Ario-Atlantismus nach 1945 (Teil III)

Aus Atlantisforschung.de
Wechseln zu:Navigation, Suche

Ario-Atlantismus im populär- und grenzwissenschaftlichen Gewand (Schluss)

(red) Nachweislich gibt es ganz konkrete Versuche rechtsextremer Gruppierungen, die Arbeiten diverser grenzwissenschaftlicher Forscher ideologisch zu instrumentalisieren, welche keinerlei Affinitäten zum Rechtsextremismus im allgemeinen und insbesondere zum Ario-Atlantismus aufweisen. Als prägnantes Beispiel für solche Versuche soll hier der so genannte „Reichsbrief Nr. 7“ (Abb. 5) dienen, mit dem wir uns nachfolgend ausführlich beschäftigen wollen.

Reichsbrief 7 Kopf.jpg
Abb. 5 Der Kopf des "REICHSBRIEF NR. 7 - ALLEIN DIE WAHRHEIT FÜHRT ZUR FREIHEIT", dessen Inhalt beispielhaft für die Vereinnahmung und Instrumentalisierung grenzwissenschaftlicher Ansätze und Aussagen alternativer, schulwissenschafts-kritischer Vergangenheitsforschung durch 'ultra-rechte' Kreise ist.

In dieser, von einer anonym und klandestin [1] arbeitenden Gruppierung namens "NEUE GEMEINSCHAFT VON PHILOSOPHEN" herausgegebenen und eindeutig als rechtsextrem einzuordnenden, Publikation geht es, wie es dort heißt, "im Kern darum, die essentiellen Grundlagen deutscher Geschichte, Geistigkeit und Kultur herauszuarbeiten, damit im Hinblick auf die bevorstehende Reichsversammlung (voraussichtlich im Mai 2009) nun endlich eine tragfähige und alle wesentlichen Bereiche umfassende Erkenntnisgrundlage vorhanden ist, auf der das Deutsche Reich nachhaltig gegründet werden kann. Dafür haben wir in diesen REICHSBRIEF unter anderem auch den vorgeschichtlichen Ursprung und die geistigen Fundamente der deutschen Kultur und des ureuropäischen Religionsverständnisses tiefergehend beleuchtet sowie auch einige Erkenntnis-Essenzen aus unseren bisherigen Schriften in überarbeiteter und leichtverständlicher Form in den Gesamtzusammenhang eingearbeitet." [2]

Dabei werden, wie es auch in der - per se alles andere als ideologisch motivierten - grenzwissenschaftlich-devianten Erd-, Menschheits- und Zivilisations-Geschichtsforschung üblich ist, die Bereiche "Erdgeschichts-, Eiszeit-, Evolutions-, Vorgeschichtsforschung, Geologie, Geophysik, Archäologie, Astronomie, Sagen-, Mythen- und Bewußtseinsforschung usw." [3] in ein polydisziplinär strukturiertes Modell einbezogen, das im vorliegenden Fall freilich ganz eindeutig und ausschließlich zur argumentativen Untermauerung eines antijüdisch-rechtsextremen Weltbildes [4] dienen soll, indem es "die dogmatischen Lehrgebäude und das primitive Menschen- und Weltbild der etablierten, vom materialistischen westlichen Geist geprägten und von jüdisch-angloamerikanischen Lobbyinteressen beherrschten Wissenschaft völlig auf den Kopf" [5] stellt.

Abb. 6 Zu den 'Vorbildern' der mehr als obskuren "Urgeschichts-Forschung" a la 'Reichsbrief Nr. 7' gehört auch Gustaf Kossinna (Bild), einer der akademischen Wegbereiter des Nationalsozialismus.

