Eine Chronologie für Atlantis?

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von unserem Gastautor Uwe Topper

(Die Platon-Texte zitiere ich entsprechend der schulmäßig bekannten Übertragung von Hieronymus Müller mit der Stephanus-Nummerierung, Rowohlt 1959, Bd. 5).

Abb. 1 Planskizze der spanischen Felsenstadt Meca, deren Anlagen zur Stahlherstellung geeignet waren. Zeichn. U. Topper in "Das Erbe der Giganten" (1977), S. 198.

Meine Untersuchung (Topper 1977) der beiden Platon-Texte Timaios und Kritias zum Thema Atlantida ergab als vorläufige These, daß es sich um mindestens zwei verschiedene Quellen handeln müsse, die Platon verarbeitet hat. Ein gewisser Anteil dürfte aus einer ganz frühen Kulturstufe stammen, ein überwiegender jedoch zum beginnenden Metallzeitalter gehören. Die wenigen Hinweise auf eine Chronologie bei Platon werden von den meisten Atlantisforschern nicht ernstgenommen. Heute versuche ich erneut, die zeitlichen Angaben in dieser „durchaus wahren Sage“ auszuwerten.

Die Idee, daß Platon in seinem Bericht von Atlantis mehrere Schichten von Überlieferungen sowie eigene Gedanken zusammengefügt hat, spricht nicht gegen den Wahrheitsgehalt des Inhalts, wenn auch die Sauberkeit des dargestellten Überlieferungsweges darunter leidet. Dieser wird nämlich so beschrieben: Vom ägyptischen Priester gelangt die Kunde zu Solon und von ihm zum Urgroßvater von Kritias, der es seinem Sohn weitergab; vom neunzigjährigen Großvater hat es dann Kritias als zehnjähriger gehört und schließlich Sokrates und seinen beiden Gesprächspartnern erzählt. Platon, der bei dem Gespräch nicht anwesend war, schrieb dies Jahrzehnte später, in seiner dritten Schaffensperiode (382-367 v.Ztr.) auf, so liegen zwischen den beiden Endpunkten der Kette etwa zweihundert Jahre! Da verändert sich doch manches, meine ich. Durch eine kritische Aufschlüsselung von Platons Vorlagen können wir am Entstehungsprozeß des Textes teilnehmen, was für die gestellte Frage nach der Chronologie hilfreich sein könnte.

Zu Anfang (Timaios 22b) habe Solon versucht, eine Aufzählung der Nachkommen von Deukalion und Pyrrha, der Überlebenden der großen Flut, „die verstrichenen Jahre“ und „die Zeitangaben festzustellen“, also eine (den Griechen bis dahin unbekannte) Chronologie zu entwerfen, wird aber von einem alten ägyptischen Priester unterbrochen und als Kind bezeichnet, weil die Griechen zu derlei Kenntnissen nicht in der Lage sind, da Katastrophen die Weitergabe des geschichtlichen Wissens mehrmals zerrissen haben: „Viele und mannigfache Vernichtungen der Menschen haben stattgefunden und werden stattfinden, die bedeutendsten durch Feuer und Wasser ...“ (22c). Eine Katastrophe wie etwa jene von Phaeton, dem Sohn des Sonnengottes, ausgelöste, die den Griechen wie ein Märchen erscheint, geht auf eine wirkliche Begebenheit zurück, erklärt der bejahrte Priester weiter. Das klingt durchaus vernünftig: Wenn durch kosmische Einbrüche die Überlieferung zerstört wurde, kann man nicht wissen, wie lange die Ereignisse zurückliegen, über die man vom Hörensagen weiß. Es sei denn, es gäbe Aufzeichnungen darüber mit genauen Zeitangaben. Und das eben, behauptet der Priester, sei ausnahmsweise im Niltal der Fall: „Das hier Aufbewahrte (ist) als das älteste erhalten.“ (22e)

