Paul Jordan

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Ein kritisches Autorenportrait

(bb) Über die Vita des britischen Wissenschaftjournalisten und -autors Paul Jordan (* ?) war bisher nur das in Erfahrung zu bringen, was Amazon.com zu ihr verrät: "Paul Jordan studierte Archäologie und Anthropologie an der Universität Cambridge, und er war viele Jahre lang Autor und Produzent von Fernseh-Programmen über Wissenschaft, Geschichte und Archäologie sowohl bei der BBC als auch beim Privatfernsehen. Er ist der Autor von Neanderthal, Early Man, Riddles of the Sphinx, The Face of the Past (Batsford) und Egypt the Black Land (Phaidon). Er lebt in Spanien." [1] [2]

Abb. 1 Das exquisite Frontcover der gebundenen Ausgabe von Paul Jordans 'The Atlantis Syndrome' dürfte wohl das Beste an diesem Buch sein.

Dieser Mangel an biographischen Daten erlaubt es hier immerhin, uns auf Jordan als Autor seines - oben nicht erwähnten - Buches "The Atlantis Syndrome" (Abb. 1) aus dem Jahr 2001 zu konzentrieren - eine Publikation, für die nach Ansicht des Verfassers der allegorische Sinnspruch "don't judge a book by its cover" in ganz besonderer Weise gilt. Immerhin ist das exquisite Frontcover der gebundenen Ausgabe des Buches viel versprechend, wobei erste Zweifel an der Objektivität seines Autors bereits anngsichts des dazu gehörigen Verlags-Texts aufkommen müssen, in welchem es u.a. heißt:

"Atlantis: Fakt oder Fiktion? Gab es wirklich jemals eine überlegene Zivilisation, die der Archäologie bequemerweise [orig.: "conveniently"; d.Ü.] entgangen ist, [und] welcher der Rest der Kulturen der Welt irgendwie seinen Ursprung verdankt? In Bestürzung versetzt und frustriert von der Masse unlängst [publizerter] Bücher und Theorien, welche den Glauben an diese Sorte 'alternativer Archäologie' befördern, schlägt hier endlich ein hoch respektierter profesioneller Archäologe zurück. Paul Jordan entwirrt sorgfältig die ganze Atlantis-Mythologie, beginnend mit seiner [d.h Atlantis´; d.Ü.] ersten Erwähnung in den Werken Platos um etwa 360 v.Chr. Gibt es darin igendeine faktische Wahrheit, wie stimmt es mit Geographie, Geologie und Archäologie überein, und warum erwähnten es keine früheren griechischen Autoren? [...] Nachdem er examiniert hat, wie der Mythos sich im Verlauf der Geschichte entwickelt hat, nimmt Jordan dann die Schlüssel-Elemente dessen auseinander, was er das 'Atlantis-Syndrom' nennt. Um die Sache richtig zu stellen, werden wir durch die wirklichen Fakten geführt." [3]

Ohne hier ausführlich auf diesen schönfärberischen Verlagstext eingehen zu wollen, zu dem man so viele Randbemerkungen, Richtigstellungen und Proteste notieren könnte, dass dies bereits ausreichenden Stoff für einen separaten Artikel liefern würde, sei dazu immerhin bemerkt: Paul Jordan ist mitnichten ein "hoch rspektierter professioneller Archäologe", sondern ein Wissenschaftsjournalist, der zwar Archäologie studiert hat, aber es offenbar nachfolgend vorzog, über Wissenschaft zu schreiben, statt sie zu praktizieren. [4] Auch veröffentlicht er seine Bücher keineswegs in wissenschaftlichen Fachverlagen, und darüber hinaus scheint seine archäologische Kompetenz offenbar durchaus zur Disposition zu stehen. Immerhin erfahren wir bei Stelios Grant Pavlou: "Jordans Arbeit über die Neandertaler (Abb. 2) wurde von Paul Pettitt, Senior-Archäologe an der Oxford Radiocarbon Accelerator Unit und Junior Research Fellow am Keble College, in [der Fachzeitschrift] >British Archaeology< als >minderwertig< [orig: "execrable"!; d.Ü.] attackiert." [5]

Abb. 2 Das Frontcover von Paul Jordans Neandertaler-Buch, das der britische Archäologe Paul Pettitt - in der moderatesten aller möglichen Übersetzungen aus dem Englischen - unumwunden als "minderwertig" bezeichnete.