Vielsagend ist bereits eine im Vorwort ("WORUM ES IN DIESEM REICHSBRIEF GEHT") dieser Publikation zu findende Auflistung von 'Vorbildern' dieser Form brauner "Alternativ"-Prähistorik: "Aufbauend auf großartigen Arbeiten zur Vorgeschichte Alteuropas (von Gustaf Kossinna (Abb. 6), Wilhelm Teudt, Herman Wirth, Willy Pastor, Heinrich Pudor, Jürgen Spanuth, Walter Machalett, Barry Fell, Jacques de Mathieu, Jean Deruelle, Gert Meier u.a.) soll dieser REICHSBRIEF NR. 7 dazu beizutragen, den Deutschen – dem Volk mit REICHSBRIEF NR. 7 NEUE GEMEINSCHAFT VON PHILOSOPHEN der geheimnisvollsten und großartigsten Vergangenheit überhaupt – endlich die Geschichte und damit die geistig-kulturelle Identität zurückzugeben, die man ihnen gestohlen hat." [6]

Bei genauerem Hinsehen wird aber auch sofort deutlich, dass hier im Einzelnen auch alternative Forscher-Persönlichkeiten vereinnahmt werden, die kaum (J. Deruelle) oder keineswegs (Barry Fell) in Bezug zu den ideologisch-politischen Motiven und Zielen dieser Publikation und ihrer Macher zu bringen sind. Diese Tendenz zur Vereinnahmung von 'Nicht-Patrioten' wird auch im weiteren erkennbar, wenn etwa Fred Hoyle (S. 79), Bruno Vollmert (S. 79/80) und Hans-Joachim Zillmer (S. 82/83) als Kronzeugen zur Widerlegung der darwinistischen Evolutionstheorie, oder Robert Bauval und Graham Hancock (S. 178) zu einer alternativen Betrachtung des Alten Ägypten herangezogen werden.

Neben der, aus grenzwissenschaftlichem Blickwinkel, ebenso berechtigten wie notwendigen Kritik der Evolotionslehre in ihrer heutigen Form eines ideologisierten Darwinismus [7] werden im REICHSBRIEF Nr. 7 auch fast alle anderen Kernthemen alternativer bzw. devianter Erd-, Menschheits- und Zivilisations-Geschichtsforschung aufgegriffen und im Sinne der Ideologie seiner Macher instrumentalisiert. Dies umfasst die katastrophistische Biologie (insbesondere Anthropologie), die Geologie und den Diffusionismus ebenso wie eine Kritik der 'Eiszeitlehre' [8] und der derzeitig genutzten "wissenschaftlichen" Datierungsmethoden, während dagegen mit einer quasi primhistorischen Begründung die Vorstellungen der "Chronologie-Revisionisten" harsch zurückgewiesen werden. [9]

Praktisch sämtliche "GRUNDLEGENDE[n] PRÄMISSEN ZUR EVOLUTIONS-, ERD- UND VORGESCHICHTSFORSCHUNG", die dort in einem separaten Artikel (S. 88-90) aufgeführt werden, stammen faktisch aus dem Bereich weltanschaulich neutraler, grenzwissenschaftlicher bzw. alternativer oder devianter Vergangenheitsforschung und können, aus dem Kontext der Publikation herausgelöst, in der sie erschienen sind, allenfalls aus Sicht der universitären Orthodoxie und des organisierten Pseudo-Skeptikertums einen 'Stein des Anstoßes' darstellen. Unerfreulich genug, dass diese Vereinnahmung grenzwissenschaftlichen Gedankengutes durch Rechtsextremisten 'Wasser auf die Mühlen' derjenigen darstellen dürfte, die ohnehin bemüht sind, derartige Forschungen zu Unrecht in die 'rechte Ecke' zu stellen, was traditionell insbesondere auch den Bereich der Beschäftigung mit dem Atlantis-Problem betrifft.

Abb. 7 Praktisch alle wesentlichen Aspekte und Bereiche devianter bzw. grenzwissenschaftlicher Vergangenheitsforschung werden im REICHSBRIEF NR. 7 weltanschaulich instrumentalisiert - aber auch prominente Repräsentanten der 'Schulwissenschaft' und ihre populärwissenschaftlichen Publikationen sind davor nicht gefeit. Bild: Die Expansion der Erde im Laufe der Jahrmillionen (nach Heinz Haber)

