Das Verschwinden der Insel Atlantis

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von Johann Georg Justus Ballenstedt (1824)

Abb. 2 Das Titelblatt von Heft Nr. 1 des sechsten Bandes (1824) von Ballenstedts "Archiv für die neuesten Entdeckungen aus der Urwelt", in welcher er sein Essay "Verschwinden der Insel Atlantis" vorstellte

Mehrere alte Schriftsteller gedenken zwar der verschwundenen großen Insel Atlantis, welche dem Weltmeer seinen Namen gegeben haben soll, doch finden sich die ausführlichsten Nachrichten von ihr im Timäus und Kritias von Plato, der solche durch mündliche, von ihm für sehr glaublich ausgegebene Überlieferung erhalten hat. Sein Großvater Kritias soll sich noch genau erinnert haben, was ihm Solon einst als Erzählung eines Priesters aus Oberägypten mitgetheilt hatte. Da nun selbst Theben in Oberägypten schon von seiner Höhe herabgesunken war, als es der übrigen Welt bekannt wurde, oder in der Geschichte auftrat, so sieht man wol, daß die gedachten Überlieferungen in dunkle Perioden hinaufführen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß durch diese mündlichen Überlieferungen, so wie durch absichtliche Verschönerung und Ausschmückung durch Plato selbst viele unzuverlässige Nebenumstände der zum Grunde liegenden wahren Geschichte zugegeben sind. Zu diesen Übertreibungen mag gehören, was von der Größe der Insel, die Lybien und Asien zugleich an Umfang übertroffen, desgleichen von der auch über andere Länder ausgebreiteten Herrschaft derselben erzählt wird.

Was im Kritias des Plato von der Menge der Städte der Insel, von ihrer trefflichen Verwaltung und Gerechtigkeitspflege, von den Erzgruben, von herrlichen Denkmälern, desgleichen von der nachherigen Ausartung und dem Luxus ihrer Könige, derselben Habsucht, Gewaltthätigkeit und Eroberungssucht, ferner von dem, ihnen durch die vormaligen Athenienser geleisteten Widerstande und von der endlich erfolgten Strafe des Jupiters, mitgetheilt wird, mag alles von dem gern allegorisirenden und in's Poetische fallenden Plato in bester Absicht hinzugesetzt seyn. Wir halten uns an die Umstände, daß eine sehr große, außerhalb der Säulen des Hercules in den ältesten Zeiten belegene und sehr bewohnte, Insel vorhanden gewesen und durch feurige Revolutionen, wenigstens großentheils zerstört und versunken sey.

Abb. 2 "Es ist sehr wahrscheinlich, daß [...] durch absichtliche Verschönerung und Ausschmückung durch Plato selbst viele unzuverlässige Nebenumstände der zum Grunde liegenden wahren Geschichte zugegeben sind". ( J.G.J. Ballenstedt, 1824)

Vielleicht muß der Berg Atlas, dessen Homer und Hesiod gedenken , als in der Nähe der elisäischen Felder und der Hesperiden gelegen, mit jener Insel ursprünglich in einiger Verbindung stehend, gedacht werden, so daß dieselbe zuvor mit dem festen Lande von Afrika zusammenhing und durch eine gewaltsame Revolution davon abgerissen und zur Insel wurde, wovon freilich die Tradition nichts meldet. Vielmehr geben die alten Geographen selbst, z.B. Strabo, Ptolemäus, von diesem Berge eine ganz unbestimmte und große Unkunde verrathende Ansicht. Sogar Plinius (Hist. nat. V, 1.) bezeichnet diesen Berg, den er in die Mitte des Landes versetzt, als fabulosissimum. Auch Hrn. v. Humboldt (tableau de nature) befremdet es, daß die Römer konnten in einer langgestreckten Bergkette den einzeln stehenden Berg Homer's und Herodot's zu finden glauben, was sich jedoch mag aus einer optischen Täuschung am besten erklären lassen. -