Letztlich geht es hier aber gar nicht um Paul Jordans archäologische Qualifikation sowie um jene als Althistoriker, sondern um seine Kompetenz in Sachen Atlantis, Atlantisforschung und Atlantologie-Historik, also um seine Befähigung als Atlantologie-Kritiker, oder besser gesagt als Kritiker der 'alternativen Archäologie' bzw. angeblichen 'Pseudoarchäologie', denn dies ist bei näherer Betrachtung der eigentliche Feind, gegen den Jordan einen regelrechten 'Kreuzzug' führt.

In dieser Beziehung erscheint es nicht ohne Bedeutung, dass Jordan der Atlantisforschung den Status einer (zu bekämpfenden) Religion anzudichten versucht, indem er nicht nur behauptet, "[...] Religion und Atlantologie spielen menschliche Leistungen herunter. Das Atlantis-Syndrom verdankt religiösen Traditionen des Denkens sehr viel [...]"; vielmehr erklärt er sogar unumwunden, Atlantologie sei "tatsächlich eine Art Religion in Zivilkleidung, die sich als Geschichte und selbst als Wissenschaft aufbläht". [6]

In Hinsicht auf Außenstehende - gemeint sind solche Informations-Suchenden, die noch kaum eine Ahnung von der 'Atlantis-Thematik oder den Bestrebungen einer ganzen Riege universitär-fachwissenschaftlicher Peudoskeptiker haben, welche die offensichtlich als unbequeme Konkurrenz empfundenen Vertreter alternativer, außenseiterischer oder kontraparadigmatischer Forschung in Bausch und Bogen zu diskreditieren trachten - könnte man, kurz und knapp gesagt, auf die Idee kommen: Jordans "The Atlantis Syndrome" polarisiert. Dies scheinen jedenfalls die Rezensionen von LeserInnen des Buches nahe zu legen. Diese Meinungsäußerungen sind nämlich entweder begeistert zustimmend, wie etwa "...eine geistreiche Entlarvung des Atlantis-Mythos..." [7], sowie: "Dieses Buch stellt die Pseudowissenschaft hinter der fortgesetzten Reklame für den verschwundenen Kontinent Atlantis so effektiv bloß [...], dass es den Fall abgeschlossen zurücklässt. Ich kann es nicht hoch genug empfehlen..." [8]; oder aber vernichtend: "Was für ein grässliches Buch. [...] Er versprudelt einfach die selben Argumente, die Akademiker schon seit Jahren abgegeben haben, welche nicht einmal einen Blick auf die Evidenzen warfen, weil das Thema 'Atlantis' nicht respektabel genug für sie ist." [9] - und: "... eine pauschale Schimpfkanonade gegen jeden, der es irgendwann in Vergangenheit und Gegenwart anzunehmen wagte, dass Atlantis real gewesen sei..." [10]

Abb. 3 Das Frontcover der TB-Ausgabe der von Garret G. Fagan herausgegebenen Pseudoskeptiker-Anthologie "Archaeological Fantasies" aus dem Jahr 2006, zu der Paul Jordan ein Kapitel beitragen durfte

Letztlich verdeutlichen diese und andere Statements aber nur, dass es nicht Jordan ist, der hier das Publikum polarisert, sondern dass die Polariserung der Meinungen in Sachen Atlantis in der Öffentlichkeit schon längst vollzogen war als er sein Buch verfasste, und seither nicht geringer geworden ist. Allerdings mag der unverschämte und impertinente Tonfall, dessen er sich in "The Atlantis Syndrome" befleißigt [11], zur Verhärtung der Fronten in der Auseinandersetzung um die - alles andere als monolithische! - 'alternative' Ur- und Frühgeshichtsforschung beigetragen haben. Und das ist vermutlich ganz im Sinne Jordans und seiner GesinnungsgenossInnen mit und ohne akademische Grade. Zum Erkenntnisgewinn trägt die von ihm gewählte Form der Kontroverse jedenfalls nicht bei.

