Synthetiker

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Definition

Abb. 1 Nach Ansicht der 'Synthetiker' unter den Atlantisforschern besteht der Atlantisbericht des Platon aus verschiedenen, chronologisch, und was ihre Quellen angeht, durchaus unterscheidbaren Elementen.

(bb) Der vom Verfasser eingeführte Begriff "Synthetiker" bezeichnet als atlantologie-historischer Terminus die Anhänger oder Verfechter einer charakteristischen atlantologischen Betrachtungs- und Interpretationsweise des platonischen Atlantisberichts, die sich seit den späten 1970er Jahren in der Atlantisforschung im deutschsprachigen Raum herausgebildet hat. [1] Als Vorläufer oder Pionier einer Betrachtung der Atlantida als 'synthetisches' Werk darf der Altphilologe Wilhelm Brandenstein (1898-1967) gelten, der bereits 1951 [2] davon ausging, "dass Solon zwei verschiedene Erzählungen irrtümlich zu einer verknüpfte: Aus Ägypten habe er Kenntnisse über die Seevölkerkriege gehabt, aus Athen hingegen Überlieferungen über die Auseinandersetzungen zwischen Kreta und Athen, wie sie tatsächlich in bekannten Mythen belegt sind." [3]

Als verbindende Gemeinsamkeit der durchaus unterschiedlich argumentierenden Atlantisforscher, die sich mit diesem Terminus erfassen lassen, lässt sich bezüglich der Atlantida-Exegese die so genannte 'Synthese-Annahme' ausmachen, womit die Grundüberzeugung gemeint ist, dass der Atlantisbericht eine Synthese aus verschiedenen Elementen darstellt, die aus unterschiedlichen Quellen stammen und 'quasi-historische' Ereignisse wiedergeben, welche aus chronologisch unterscheidbaren Perioden stammen. Diese Segmente seien von Platon unter Einbeziehung fiktionaler Elemente (z.B. der Rahmenhandlung) zu einem nur scheinbar homogenen "Historienbericht" verschmolzen worden.

Im Rahmen exegetischer Betrachtungen zur chronologischen Verortung des platonischen Atlantis stellt die Synthese-Annahme u.a. auch ein Gegenmodell zur Metachronismus-Hypothese schulwissenschaftlicher Atlantisforschung dar, mit dessen Hilfe Widersprüchlichkeiten im Atlantisbericht zwischen inhaltlichen Aussagen, z.B. zum technologischen Entwicklungsstand der Atlantier, und den Zeitangaben Platons auch anders als mit der Behauptung erklärt werden können, Letztere beruhten auf Irrtümern, Übersetzungsfehlern oder Fehlinterpretationen des Athener Staatsphilosophen.

Zu den Wegbereitern der Synthese-Annahme gehören z.B. Lewis Spence, Josef Karst [4], der französische Atlantologe Daniel Duvillé [5], sein Landsmann Jean Gattefossé und in jüngerer Zeit der deutsche Alternativ-Historiker Uwe Topper. Letzterer kam 1977 in "Das Erbe der Giganten" bei der Untersuchung der beiden Dialoge Timaios und Kritias, in denen von Atlantis die Rede ist, zu dem Ergebnis, "daß es sich um mindestens zwei verschiedene Quellen handeln müsse, die Platon verarbeitet hat. Ein gewisser Anteil dürfte aus einer ganz frühen Kulturstufe stammen, ein überwiegender jedoch zum beginnenden Metallzeitalter gehören." [6] Zu einer vergleichbaren Schlussfolgerung kam 2004 auch Axel Hausmannn, der ebenfalls konstatierte, dass "der Philosoph offenbar zwei unterschiedlich alte Quellen verwendet hat" [7]

Abb. 2 Das Buch "Atlantis und der liby-äthiopische Kulturkreis" (1931) von Josef Karst gehört zu den frühen Beispielen für eine exegetische Betrachtung des Atlantisberichts als 'synthetisches' literarisches Produkt.