Auf Grund der Aufzeichnungen „in der geweihten Schrift“ in den ägyptischen Tempeln nennt er erstmals eine Jahreszahl: Athen wurde tausend Jahre eher gegründet als Ägypten (23e), was den erstgeburtsbewußten griechischen Zuhörern natürlich schmeichelt. Der Priester führt dann genauer aus: Laut schriftlicher Aufzeichnung ist der Staat Ägypten vor 8000 Jahren gegründet worden, Hellas vor 9000 Jahren, beide Zahlen werden ausdrücklich genannt. Dann zählt der Priester die sechs Kasten des Staates auf und beschreibt das Berufsheer der Ägypter: Es sind „Rüstung mit Schild und Speer dieselbe, deren wir unter den Bewohnern Asiens zuerst uns bedienten.“ Demnach gehört Ägypten zu Asien, zumindest militärisch gesehen, was nicht ganz falsch sein muß, wenn man bedenkt, daß es bald nach Solons Zeit ein Vasall von Persien war. Der Priester beschreibt diesen Zustand in einer Weise, daß man nicht weiß, ob er für „damals“, vor 8000 Jahren, galt oder für eine spätere Zeit, und darum vermute ich, daß hier eine erste Bruchstelle vorliegt, daß also ein Überlieferungsstück einsetzt, das zu Asien gehörte, nämlich zu den Hyksos. Wie man auf ägyptischen Schlachtenreliefs sehen kann, paßt die genannte Bewaffnung zu den europäischen Nordmeervölkern und zu den Asiaten. Die Hyksos, die asiatischen Hirtenkrieger, die zeitweise Ägypten beherrschten und als erste das Pferd dorthin brachten, hatte ich (2003) als eine Abteilung der Horra, der Pferdehalter der frühen Metallzeit, erkannt. Ihre Hauptstadt Awaris lag im Nildelta unweit von Sais, wo Solon die Sage erfuhr.

Trotz der für Platons Stil bekannten Genauigkeit und Sparsamkeit im Ausdruck wird nun ein schon erwähnter Satz (24c) im nächsten Abschnitt (24d) sinngemäß wiederholt, was wiederum auf eine Bruchstelle hinweist. Die auf die Vorgeschichte bezogene Rahmenerzählung endet und der eigentliche Atlantisbericht beginnt hier. Es folgen einige geographische Mitteilungen über Atlantis: „Tyrrhenien“ (das ist Korsika-Sardinien) ist die Grenze des atlantischen Machtbereichs in Europa, Libyen und Ägypten die südliche. Etwas geheimnisvoll wird erwähnt, daß das Gebiet vor dem Mittelmeerausgang („Säulen des Herakles“), das Atlantische Meer, damals noch schiffbar war. Und etwas später heißt es dann, daß durch gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen an einem schlimmen Tag und in einer schlimmen Nacht das griechische Heer von der Erde verschlungen wurde und auch die Insel Atlantis im Meer versank, das seitdem „unbefahrbar und undurchforschbar geworden ist, weil der in geringer Tiefe befindliche Schlamm, den die untergehende Insel hinterließ, hinderlich wurde.“ (25d) Wir haben hier also einen katastrophischen Einschnitt als untere Zeiteingrenzung: Der Priester beschreibt den Unterschied zwischen der vorherigen Situation, freie Schiffahrt jenseits der Straße von Gibraltar, und der zu seiner Zeit herrschenden Unmöglichkeit, jenes Meer zu befahren, weil es den Booten nicht genug Tiefgang bot. Kritias erkennt sehr wohl, daß die seinerzeitigen Hellenen und jene, die die Atlanter besiegten, nicht miteinander vergleichbar sind – eben weill jene ersten Hellenen durch die Katastrophe vernichtet wurden – aber er möchte versuchshalber so tun als ob das denkbar wäre (27b). Auch hierin spiegelt sich ein großer Zeitabstand zu „damals“.

Nun werden wir vom Erzähler auf den nächsten Tag vertröstet. So ist der Gesamtbericht in zwei Teile zerrissen, der erste steht am Anfang des langen Timaios-Textes, der zweite am Ende des kurzen Kritias.

Abb. 2 Im Dialog Kritias (110a) werden auch die Gründer von Hellas erwähnt, wie Kekrops (Bild) und Erechtheus.