Was diesen, seitenmäßig umfangreichen und redaktionell besonders hervorgehobenen, Aspekt des REICHSBRIEF NR. 7 angeht, so präsentiert sich die dortige Argumentation höchst widersprüchlich. So gibt man sich seitens dieser "Patrioten" zunächst höchst "schulwissenschaftlich" und mainstream-geologisch, um die offenbar lästige Vorstellung eines "Atlantis im Atlantik" zu eliminieren: "Eine lange vorherrschende Meinung war es, Atlantis auf den Azoren im Atlantik zu lokalisieren. Die Lage von Atlantis im Bereich der Azoren ist aber schon deshalb nicht haltbar, weil dort niemals, wie verschiedene geologische Untersuchungen ausreichend belegen, eine größere Insel existiert haben kann oder untergegangen ist – und entgegen einiger irriger Behauptungen auch niemals irgendwelche Spuren einer älteren Zivilisation gefunden wurden." [10] Ähnlich 'gründlich' werden auch sämtliche mediterranen Atlantis-Lokalisierungen in einem Satz beiseite gewischt.

Zudem heißt es - im krassen Gegensatz zu den primhistorischen Ansätzen im einleitenden Kapitel zur Urgeschichtsforschung (s. o.) - zur chronologischen Lokalisierung von Atlantis: "Darüber Spekulationen anzustellen, wie die kulturellen Verhältnisse auf der Erde vor dem Ende der letzten >Eiszeit<, also in der Zeit vor 12.500 v.Chr. ausgeschaut haben, ist müßig, damit bewegt man sich allein im Bereich des Glaubens bzw. wirklichkeitsferner Spekulationen, die nur Verwirrung stiften, der Erkenntnisfindung in der Sache aber in keiner Hinsicht dienen." [11]

Damit hat man sich zielführend eine 'Goldene Brücke' gebaut, über die der Leser geradewegs zum nordisch-bronzezeitlichen Atlantis-Modell von Jürgen Spanuth geleitet wird, wobei die Autoren suggerieren: "So ist heute das von Platon beschriebene Atlantis von weiten Kreisen der Atlantisforschung [sic!] wissenschaftlich solide unterbaut zweifellos als die nordisch-megalithische Hochkultur der Bronzezeit identifiziert, deren ursprüngliche Heimat im mittel-nord-westeuropäischen Raum, genau im Herkunftsgebiet der germanischen Völker, lokalisiert werden kann." [12]

Und mit der - bei atlantologischen Laien häufig vorzufindenden - Neigung zu absoluten Aussagen wird Spanuth zum "Wegweiser" der Atlantisforschung hoch stilisiert und seine Position als einzig legitime Meinung zur Lösung des Atlantis-Problems dekretiert: "Auch wenn in Spanuth’s Arbeiten nach heutigem Erkenntnisstand im Detail noch einige Ungenauigkeiten enthalten und verschiedene Aspekte noch nicht erfaßt sind, hat er durch sein Lebenswerk in der Atlantisforschung den Weg gewiesen, so daß seit der Veröffentlichung seiner Arbeiten eindeutig die Spreu vom Weizen getrennt werden und somit unqualifizierte Hobbyspinnerei und pseudo-esoterische Traumtänzerei aus dem Bereich seriöser Atlantisforschung [sic!] ausgeklammert werden können." [13]

Nach einer zusammenfassenden, aber weitschweifigen Nacherzählung der Spanuth´schen Atlantis-Theorie, inklusive eines ebenso gedehnten Exkurses zur Urgeschichte Israels und der "ENTLARVUNG EINES GROSSEN SCHWINDELS" um seine Bevölkerung, (S. 96-176) [14] folgt dann "EIN ANDERER ANSATZ, SICH DEM ATLANTISTHEMA ZU NÄHERN", "welcher eine erweiterte, visionäre Perspektive über die Vorgeschichte ermöglicht und auch die vielen bisher nicht berücksichtigten Einzelerkenntnisse zur Vorgeschichte und archäologischen Entdeckungen miteinander in einen konstruktiven Zusammenhang stellt und ein stimmiges Gesamtbild der vorgeschichtlichen kulturellen Entwicklungen und Zusammenhänge skizziert." [15]