Mit Übergehung aller der über die Insel Atlantis aufgestellten Hypothesen, gedenken wir nur der von Goldberry, welche auch Breislak (Geologie, deut. Übers. 1 Bd. S. 322.) als die wahrscheinlichste begünstigt, daß nämlich die gegenwärtige Bergkette des afrikanischen Atlas sich ehemals bis zur Atlantis hinstreckte, welche durch Umwälzungen in vorhistorischen Zeiten davon getrennt, zur Insel wurde, und von ihrem Ursprunge nur den Namen beibehielt. Spätere Veränderungen der Erdoberfläche, deren dunkele Sagen gedenken, zerstückelten die große Insel und begruben den größten Theil derselben durch Einstürzung der Höhlen unter den Wellen. Wirklich zeigen sich die kanarischen Inseln und Teneriffa selbst noch als Zweige ein und derselben Bergkette. Auch hat man diese Inseln von je her als zu Afrika's festem Lande gehörig angesehen, und sie bilden noch immer deutliche Kennzeichen alter Zerreißungen und Umwälzungen dar, welche schon durch den ungeheuern Vulkan des Teneriffa bestätiget werden. [1] (S. v. Humboldt und Bonpland's Reisen.)

Dürften wir die Menge der Hypothesen über das Verschwinden der Insel Atlantis noch mit einer neuen vermehren, so würden wir die Vermuthung wagen, daß einst das südliche Amerika durch gewaltige vulkanische Revolutionen von Afrika losgerissen und durch Gewalt des unterirdischen Feuers und des sich zwischendrängenden Meeres (ignis aquae pugnax) fortgeschleudert sey, und sich mit der Zeit in der Gegend der jetzigen Landenge Darien, mit dem nördlichen Amerika von diesem angezogen vereinigt habe. [2]Freilich von der Gewalt der einen ganzen Welttheil versetzenden Naturkräfte haben wir gar keinen Begriff, daher sie uns unglaublich erscheint.

Daß aber wenigstens im Kleinen (und was ist für die Natur zu groß?) dergleichen Wegschleuderungen Statt gefunden haben, lässt sich geschichtlich nachweisen. Die Gestalt der Küsten beider Länder hat diese, vielleicht zu gewagt scheinende Vermuthung, bloß veranlaßt; welche aber, durch die Verwandtschaft der Thiere und anderer Naturprodukte beider Länder, so wie durch die aufgefundenen Denkmäler alter Kunst einige Wahrscheinlichkeit erhält. Daß übrigens die verschwundene Insel Atlantis für das jetzige südliche Amerika anzunehmen sey, zu welchem vormals einzelne über das Meer verschlagene Schiffe gelangt, und Kunde von dort wieder zurückgebracht hätten, ist schon durch Silberschlag (Geogonie 2 Th. S. 203.) für sehr unwahrscheinlich erklärt worden.


Anmerkungen und Quellen

Dieses Essay von Johann Georg Justus Ballenstedt (1756-1840) wurde in der von ihm und von Johann Friedrich Krüger herausgegebenen Publikationsreihe Archiv für die neuesten Entdeckungen aus der Urwelt (Band 6, Heft 1, Quedlinburg und Leipzig, 1824, S. 54-58) unter dem Titel "IV. Verschwinden der Insel Atlantis" erstveröffentlicht. Transkription (unter Beibehaltung der antiquierten Schreibweise) sowie redaktionelle Bearbeitung (Illustration, Verlinkungen und leichte Veränderungen der Gliederung einzelner Absätze) durch Atlantisforschung.de im Juli 2018.

Fußnoten:

  1. Anmerkung des Verfassers: Ob nicht vielleicht Homer, welcher freilich seinen Okeanos schon nicht fern im Westen von Sicilien einströmen läßt, einige Kunde von den kanarischen Inseln erlangt haben mag, da die Phönizier schon Madera kannten (Vergl. Heeren's Ideen, I Th. S. 674.), wollen wir dahin gestellt sein lassen. Die Röner selbst, ehe sie ihre Eroberungen bis Mautitanien und Numidien fortsetzten, hatten wenige Kenntniß dieser Gegenden; doch kannte Plinius (Hist. nat. 6, 32.) die Insel Canaria und mochte vielleicht unter Rivaria Teneriffa verstehen.
  2. Anmerkung des Verfassers: Arch. d. Urw. B. 5 Hft. 2 S. 337; Krüger's Gesch. d. Urw. Th. I S. 503 Th. 2 S. 925.

Bild-Quellen:

1) Google Books, unter: Archiv für die neuesten Entdeckungen aus der Urwelt, Band 6 (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
2) Bildarchiv Atlantisforschung.de (Originalquelle nicht mehr online)