Atlantisforscher oder Atlantist? Zur typologischen Einordnung von Spanuths Werk

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Abb. 1 *Jürgen Spanuth auf einer Aufnahme von 1981 (Foto: Bild-Archiv Günter Bischoff)

(bb) Ein wesentlicher Indikator zur Klärung der Frage, ob sich eine Atlantida-Rezeption - wie diejenige von Jürgen Spanuth (Abb. 1) - typologisch in den Bereich (grenz-) wissenschaftlicher Atlantologie einordnen lässt, oder ob es sich bei ihr um das Produkt eines ideologischen Atlantismus handelt, liegt in der Nachweisbarkeit einer Tendenz zur Mythisierung (irrationalisierende Modelle) oder Entmythisierung (rationalisierende Modelle) der Atlantis-Legende. Zum Verständnis dieser Aussage und der nachfolgenden Klassifizierung Spanuths sind einige grundsätzliche Feststellungen notwendig:

Atlantologie und Atlantismus gehören bei einer kultur- und wissenschafts-geschichtlichen Betrachtung zwei, voneinander zu unterscheidenden und weitgehend antagonistischen, Entwicklungslinien der Beschäftigung mit Atlantis an, die unterschiedlichen 'Wissen produzierenden Systemen' zuzuordnen sind: die Atlantologie / Atlantisforschung dem Bezirk der Quasiwissenschaften, der Atlantismus dagegen in den Bereich der explizit ideologischen Aussage- bzw. Glaubens-Systeme.

Kennzeichnend für den Atlantismus ist dem zufolge nicht zuletzt, dass das Atlantis-Problem dort zu einem Gegenstand des 'Glaubens' gemacht wird, da sich die betreffenden Ausdeutungen des Atlantisberichts in wesentlichen Teilen jeder empirischen Überprüfbarkeit entziehen. Der Atlantismus ist stets ein tendentiell e s o t e r i s c h e s oder okkultes 'Wissen produzierendes System', ganz gleich, ob er eher politisch oder religiös gewandet daher kommt.

Dagegen präsentiert sich die moderne, e x o t e r i s c h e Atlantologie - also die nach heutigem Verständnis schul- und grenzwissenschaftliche Atlantisforschung - entwicklungsgeschichtlich als Produkt eines humanistischen Bildungs-Verständnisses und (später) des Geistes der Aufklärung. Wissenschaftshistorisch stellt sie ein integrales und legitimes Element des umfassenden Entwicklungs-Prozesses dar, in dessen Verlauf Forscher und Forscherinnen über viele Jahrhunderte hinweg darum bemüht waren, mit den jeweils zur Verfügung stehenden Instrumentarien sich immer weiter entwickelnder und diversifizierender Einzel-Wissenschaften Erkenntnisse über die Natur der Welt und des sie umgebenden Universums zu gewinnen, wobei es erklärtes Ziel der Atlantisforschung war, eine rationale, widerspruchsfreie und überprüfbare Ausdeutung der 'Königin aller Legenden' zu finden.

Zielsetzung atlantologischer Forschung war und ist somit nicht zuletzt die Auflösung des 'Mythos Atlantis' (De- oder Ent-Mythisierung des Atlantisberichts), z.B. durch eine Identifizierung der Orte und Ereignisse, von denen Platon in seiner Atlantida (Atlantisbericht) berichtet. Der Atlantismus ist dagegen immer auch zielführend auf die bestmögliche Verwertung des kulturellen Atlantis-Komplexes (Atlantis-Legende, -Thema, -Problem, -Mythos usw.) im Sinne einer bestimmten Weltanschauung ausgerichtet. Dabei ist ein Aspekt atlantistischer Atlantis-Rezeption von zentraler Bedeutung: die Erhaltung sowie Adaption und Integration des 'Mythos Atlantis' in das 'mythische Universum' der betreffenden Ideologie.