Kurz gesagt, kommen jetzt zu guter Letzt doch wieder primhistorische Überlegungen ins Spiel (was den schulwissenschafts-gläubigen Spanuth vermutlich zu einer wütenden Polemik bewegt hätte), und die Autoren des REICHSBRIEF NR. 7 entwickeln - wiederum fixiert auf ihr "ur-deutsches Atlantis" - ein ideologisches Quasi-Pendent zu den Theorien altantologischer Synthetiker wie (dem jungen) Uwe Topper oder Jürgen Hepke, in dem sie ganz zu Recht die Überlegung aufwerfen, "daß es im Laufe der Jahrtausende mehrere Untergänge der atlantischen Kultur gegeben haben könnte", wobei sie - sowohl im Einklang mit Platons zyklischem Bild der Zivilisations-Geschichte als auch in Übereinstimmung mit einem Großteil heutiger grenzwissenschaftlicher Zivilisationsforscher feststellen: "Die Annahme, daß sich die Entwicklung des Menschen und der Kulturen in der Geschichte in linearer Weise vollzogen habe, ist ein grundsätzlicher Denkfehler der Wissenschaft des modernen Zeitalters, welcher für die alte materialistisch-reduktionistische Weltsicht charakteristisch ist." [16]

Dass von den Autoren des REICHSBRIEF NR. 7 als Verursacher der putativen, zyklischen Kataklysmen, welche die anzunehmenden Urzeit-Kulturen (die 'natürlich' im hohen Norden beheimatet gewesen sein müssen) ausgelöscht haben sollen, ausgerechnet Zecharia Sitchins ominöser "Nibiru" ausgemacht wird [17], trägt aus explizit grenzwissenschaftlicher Sicht ebenso wenig zur Akzeptabilität des von ihnen präsentierten Modells zur Pol- bzw. Erdkrustenverschiebung bei, wie die angeblich flankierenden, mythologischen "Indizien", die aus Karl Bruggers bzw. "Tatunca Naras" dubioser "Chronik von Akkakor beigesteuert werden.

Nibiru Schema II.jpg
Abb. 8 Schematische Darstellung der angeblichen "Nibiru-Katastrophen" und
der drei dadurch verursachten Vernichtungen von "Atlantis-Kulturen" aus dem
rechtsextremen REICHSBRIEF NR. 7. Man beachte auch den dort verzeichneten
"Untergang der jüdisch-anglo-amerikanischen Megakultur" im Jahr 2008!

Gerade die völlige Fixierung der REICHSBRIEF-Macher (Die uns jetzt vorliegende Nr. 7 erschien offenbar im Jahr 2007) auf "Nibiru" als einzig in Frage kommende Ursache für kataklysmische Umwälzungen in der Erd- und Menschheitsgeschichte macht den alles andere als (grenz-)wissenschaftlichen Charakter ihrer "Forschung" klar, und dankenswerter Weise stoßen sie zumindest die intelligenteren ihrer Leser auch in diesem Zusammenhang noch einmal 'mit der Nase' darauf, für was für eine Art von "Philosophie" sie stehen: "Wenn der Planet Nibiru tatsächlich schon entdeckt worden ist und sich der Erde annähern sollte, dann könnte es nur im größten Interesse des Establishments liegen, dies der Weltöffentlichkeit zu verheimlichen bzw. dieses Ereignis, wenn Nibiru tatsächlich demnächst am Abendhimmel zu sehen und nicht mehr wegzuleugnen ist, möglichst herunterzuspielen, damit die Menschen erst möglichst spät die tatsächliche Bedrohungssituation erkennen. Würde die Kunde von Nibiru zu früh in der Öffentlichkeit bekannt, bestände die Gefahr, daß die ganze öffentliche Ordnung zusammenbrechen würde und ebenso, daß die Situation von Gegnern U$raels – des jüdisch-anglo-amerikanischen Mega-Systems – zum Systemsturz genutzt werden könnte." [18]

Nachdem wir zwischenzeitlich schon im Jahr 2012 befinden, wirkt auch ihre Prophezeiung von 2007 eher belustigend, sie könnten "den Zeitraum, in dem mit ihm zu rechnen ist, ziemlich genau eingrenzen: Mit Nibiru und den Kataklysmen, die durch ihn ausgelöst werden, ist zwischen Oktober 2008 und Dezember 2012 zu rechnen!" [19]

