Jürgen Spanuth über 'Atlantis in der Ägäis'

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Abb. 1 So faszinierend die untergegangene Kultur der Kreto-Minoer auch für Historiker sein mag, so wenig hat sie aus atlantologischer Sicht mit Platons versunkener Atlanter-Zivilisation zu tun. Diese Position vertrat auch Jürgen Spanuth offensiv.

(bb) Bezüglich Jürgen Spanuths Kritik an anderen Modellen zur Atlantis-Lokalisierung nahmen gerade die Ägäis-Theorien einigen Raum ein, über welche er folgendes schrieb: "In jüngster Zeit ist häufig die Hypothese vertreten worden, Atlantis oder die Königsinsel von Atlantis sei mit Thera oder mit Kreta identisch. [...] Zuerst hat der griechische Archäologe Spyridon Marinatos 1938 die Vermutung ausgesprochen, daß der Untergang der minoischen Kultur am Ende der Bronzezeit sich in der Erzählung von Atlantis niedergeschlagen habe. Der griechische Erdbebenforscher Angelos Galanopulos hat diese Hypothese aufgenommen, abgeändert und 1960 eine Arbeit veröffentlicht, in der er die Behauptung aufstellt, die Königsinsel von Atlantis sei mit Thera identisch, die Basileia mit ihren Häfen und Kanälen habe einst dort gelegen, wo sich heute der Kraterkessel von Thera befindet, und sei durch den ungeheuren Ausbruch des Thera-Vulkanes am Ende der Bronzezeit untergegangen. [...]

1969 hat dann der amerikanische Ozeanograph James W. Mavor Jr. diese Idee aufgegriffen und ein Buch >Reise nach Atlantis< herausgegeben. In demselben Jahr hat der englische Philologe J.V. Luce ein Buch mit dem Titel >Atlantis, Legende und Wirklichkeit< veröffentlicht, auf dessen Umschlag zu lesen ist: >Das 'verlorene Atlantis' dieser Beweis wird hier einleuchtend geführt, war mit dem minoischen Kreta und mit Thera im besonderen identisch<. Der Übersetzer dieses Buches, Studienrat J. Rehork, hat mit Vehemenz bestritten, daß in Luces Buch >das 'verlorene Atlantis' ... mit Thera im besonderen identisch< gesetzt werde und hat behauptet, Luce identifiziere Kreta mit der Basileia von Atlantis." [1]

Nach dieser kurzen, sachlich gehaltenen und weitgehend korrekten Darstellung der Entwicklungs-Geschichte der atlantologischen Ägäis-Theorien und ihrer wichtigsten Vertreter [2] geht Spanuth zu ihrer Kritik über, wobei er sowohl geologisch als auch atlantida-exegetisch argumentiert. Bei seiner geologischen Zurückweisung stellt er zunächst die argumentative Grundlage der Gegenseite vor: "Galanopulos, Mavor und Luce berufen sich auf die eingehenden geologischen Forschungen, die der deutsche Geologe Hans Reck in einem dreibändigen Werk: >Santorin: Der Werdegang eines Inselvulkans und sein Ausbruch 1925-1928< im Jahre 1936 veröffentlicht hat.

H. Reck stellte fest: >Einst betrug ihr (der Insel Santorin) Durchmesser etwa 16 km, und damals erhoben sich über ihr kegelförmige Gipfel vulkanischen Ursprungs, deren Flanken von steilen Schluchten durchzogen waren. In ihrem Mittelpunkt ragte ihr Hauptkegel bis zu einer Höhe von 1600 m empor. (zitiert bei Luce, 1969, 107) >Die Thera-Caldera (Einruchkrater von Thera) ist das Ergebnis eines furchtbaren Ausbruchs oder einer Reihe von Ausbrüchen ... die die Insel zerstörten.< (Luce, 1969, 86) Was schon der französische Geologe F. Fouqée 1879 nachgewiesen hat, hat auch H. Reck festgestellt, daß die Kraterbildung auf die letzte und schwerste bronzezeitliche Eruption zurückzuführen ist. Das geht allein schon daraus hervor, daß durch diese ungeheure Eruption als jüngste und oberste Schicht die bis zu 60 m mächtigen Bimssteinmassen auf den Resten des alten tertiären Vulkanes abgelagert wurden." [3]