Während Forscher wie Uwe Topper, oder auch Jürgen Hepke [8] in ihren synthetischen Modellen davon ausgehen, es habe mehrere "Atlantiden" - also prä- oder protohistorische Originale für das bei Platon beschriebene, urtümliche Inselreich gegeben, stellt Hausmann dagegen mit dieser Form der Atlantida-Exegese eine Verbindung zwischen dem von ihm als neolithische, sizilianisch-maltesische Großinsel interpetierten Atlantis und den offensichtlich spätbronzezeitlichen Elementen in der Atlantida her.

Unterstützung findet die 'synthetische' Ausdeutung der Atlantida auch bei Tony O’Connell, dem Herausgeber der Enzyklopädie Atlantipedia: "Es ist klar, dass Plato zwei Atlantiden [orig: "Atlantises"; d.Ü.] beschreibt, die sowohl zeitlich als auch geographisch voneinander getrennt sind. Eine war die steinzeitliche Kultur, auf welche Plato nur kurz eingeht, und die andere war jene Gesellschaft der Bronzezeit, die er viel detaillierter beschrieb. Dieser scheinbare Widerspruch ist einfach zu erklären, wenn wir einsehen, dass das ursprüngliche Atlantis eine vorschriftliche Kultur war, und [dass] wie bei allen sehr alten Völkern seine Errungenschaften [bereits] von den Nebeln der Zeit verborgen wurden, bevor sie schriftlich erfassbar waren." Die Annahme erscheint also nicht " unangemessen, dass Plato, um den Mangel an Details wettzumachen, die mündliche Überlieferung mit den Attributen einer fortschrittlichen Zivilisation seiner eigenen Ära überzogen hat, [also mit] etwas, mit dem sein Publikum sich identifizieren konnte. Solch ein literarisches Hilfsmittel hätte sich innerhalb des Rahmens künstlerischer Freiheit jener Periode befunden." [9]

Trotzdem stellen diejenigen, die den Atlantisbericht als synthetisches, geradezu komponiertes, Amalgam bzw. Konglomerat aus unterscheidbaren Teil-Elementen betrachten, bisher noch eine kleine Minderheit innerhalb des atlantologischen Spektrums dar, denn, um es mit den Worten von Uwe Topper zu sagen: "Die wenigen Hinweise auf eine Chronologie bei Platon werden von den meisten Atlantisforschern nicht ernstgenommen." [10] Der Verfasser ist geneigt, dazu noch deutlicher zu werden: Obwohl kein Zweifel daran bestehen kann, dass Platon bei der Abfassung seiner Dialoge üblicher Weise auf Material aus höchst unterschiedlichen Quellen zurückgriff [11], werden diesbezügliche Hinweise in seinem Atlantisbericht von der atlantologischen - und auch altphilologischen - Forschung zumeist nicht einmal wahrgenommen, geschweige denn als massive Indizien für die Inhomogenität der Atlantida erkannt.