Was Spanuths Werk angeht, lässt sich nun schwerlich behaupten, dass er einen 'anti-rationalistischen' Umgang mit den alten Mythen und Legenden pflegte, sondern seine Dekonstruktion und Ausdeutung solchen Materials (Atlantisbericht, Phaethon-Legende, Edda, Odyssee etc.) ist historisch orientiert und im modernen Sinn 'euhemeristisch'. (vergl.: Stichwort: Euhemerismus). Auch Arn Strohmeyer musste Spanuth konzedieren, "daß er Atlantis zweifellos entmythologisiert [terminologisch korrekt: "ent- oder demythisiert"; bb] hat..." [1]

Ein zweites Bewertungskriterium zur typologischen Erfassung eines atlantologischen Theorien-Gebaudes, wie dem von Spanuth, ist methodologischer Natur und wirft eine ganze Reihe von Fragen auf: Welche Mittel und Methoden finden im Rahmen der zu prüfenden Arbeit Anwendung? Bewegen sie sich im Bereich empirischer und naturwissenschaftlicher Forschung? Sind sie nachvollziehbar und überprüfbar, oder entziehen sie sich (wie etwa Channelings, Visionen, angebliche "Geheiminformationen" oder "Astralreisen") einer objektiven Verifizierung?

Auch in dieser Beziehung erscheint Spanuths Werk über jeden Zweifel erhaben, denn sein 'handwerkliches Instrumentarium' als Forscher wird durchgehend wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht. Als studierter Archäologe (wenn auch ohne formalen Studien-Abschluss) greift er in völlig legitimer Weise auf die Erkenntnisse und Möglichkeiten dieses Forschungsgebiets zurück, als Altphilologe und Theologe beherrscht er sowohl den synchronen als auch den diachronischen Umgang [2] mit den klassischen Texten.

"Metaphysische", "esoterische" oder "spirituelle" Methoden sowie Argumentationen, wie sie im vulgären und ideologisch-esoterischen Atlantismus üblicher Weise Anwendung finden, waren Spanuth - Theologe hin oder her - dagegen geradezu wesensfremd. Anderslautende Behauptungen - etwa von J.V. Luce, einem Vertreter der kreto-minoischen Atlantis-Theorie, der Spanuth 1969 in die Nähe des Okkultismus rückte [3] - entbehren bei näherer Kenntnis des Spanuth´schen Werks und der von ihm verwendeten Forschungs-Methoden jeglicher Berechtigung.

Natürlich bedeutet all dies nicht, dass alle Aussagen Spanuths - gerade im Licht neuerer Erkenntnisse - valide und haltbar seien, aber es macht deutlich, dass sein Zugang zur Atlantisforschung und seine atlantologische Arbeit im Grundsatz wissenschaftlicher Natur waren. Auch nahm Spanuth - ein weiteres Kriterium, das für den wissenschaftlichen bzw. atlantologischen Charakter seiner Arbeit spricht - trotz aller Sturheit, die man ihm persönlich vorwerfen mag, durchaus das 'Recht auf Irrtum' für sich in Anspruch.

So hatte er beispielsweise schon 1953 die These aufgestellt, zu den Feldzügen der "Seevölker“ aus dem Norden, die er mit den Ereignissen aus Platons Atlantisbericht (Tim. 24 f., Krit. 109 f.) in Verbindung brachte, habe auch die 'Dorische Wanderung' gehört, eine indogermanische Invasionswelle ins prä-hellenische Griechenland: "Die Nord-Seevölker waren, bevor sie nach Kleinasien hinübersetzten, auf den Landweg von Norden her in Griechenland eingedrungen, hatten alle Burgen gestürmt, alle Städte verbrannt und der mykenischen Kultur ein gewaltsames, jähes Ende bereitet.[4] Und: "Die Orientalisierung des Südostraums, die bis zum Einbruch der Nordvölker im unaufhaltsamen Vordringen war, wurde jäh beendet und vor allem Griechenland, das für Europa bereits endgültig verloren schien, dem Orient entrissen." [5]