Wer nach diesem vulkanologischen 'Crash-Kurs' zur geologischen Entstehung der Insel Thera und ihrer heutigen Ringstruktur erwartet, dass Spanuth nun zu einem langwierigen und komplizierten Argumentations-Gefecht auf geologischer Basis ansetzt, erlebt eine Überraschung: der 'Atlantis-Pastor' rekonstruiert das geologische Postament der Thera-Lokalisierung lediglich, um sie in einem einzigen vernichtenden Schlag ad absurdum führen zu können. Dabei muss er gar nicht auf das Instrumentarium des Geologen zurückgreifen, sondern er kann sich schlicht und einfach auf die Gesetze der Logik berufen:

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Abb. 2 Praktizierten die Könige von Atlantis einst am Palast von Knossos auf Kreta den, von Platon beschriebenen, Stierkult? Jürgen Spanuth nutzt die Möglichkeiten der Atlantida-Exegese zu einer eleganten Widerlegung die kreto-minoischen Atlantis-Theorien, die Spyridon Marinatos populär gemacht hatte?

"Nun soll die Basileia von Atlantis mit ihren drei Häfen, ihren Meereskanälen, die schon in Urzeiten Poseidon angelegt hatte (Krit. 113c, 119c) und ihren Flüssen (Krit. 118d) v o r der Explosion des Thera-Vulkanes in diesem Kraterkessel gelegen haben, der noch gar nicht existierte. Auf einem 1600 m hohen Vulkankegel kann aber schwerlich eine Hafenstadt gelegen haben. Es ist erstaunlich, daß die vielen Autoren, die dieser Hypothese zugestimmt haben, den groben Denkfehler, dem sie erlegen sind, nicht erkannt haben." [4]

Nachdem er die Thera-Lokalisierung der vermuteten Atlanter-Metropole mit diesem unerhörten, in der modernen Atlantisforschung beispiellosen argumentativen 'Knock-out' ebenso überraschend wie überzeugend in den Orcus der Atlantologie-Historik und ins Kuriositäten-Kabinett der Wissenschafts-Geschichte befördert hat, nutzt Spanuth nun die Möglichkeiten der Atlantida-Exegese, um die schwer angeschlagene These von der faktischen Identität atlantidischer und kretisch-minoischer Kultur weiter argumentativ zu unterminieren: "Für Thera und für Kreta treffen auch alle anderen Angaben, die uns von der Basileia oder vom Königreich Atlantis gemacht werden, nicht zu.

Weder Thera noch Kreta lagen im >Atlantischen Meer<, sondern im Ägäischen Meer, das ausdrücklich im Krit. 111a beschrieben und in Gegensatz zum Atlantischen Meer gestellt wird. Beide Inseln lagen nicht in der Mündung großer Flüsse, beide sind nicht >im Meer versunken und den Augen entschwunden.< (Tim. 25d) Das Ägäische Meer ist niemals >unpassierbar und unerforschbar geworden wegen des sehr seicht liegenden Schlammes< (Tim. 25d). Niemals hätte Solon oder Platon vom Ägäischen Meer sagen können, daß es >auch heute noch unpassierbar und unerforschbar< sei (Tim. 25d) oder daß >auch heute noch ... eine undurchdringliche und schlammige Untiefe< >den Weg ins gegenüberliegende Meer versperrt.< (Krit. 108e). Beide hatten oft das Ägäische Meer durchsegelt, ihre Zeitgenossen hätten sie ausgelacht, wenn sie solche Torheiten erzählt hätten.

Luce läßt die zweimalige Bemerkung fort, daß das >auch heute noch< ein unpassierbares Schlammeer sei, in dem die Basileia versank, weil er genau weiß, daß das Ägäische Meer seit eh und je befahren und alle Küsten und Inseln den Griechen genauestens bekannt waren. Diese und alle Anderen Angaben über das Vorkommen von Kupfererz und Bernstein, über die >Koine<, die Gemeinschaft zwischen Atlantern, Libyern, Tyrrhenern, Bewohnern des Gadeirischen Landes und denen vieler anderer Inseln im Weltmeer, über den großen Kriegszug durch Europa und Vorderasien oder Libyen bis nach Ägypten, über den erfolgreichen Freiheiskampf der Athener gegen die Atlanter usw. usw. treffen weder für Thera noch für Kreta zu. In Wirklichkeit ist dieses >Weltereignis der Archäologie< zerplatzt wie eine Seifenblase." [5] Dieses abschließende Urteil mag hart klingen, aber es ist solide fundiert, in der Sache berechtigt und enthält keinerlei persönliche Herabwürdigungen, Angriffe oder Spitzen.