Halten wir fest, dass trotz aller vorgeblichen Quasi-Wissenschaftlichkeit ("...was bislang umstrittener Mythos war, wird nun eine wissenschaftlich belegte Realität!") [20] auch im vorliegenden Fall der gesamte Komplex Urzeit ("Ur-Deutschland")/Atlantis und seine Erforschung lediglich als (prä-)historischer 'Anker' für eine "wiedergefundene neue Weltanschauung" dient, die von den Machern des REICHSBRIEF NR. 7 inzwischen als "KOSMOTERIK" [21] bezeichnet wird, und auch 'neuheidnische' Elemente instrumentalisiert. [22]

Ganz im Sinne der ario-atlantistischen Traditionslinie wird auch hier die Sage um das versunkene Reich Atlantis zum "Herkunftsmythos der Deutschen" umfunktionalisiert: "ATLANTIS ist also nicht irgendein Ort, eine Insel oder gar ein versunkener Kontinent irgendwo im Mittelmeer, in der Karibik oder im Atlantik, sondern hat während der letzten ca. 14.500 Jahre in drei Hochkulturen (die jeweils nach ca. 3.500 Jahren durch zyklische Naturkatastrophen untergegangen sind) hier in Mitteleuropa existiert (ATLANTIS I, II und III), und zwar im Bereich nördlich des ehemaligen 60. Breitenkreises (vor der Erdkrustenverrutschung) mit verschiedenen Zentren im Nord- und Ostseeraum, um die Externsteine, in Südwestfalen (Bodenhimmelsystem) und anderswo." [23] Ebenfalls typisch ario-atlantistisch ist die mit der Vorstellung der Wiedererrichtung dieses 'nordischen' Atlantis (hier bezeichnet als das "Atlantische Reich Europäischer Völker") verbundene Heilserwartung.

Abb. 9 Das gänzlich biologistische Konzept von "Rassen" der Menschheit, das natürlich auch den Ario-Atlantismus im Dritten Reich maßgeblich prägte, bekommt heute Konkurrenz durch andere Erklärungs-Modelle angeblicher 'nordischer' Überlegeheit. Bild: Karte der globalen Verteilung menschlicher "Rassen" aus dem 19. Jahrhundert.

Allerdings handelt es sich im vorliegenden Fall um einen Ario-Atlantismus unter anderen Vorzeichen, denn der "Rassebegriff" im Sinn eines Biologismus spielt für die Verfechter dieser Variante des rechtsextremen Atlantismus keine wesentliche Rolle. [24] Vielmehr wird hier "deutschen", "nordischen", oder auch "nordisch-germanischen" spirituellen "Geistigkeit" einem "jüdisch-freimaurerischen", materialistischen 'Ungeist' gegenübergestellt.

Dabei greifen die Macher des REICHSBRIEF NR. 7 freilich ganz ungeniert auch auf Grund-Elemente der NS-Esoterik zurück, wie sie im Dritten Reich z.B. von "Himmlers Rasputin", Karl Maria Wiligut, und nach 1945 von Miguel Serrano propagiert wurden, nämlich zu aller erst die Vorstellung eines "nordischen", nicht-jüdischen Christus, dessen Heilslehren posthum durch einen judaistischen "Paulinismus" [25] korrumpiert worden seien: "Die von nordischem Idealismus geprägte ursprüngliche Lehre Jesu wurde nach dessen Weggang aus Palästina von dem Juden Saul [Paulus] und seinen sadduzäischen Hintermännern in schicksalhafter Weise völlig verfälscht und dann für die Interessen des Judentums dienstbar gemacht. Darüber hinaus wissen wir heute, daß Jesus der Nazarener, der weise spirituelle Meister und Wanderphilosoph aus Galiläa, ganz gewiß kein Hebräer und schon gar kein Jude gewesen ist, sondern ein Mensch nordisch-germanischer Abstammung war" [26]

Die Übergänge zwischen einem archetypischen, quasi 'klassischen', Antisemitismus und dem, von der 'NEUE[N] GEMEINSCHAFT VON PHILOSOPHEN' propagierten Antijudaismus - inklusive "Holocaust-Lüge" (ebd., S. 62) und generalisierenden Hasstiraden ("Die Juden handeln mit größter Selbstverständlichkeit so niederträchtig, wie es geistig normalgesunde Menschen nicht einmal zu denken wagen!"; ebd., S. 32) - erscheinen jedenfalls fließend; und für die 'nordischen' Auserwähltheits-Phantasien ist es ebenfalls weitgehend unerheblich, ob diesbezüglich, vorwiegend biologistisch, mit "rassischen" Kriterien "argumentiert" wird, oder mit anderen Kriterien intellektueller, spiritueller oder kosmologischer Natur.


