Harold Preece: The Living South - BLACK PIONEERS BEFORE BILBO (1946)

Ein Plädoyer für die präkolumbische Präsenz schwarzafrikanischer Kolonisatoren in Amerika - und gegen den Rassismus in den USA

Abb. 1 Einer von mehreren olmekischen Kolossal-Köpfen mit negroider Physiognomie, die 1939 und während der 1940er Jahre bei San Lorenzo freigelgt wurden. Diese Objekte sprechen deutlich für eine frühe Präsenz von Schwarzafrikanern im präkolumbischen Mittelamerika.

(bb) Obiger Haupt-Titel ist die Überschrift eines Artikels, den der US-amerikanische Schriftsteller Harold Preece (1906-1992), ein Pionier der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten, verfasst hat, und in dem er die Frage einer anzunehmenden präkolumbischen Besiedlung Amerikas durch schwarzafrikanische Seefahrer bespricht. Dieser Artikel hat der Verfasser in der Ausgabe vom 12. Oktober 1946 der Zeitung The Hardford Chronicle (Abb. 2) entdeckt.

Abb. 2 Hier die Tilelseite des Hardford Chronicle vom 12. Oktober 1946

Preeces Text, aus dem nachfolgend zitiert wird, zeigt nicht nur, dass das strittige Thema 'schwarze Präkolumbier in Amerika' keineswegs erst in den späten 1970er Jahren behandelt wurde, als es vor allem durch Ivan van Sertima popularisiet wurde [1]; zudem verdeutlicht er auch die Tatsache, dass der spätere, wüste Akademiker-Streit um diesen Gegenstand keineswegs nur wissenschaftlicher Natur war, sondern vielmehr auch ideologische und gesellschafts-politische Gründe hatte. Preece muss 1946, in einer Zeit des ausufernden Rassismus und Dünkels vieler Weißer gegenüber Schwarzen in den USA, mit seinen Ausführungen geradezu in ein 'Wespennest' gestochen haben. Dies tat er offenkundig ganz bewusst, indem er gezielt einen seinerzeit prominenten Verfechter dieser rassistischen Ideologie ('White Supremacy') ins Visier nahm. Gemeint ist Theodore G. Bilbo (Abb. 3) (1877-1947), ein Politiker der Demokratischen Partei, der zweimal (von 1916 bis 1920 und von 1928 bis 1932) als Gouverneur sowie von 1935 bis 1947 als Senator des Bundesstaates Mississippi amtierte. [2] Ihn attackierte Preece stellvertretend für alle Protagonsten der White Supremacy-Ideologie mit beißender Polemik und bisweilen auch 'unter die Gürlellinie' schlagend. So heißt es gleich zu Beginn seines Artikels:

Abb. 3 Theodore Gilmore Bilbo (1877-1947)

"Ich frage mich oft, was jene schwarzen Kolonisatoren, die lange vor Kolumbus hier gewesen sein mögen, zu Bilbos Schildkröten-Gekrächze [orig.: "turtle croaking"; d.Ü.] über die, wie er es nennt, >weiße angelsächsische Zivilisation< gemeint hätten. Wenn schwarze Menschen Königtümer und Reiche auf dieser Seite des Atlantiks errichteten, wie die sich ständig anhäufenden Evidenzen uns meinen lassen, so können wir sehr sicher sein, dass keine Bilbos in ihren Parlamenten und Kongressen saßen. Wir können [zudem] sehr sicher sein, dass niemand, der so aussah und redete wie eine Mississippi-Schlammschildkröte, als Bürgermeister in einer ihrer Hauptstädte diente - obgleich Bilbo heute ex officio Bürgermeister von Washington ist." [3]

Abb. 4 Dr. Charles H. Wesley (1891-1987) Foto: Library of Congress

Abgesehen von derartiger Polemik gegen Bilbo, der seinerseits als "Meister der Beschimpfung" (orig.: "master of invective") [4] seiner politischen Gegner galt, hatte Preece aber auch sachliche Agumente vorzuweisen und wusste sich diesbezüglich in guter Gesellschaft: "Ich stimme mit dem bekannten schwarzen Gelehrten Dr. Charles H. Wesley (Abb. 4) überein, dass Schwarze, auf Basis wissenschaftlicher Evidenzen, schon Jahrhunderte bevor Kolumbus in Spanien Segel setzte, rege Einwohner der Neuen Welt waren. Diese Kolumne wird am 12. Oktober veröffentlicht werden - dem 44. Jahrestag der angeblichen Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus - und es ist etwas, das Bilbo Magenschmerzen bereiten dürfte, dass farbige Menschen zuerst hier gewesen sein könnten.