Wie wir auch weiter feststellen werden, ist Spanuths Kritik an fremden Atlantis-Theorien - selbst wenn bisweilen ein triumphierender Unterton durchklingt - sine ira et studio verfasst und er beschränkt sich auf eine rein sachliche Argumentation, ohne sich zu einer Polemik, wie etwa seinem Kontrahenten Gripp gegenüber, hinreißen zu lassen. Dass diese konsequent durchgehaltene Sachlichkeit ihm gerade gegenüber John Victor Luce, einem irischen Historiker, und gegenüber Rehork einige Selbstbeherrschung abverlangt haben mag, macht Gerhard Gadow deulich, wenn er feststellt: "J. V. Luce, der Atlantis mit dem kretischen Seereich gleichsetzt, nennt Spanuth 1969 in einem Atem mit Okkultisten, >die glaubten, sich mit Geisterstimmen aus Altägypten detaillierte Hinweise auf den Ort beschaffen zu können, wo Atlantis zu suchen sei.< [6] Dr. J. Rehork, der Bearbeiter der deutschen Übersetzung des Buches von Luce, bezichtigt Spanuth 1971 eines >Hanges zur Germanschenschwärmerei, ohne den Beweis für diesen schwerwiegenden Vorwurf anzutreten." [7]

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Abb. 3 Ebenso 'ruiniert' wie die Vulkaninsel selbst, präsentiert sich heute auch die Theorie über Thera als historisches Vorbild für Atlantis. Es gehört zu J. Spanuths Verdiensten um die Atlantologie, den Nonsens dieser Atlantis-Lokalisierung zweifelsfrei nachgewiesen zu haben.

Sachlicher präsentiert sich die Kritik an Spanuth bei James W. Mavor Jr., einem weiteren prominenten Vertreter der Thera-Lokalisierung, der die Theorie des Pastors jedenfalls für "weit weniger plausibel" als die von Paul Borchardt [8] hält: "Spanuth behauptet, das versunkene Atlantis befinde sich auf dem Boden der Nordsee, nahe von Helgoland, etwa 80 Kilometer vor der deutschen Küste. Seiner Meinung nach ist die Insel in der Bronzezeit rasch versunken. Die Meeresforschung hat aber nachgewiesen, daß die Nordsee gerade in der Bronzezeit eine besonders ruhige Entwicklung durchlief; es konnte kein Hinweis auf das Versinken einer Landmasse gefunden werden. Außerdem hat die Auswertung von Aufnahmen verschiedener Steinplatten, von denen Spanuth behauptete, es handle sich um von Menschen bearbeitete Blöcke durch Geologen ergeben, daß man es mit natürlichen Formationen zu tun hatte." [9]

Wie wir sehen, ersparte Mavor Jr. sich, Spanuth und dem Leser Plattitüden, persönliche Angriffe und Unterstellungen, und es geht ihm, wie er somit glaubhaft machen kann, auch nicht darum, Spanuths Arbeit per se zu diskeditieren: "Ich bemühe mich nun keineswegs darum, zu beweisen, daß die Theorien Dr. Spanuths oder jemandes anderen über verschwundene Kulturen falsch sind; ich befasse mich nur mit ihrem Anspruch, es habe sich um das Platonische Atlantis gehandelt." [10] Allerdings muss Mavor sich den Vorwurf gefallen lassen, höchst einseitig tendentiöse Bewertungen zu dem von Spanuth vorgelegten archäologischen Fund-Material zu kolportieren (vergl.: Spanuths 'Steingrund'-Expeditionen und die Diskussion ihrer Ergebnisse), deren unzulängliche Beweiskraft wir bereits festgestellt haben.

Dass Spanuth aus dem schulbuchhistorisch orientierten Lager der Kreto-Atlantologen heraus und von mit ihnen sympathisierenden Wissenschaftlern wüst attackiert wurde, ist keineswegs verwunderlich; war doch die kreto-minoische Atlantis-Theorie in den Jahren zuvor zur neuen Lieblings-Lokalisierung innerhalb jener Minderheit von 'Fachwissenschaftlern' an den Universitäten geworden, die dem platonischen Atlantisbericht einen historischen Hintergrund zubilligten - und Spanuths Konzept stellte aus dem Blickwinkel der Kreto-Atlantologen weit eher ein 'Konkurrenz-Modell' dar als die in ihren Kreisen "indiskutabel" gewordene klassische Atlantis-Theorie!