Wie es bei WIKIPEDIA dazu heißt, gilt jedoch die "lange verbreitete Theorie, nach der das gewaltsame Vordringen der Dorier die mykenische Kultur beendete", inzwischen "aufgrund genauerer archäologischer Untersuchungen als überholt." Weiter wird dort aus der Standard-Fachliteratur zitiert: "Archäologisch ist d(ie). W(anderung). nicht faßbar. (...) Auch für die Zerstörung der myk. Paläste um ca. 1250 v. Chr. und den Untergang des myk. Palastsystems werden in der mod(ernen). Forsch(ung). andere Faktoren als d.(ie) W.(anderung) verantwortlich gemacht." Und: "Grundsätzlich ist (...) mit der Zuwanderung verschiedener dorischer Stammesgruppen in die ehemaligen Kernlandschaften der mykenischen Kultur der Peleponnes zu rechnen, deren Niederlassung zu unterschiedlichen Zeit, aber erst ca. 150-300 Jahre nach der Zerstörung der myk. Paläste erfolgte. (Neuer Pauly, Artikel „Dorer / Dorische Wanderung“)." [6]

Spanuth ignorierte diese Entwicklung keineswegs, sondern er trug, wie man bei WIKIPEDIA konstatiert, "in seinen späteren Arbeiten diesen neuen Erkenntnissen der Wissenschaft durchaus Rechnung und modifizierte seine Theorie entsprechend. Statt eines gewaltsamen Vordringens der Atlanter entwickelte er ein Katastrophenszenario, nach der die mykenische Kultur nahezu ausschließlich von derselben Reihe von Naturkatastrophen zerstört worden sei, die eben auch die Wanderung der Germanen verursacht habe. An der Identität der Dorer mit den germanischen >Seevölkern< hielt er fest. Griechenland sei den Atlantern ursprünglich nur ein Durchzugsgebiet zu ihrem Ziel Ägypten gewesen.

Erst als sie ihre militärischen Ziele dort nicht hätten durchsetzen können, hätten sie sich als Dorier in den inzwischen zerstörten Ruinen der Mykener neuangesiedelt (was in der Sage thematisiert würde als >Rückkehr der Herakliden<): >Die mykenische Kultur (…) wurde nicht, wie immer gesagt wird (Vietta) [...] durch die Nordvölker vernichtet (…). Sie wurde durch die furchtbaren Naturkatastrophen, die (…) mit einer Hitze- und Austrocknungszeit begannen, vor allem aber um 1220 v. Chr. durch den Ausbruch des Santorin (…) vernichtet (…). Dann kehrten (…) die Nordmeervölker zurück und ließen sich (…) nieder.< (1965, S. 517)." [7]


Fortsetzung:

Formale Aspekte zur Frage der Wissenschaftlichkeit von J. Spanuths Arbeit


Anmerkungen und Quellen

Einzelverweise:

  1. Quelle: Arn Strohmeyer, "Atlantis ist nicht Troja - Über den Umgang mit einem Mythos", Donat Verlag, Bremen, 1997, S. 125
  2. Anmerkung: Zur Erläuterung dieser Fachbegriffe siehe z.B. bei Atlantisforschung.de den Beitrag: "Die Atlantida-Exegese - zentrales Instrument der Atlantisforschung"
  3. Siehe dazu auch: Bernhard Beier, "Jürgen Spanuth über 'Atlantis in der Ägäis'"
  4. Siehe: J. Spanuth, "Das enträtselte Atlantis", 1. - 8. Tsd. - Stuttg.: Union Dt. Verl.-Ges. 1953, S. 49
  5. Siehe: J. Spanuth, op. cit., S. 215
  6. Quelle: WIKIPEDIA - Die freie Enzyklopädie, Stichwort: "Jürgen Spanuth" (Abschnitt: "Der Griechenlandfeldzug der Atlanter")
  7. Quelle: ebd.

Bild-Quelle:

(1) Bild-Archiv Günter Bischoff