Schlussbemerkung

Wie die Autoren aufzuzeigen bemüht waren, stellt der Ario-Atlantismus im Sinne einer ideologischen, arier-, germanen- oder deutschtümelnden Instrumentalisierung des Atlantis-Komplexes ein vielschichtiges und komplexes Phänomen dar, das unterschiedlich 'gewandet' daherkommen mag; bisweilen geschieht dies in einer quasi-religiösen Form, bisweilen eher im quasiwissenschaftlichen 'Tarnanzug', aber stets wird bei genauerer Betrachtung deutlich, dass es sich bei ihm um ein typisch atlantistisches Glaubens-System handelt: Seine Prämisse - Atlantis war 'nordisch' und das Produkt einer überlegenen, arischen/germanischen oder "ur-deutschen" Kultur - wird als definitiver Glaubensgrundsatz in keiner Weise kritisch reflektiert, eine tatsächliche Diskussion alternativer Konzepte zur Lösung des Atlantis-Problems findet nicht statt. Stattdessen werden in typisch atlantistischer Manier "Argumente" angehäuft, die angeblich die Validität der Prämisse beweisen sollen, wobei zunächst der selbst-referentiell strukturierte Fundus an zustimmender, ebenfalls ario-atlantistischer Literatur ausgeschöpft, und zudem mit größter Willkürlichkeit auf schul-, populär- und grenzwissenschaftliche Literatur zurückgegriffen wird.

Eine - zumindest tendenziell wahrzunehmende - Besonderheit gegenüber anderen Atlantismen (z.B. theosophischer oder anthroposophischer Provenienz) besteht im Ario-Atlantismus in der ausgesprochenen 'Heilserwartung', mit welcher in den betreffenden Kreisen bisweilen die Idee einer "Wiederauferstehung" oder "Wiedererrichtung" des (nordischen) Atlantis verbunden wird. Mit dieser Idee einer 'nordischen/arischen Nova Atlantis' lässt sich der ursprüngliche 'Herkunftsmythos' offenbar auch zu einem perspektivischen 'Zukunftsmythos' als Utopie mit politischer Schlagkraft ausbauen.

In seiner Tendenz zur missbräuchlichen, selektiven Vereinnahmung alternativer, devianter oder grenzwissenschaftlicher Vergangenheitsforschung und Atlantologie liefert der Ario-Atlantismus schließlich nicht nur denjenigen 'Munition', die ohnehin bemüht sind, 'Atlantisforschung & Co.' ins Zwielicht zu stellen, sondern sie blockiert auch nachhaltig jene dringend erforderliche Neubewertung der nordwesteuropäischen Urgeschichte durch eine unabhängige Forschung, die sich gerade aufgrund ihrer standhaften Ablehnung des Wissenschaftsmärchens vom ex oriente lux dem ungerechtfertigten Verdacht ausgesetzt sieht, 'ewig gestriges' Gedankengut zu perpetuieren.


Zurück zum Anfang des Artikels


Anmerkungen und Quellen

Wichtiger Hinweis: Verschiedene Links in diesem Beitrag bzw. bei den Nachweisen zu den darin verarbeiteten Text- und Bild-Quellen führen zu als rechtsextrem einzustufenden Internetseiten. Diese Verlinkungen erfolgen ausschließlich zu Dokumentations- und Studienzwecken! Die Redaktion distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten dieser Seiten (siehe auch: Disclaimer) und stellt einmal mehr fest:

