Kreta zu besetzen und die im Vertrauen auf die Flotte von jeher unbefestigten Paläste auf Kreta zu plündern.


Quelle Ramses III.

Abb. 1 Pharao Ramses III. ließ die Ereignisse seiner großen Schlacht gegen die Seevölker in Medinet Habu dokumentieren.

In der Ägäis, in Ungarn nördlich der Theiß, in Würtemberg und dann im Nordseegebiet lassen sich die Folgen jener Notzeit besonders deutlich aus den archäologischen Funden erkennen, die Spanuth gesammelt hat.

Spanuth ist der Überzeugung, daß der Atlantisbericht Platos auf die Angaben Ramses III. (Abb. 3) in Medinet Habu zurückgeht. [5] Solon erfuhr bei seinem Besuch in Ägypten durch den Priester Sonchis von Theben [6] von den Inschriften. Von den Aufzeichnungen Solons erfuhr dann sein Nachfahre Plato, der den Atlantisbericht verfasste. [7]
In den altägyptischen Texten von Medinet Habu sieht Spanuth eine Möglichkeit, Wahrheit und Legende im Atlantisbericht zu entwirren. Spanuth kommt zu folgenden Ergebnissen:

1. Ein Vergleich wesentlicher Angaben des Atlantisberichtes mit ägyptischen Texten aus der Zeit Ramses III. zeigt, daß die wiederholte Beteuerung Platos, der Atlantisbericht sei eine Nacherzählung alter ägyptischer Texte, in einigen wichtigen Abschnitten der Wahrheit entspricht.

2. Die Ereignisse, deren Ueberlieferung zusammen mit manchen anderen Motiven im Atlantisbericht des Plato verarbeitet worden sind, haben sich in der Zeit um 1200 v.Chr. abgespielt, einer Zeit, in der in Mitteleuropa die Urnenfelderkultur und die Nordische Bronzezeit lebendig war, das kretisch-mykenische Reich [8] auf der Höhe seiner Blüte vernichtet wurde, das mächtige Hethiterreich in Kleinasien ein gewaltsames Ende fand und große Naturkatastrophen Europa und Nordarfrika heimsuchten.

3. Die Atlanter des Berichtes Platos stehen im Zusammenhang mit den Nord- und Seevölkern Ramses III., die nach Angaben ägyptischer Texte im wesentlichen aus den Stämmen der "Phl(r)st", der "Zkr" und der "Dnn" bestanden.


Die Königsinsel

4. In dieser Katastrophenzeit des 14. und 13. vorchristlichen Jahrhunderts [9] ist auch die Landbrücke zwischen Helgoland und Holstein überflutet worden. Flüchtlinge aus diesem Gebiet haben sich den zahlreichen nach Süden ziehenden Gruppen des Urnenfelderkreises (Abb. 4) angeschlossen, wahrschenlich sogar einen wesentlichen Anteil an der militärischen Stärke dieser Wanderungsgruppen gehabt.

Abb. 4 Die Verbreitung der Urnenfelder-Kultur im Europa der Spätbronzezeit

5. Spanuth weist auf die erstaunliche Uebereinstimmung der Nachrichten über die Königsinsel der Atlanter bei Plato und der Beschreibung der Königsinsel der Phäaken hin, die Homer in der Odyssee (Od. V 400 ff.) besingt. Spanuth meint, daß den Phäakengesängen möglicherweise eine mykenische Segelanweisung aus spätmykenischer Zeit zugrundeliegt, wie ja überhaupt sehr viel mykenisches Traditionsgut bei Homer verwendet wurde, was neuerdings durch die Entzifferung der mykenischen Linear-B-Schrift in erstaunlicher Weise bestätigt wurde.

Diese Ergebnisse Spanuths lassen ihn nicht mehr daran zweifeln, daß Platos Beschreibung der Königsinsel Basileia auf Helgoland zu beziehen ist und durch geflüchtete Stammesgruppen aus dem Gebiet zwischen Helgoland und Eiderstedt bis zu Plato gelangten. Ob der Traditionsweg allerdings nur über Ägypten ging, erscheint mir fraglich. Denn über den Einfluß des Urnenfelderkreises auf das Frühgriechentum liegen besonders aus jüngster Zeit Untersuchungen von Kossack, J. Werner, Sprockhoff, Milojcic vor, die noch über die Angaben Spanuths hinausgehen und den gewaltigen Umfang dieser Wanderungsbewegung deutlich werden lassen.

Die Uebereinstimmung zwischen der Beschreibung Platos und den Gegebenheiten im Gebiet der alten Eidermündung ist tatsächlich erstaunlich. Vieles spricht für, wenig gegen die Annahme, daß Helgoland und Atlantis zusammenhängen. So ist es dann für Spanuth auch kein Zufall, daß genau 50 Stadien (9,2 km), wie der Plato-Bericht angibt, landeinwärts des großen Felsens aus weißem, rotem und schwarzem Gestein ein "allseits niedriger Hügel", mit einem Steinwall und großen Steinen bedeckt, noch heute 6-8 m über den Meeresboden herausragt. Hier auf dem "Steingrund" bei Helgoland, wo auf mittelalterlichem Karten noch Reste eines castellum und templum verzeichnet sind, suchte Spanuth wenige Meter unter dem Meeresspiegel mit Tauchern den Meeresboden ab. Ein runder Wall, wie wir ihn aus den Trojaburgen jener Zeit kennen, Steinplattenlagen und gepflasterte Wege, bis hin zu Ueberresten geschmolzenen Kupfers wurden gefunden. Die Entdeckung dieser bronzezeitlichen Siedlungsspuren läßt Spanuth nicht daran zweifeln, daß er damit die Überreste einer Burg oder eines Heiligtums gefunden hat, das in jener Spätbronzezeit machtpolitisch und kultisch ein Zentrum dieses Gebietesbedeutet haben mochte und in der Tradition jener Katastrophenzeit mit dem Namen der Atlanter verbunden ist.