Bei aller Unterschiedlichkeit, z.B. bezüglich der Atlantis-Lokalisierung, haben diese Wissenschaftler alle doch eines mit Spanuth gemeinsam: sie wollen ein leicht 'greifbares', historisch 'verortbares' Atlantis. In deutlichem Gegensatz zu Spanuth stellen die meisten dieser Revisionisten jedoch lediglich 'durch den Windkanal' des Wissenschafts-Betriebs gejagte Modelle' (Karthago, Thera, Troja, Helike, usw.) vor, die sich geschmeidig in den offiziell akzeptierten Wissens-Kanon zur Kultur- und Zivilisationsgeschichte einfügen lassen, ohne dass man alte Vorstellungen umwerfen oder etwa Neuland der Forschung betreten müsste.


Update (Jan. 2007)

(bb) Hatten Spanuth et. al. letztlich doch Unrecht mit ihrer Annahme, Thera sei vor dem großen, end-bronzezeitlichen Ausbruch ein hoch aufragender Vulkan-Berg gewesen, der keinen Platz für eine Hafenstadt im Zentrum der Insel ließ? In einem unlängst in der griechischen Zeitschrift "KATHIMERINI" erschienenen Artikel der heißt es nämlich: "Thera wurde erstmals in der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. besiedelt. Jüngste geologische Untersuchungen zeigen, dass sich im Zentrum der Insel eine Caldera mit Wasser darin befand, welche einen einzelnen Ausgang zu zur See hin besaß, >zwischen [dem Platz] wo heute der Leuchtturm steht, und Aspronisi.< (Zit. Doumas) Dort, im nördlichen Teil der Caldera, befand sich ein Inselchen." (Unterstreichung durch uns. Quelle: Iota Sykka, "A culture shaped by natural disasters", KA-THIMERINI - Greece´s International English Language Newspaper, 16. 01. 2007); siehe dazu auch die deutschsprachige Fassung des Artikels bei Atlantisforschung.de: Eine von Naturkatastrophen geprägte Kultur von Iota Sykka.


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 417- 418
  2. Anmerkung: Der bisher letzte bekannte Vertreter der Ägäis-Theorie ist der amerikanische Journalist und Bestsellerautor Charles R. Pellegrino, der 1991 mit "Unearthing Atlantis" (New York) noch einmal versuchte, die "Vernünftigkeit" der Thera-Lokalisierung zu beweisen. Pellegrino war damals bereits insofern anachronistisch, dass die Ägäis-Theorien zu diesem Zeitpunkt sowohl bei Schulwissenschaftlern als auch bei Atlantologen und beim 'breiten Publikum' keine große Zustimmung mehr fanden.
  3. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 419
  4. Quelle: ebd., S. 419-420
  5. Quelle: ebd., S. 420-421
  6. Quelle: J.V. Luce, "Atlantis - Legende und Wirklichkeit", Bergisch-Gladbach, 1969, S. 52 [nach G. Gadow, op. cit. (1973), S. 63]
  7. Quelle: Joachim Rehork, "Faszinierende Funde", Bergisch-Gladbach, 1971, S. 272; zitiert durch: G. Gadow,op. cit. (1973), S. 63 [Korrektur d. Satzzeichen (Kommata) durch den Verfasser].
  8. Vergleiche dazu: "Paul Borchardt: Atlantis in Tunesien" (bb)
  9. Quelle: James W. Mavor Jr., "Reise nach Atlantis - Wissenschaftler lösen das Rätsel einer Weltkatastrophe", München, Juni 1973, S. 44 --- Anmerkung: Mavors Annahme, man habe es bei den von Spanuths Tauchern geborgenen Steinblöcken um "mit natürlichen Formationen zu tun", ist schlichtweg unzutreffend. Er kolportierte dabei lediglich die diesbezüglichen, als "Junk Science" einzustufenden, Behauptungen von Spanuths 'Intimfeind' Prof. Karl Gripp (1891-1984), einem Geologen an der Universität Kiel.
  10. Quelle: ebd.


Bild-Quellen

(1) http://www.rodnoverije.com/misc/trojaburg-02.html

(2) Links: http://www.plata.gr/crete/history/images/histor1.jpg

(2) Rechts: http://holidays-in-greece.com/crete/her/herak08.jpg

(3) Unbekannte Bild-Quelle