Im zweiten Stück wird gleich zu Anfang (Kritias 108e) die so wichtige Angabe der Jahre (aus Timaios) wiederholt: Es sind „zusammengenommen 9000 Jahre verstrichen“ seit dem Krieg der Atlanter gegen die Völker des Mittelmeeres und der gleich darauf erfolgten vernichtenden Katastrophe. Offenbar paßt das nicht zur ersten Aussage, die Zahl liegt tausend Jahre zu hoch, sonst wäre Ägypten zur Zeit des Krieges noch nicht gegründet gewesen, was aber gesagt wird. Sogar der so gescheite Atlantisforscher Otto Muck ist an dieser Stelle gestolpert. Man kann die widersprüchliche Aussage aber nicht ‚bereinigen‘, denke ich. Kritias hatte eine Nacht lang Zeit, sich alles noch einmal genau ins Gedächtnis zu rufen; hatte er (ohne es anzumerken) seine gestrige Erzählung korrigiert? Oder liegt hier wieder ein neues Bruchstück vor, das Platon, so gut es eben ging, einband?

Zum zweiten Mal wird die schlammige Untiefe, die die versunkene Insel Atlantis hinterließ, als Hindernis für weitere Fahrten jenseits der Meerenge – der Säulen des Herakles – angeführt, was nur einen sehr alten Zustand bezeichnen kann, denn die Griechen in Solons Zeit wußten durchaus, daß phönizische und andere Seefahrer diesen Seeweg zu den Zinninseln (Kassiteriden) benützten. Wir befinden uns in einer Überlieferungsschicht, die sehr weit zurückreicht, viel weiter als die Erinnerung der Griechen um Sokrates, für die selbst in der Odyssee jenes Meer befahrbar war. Es werden dann auch (110a) die ersten Gründer von Hellas genannt, wie Kekrops (Abb. 2) und Erechtheus, als die Könige, die vor Theseus gelebt haben, dem großen Helden Athens, der wie ein Christus die Zeitgrenze zwischen zwei Sagenbereichen anzeigt.

Dieser Textteil ist ausdrücklich als vom Priester erzählt gekennzeichnet, ich nenne es die Priester-Überlieferung, die Kritias zu seinem eigenen Wissen in Beziehung setzt. Erneut (111a) folgt die Jahresangabe 9000 als Abstand zwischen dem ehemaligen Athen und Solon (oder Kritias), „denn so lange Zeit ist von damals bis jetzt verstrichen“. Kritias braucht einen so langen Zeitraum, um glaubwürdig machen zu können, daß das griechische Land damals sehr viel fruchtbarer war und ein so großes Heer ernähren konnte; erst durch Regen und Wetter wurde es zu dem „hageren Leib“, „den Knochen des erkrankten Körpers“, was er aus eigener Anschauung bekräftigen kann. Zweimal führt er Wasserquellen als Beweise dafür an, daß das Land in der Vorgeschichte ganz anders aussah und die Verkarstung von Attika zunimmt, selbst noch in der von ihm überblickbaren Zeit. Es stehen ja auch noch geweihte Merkzeichen an Stellen, wo einst Quellen sprudelten (111d). Er wehrt also mögliche Kritik vorausdenkend ab mit seinem Wissen, um die von Solon berichtete Sage wahrheitsmäßig erscheinen zu lassen, denn die Anzahl der damals auf der Akropolis wohnenden Krieger wäre sonst unglaubwürdig. Die Absicht ist löblich, aber wiederum nicht förderlich, wenn es um den überlieferten Text geht. Denn daß Abholzung und Winde ein fruchtbares Mittelmeer-Land in wenigen Generationen zur Wüste werden lassen, wissen wir und macht die 9000 Jahre nicht glaubwürdiger, besonders dann nicht, wenn dazwischen Katastrophen stattfanden, die das Land völlig veränderten, wie Kritias ausführt. Der Priester erklärt aber ganz genau: Es ist dies die dritte Katastrophe „vor der Deukalionischen Verheerung“ (112a), womit ein wirklich sehr großer Zeitabstand vorliegen muß gegenüber „damals zu der anderen Zeit“.