Nazis raus internet.gifNein danke! OK.jpg

  1. Anmerkung: Dazu findet sich in besagter Publikation (S. 2) ein "ALLGEMEINER HINWEIS", der besagt: "Jeder, der Namen, Adressen, Aufenthaltsorte, Telefonnummern o.ä. von Mitgliedern der Neuen Gemeinschaft von Philosophen in irgendeiner Form weitergibt, auch nur andeutungsweise am Telefon nennt, oder sonstwie verräterisch gegen uns tätig wird, macht sich des Hochverrats am deutschen Volk schuldig und wird entsprechend hart bestraft!" (Hervorhebung nach Original)
  2. Quelle: "REICHSBRIEF NR. 7 - ALLEIN DIE WAHRHEIT FÜHRT ZUR FREIHEIT", S. 2 (PDF- Datei, 6,41 MB; Zugriff: 23.09.2010)
  3. Quelle: ebd., S. 3
  4. Anmerkung: So ist dort u.a. von "U$rael", den "jüdisch-freimaurerischen Hintergrundmächte[n]", einer "Verschwörung des Judentums gegen die Völker" sowie den "ultrareichen Clans der jüdischen Hochfinanz, die >Illuminati< die sich hinter der UNO verbergen" die Rede, und es wird konstatiert: "U$rael ist der >Große Satan<, dessen wahre politische und ideologische Macht sich hinter unzähligen politischen und angeblich unpolitischen inter- und transnationalen Organisationen (von der Weltbank über die WHO bis zum Weltkirchenrat und der Theosophischen Gesellschaft, und selbst die >Aktion Mensch<), sowie hinter etlichen internationalen Logen, Geheimgesellschaften und Lobbyisten-Verbänden und vor allem hinter der UNO verbirgt!"
  5. Quelle: ebd.
  6. Quelle: ebd., S. 4,5
  7. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantisforschung.de z.B.: "Lyell, Darwin & Co. - Kritik unzulässig?" (bb)
  8. Anmerkung: Zu diesem Thema beruft man sich seitens der "Neuen Gemeinschaft von Philosophen" allerdings bezeichnender Weise ausschließlich auf das, im Grabert-Verlag erschienene, Buch "Ex nocte lux: enträtselte Urgeschichte im Licht der Forschung" von H.K. Horken.
  9. Dazu heißt es im REICHSBRIEF NR. 7 auf Seite 89: "Wir übernehmen auch nicht die heute von vielen unreflektiert nachgeplapperten, konfusen und arrogant-dogmatisch vertretenen Schmalspur- Hypothesen der selbsternannten Chronologierevisionisten (H. Illig, U. Topper, G. Ullrich usw.), die wir für ein fatales Fehldenken halten, das aus Unkenntnis der tatsächlichen Geschichte resultiert und einzig zu Chaos und Desorientierung führt. Nach unseren Erkenntnissen geht sogar schon der Ansatz dieser Zeitrechnungskritiker, welcher darauf hinausläuft, den Zeitrahmen der Kulturgeschichte sowohl vor als auch nach dem Beginn unserer Zeitrechnung zusammenzustreichen, in die völlig falsche Richtung. Denn ihre Argumente für eine Kürzung des Zeitrahmens für die Zeit n.Chr. sind ganz und gar nicht haltbar und für die Zeit v.Chr. sprechen sogar immer mehr wissenschaftliche Beweise eindeutig dafür, daß der bisher etablierte Annahme des Zeitrahmens der Existenz von Hochkulturen nicht verkürzt, sondern um viele Jahrtausende erweitert werden muß!"
  10. Quelle: ebd., S. 93 (Artikel: "DER ERKENNTNISSTAND ZUM ATLANTIS DES PLATONBERICHTS")
  11. Quelle: ebd., S. 92 (Artikel: "DER ERKENNTNISSTAND ZUM ATLANTIS DES PLATONBERICHTS")
  12. Quelle: ebd., S. 95 (Artikel: "DER ERKENNTNISSTAND ZUM ATLANTIS DES PLATONBERICHTS")
  13. Quelle: ebd.
  14. Anmerkung: Bei diesem Exkurs geht es nicht zuletzt darum zu beweisen, "daß schon lange vor den Juden bzw. Hebräern eine nordisch-atlantische bzw. frühkeltische Urbevölkerung (nordische Megalithiker) in Palästina ansässig war." (Quelle: ebd., S. 168)
  15. Quelle: ebd., S. 177