Abb. 5 Peter Martyr d'Anghiera (1457-1526)

In der Tat schrieb der Historiker Peter Martyr (Abb. 5), ein enger Freund von Kolumbus, dass ein Stamm von Schwarzen in den Bergen Panamas lebte: Bis HEUTE eine der negroiden Republiken Lateinamerikas. Peter Martyr schrieb über diese Schwarzen, bevor die ersten afrikanischen Sklaven in unsere Hemisphäre gebracht wurden. So ist es kaum wahrscheinlich, dass er an entkommene Negerssklaven dachte, die später in fast jedem Land Amerikas unabhängige Nationen gründeten, einschließlich unserer eigenen Vereinigten Staaten." [5] [6]

Auch anderswo in der 'Neuen Welt' sahen, wie Harold Preece später im Text schreibt, "frühe Entdecker schwarze Menschen, die zusammen mit den Indianern lebten. Einige dieser schwarzen Menschen waren natürlich entkommene Sklaven, die Schutz bei jenen farbigen Menschen gefunden hatten, die eine rote Haut aufwiesen. Doch andere dürften durchaus einheimische Amerikaner gewesen sein, deren Vorfahren der Mayflower um Jahrhunderte zuvorkamen. Oder sie mögen afrikanische Händler gewesen sein, die von ihrem Kontinent aus Geschäftsreisen zu dem unseren machten. Brasilien, wo mehr als die Hälfte der Menschen unterschiedliche Grade von negroidem Blut aufweist, liegt nur 1200 Meilen [ca. 1931,2 Kilometer; d.Ü.] von Westafrika entfernt. Beide Regionen erfreuten sich bis vor etwa vierzig Jahren eines lebhaften Handels." [7]

Abb. 6 Der US-amerikanische Schriftsteller, Journalist und Historiker Joel Augustus Rogers (1880–1966)

Besonders interessant erscheint der folgende Abschnitt aus Preeces Artikel: "Ich werde niemals meine Empfindungen vergessen, als J.A. Rogers (Abb. 6), jener außerordentliche Erforscher der Vergangenheit der Schwarzen, mich in sein New Yorker Appartement einlud, und mir Bilder von Schwarzen zeigte, die mit den alten Maya-Indianern Handel trieben, und die er von altertümlichen Maya-Bildzeichen in einem der großen Museen der Stadt fotokopiert hatte. Dies brachte mich zu einer neuen Forschungsrichtung. Auf alten Piktogrammen der Maya und anderer präkolumbischer Völker aus Mexiko und Guatemala habe ich Schwarze gesehen, die mit den Indianern lebten und Umgang hatten. Ja, es waren unzweifelhaft schwarze Männer und ihre Farbe stand in scharfem Kontrast zu jener der Indianer, die zusammen mit ihnen abgebildet waren." [8]

Abb. 7 Eine Maya-Abbildung von - wie es offiziell heißt - "Gottheiten" dieses Volkes. Doch ob nun Götter oder reale, aus dem Leben gegriffene Menschen: Bei zwei der hier dargestelten Figuren handelt es sich unzweifelhaft um 'Schwarze'.

Über zu vermutende religöse Implikationen des Kontakts zwischen 'roten' Mesoamerikanern und den für sie frendartigen 'schwarzen' Neuankömmlingen aus Übersee schreibt Preece: "Eine der Gottheiten der alterümlichen Mexikaner wurde der Schwarze Gott genannt. Kleinere Figurinen von Göttern, welche unzweifelhaft schwarz sind, aus verschiedenen, in Ruinen liegenden Städten Mittelamerikas, wo die heutigen Schwarzen Sklaven [US-]amerikanischer Bananen-Firmen sind, haben schon lange Forschungsreisende genervt, die an 'White Supremacy' glauben.