Bisher nicht widerlegt

Abb. 5 Die Hauptthesen von Jürgen Spanuth (links) betrachtete Günther Kehnscherper im Jahr 1963 alle als unwiderlegt.

Wer allerdings von diesen schon technisch sehr schwierigen Untersuchungen am Steingrund etwa den Fund eines Stadttores mit der Aufschrift "Basilieia, Königreich Atlantis" aus dieser noch weithin schriftlosen Zeit erwartet hatte, wurde enttäuscht. Aber die Forschungen waren trotzdem nicht vergeblich. Zwar bleiben manche Einzelheiten in der Darstellung Spanuths ungelöst oder zweifelhaft. Und doch legt Spanuth in seinen Arbeiten einen Beitrag zum Atlantisproblem vor, der in seiner Geschlossenheit und umfassenden Fundierung alle bisherigen Klärungsversuche - so auch neuerdings die aus chronologischen Gründen schon abwegige Gleichsetzung von Vineta und Atlantis durch Stichtenoth - übertrifft. Keine der von Spanuth vorgebrachten Hauptthesen wurde von den bisher mehr als 20 Wissenschaftlern und Forschern aus Schleswig und von der Universität Kiel widerlgt, die sich mit den Helgoländer Problemen beschäftigen. Ihre Gegenschrift mußten sie sogar zurückziehen. Leider haben einige ungeschützte Formulierungen Spanuths, verbunden mit einem die übliche wissenschaftliche Form sprengendem Stil und ein phantasievolles, aber unhistorisches Umschlagbild des Hauptwerkes den Kritikern eine willkommene Angriffsfläche geboten. Auch ist mit den Untersuchungen Spanuths erst ein Zweig der Atlantistradition Platos geklärt. Auch bietet das Verhältnis der Kulturkreise der Nordischen Bronzezeit und der Urnenfelderleute zu Ungarn und der Ägäis noch manches ungelöste Problem.

Und doch ist die Atlantisforschung durch den Beitrag Spanuths auf eine völlig neue Ebene gestellt worden, die nicht mehr zu übersehen ist. Für die Theologie bleiben von diesen Untersuchungen interessante Gesichtspunkte für die Einwanderung der Philister nach Palästina zu erwarten.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Günther Kehnscherper (1929-2004) wurde erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift: Neue Zeit, Nr. 161, 14.07.1963. Bei Atlantisforschung.de erscheint er in redaktionell bearbeiteter Online-Fassung als zeitgeschichtliche und atlantologie-historische Dokumentation zu Studien-, Lehr- und Forschungszwecken.

Einzelverweise:

  1. Red. Anmerkung: Zu diesen Expeditionen siehe bei Atlantisforschung.de: Bernhard Beier, "Jürgen Spanuth - eine atlantologie-historische Betrachtung", Teil VII, "Spanuths 'Steingrund'-Expeditionen und die Diskussion ihrer Ergebnisse"
  2. Red. Anmerkung: Die von Jürgen Spanuth kultivierte Annahme, der im Atlantisbericht erwähnte Krieg gegen die Atlantier reflektiere die fehlgeschlagene Invasion der Seevölker in Ägypten, geht vermutlich auf den deutschen Altphilologen Wilhelm von Christ (1831-1906) zurück.
  3. Red. Anmerkung: hier müsste es eigentlich heißen: "kretisch-minoische"
  4. Red. Anmerkung: Hier müsste es wohl zutreffender heißen: "...und die blühenden kretischen und mykenischen Reiche..."
  5. Red. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: Spanuths 'Schlüssel zum Atlantisbericht' (bb)
  6. Red. Anmerkung: Dass es sich bei diesem Priester um Sonchis von Theben gehandelt hat, ist nicht aus Platons Atlantisbericht abzuleiten. Diese - von Jürgen Spanuth popularisierte - Annahme beruht auf viel späteren Aussagen des römischen Schriftstellers und Naturforschers Plutarch (46–120 n. Chr.). Siehe dazu z.B.: Plutarch, "Peri Isidos kai Osiridos (Über Isis und Osiris)", Kap. 10)
  7. Red. Anmerkung: Später rückte G. Kehnscherper von dieser Annahme zur Überlieferungskette des Atlantisberichts ab. so schrieb er über Platons Erstellung der Atlantida: "Solon hat er wohl nur als bekannte Autorität vorgeschützt, er selbst war längere Zeit in Ägypten und hat die Quellen in Karnak und Medinet Habu gesehen, schreibt also aus eigener Anschauung." (Quelle: Unveröffentlichter Brief von Günther Kehnscherper an Günter Bischoff, datiert: Greifswald, den 15.11.86)
  8. Red Anmerkung: Vergl. Fußnote 4
  9. Red. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: Die end-bronzezeitliche Klimakatastrophe aus atlantologischer Sicht (bb)


Bild-Quellen:

(1) Thayer Watkins, Peoples of the Sea (applet-magic.com)

(2) Wikimedia Commons, unter: File:Etna-Eruption-1766.jpg (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)

(3) Wikimedia Commons, unter: File:Rameses III (KV11).jpg (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)

(4) GaiusCrastinus, bei: Wikimedia Commons, unter: File:Etna-Eruption-1766.jpgFile:UrnfieldCulture.jpg

(5) Gerhard Gadow, "Der Atlantis Streit - Zur meistdiskutierten Sage des Altertums", Fischer Taschenbuch Verlag, Juli 1973, S. 120