Seltsamerweise folgt nun eine Art Entschuldigung (113a) seitens Kritias´, der die griechischen Eigennamen barbarischer (also nicht-hellenischer) Götter und Könige als Rückübersetzung von Solon erklären muß, da dieser das Material in seinen Dichtungen verwenden wollte. Die schriftlichen Notizen Solons hatte Kritias von seinem Großvater geerbt und besaß sie noch. Hier wird das Überlieferungsproblem besonders fraglich, denn Kritias bemüht ja die ganze Zeit sein Gedächtnis und ruft auch die Göttin der Erinnerung zu Hilfe, statt diese kostbaren Aufzeichnungen zum Gespräch mitzubringen und hineinzuschauen. Und noch in anderer Hinsicht wird dieses Detail fragwürdig: Solon setzt stillschweigend voraus, daß die Religion der Atlanter und die der jetzigen Hellenen recht ähnlich war, sonst wäre eine Gleichsetzung und Übertragung der Namen nach deren Bedeutung gar nicht möglich. Hinsichtlich der Göttin von Sais, Neith, und der Stadtpatronin von Athen hatte er schon dasselbe getan, was zu seiner Zeit durchaus üblich war.

Ab hier folgt nun erst der zentrale Bericht von Atlantis (113b). Damals, als Poseidon die Insel Atlantis für seine Geliebte Kleito schuf und alles so herrlich einrichtete, waren die Menschen zwar schon kriegslüstern, kannten aber noch keine Schiffahrt; darum reichten die drei Wasserringe als Schutz aus. Das klingt für mich absichtlich altertümelnd, nicht recht glaubwürdig, denn die Benutzung von Booten zur Fortbewegung gehört sicher zu den Anfängen der Menschheit (Friedrich 1989). Platons Beschreibung greift damit auf eine ganz frühe kulturelle Stufe zurück. Er bekräftigt das in klimatischer und biologischer Hinsicht öfters, etwa mit der Erwähnung der Elefanten (als eins von vielen damals lebenden urtümlichen Tieren, 114e), was durchaus realistisch ist: Sogar auf den Mittelmeerinseln (Beispiel Malta) lebten Elefanten, wenn auch recht kleine, und Mammuts wurden in nordspanischen und französischen Höhlen abgebildet.

Zu dieser Ursprünglichkeit – und das ist deutliche Absicht des Erzählers – gehört die mehrfache Erwähnung, daß die Frauen den Männern völlig gleichberechtigt waren (112d, 116e), was natürlich den Zuhörern seltsam vorkommen muß, aber auch mit dem Status der wehrhaften Athena bekräftigt wird; hier sehe ich ebenfalls eine horrische Anleihe.

Bei der Aufzählung der Namen der zehn ersten Könige erscheint der Zwillingsbruder des erstgeborenen Atlas, der einen Namen trägt, den Kritias und seine Zuhörer sofort geographisch einordnen können: Er heißt Gadeiros, und so heißt auch der Landstrich an den Säulen des Herkules jetzt „der Gadeirische“ (114b). Es handelt sich um die Felseninsel und uralte Stadt Cádiz, die den Griechen als Gadeirike bekannt war. Zu keinem weiteren der zehn Namen der aufgezählten ersten Könige stellt Kritias einen so eindeutigen örtlichen Bezug her, obgleich das möglich gewesen wäre, nicht nur bei Atlas selbst, wo es selbstverständlich ist und vielleicht darum übergangen wurde, sondern auch bei Elasippos, das verdächtig nahe wie Olisippo klingt, dem griechischen Namen für das heutige Lissabon. Außer Atlas, der auch bei den Nordafrikanern so heißt (berberisch Adrar), führt uns das wieder nur an die Grenzen des geographischen Wissens der klassischen Griechen, nicht weiter zurück.

Ein chronologischer Hinweis wäre aber aus der Bewaffnung und der Technologie des Heeres zu ziehen, wenngleich sich dabei nur relative chronologische Angaben ermitteln lassen: vorher – nachher. Bei der Aufzählung der Bewaffnung gibt es nämlich einen seltsamen Posten (119b): Nach der Erwähnung der zehntausend Streitwagen folgen „zwei berittene Streiter, ferner ein Zwiegespann ohne Wagenstuhl, welches einen leichtbeschildeten Streiter und nächst ihm den Lenker der beiden Pferde trug.

