Alternative Tiwanaku-Forschung & schulwissenschaftliche 'Kritik'

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... am Beispiel der fragwürdigen Auslassungen des Henri Stierlin (1983)

(bb) Wer sich, wie der Verfasser, vor einem wissenschafts-geschichtlichen Betrachtungs-Hintergrund kritisch-reflektiv mit dem Themenkomplex der alternativen Ur- und Frühgeschichtsforschung beschäftigt, muss bedauernd zur Kenntnis nehmen, auf welch zum Teil erschütternd niedrigem Niveau eine, sich selbst als 'wissenschaftlich' verstehende, tatsächlich aber ideologisch fundierte, lediglich auf Diskreditierung und Verunglimpfung ausgerichtete Scheinkritik an solch außenseiterischer Forschung sich häufig bewegt.

Abb. 1 Auch was die Erforschung der Ruinen Tiwankus und ihrer einstigen Erbauer sowie Bewohner betrifft, nehmen Berufswissenschaftler gerne die Deutungshoheit für sich in Anspruch. Der Kunst- und Kulturhistoriker Henri Stierlin trieb 1983 diese Haltung auf die Spitze, indem er andersdenkende Forscher geradezu bösartig 'abkanzelt'.

Was die - weitgehend abseits des universitären Mainstreams sowie seiner fachwissenschaftlichen Paradigmata und Lehrmeinungen - praktizierte Erforschung der noch immer in vieler Hinsicht rätselhaften archäologischen Fundstätte von Tiwanaku (Tiahuanaco) (Abb. 1) betrifft, liefert uns der Schweizer Architektur- und Kunsthistoriker, Journalist, Fotograph und Buchautor Henri Stierlin ein Paradebeispiel für diese Form der 'Kritik'.

Im Abschnitt "Die Stadt der Mythen" seines 1983 erschienenen Buches Die Kunst der Inka und ihrer Vorläufer (Abb. 2) präsentiert er einen veritablen 'Rundumschlag' gegen die alternative Tiahuanaco-Forschung, bei dem er jedwede Sachlichkeit vermissen lässt. Während sich dort keinerlei 'Selbstkritik' am Vorgehen der Mainstream-Archäologie in Tiwanaku findet, prügelt der Autor (verbal) undifferenziert auf all jene ein, die Vorstellungen vertreten oder vertreten haben, welche von den im universitären Wissenschaftsbetrieb akzeptierten Ansichten abweichen. Dazu heißt es bei ihm einleitend:

"Wie man sieht, stellen sich der Archäologie des Tiahuanaco-Zeitalters viele ungelöste Probleme. Vermutlich ist es diese »Unsch[ä]rfe«, die zu so vielen abstrusen Schriften führte und um Tiahuanaco unzählige Geheimnisse entstehen ließ. Die Mythen kamen bereits mit den ersten europäischen Besuchern auf. Der 1548 zum »ersten Chronisten von Indien« ernannte Spanier Cieza de Leon hielt Tiahuanaco für das »älteste Ruinenfeld in ganz Peru«. In der Folge gab es wenige Orte in der Welt - ausgenommen vielleicht die Pyramiden von Gizeh -, die die Märchenerzähler und die Ausbeuter der menschlichen Dummheit derart inspiriert haben. Schwärmer und falsche Propheten übertrafen sich gegenseitig in Spekulationen über das undenkliche Alter von Tiahuanaco, über das Riesengeschlecht, das es erbaut hätte, über die Sintflut, in der es unterging, und über die Außerirdischen, die dort landeten. Warum all das?" [1]

Abb. 2 Das Frontcover der 1983 im Verlag Belser erschienenen Buches 'Tiahuanaco - Die 'Ewige Stadt' in den Anden' von H. Stierlin

