Platons anderer Atlantis-Bericht

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Die 'Gesetze' und das Dunkle Zeitalter

von unserem Gastautor Frank Joseph

Abb. 1 Wer an Platons At- lantis denkt, denkt vor al- lem an seine beiden Dialo- ge TIMAIOS und KRITI- AS. Doch auch im Dialog NOMOI (Die Gesetze) fin- den sich Informationen zur menschlichen Urge- schichte.

Die früheste vollständige Fassung der Atlantis-Erzählung ist in Platons Timaios und Kritias enthalten. Diese Werke wurden erschöpfend in vielen Studien abgehandelt. Seine weniger bekannte Arbeit Nomoi ('Die Gesetze') wird dagegen von Atlantologen nicht oft erwähnt und noch seltener zitiert. Das ist ein gravierendes Versäumnis, weil Die Gesetze den einzigen anderen platonischen Text darstellen, der sich explizit mit der Atlantis-Katastrophe beschäftigt.

Seltsamer Weise betrachten die meisten Gelehrten, während sie den Timaios und Kritias als unglaubwürdige Fiktion abstempeln, Die 'Gesetze' als verita- ble Historie. Sie ist strukturiert als Gespräch zwischen einem Athener, durch dessen Mund Platon selbst zu sprechen scheint, einem Spartaner und Kleinias, einem Kreter.


Athener: Was haltet ihr beide nun von den alten Legenden? Liegt in ihnen irgend eine Wahrheit?

Kleinias: Von welchen Legenden sprichst Du?

Athener: Von jenen, welche die wiederkehrenden Vernichtungen der Menschheit durch Fluten, durch Epi- demien oder aufgrund einer Vielzahl von Ursachen nacherzählen, bei denen lediglich einige wenige Überle- bende zurückbleiben.

Kleinias: Oh, diese Geschichten gelten bei jedermann als völlig glaubwürdig.

Athener: Wohldenn, so lasset uns eine dieser Massen-Vernichtungen diskutieren, diejenige nämlich, die von der Großen Flut gebracht wurde.


Hier, wie durch seine gesamte Atlantis-Erzählung hindurch, betont Platon immer wieder, dass dieser Be- richt wahr sei. Ebenso vergeblich gibt er einen deutlichen Hinweis auf Solon, dessen unvollendetes episches Poem die Basis für die atlantidischen Dialoge [1] war:

Athener: Ihr wisst, dass Poeten, wenn sie unter göttlichem Geleite singen, zu den Inspirierten gehören und so treffen sie, mit der Hilfe ihrer Grazien und Musen, häufig das wahre historische Faktum. [2]

Die geologische Vernichtung, die Atlantis [3] zum Verhängnis wurde, beschränkte sich nicht auf den Atlanti- schen Ozean, sonder zog sich, wie die Spuren der Geschichte zeigen, bis zur Ägäis und nach Kleinasien hin. Robert Drews, ein anerkannter Sachverständiger für diese Periode, beobachtete, dass auf Kreta, hoch in den Bergen, hastig Siedlungen gebaut wurden um eine Bevölkerung auf der Flucht aufzunehmen. Zu den Orten, die von Forschern allgemein als "Flüchtlings-Städte" [orig.: "cities of refuge"; d. Ü.] bezeichneten werden, ge- hörten Karphi, 2800 Fuß über dem Meeres-Spiegel, und das noch entlegenere Kastro. Ihre Einwohner hatten zuvor in schönen komfortablen Städten, unten an den Küsten, gelebt.

Abb. 2 Platons Dialog No- moi erweist sich neben der eigentlichen Atlantida als weiterer Bestandteil seines 'katastrophistischen Mani- fest' zur Urgeschichte der Menschheit.