Ich habe das (1977, S. 53) so beschrieben: „ein etwas ungewohnter Anblick: zwei Pferde sind zusammengebunden, und während der eine Reiter die Pferde lenkt, hat der andere freie Hand zum Kämpfen.“ Nur ein von einem Lenker beherrschtes Pferdepaar ließ sich so diszipliniert in den Kampf führen, daß der andere Reiter seine Waffe zur Wirkung bringen konnte. „Ohne Wagenstuhl“, sagt Platon, denn normalerweise standen die beiden Streiter auf dem Wagen, wobei einer lenkte, der andere kämpfte. So kannten es die Griechen, aber für die seltsame Art „ohne Wagenstuhl“ hatten sie offenbar keinen Fachausdruck.

Denkbar für mich war, daß es sich um die Entwicklungsstufe zwischen Fahren und Reiten handelte, wie ja auch das Wort ‚ridan‘ ursprünglich beides bedeutete, engl. to ride bedeutet heute noch fahren. Der Übergang von der Benutzung des Pferdepaares, das den Wagen zieht, zum Reiten eines einzigen Tieres ging auf diesem Wege vor sich: Zuerst ritten zwei Personen zwei aneinandergekoppelte Pferde, die zunächst vor den Wagen gespannt waren und erst nach zunehmender Dressur auch von diesem gelöst werden konnten. Pferde sind nämlich von ihrer Wesensart her nicht unbedingt zum Reiten geeignet, man muß sie einreiten.

An dieser Zwischenstufe läßt sich nun das Vorher – Nachher recht gut erkennen: Die Horra waren hauptsächlich mit Karren unterwegs gewesen, die von zwei (oder mehr) Pferden gezogen wurden, während die zeitlich ihnen folgenden arischen Einzelkönigtümer (Beispiel: Mitanni) schon berittene Krieger einsetzten. Die von Platon überlieferte Bewaffnung der Atlanter gehört demnach zur Endstufe des horrischen Staates kurz vor dem Beginn der Reiterherrschaften (siehe mein Buch „horra“ 2003). Das ist ein kurzer Moment in der frühen Bronzezeit I, der traditionell eine feste Datierung hat.

Der Erzählung nach passen auch andere Elemente des platonischen Berichtes dazu. Wenn wir versuchshalber bei der schulmäßigen Geschichtsvorstellung bleiben, dann heißt das mit einiger Klarheit, daß ein Teil dieser Überlieferung aus der frühen Metallzeit stammen muß.

Bei den genannten Metallen fällt das seltsame Bergerz auf, Oreichalkos, den Griechen zur Zeit des Kritias unbekannt, wie er sagt. Es kann weder Bernstein (wie Spanuth annahm) noch Elektron (eine Legierung aus Gold und Silber, die für Münzen verwendet wurde) sein, sonst hätte Kritias kein Geheimnis daraus machen können, denn beide Stoffe waren den Griechen bekannt. Ich bleibe bei meiner Auffassung (1977), daß Stahl gemeint war, Stahl von der Güte von Meteoriteisen. Das weist ebenfalls in eine sehr frühe Zeit zurück, denn die vorhandenen Lager dieses Metalls waren in der Bronzezeit schon erschöpft.

Wir befinden uns demnach in der frühen Metallzeit, Kupfer und Zinn sind bekannt und reichlich vorhanden, Gold und Silber werden verarbeitet, aber Bronze wird seltsamerweise nicht erwähnt; es gibt Pferdehaltung und dazugehörige Rennbahnen, die größte Gottesstaue stellt einen Wagenlenker dar – kurz: wir befinden uns im kulturellen Umfeld der frühen Horra, wie ich die Erfinder des Metallgusses nannte (2003). Man hat Schiffswerften, Hafenanlagen und Kanäle, treibt Fernhandel über See, und die religiösen Opfer sind höchst zivilisiert: Feldfrüchte, die dank künstlicher Bewässerung zweimal im Jahr geerntet werden können (118e). Nur der Kult bleibt weiter archaisch (119d,e): Die Könige jagen bei ihren sporadischen Treffen und Beratungen einen heiligen Stier „ohne eine Eisenwaffe“ und opfern ihn über der bergerzenen Schriftsäule der Urzeit. Die ausführliche Beschreibung hebt die Ursprünglichkeit der Riten hervor und schafft damit einen spürbaren Abstand zwischen der Gründungszeit durch den Gott und dem Weltbild der Griechen um Platon. Nur Bergerz und Schrift werden schon für die erste Stufe genannt, was ebenfalls für einen horrischen Ursprung spricht. Leider wird hier keine Zahl von Jahren genannt.