Selbst Peter Rogerson, ein wohlwollender Rezensent, der Jordans "vortrefflich unwirschen Skeptizismus" (orig.: "splendidly splenetic scepticism") lobt und in einer durchaus positiv gemeinten Bemerkung von einem "Abrisshammer" (orig: "demolition hammer") spricht, mit dem jener die Atlantis-Legende traktiere, kommt schließlich zu der Erkenntnis: "Die Effektität dieser Kneipenschläger-Schule [orig.: "pub-fighter school"; d.Ü.] des Skeptizismus, wie sie [auch; d.Ü.] von Richard Dawkins und Martin Gardner [12] praktiziert wird, ist wohl zu bezweifeln. Sie ist unterhaltsam, wie es eine gute Prügelei stets ist [sic!; bb], doch eine Kombination von Verhöhnung, Verbitterung und etwas, das leicht als Autoritätsargument missverstanden werden kann, wird wohl kaum viele Anhänger 'alternativer Archäologie' dazu bringen, zu konvertieren. [13] Bisweilen [orig: "there are times"; d.Ü.] kann ein kühlerer, mehr forensischer Ansatz effektiver sein. Und bisweilen [orig: "there are also times"; d.Ü.] erscheinen Jordans Ansichten selbst aus Sicht derzeitiger Mainstream-Archäologie ein wenig altmodisch, mit einer rückwärts gewandten Sehnsucht nach einem unreformierten Uniformatismus..." [14]

Dieser wohlmeinende Rezensent irrt jedenfalls in minderstens zwei Punkten völlig: Erstens basiert Jordans gesamtes Buch - und da gibt es nichts misszuverstehen - faktisch auf dem Autoritätsargument (argumentum ad verecundiam), in Sachen 'Atlantis' etc. habe man sich gefälligst (quasi par ordre du mufti) dem Verdikt nicht anzuzweifelnder fachwissenschaftlicher, d.h. schulwissenschaftlicher, Ansichten sowie Lehrmeinungen zu beugen; und zweitens zielt Jordan damit in keiner Weise darauf ab, irgendjemand im Lager der 'Pseudoarchäologen' und ihrer Anhängerschaft oder Sympathisanten zu überzeugen bzw. auf seine Seite zu ziehen. Sein Publikum sind Gleichgesinnte - vorwiegend aus dem Lager wissenschaftsgläubiger Scientisten, Neo-Scholastiker und Pseudoskeptiker, denen er 'Munition' für einen gemeinsamen Feldzug liefern will, aber auch Laien, von denen er offensichtlich annimmt, sie mit seiner aggressiv-autoritativen Attitüde und besagter 'Argumentation' ad verecundiam ins Bockshorn jagen zu können.

Erfolg hatte und hat Jordan damit, um es abschließend noch einmal zu betonen, ledglich bei ohnehin Gleichdenkenden. Immerhin scheint er sich mit "The Atlantis Syndrome" selber eine Art Empfehlungsschreiben ausgestellt zu haben, das ihm den Zugang zu den höheren Sphären akademscher Crackpot-Hunter innerhalb der so genannten 'Skeptikerbewegung' eröffnete. So durfte er sich z.B. mit einem Beitrag ("Esoteric Egypt") an der von Garrett G. Fagan - einem der 'Vorzeige-Professoren' dieser Szene - herausgegebenen Anthologie "Archaeological Fantasies" (Abb. 3) beteiligen. [15]