Ja, warum eigentlich "all das"? Vermutlich zunächst einmal, weil viele derjenigen, die sich außerhalb des universitären Bezirks mit Tiwanaku befasst haben, die Angaben der andinen Ureinwohner zu den Ursprüngen der Ruinen weitaus ernster genommen haben, als dies Berufsarchäologen in der Regel zu tun pflegen. Und diese amerinden Völker haben stets bestritten, dass ihre Vorfahren die urtümlichen Erbauer Tiwanakus waren. Außerdem waren und sind viele Verfechter außenseiterischer Vorstellungen zu den Ursprüngen der 'Ewigen Stadt in den Anden' - im Gegensatz zum zumeist vom Paradigma des Aktualismus geprägten Mainstream der Archäologie - Neo-Katastrophisten, die völlig berechtigter Weise auf deutliche Anzeichen dafür verweisen, dass nicht nur der Mensch, sondern auch die Natur durch Erdbeben, Kippungen des Titicacasees sowie daraus resultierenden Fluwellen und massiven Schlammablagerungen für Verwüstungen sorgte. Und die Riesen? Für Stierlin, auch auf diesem Gebiet ein blutiger Laie, gehören sie offenbar ebenso wie die "Sintflut", ins Märchenbuch, nicht aber in die Erforschung der Ur- und Frühgeschichte des Andenraums.

Bezeichnend ist jedenfalls, dass Stierlin bereits in den ersten Sätzen seines Exkurses die von ihm kritisierten Außenseiter als "Märchenerzähler und [...] Ausbeuter der menschlichen Dummheit" sowie als "Schwärmer und falsche Propheten" zu stigmatiseren trachtet, eine durchaus dummdreiste Verächtlichmachung, die er nachfolgend weiter praktiziert: "Wer die Ruinen von Tiahuanaco in Ruhe betrachtet, versteht diese Schwärmereien immer weniger [sic!; bb]. Ist es die dünne Luft in 4000 m Höhe, die einige überspannte Geister berauschte, oder ermutigte die entlegene Situation, in der sich der Ort bis in die jüngste Vergangenheit befand, die Betrüger und Schwindler jeder Gattung? Wie groß die Lügenmärchen auch sein mögen, die einem leichtgläubigen Publikum aufgetischten Schriften folgen einander seit rund 50 Jahren, angefangen mit den Veröffentlichungen von Edmund Kiss oder H.S. Bellamy und P. Allen. An der Spitze stehen die »Thesen« der französischen »Magiker« Louis Pauwels und Jacques Bergier und des Propheten der pseudo-archäologischen und phantastischen Science Fiction, Erich von Däniken, der Astronauten, Raumschiffe und außerirdische Lebewesen in Tiahuanaco auftreten lässt, wie er es auch schon in Nazca tat, um die »Wüstenpisten« zu erklären." [2]

Abb. 3 Diese Aufnahme des vormals (in präkolumbischer Zeit) - mit einiger Sicherheit infolge eines gravierenden Erdbebens - umgestürzten und geborstenen Sonnentors vor Kalasasaya dokumentiert eines der augenfälligsten Indizien für die Annahme katastrophischer Umbrüche in der langen Geschichte Tiwanakus dar - Ereignisse, deren Erforscher von Henri Stierlin lächerlich gemacht werden.

Nun erklärt Stierlin seine 'Angeklagten' also höchstrichterlich, aber ohne jede Beweisführung, zu "Betrüger[n] und Schwindler[n]", die nicht einfach Unrecht haben und im Irrtum sind, sondern dem "leichtgläubigen" Publikum "Lügenmärchen" erzählen. Pauwels und Bergier macht er in Anlehnung an den Titel ihres Bestsellers Le Matin des Magiciens zu "Magikern" (= Magiern), ein Prädikat, das sie in dieser Form freilich nie für sich selber in Anspruch genommen haben, welches aber bei wissenschaftsgläubigen Jüngern des Scientismus einen denkbar negativen Eindruck hervorrufen muss. Geradezu mit 'Schaum vor dem Maul' über Erich von Däniken herzuziehen, statt dessen prä-astronautische Annahmen sachlich zu kritisieren, ist wohl für jeden Pseudoskeptiker ein 'Muss'. Dieses höhnische 'Abwatschen im Vorbeigehen' gehörte ja bei Vertretern und Anhängern der schulwissenschaftlichen 'Orthodoxie' bereits Anfang der 1980er zu den obligatorischen 'Pflichtübungen', mit denen man dokumentieren konnte, kein 'Spinner', sondern ein 'ernstzunehmender Forscher' zu sein - und daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Dass in diesem Fall auch die Verbalkeule "pseudo-archäologisch" zum Einsatz kommt (eine ideologische Akteursfloskel, die damals in Mode kam), kann kaum verwundern. Aber kommen wir noch einmal zurück zu Henri Stierlins Auslassungen, wobei zwischen den Zeilen deutlich wird, wie sehr er in einer rein aktualistischen Betrachtung der Rätsel Tiwanakus gefangen ist:

"Wenn wir uns die Mühe nehmen [sic!; bb [3]], all diese Hirngespinste und Überspanntheiten [sic!; bb] aufzuzählen, so tun wir das aus dem Grund, uns zu fragen, warum manche Orte dazu auserwählt scheinen, Gegenstand einer entfesselten Einbildungskraft zu werden. In Tihuanaco selbst bietet sich unserer Meinung nach nichts für solche Phantastereien an. In der weiten, trockenen Bodendepression des Altiplano, wo das ichu wächst, das harte Gras, das die Lamas fressen, in dieser von sanft geschwungenen Hügelketten umzogenen Ebene, in dieser traurigen Steppenlandschaft, die nicht einmal die weiten Horizonte der an der Straße zwischen den Ruinen und La Paz gelegenen Puna anbietet, ist Tihuanaco vor allem ein von Menschen geplünderter und verwüsteter Ort." [4]

Halten wir abschließend fest: Henri Stierlin ist sicherlich ein Autor, der sich hinsichtlich seiner akademischen Kernkompetenzen im Bereich der Kunst- und Kulturgeschichte Meriten durch seine zahlreichen populärwissenschaftlichen Werke erworben hat, in welchen er die kulturellen Leistungen altertümlicher Völker einem breiten Publikum näher gebracht hat. Umso bedauerlicher ist sein Totalversagen als Kritiker der, nennen wir sie einmal, 'grenzwissenschaftlichen' Vergangenheitsforschung in Sachen Tiwanaku.



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Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Henri Stierlin, "Die Kunst der Inka und ihrer Vorläufer: von Valdívia bis Machu Picchu", Fribourg (Office du Livre), 1983, S. 128-131; zit. nach: Margarete Payer & Alois Payer, "Tuepflis Global Village Library - Freie Information für freie Bürger / Free information for free citizens", unter: "Bibliothekarinnen Boliviens vereinigt euch! Bibliotecarias de Bolivia ¡Uníos! -- Berichte aus dem Fortbildungssemester 2001/02 -- Teil 2: Chronik Boliviens, 1. Vorspanische Zeit (ohne Tahuantinsuyo)" (abgerufen: 29. September 2018)
  2. Quelle: Henri Stierlin, op. cit (1983; siehe Fußnote 1)
  3. Anmerkung: Von "Mühe nehmen" kann angesichts der deutlich zu Tage tretenden Oberflächlichkeit von H. Stierlins Exkurs zur außenseiterischen Tiwanaku-Forschung wohl kaum die Rede sein, und was die von ihm oben nachfolgend angegebene Begründung für seine diesbezügliche 'Mühewaltung' betrifft, so ist sie doch recht fadenscheinig. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass er - mit möglichst geringem Arbeitsaufwand - nachhaltig verhindern wollte, das seine Leser/innen sich etwas näher mit den von ihm bekrittelten cenokatastrophistischen und primhistorischen Alternativen zur konventionellen Tiwanaku-Forschung befassen. Womöglich könnte jemand damit beginnen, dort die sprichwörtlich 'Spreu vom Weizen' zu trennen - und von der 'reinen Lehre' des universitären Forschungsbetriebs abfallen, als deren Repräsentant der Schweizer sich offenbar betrachtet.
  4. Quelle: Henri Stierlin, op. cit (1983; siehe Fußnote 1)

Bild-Quellen:

1) Hachikou bei Wikimedia Commons, unter: File:Ruins Tiwanaku Bolivia.jpg (Lizenz: Creative-Commons, „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“)
2) Belser Verlag (Stuttgart & Zürich) / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
3) Arthur Posnansky (ca. 1903/1904); nach: Kurt Bilau, "Die Offenbarungen des Johannis - Ein Mondniederbruch vor 11 400 Jahren", Berlin, 1935 / Bild-Archiv Atlantisforschung.de