Ein einziger chronologischer Anhaltspunkt kommt an dieser Stelle vor: Die Könige versammelten sich „das eine Mal im fünften, das andere im sechsten Jahre, um der geraden und der ungeraden Zahl gleiche Ehre zu erweisen.“ Ob es wirklich um die Ehre der Zahlen ging oder ein innerer Sinn darin lag, der Platon verborgen blieb?

An dieser geheimnisvollen Aussage hatte ich (1977) angesetzt und auf die Verwendung der Siebenerzahl (die Woche) geschlossen. Mir war der Zusammenhang zwischen dem in Westspanien sehr wichtigen Jakobinischen Jahr und diesem Rhythmus aufgefallen: Es findet alle 5, 6 und 11 und wieder 6 Jahre statt, also bis auf die elf, die aus 5 und 6 zusammengesetzt ist, dem platonischen Text entsprechend.

Eine meiner frühen Annahmen war, daß die heilige Zahl der Atlanter sieben (14, 28 usw.) war, also anders als bei den Babyloniern, die sechs (12, 60, 360 ... ) zur Grundeinheit erhoben.

Warum ist die Zahlenfolge 5,6,11,6 ein Siebenerrhythmus? Es geht um das Jahr von 365 und einviertel Tagen. Legt man den Rhythmus der siebentägigen Woche hinein, dann ergibt sich, daß erst nach fünf oder sechs oder elf und dann wieder sechs Jahren das Jahr mit demselben Wochentag beginnt. Wenn man Wert darauf legt, daß der 1. Januar (oder irgendein anderer Tag, z.B. der 25. Juli, St. Jakob) ein Sonntag ist, dann muß man in diesem Rhythmus (5,6,11,6) abwarten, bis wieder der 1. Januar (oder 25. Juli usw.) auf einen Sonntag fällt. Nach insgesamt 28 Jahren wiederholt sich der Rhythmus in derselben Weise.

Wer einen solchen auf den sieben Tagen der Woche gegründeten Rhythmus einhielt (wie es heute noch die katholische Kirche hinsichtlich ihres Jakobsjahres tut), dem war die Sieben heilig, dem war sie das Maß, das alle anderen verdrängte. Es soll Wocheneinteilungen mit neun und zehn Tagen gegeben haben, die Woche mit sieben Tagen hat sich heute durchgesetzt. ‚Begründet‘ wird diese Woche mit den sieben Wandelsternen (die fünf Planeten und Sonne und Mond), was jedoch keine Begründung sondern nur ein Hinweis auf die Namensgebung der Wochentage ist. Ob Platons Atlanter diesen Rhythmus anwandten? Und ob Solon oder Kritias das auch in dieser Weise verstanden? Dies bleibt offen.

Als einzige von den Schriften Platons ist der Kritias-Text ein Fragment. Es hat ihn niemand fortzusetzen vermocht, weder im Altertum noch in der Renaissance, weil ja, wie Kritias betont, niemand sonst diese Sage kannte (107). (Es gibt zwar bei Diodor Siculus einige unabhängige Notizen zum Atlantis-Thema, doch die bringen uns nicht weiter). Der Text bricht an der für uns spannendsten Stelle ab, der Begründung der Katastrophe, was natürlich auch den Gedanken aufkommen läßt, daß hier mutwillige Verstümmelung des Textes vorliegen könnte, weil spätere theologische Lehren dagegenstanden. Es fehlt aber mehr als nur der Schluß: Kritias hatte versprochen, über die Barbarenvölker und die übrigen Hellenen Einzelheiten zu berichten (109a), was leider nicht stattfindet, und der vierte Gesprächspartner, Hermokrates, sollte selbst auch eine Rede halten, die ebenso fehlt.