Anmerkungen und Quellen

  1. Anmerkung: Ein Vorreiter dieser Auffassung in Frankreich war Georges Poisson (1861-1943), ein Professor für Ethnologie und Präsident der Société préhistorique française. Poisson identifizierte er die ältesten, urtümlichen Atlanter mit den Menschen von Cro-Magnon, die vor etwa 25.000 bis 15.000 Jahren lebten. Die von Platon beschriebene Hochkultur ordnete er dagegen als bronzezeitlich ein und war überzeugt davon, dass es sich bei ihr um das minoische Kreta gehandelt haben müsse. Siehe: Georges Poisson, "L’Atlantide devant la Science", Paris (Payot) 1945
  2. Siehe: Wilhelm Brandenstein, "Atlantis – Größe und Untergang eines geheimnisvollen Inselreiches", Wien (Gerold & Co.), 1951
  3. Quelle: Thorwald C. Franke, "Ein Wissenschaftler pro Atlantis - Prof. Dr. Wilhelm Brandenstein und sein Beitrag zur Atlantis-Forschung", bei: Mysteria 3000
  4. Anmerkung: Der deutsche Orientalist und Linguist Josef Karst (1871-1963) schlug 1931 ein Modell vor, nach welchen es ein östliches und ein westliches Reich von Atlantis gegeben habe. Das westliche habe ganz Nordafrika, Iberien und den Atlantik umfasst, während das östliche sich über die Gebiete des Indischen Ozeans, Südpersiens und Arabiens erstreckte. Siehe: J. Karst, "Atlantis und der liby-äthiopische Kulturkreis", Heidelberg, 1931
  5. Anmerkung: Daniel Duvillé beschrieb in seiner Abhandlung aus dem Jahr 1936 ein Atlantis als Großinsel im Atlantik (inklusive einer Halbinsel, die sich bis nach Island hin erstreckt haben soll) sowie ein weiteres Atlantis im Osten Afrikas (dem Gebiet des späteren Äthiopiens). Siehe: D. Duvillé, "L’Aethiopia Orientale ou Atlantide, Initiatrice des Peuples Anciens", Paris (Malfére), 1936
  6. Quelle: Uwe Topper, "Eine Chronologie für Atlantis?", Atlantisforschung.de, 2009
  7. Quelle: Axel Hausmann, "ATLANTIS WAR SIZILIEN - Vom Mythos zur Realität", Atlantisforschung.de, 2004
  8. Siehe dazu Jürgen Hepkes diverse Artikel zum Thema 'Atlantis' bei tolos.de, sein Buch "Die Geschichte von Atlantis" (2004), oder bei Atlantisforschung.de seinen Beitrag: "Puerto de Santa Maria - Atlantis II in Iberien" (Originaltitel: "Zweimal 'Atlantis'")
  9. Quelle: Tony O’Connell, Two Atlantises, in: Atlantipedia.ie, June 12, 2010 (abgerufen: 17.12.2012; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de) Red. Anmerkung: Andererseits ist es - wie wir meinen - auch durchaus möglich, dass Platon sich der Tatsache gar nicht bewusst war, dass es sich bei den, von ihm für seine Atlantida verwerteten Informationsfragmenten um Elemente sehr unterschiedlichen Alters handelte, die er fälschlicher Weise ein und demselben 'versunkenen Reich der Vorzeit' zuordnete.
  10. Quelle: Uwe Topper, op. cit. (2009)
  11. Bei Nikolai Zhirov heißt es z.B. dazu: "Es darf als gesichert betrachtet werden, dass Platon in großem Umfang die Literatur seiner Zeit verwendete [orig.: "made wide use"; d.Ü.], darunter auch Literatur, die heute nicht meht existiert. Karpov schreibt: >Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Platon Zugriff auf die extensiven Forschungen anderer Philosophen hatte.< [Siehe: 'Plato, Essays, Translation with commentaries' von F.G. Karpov, Vol. 6, 'Timaeus', 377-385. 'Critias', 500-519; Moskau, 1879, S. 352] Geteilt wird diese Ansicht von Y.V. Knorozov, der erklärt, dass >Platon bei der Niederschrift seiner Dialoge höchst diverses Material verwendete, darunter wahrscheinlich auch einige vage Aufzeichnungen über das minoische Königreich<. [Siehe: Knorozov, Y. V.: "N. F. Zhirov, Atlantıda" ("N. F. Zhirov, Atlantis"), in: Sovjetskaya etnografia, No. 4, UdSSR (1961), pp. 213-218, (hier: S. 215)]" Quelle: N. Zhirov, "Atlantis - Atlantology: Basic Problems", 1970/2001, S. 56


Bild-Quellen

(1) Wikimedia Commons, unter: File:Plato Silanion Musei Capitolini MC1377.jpg

(2) Bildarchiv Atlantisforschung.de