Externum


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Amazon.com, unter: "The Atlantis Syndrome" (abgerufen: 16. Jan. 2017; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  2. Anmerkung: Bei obiger Aufzählung der von Jordan vefassten Bücher fehlen mindestens vier Titel, nämlich North Sea Saga (2004), Life in a Cave (2007), Seven Wonders of the Ancient World (2014) und last but not least The Atlantis Syndrome (2001), mit dem wir uns in diesem Beitrag eingehend befassen.
  3. Quelle: Sutton Publishing Ltd, Verlagstext zu P. Jordan, "The Atlantis Syndrome", 2001 (abgerufen: 16. Jan. 2017; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  4. Anmerkung: Irgendwelche Hinweise auf akademische Forschungen oder Arbeiten Jordans konnte der Verfasser bisher jedenfalls nicht ausmachen.
  5. Quelle: Stelios Grant Pavlou, "Paul Jordan", 17. April 2016 (jüngste Bearbeitung), auf atlantipedia.com (abgerufen: 17. Jan. 2017; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  6. Quelle: Paul Jordan, op. cit. (2001), S. 87 und S. 213; zitiert nach der Übersetzung ins Deutsche durch: Peter Nowak, "Was Sie schon immer über Atlantis wissen wollten: Behauptungen und Gegenargumente", BoD – Books on Demand, 2016, S. 31
  7. Quelle: Kirsten, "Kirsten's Reviews > The Atlantis Syndrome", 7. Feb. 2008, bei goodreads.com (abgerufen: 16. Jan. 2017; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  8. Quelle: o.A., "Case Closed", 11. Okt. 2002, bei Amazon.com (abgerufen: 17. Jan. 2017; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  9. Quelle: D. Hill, "Case Open, Mind Closed", 26. Juni 2003, bei Amazon.de (abgerufen: 17. Jan. 2017; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  10. Quelle: Dark-Draco, "Dark-Draco's Reviews > The Atlantis Syndrome", 6. Feb. 2016, bei goodreads.com (abgerufen: 16. Jan. 2017; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  11. Anmerkung: Um nur ein Bespiel zu nennen, spricht Jordan, während er eine angebliche "ungerechte und selbst hässliche Einstellung" gegenüber Archäologen im ">alternativen< Lager" beklagt (op. cit., S. 88) und behauptet, der "Dilettantismus" der Atlantologen beinhalte "Verunglimpfung der Profis" (op. cit., S. 121), seinerseits dif­fa­ma­to­risch von "...einer perversen Art des Denkens,'zu welcher wir sie [d.h. die Atlantisforscher] im Stande wissen" (op. cit., S. 115; Übersetzung ins Deutsche durch Peter Nowak, op. cit., S. 31)
  12. Red. Anmerkung: Der US-amerikanische Wissenschafts-Journalist Martin Gardner (1914-2010) war einer der Mitbegründer der dortigen Pseudoskeptiker-Vereinigung Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal, CSICOP (heute: Committee for Skeptical Inquiry (CSI)).
  13. Red. Anmerkung: Der hier zitierte Rezensent benutzt tatsächlich den Begriff "convert", also einen ursprünglich theologischen Ausdruck, der bis in die jüngste Vergangenheit hinein ausschließlich "von einem Glauben zum anderen übertreten" bedeutete. Vor dem Hintergrund nonkonformistischer Kritik am zunehmenden Dogmatismus großer Teile des universitären Wissenschaftsbetriebs, wobei - seit den Zeiten Ernst Machs - bisweilen auch der bissig-ironische Terminus "Wissenschaftskirche" Verwendung findet, bekommt "konvertieren" hier natürlich eine geradezu pikante Konnotation. Vor diesem Hintergrund lässt sich feststellen, dass besagter Rezensent damit - vermutlich ungewollt - auch Jordans Wissenschaftsverständnis treffend angedeutet hat.
  14. Quelle: Peter Rogerson, "Atlantis Sinking - Paul Jordan. The Atlantis Syndrome. Sutton, 2001", in: Magonia 77, März 2002 (Rezension nicht mehr online)
  15. Siehe: Paul Jordan, "Esoteric Egypt", Kapitel 5 in: Garrett G. Fagan, "Archaeological Fantasies: How Pseudoarchaeology Misrepresents the Past and Misleads the Public", Psychology Press, 2006

Bild-Quellen:

1) Graham Hancock, "Atlantis RIP?", bei grahamhancock.com
2) Sutton Publishing / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
3) Psychology Press / Bild-Archiv Atlantisforschung.de