In dem mythologisch nur wenig befrachteten Stoff der Atlantis-Sage sind durch die Erwägungen des Kritias (wohl schon Solons) einige Vergleiche mit griechischen Göttervorstellungen hineingeraten (wie die Zuteilung des Landes an die Menschen, nachdem die Götter sich durch Lose ihren Teil gesichert hatten), die dann einen entsprechenden Schluß – die Götterberatung unter Vorsitz des Zeus und die anschließende Vernichtung der Atlanter – geradezu hervorlockten, womit das Stück von vorgeschichtlicher Überlieferung zu moralischer Episode verdarb und die wenigen chronologischen Andeutungen sowie die genannten hohen Jahreszahlen ihren faktischen Wert einbüßen.

Was hat die Untersuchung nun ergeben? Zunächst einmal, daß der Verdacht durch die Einzelheiten belegbar ist, hier wurden mehrere (mindestens zwei völlig getrennte) Vorlagen zusammengeschweißt, und zwar eine eher sagenhafte archaische Quelle und eine durchaus frühgeschichtlich einzuordnende Überlieferung, die ich mit den Metallerfindern (Horra) verbunden habe. Und es ergab sich nebenbei auch, daß diese zusammengestückelte Überlieferung später überarbeitet wurde, denn die uns vorliegende Fassung enthält Elemente, die nicht zur klassischen Antike passen, wie wir sie gelernt haben.

Da ist zunächst einmal der Versuch Solons, an Hand der Sagengestalten eine den Griechen bis dahin unbekannte Chronologie aufzustellen. Für Solons Zeit wäre dies eine Premiere, denn selbst Platons Zeitgenossen haben sich damit noch nicht beschäftigt. Daß die Ägypter damals schon eine so weit zurückreichende Chronologie besessen hätten, wie der Priester behauptet, ist nur durch Platon bezeugt. Überhaupt ist dieses Verlangen nach einer Zeitrechnung ein viel jüngeres Merkmal, wodurch der gesamte Text den Anschein erweckt, er wäre erst geschrieben worden, als man versuchte, die abgelaufenen Jahre abzuschätzen. Und dann ist eine Schätzung wie 8000 oder 9000 Jahre ein Kennzeichen des völligen Unvermögens, größere Zeiträume zu überblicken. Wie wir gesehen haben, hat sich der Berichterstatter auch mal um glatt tausend Jahre vertan und dies nicht korrigiert; die chronologische Gedankenwelt war ihm ungewohnt.

Zum Vergleich hatte ich den für die ägyptische Chronologie zuständigen Manetho herangezogen, der die Zahl „9000 Jahre“ ebenfalls benützt, und zwar als Herrschaftszeitraum des Obergottes Ptah, der eine Horragottheit ist (Topper 2003, S. 259). Hier berühren sich die Herkunftshinweise; die Jahresangabe könnte aus der horrischen Astronomie stammen. In dieser Weise hatte ich (1977) dem bekannten Schema folgend die atlantischen Zeitalter nach Tierkreisabschnitten angeordnet und entsprechend hochgegriffene Jahreszahlen verwendet, was mir heute unkritisch und romantisch vorkommt, mir (und dem Leserkreis) seinerzeit jedoch plausibel erschien.

Mit Manetho begeben wir uns allerdings in den Umkreis der frühen und inzwischen unglaubwürdig gewordenen Theologen der Renaissance, die solche Chronologiearbeiten schufen (siehe meine Bücher seit 1998), etwa nach dem Muster von Annius von Viterbo, an dessen großzügigen und ägyptisierenden Erfindungen man sich im 16. Jahrhundert ergötzte und sie über ein Jahrhundert lang verteidigte, wie im Museum von Viterbo nicht ohne Stolz geschrieben steht.