Praktisch alle diese Städte wurden plötzlich zerstört und ihre Bevölkerungen gezwungen, ihr Leben durch Flucht zu retten. Sie tauschten sie gegen rohe behelfsmäßige Dörfer hoch in den kalten Bergen ein. Drews bemerkt: "Für die Errichtung von Städten an solch schrecklichen Orten muss man sich ei- ne machtvolle Motivation vorstellen." [4] Diese Motivation wurde von Pla- ton zuerst im Timaios und dann in Die Gesetze angesprochen:

Wenn die Götter die Erde reinigen, flüchten die Hirten und Schäfer in die Berge, doch diejenigen, die in den Städten leben, werden ins Meer ge- schwemmt. [5]

Da die wenigen, die der Vernichtung entkamen, Schäfer in den Bergen waren, blieb nichts als kärgliche glühende Kohle-Klümpchen der Menschheit [6] auf den hohen Gipfeln von der Vernichtung verschont. Und wir dürfen an- nehmen, dass zu solch einer Zeit eine völlige Vernichtung der Städte erfolgte, die im Tiefland und an den Küsten gelegen waren. Sicherlich waren sie [die Überlebenden in den Bergen], wie wir annehmen dürfen, von einer schreck- lichen Angst davor befallen, aus den Bergen in die Ebenen hinunter zu ge- hen. [7]

Die Gesetze beschreibt ein Dunkles Zeitalter, in welchem die Zivilisation, wie man annahm, nach der Zerstör- ung von Atlantis in Unwissenheit und Chaos zurückgefallen war:

Athener: Zu solch einer Zeit erfolgte also auch eine völlige Vernichtung der Städte im Tiefland und entlang der Meeres-Küsten.

Kleinias: Zweifellos können wir diese Annahme treffen.

Athener: Zudem gingen alle Arten von Werkzeug, Waffen, Geräten und Instrumenten verloren, zusammen mit wissenschaftlichen Entdeckungen, die vor der Zerstörung bekannt gewesen waren ... Der Zustand, in dem sich die Menschheit nach dieser Katastrophe befand, war folgendermaßen - Es gab eine schreckliche und weitreichende Ausrottung, doch, nachdem sich die Wasser etwas zurückgezogen hatten, wurden für die Überlebenden und ihre verminderten Vieh-Bestände große unbevölkerte Land-Gebiete freigelegt. Was ihre untergegangene Stadt angeht, ihre Verfassung und Gesetze, all jene Dinge über die wir hier diskutieren: kannst du dir, um es auf den Punkt zu bringen, vorstellen, dass auch nur die blasseste Erinnerung daran er- halten blieb?

Kleinias: Sicherlich nicht.

Athener: Dann dürfen wir schlussfolgern, dass die zahlreichen Generationen von Menschen, die solch eine eingeschränkte Existenz reinen Überlebens [-Kampfes] führten, im Vergleich zum Zeitalter vor der Sintflut oder mit unserem, in den verschiedenartigen Künsten unbewandert und unwissend waren. [8]


Das von Platon erwähnte Dunkle Zeitalter legte tatsächlich um 1200 v. Chr. einen dichten Schleier der Un- wissenheit über die Bronzezeit. Praktisch alle früheren Taten und Errungenschaften der westlichen Zivi- lisation gerieten in Vergessenheit, oder wurden zu Mythen transformiert. Thukydies, der erste Historiker des klassischen Griechenland, schrieb, dass sich vor dem griechischen Äquivalent zum achten Jahrhundert v. Chr. nichts von historischer Bedeutung ereignet habe.

Die vier Jahrhunderte intellektueller Umnachtung, welche die Zivilisation überwältigte, bezeugen eine ge- samtgesellschaftliche Regression, die bis zum Fall des römischen Imperiums ohnegleichen bleiben sollte. Platon sagt, dass die Sintflut dieses Dunkle Zeitalter einleitete, und er führt sie zur Begründung dafür an, warum nur eine vage Erinnerung an die vorangegangene Gesellschaft bis in seine Zeit erhalten geblieben sei. Er wies darauf hin, dass diese frühere Gesellschaft besonders hochentwickelt gewesen sei, indem er die wis- senschaftlichen Entdeckungen erwähnte, die bei ihrer Zerstörung verloren gingen. Zusammen mit der Tech- nologie dieser verschwundenen Zivilisation seien, sagt Platon, desgleichen auch wichtige Mineralien verloren gegangen:

Athener: Da Eisen, Kupfer und Metallurgie von der Sintflut so allgemein ausgelöscht wurden, dass sie nicht mehr verfügbar waren... Als Konsequenz daraus gingen alle Metalle, die, wie Eisen und Kupfer eine Kunst- fertigkeit erforderten, und die Metallurgie auf lange Jahre verloren. [9]

Dies ist eine besonders aufschlussreiche Passage, da das Bronzezeitalter in der Tat ein überraschend schnelles Ende fand, nachdem man plötzlich von den Kupfer-Vorkommmen abgeschnitten war. Die Hochqualitäts-Metallurgie, welche diese Ära kennzeichnete, hörte nach dem 13. Jahrhundert v. Chr. zu existieren auf. Mit den Anfangs- und End-Daten der Bronzezeit stimmt auch der Abbau der weltweit reichsten Kupfervorkom- men aus Michigan´s Oberer Halbinsel durch unbekannte Bergleute von 3000 bis 1200 v.Chr. überein. [Vergl. dazu: Atlantis und der prähistorische Abbau von Metall in Amerika von Peter Marsh; d. Red.] Der Großteil des dort abgebauten amerikanischen Kupfers ist verschwunden. Einige Forscher sind der Meinung, das wertvolle Material sei mit Frachtschiffen nach Europa und in den nahen Osten gebracht worden, wo es zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen verwendet wurde. (Abb. 3) Um so höher der Kupferanteil, um so besser die Bronze. [10]

Abb. 3 Stammte ein Teil des Kupfers, das während der Bronzezeit in Europa und im Nahen Osten ver- arbeitet wurde, aus der Neuen Welt, wie Frank Jo- seph vermutet? Bild: Bron- zebarren aus Depotfund, Luitpoldspark, Bayern

Die Kupfer-Vorkommen der Alten Welt waren den amerikanischen sowohl quantitativ als auch qualitativ unterlegen. Zwischen der Alten und der Neuen Welt lebten, so erklärt uns Platon, die Atlantier, ein Volk, das er als tüchtig in Seefahrt und Kupfer-Bergbau beschreibt. Nachdem sie ausgelöscht worden waren, erloschen mit ihnen auch die Bergwerke von Michigan. [Siehe dazu auch: Gesucht: 500 000 Tonnen Kupfer von William R. Corliss; d. Red.] Die Zerstörung der Insel erfolgte mehr oder weniger so kataklysmisch, dass für mehrere Jahrhunderte eine sichere Passage jenseits des Mittelmeers unmöglich wurde. Die Gesetzte stimmen bemerkenswert gut mit den histori- schen Fakten sowohl in der Alten als auch in der Neuen Welt überein.

Interessanter Weise macht Platon in diesem Dialog nicht den kleinsten Vergleich zwischen Atlantis und Kreta. Hätte er das Gefühl gehabt, dass es dort irgendeinen Zusammenhang gibt, wie die Minoer-Theoretiker [vergl. dazu: Die Ägäis als Feld der modernen Atlantisforschung; d. Red.] behaupten, so hätte ihm dieser spezielle Abschitt besondere Gelegenheit geboten, da Kleinias ein Kreter ist. In der Tat wird Minos zu Beginn des Buches I von Die Gesetzte erwähnt, aber es wird kein Versuch gemacht, ihn mit der Geschichte von Atlantis oder mit der Sintflut in Verbindung zu bringen. [11]

Gegen Ende des Buches III von Die Gesetze gibt Platon zu verstehen, dass seine Intention, hätte er dieses Projekt vollenden können, darin bestand, Atlantis als historische Parabel zu verwenden, um die zyklische Natur der Zivilisation aufzuzeigen. Daher bestand er auch darauf, dass es sich bei Atlantis um einen realen Ort gehandelt habe. Er wollte demonstrieren, dass Gesellschaften Zyklen von Geburt, tugendhafter Jugend und materieller Erfüllung in der Reife durchlaufen, deren Überfluss zum Nie- dergang führt und in der Vernichtung endet. Wäre Atlantis nur ein Märchen gewesen, so hätte seine Analo- gie nicht funktioniert. Mit anderen Worten, die Geschichte musste wahr sein, um seinen Anforderungen zu genügen. So schrieb er:

Athener: Das Spektakel dieser titanischen Saga, welche unsere alten Legenden beschreiben, ereignet sich durch die Zeiten immer wieder, wenn der Mensch zu seinem vormaligen Zustands des Elends zurückkehrt. [12]

Platons Dialoge, die von den meisten Archäologen als völlig fabulös und allegorisch bewertet werden, sind nicht nur unsere erste umfassende Quelle zur Geschichte von Atlantis, sondern bilden eine fundamentale Brücke zwischen Historie und Mythos. Es ist für uns bei der Betrachtung des Zusammenspiels von Fakt und Metapher von Wichtigkeit, zu verstehen, dass bei bedeutenden Ereignissen gerade Mythen als verlässliche Zeitkapseln dienen können. [vergl. dazu: Stichwort: Euhemerismus; d. Red.]


Anmerkungen und Quellen

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Dieser Beitrag von Frank Joseph © wurde seinem Buch "The Destruction of Atlantis - Compelling Evidence of the Sudden Fall of the Legendary Civilization" entnommen (Kapitel: "Queen of Legends", Abschnitt: "Plato´s Other Account of Atlantis", S. 94 - 99), das 2002 im Verlag Bear & Com- pany, Rochester, Vermonth, USA, erschienen ist. Übersetzung ins Deutsche, redaktionelle Bearbeitung sowie Illustration durch Atlantisforschung.de

  1. Anmerkung d. Red.: Gemeint sind die beiden Dialoge Timaios und Kritias, die gemeinsam auch als 'Atlanticus' bezeichnet werden.
  2. Quelle: Francis Wilcoxen, "Plato´s Laws", Boston, Arthur House Publishers, 1889, S. 225
  3. Anmerkung d. Red.: Frank Joseph geht davon aus, es habe sich bei Atlantis um eine größere Insel im Atlantik gehandelt, die während der Bronzezeit Heimat einer Hochkultur war.
  4. Quelle: Robert Drews, "The End of the Bronze Age", Rutgers, N.J.: Princeton University Press, 1993, S. 10
  5. Quelle: Plato, "Timaios and Critias", S. 122
  6. Red. Anmerkung: Platons Vergleich der Menschheits-Reste mit glühenden Kohle-Klümpchen ist offenbar einen Allegorie: Aus diesen Glut-Resten kann das Feuer des Geistes wieder neu entfacht werden und eine neue Zivilisation entstehen.
  7. Quelle: Wilcoxen, "Plato´s Laws", S. 228
  8. Quelle: ebd., S. 227
  9. Quelle: ebd., S. 229
  10. Siehe: Frank Joseph, Atlantis in Wisconsin, Lakeville, Minn.: Galde Press, 1995, Kapitel 2, 3 und 4
  11. Anmerkung d. Red.: Joseph´s diesbezügliches Argument lässt sich übrigens gleichermaßen bezüglich Annahmen anwenden, Platon´s Atlantisbericht stelle eine literarische Analogie zum Reich des Xerxes und den Perser-Kriegen dar [vergl. dazu z.B. 'Atlantis' von William H. Babcock (1922); Taylor, Alfred E., "A Commentary on Plato’s Timaeus", Oxford, Clarendon Press (1928); sowie Pallottino, Massimo, "Atlantide", in: Archaeologica Classica 4 (1952), S. 228 - 240]. Im Nomoi (Buch III, Teil 5, DIE LEHREN DER GESCHICHTE, Abschnitt 3, "Athen und die Perserkriege"), bespricht Platon nämlich die Perserkriege ausdrücklich als Teil der hellenischen Historie, der erkennbar nichts mit Atlantis oder der Urgeschichte des 'Goldenen Zeitalters' zu tun hat.
  12. Quelle: Wilcoxen, "Plato´s Laws", S. 228


Bild-Quellen

(1) http://www.cybertracks.it/en/articoli/articoli/relax/atlantis.htm

(2) http://www.livius.org/a/1/greeks/platon.jpg

(3) http://www.tolos.de/nord2.htm