Andere Explorer und Wissenschaftler haben im Süden Mexikos, wo noch die Reste der fast assimilierten schwarzen Bevölkerung dieser Republik leben, gewaltige negroide Idole (Abb. 1) ausgegraben. [9] Ein 'Schwarzer Jesus' und eine 'Schwarze Jungfrau' werden von Mexiko bis hin nach Ecuador verehrt. Ich bin zu glauben geneigt, dass die Kulte, welche sich um sie drehen, schlichtweg Aufgüsse [orig.: "hand-me-downs"; d.Ü.] der Verehrung altertümlicher negroider Gottheiten sind, wobei die Gottheiten dieser Kulte mit Heiligenfiguren der christlichen Religion vermischt wurden." [10]

Beachtenswert erscheint, was Preece 1946 über die Ursachen des allenfalls 'schleichenden' Forttschritts im Erkenntnisprozess in Sachen 'schwarze Präkolumbier' schrieb: "Die Belege für eine frühe Kolonisierung Amerikas durch Schwarze sind noch mager, da die Rassen-Vorurteile, die von den Bilbos am Leben gehalten werden, jene Form koordinierter und intensiver Forschung verhindert haben, die gebraucht wird, um eine Theorie dieser Art zu beweisen oder zu widerlegen. Doch die Evidenzen sind vielversprechend, wenn auch nur dünn." [11]

Abschließend geht Harold Preece noch kurz auf einen anderen Vorschlag zur Erklärung des Phänomens schwarzer Altamerikaner ein, dem er allerdings nicht viel abgewinnen kann: "Ein moderner Historiker, Justin Winsor, hat vorgeschlagen, dass schwarze Seeleute schiffbrüchig geworden sein könnten, als sie von der alten Zivilisation Ghanas oder [von] Guinea aus auf dem Boden des heutigen Amerika landeten." Sein Kommentar dazu und eine Conclusio seines Artikels lauten: "Das ist eine Erklärung, aber eine unzureichende. Ich würde es begrüßen, wenn Organisationen, wie die Rosenwald Foundation und die Stokes-Phelps Foundation das Geld aufbrächten, um mehr über die Ankunft der Schwarzen in Amerika in Erfahrung zu bringen. Die ans Tageslicht gebrachten Fakten mögen für Bilbo hart sein, aber verdammt gut für Amerika." [12]


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Vergl. dazu auch: Bernhard Beier, "Eine kleine Geschichte des Diffusionismus, Teil V, Diffusionismus im Umbruch"
  2. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: "Theodore G. Bilbo" (abgerufen: 26. September 2019)
  3. Quelle: Harold Preece, "The Living South - BLACK PIONEERS BEFORE BILBO" (© 1946 by New Soth Features), 12. Oktober 1946, in: Hartford Chronicle; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de nach der digitalisierten Version der Zeitung bei CHRONICLUNG AMERICA - Historic American Newspapers.
  4. Quelle: The New York Times, 30. September 1934; zit. nach: Wikipedia - die freie Enzyklopädie, op. cit., Abschnitt: "Senator im US-Kongress" (abgerufen: 16. September 2019)
  5. Vergl. dazu bei Atlantisforschung.de: Paul A. Barton, "Abkömmlinge von Alt-Afrikanern im modernen Amerika"
  6. Quelle: Harold Preece, op. cit. (1946)
  7. Quelle: ebd.
  8. Quelle: ebd.
  9. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: Paul A. Barton, "Schwarze Zivilisationen Alt-Amerikas (Muu-Lan) und Mexikos (Xi)", Teil V, "Die Afro-Olmeken kamen aus dem Land der Mende in Westafrika"
  10. Quelle: Harold Preece, op. cit. (1946)
  11. Quelle: ebd.
  12. Quelle: ebd.

Bild-Quellen:

1) ancientpages.com, unter: The Olmecs – Who They Were, Where They Came From Still Remains A Mystery (Original-Quelle unbekannt)
2) CHRONICLUNG AMERICA - Historic American Newspapers, unter: All Pages: Hartford chronicle., October 12, 1946
3) Gavin Mitchell (Uploader) bei Wikimedia Commons, unter: File:TheodoreBilbo.jpg
4) Library of Congress, nach: Kate Meakin, Charles H. Wesley (1891-1987), bei BLACK PAST
5) Meyer, Henry Hoppner, 1783-1847 (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:Peter Martyr d'Anghiera03a.jpg
6) Runoko Rashidi, Life and Legacy of Joel Augustus Rogers: Chronicler of a Glorious African Past, bei ATLANTA BLACK STAR
7) WIKISOURCE, unter: Page:Myths of Mexico and Peru.djvu/241