  16. Quelle: ebd., S. 178
  17. Anmerkung: Selbst die Autoren des REICHSBRIEF NR. 7 kommen zu dem Schluss, dass Sitchins Buch Der zwölfte Planet "voll von pseudo-esoterisch eingefärbten Fehlinterpretationen" sei (op. cit., S. 203), und sie halten einschränkend fest: "Wegen zu vieler abgehobener und wirklichkeitsferner pseudo-esoterischen Spekulationen und eines penetrant auf den meisten Seiten dieses Buches vertretenen krampfhaften UFO- und Außerirdischen-Wahns können wir dieses Buch von Zecharia Sitchin zwar nicht insgesamt weiterempfehlen, doch die Berichte in diesem Buch über den Zwölften Planeten (Nibiru) mit einem Bahnzyklus von ca. 3.600 Jahren scheinen den alten sumerischen Schriften tatsächlich zu entsprechen." (ebd., S. 201)
  18. Quelle: ebd., S. 215
  19. Quelle: ebd., S. 216
  20. Quelle: ebd., S. 4
  21. Quelle: NEUE GEMEINSCHAFT VON PHILOSOPHEN: REICHSBEWEGUNG / EINIGKEIT UND RECHT UND FREIHEIT - ALLEIN DIE WAHRHEIT FÜHRT ZUR FREIHEIT!
  22. Anmerkung: So heißt es dort über "KOSMOTERIK" u.a.: "In ihr findet sich als größter gemeinsamer Nenner das alte, ur-europäische Wissen unserer Vorfahren, nun wissenschaftlich-philosophisch aufgeschlüsselt und durch das Zeichen der Irminsul, der Weltensäule, symbolisiert, welche schon über viele Jahrtausende das höchste Heiligtum unserer Altvorderen war." (Quelle: ebd.)
  23. Quelle: NEUE GEMEINSCHAFT VON PHILOSOPHEN: REICHSBEWEGUNG, unter: ATLANTIS
  24. Anmerkung: So wird man im REICHSBRIEF NR. 7 vergeblich nach dem auf eine spezifische "Rasse" bezogenen Terminus 'Arier' suchen, und statt eines 'klassischen' Antisemitismus wird dort ein dezidierter Anti-Judaismus betrieben. Zitat: "Man muß immer wieder darauf hinweisen, daß es eine jüdische Rasse ebenso wenig gibt wie eine katholische Rasse. Das Judesein ist einfach nur eine Geisteshaltung und Weltanschauung – und zwar eine sehr menschenverachtende und primitive. Ebenso gibt es auch kein jüdisches Volk, wohl aber ein hebräisches Volk, doch die Hebräer machen gerade mal 5% der Juden aus." (Quelle: ebd., S. 20) --- Und: "Die Bezeichnung >Juden< steht allein für eine pseudoreligiöse, menschen- und völkerverachtende Weltanschauung bzw. Geisteshaltung." (Quelle: REICHSBRIEF NR. 7, S. 165)
  25. Anmerkung: "Paulinismus" definiert man dort folgendermaßen: "Der Paulinismus ist die satanische Heuchel-Religion, die sich seit fast zweitausend Jahren als Christentum ausgibt, aber im Prinzip nichts anderes als ein Judentum für Nichtjuden ist – oft auch als Judentum für die Doofen bezeichnet –, welche soviel Elend und Kulturzerstörung über Europa und besonders über das deutsche Volk gebracht hat und einen Großteil der Menschheit bis heute in geistiger Ohnmacht gefangen hält." (Quelle: ebd., S. 71)
  26. Quelle: ebd., S. 75


Bild-Quellen

(5) Reichsbrief Nr. 7 - Neue Gemeinschaft von Philosophen, in der Version nach: http://7err.de/wwn/DEUTSCHES/REICH/2007/daten/Reichsbrief7-290907.pdf (nicht mehr online)

(6) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Gustaf Kossinna

(7) Heinz Haber, "Unser Blauer Planet", Ullstein, 1989, ISBN 3 550 08565; nach: Reichsbrief Nr. 7 - Neue Gemeinschaft von Philosophen, S. 91 – Red. Anmerkung: Prof. Haber würden vermutlich die Haare zu Berge stehen, müsste er noch miterleben, wer ihn da für sich vereinnahmt hat!

(8) Reichsbrief Nr. 7 - Neue Gemeinschaft von Philosophen, Tabelle S. 236

(9) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Arier