Da 8000 und 9000 Jahre im Widerspruch zur schulmäßigen Datierung der frühen Metallzeit stehen, werden sie heute von fast allen Forschern abgelehnt. Eine Gleichsetzung der Jahre mit Monaten, wie sie häufig vorgeschlagen wird und wodurch die Daten mathematisch zufällig in die Nähe von akademischen Datierungen rücken, halte ich allerdings für Unsinn im Vergleich zu den recht sinnvollen Aussagen von Platon, die eine Verwechslung von Monaten mit Jahren nicht erlaubt, denn er hat ja auch im Timaios (39 c) ausdrücklich festgestellt, daß ein Monat dem Umlauf des Mondes und ein Jahr dem Umlauf der Sonne entspricht, deutlicher geht’s nicht. Denkbar wäre dagegen, daß diese hohen Jahreszahlen durch eine kosmische Berechnung verursacht sind, die auf der Präzession oder ähnlichen Mustern (z.B. der Apsidenbewegung) aufbaut, zumal Platon die mathematischen Grundlagen nicht nennt. Nur indirekt enthält seine Betrachtung über den Zusammenhang zwischen Zeitablauf und Sternhimmelbewegung (Timaios 38) die Möglichkeit, hier Präzession oder ähnliche Denkmuster großer Zeiträume vorauszusetzen. Daß die bei einer derartigen Berechnung herauskommenden konkreten Jahre nicht stimmen können, wenn zwischendurch eine oder mehrere kosmische Katastrophen stattgefunden haben, wodurch sich die Erdbahnwerte änderten, müßte jedem einleuchten, der sich damit beschäftigt hat. Dennoch werden immer wieder dieselben Jahreszahlen vorgebracht, sobald die Präzession als Zeitmaß eingesetzt wird. Erstaunlicherweise haben die hohen Jahreszahlen Platons auf die Eiszeitdatierung im 19. Jh. eingewirkt und liegen dieser noch heute indirekt zugrunde, wenn dies auch inzwischen meist vergessen wurde und die geologische Begründung ganz anders lautet. Das Eiszeitende – eine Art Ersatzbegriff für ‚die letzte Katastrophe‘ – wird ohne jeglichen wissenschaftlich vertretbaren Anhalt noch immer auf „etwa 10.000 Jahre vor heute“ angesetzt und damit wird Platon (rückwirkend) bestätigt, was wissenschaftshistorisch ein Zirkelschluß ist wie so viele chronologische Annahmen.

Die andere Angabe konkreter Jahre ist die von fünf und sechs Jahren als Zeitabstand zwischen den Treffen der zehn Könige. Ich hatte das mit der Woche und dem Jakobinischen Jahr in Verbindung gebracht, was jedoch nur als ein Versuch gelten kann, diese ganz ungewohnte Angabe irgendwie einzuordnen. Der Zusammenhang zwischen Woche und Katastrophe ist dermaßen eng, wie ich in meinen neueren Büchern ausführte, daß hier an die letzte Katastrophe, die zur Entstehung des Christentums gehört, gedacht werden muß. Damit rückt Platon ein weiteres Mal in den frühchristlichen Gedankenbereich, der mit der Renaissance zur Blüte kam, und das ist auch die Zeit, als man Platon (wieder) las. Als Musterbeispiel könnte man auch Titus Livius anführen, der in seiner idealisierten Geschichte Roms Jahrhunderte aus dem Ärmel hervorholt (Albrecht 1995).

Von diesen chronologisch nicht mehr vertretbaren Vorstellungen abgesehen halte ich dagegen heute noch die von Platon vorgetragenen Kenntnisse von kosmischen Katastrophen, denen die Menschheit immer wieder zum Opfer fiel – was wohl das Grundthema der beiden Schriften war – für sehr beachtlich und glaube, daß meine dazu passenden Entdeckungen der stufenweisen (nicht allmählichen) Veränderung des Landes nur immer deutlicher nachweisbar geworden sind.

Uwe Topper, Berlin (Sept. 2009)


Literatur

Albrecht, Gisela (1995): »Livius und die frühe römische Republik« (ZeitenSprünge 3/95, S.222-246; Gräfelfing/München)

Friedrich, Horst (1989): Velikovsky, Spanuth und die "Seevölker"

Muck, Otto H. (1956): Atlantis, die Welt vor der Sintflut (Olten)

Spanuth, Jürgen (1953): Das enträtselte Atlantis (Stuttgart)

Topper, Uwe (1977): Das Erbe der Giganten (Olten)

Topper, Uwe (2003): horra. Die ersten Europäer (Tübingen)

Topper, Uwe (2006): Kalendersprung (Tübingen)

9. 10. 2009


Bild-Quellen

(1) Uwe Topper, "Das Erbe der Giganten" (1977), S. 198.

(2) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, Stichwort: Kekrops I.