Benjamin Jowett

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Historisches Forscherportrait

Abb. 1 Benjamin Jowett (1817-1893)

(red) Benjamin Jowett (Abb. 1) (* 15. April 1817 in Camberwell; † 1. Oktober 1893 in Oxford) war ein englischer Theologe, Philologe und Reformer des Universitätswesens, der sich als Übersetzter und Herausgeber der Werke diverser Autoren des klassischen Altertums - u.a. Thukydides, Aristoteles und Platon - einen Namen machte. Aus atlantologie-historschischer Sicht gehört er zu den bekanntesten frühen Verfechtern der Fiktionalitäts-These zum platonischen Atlantisbericht in der modernen Altphilologie.

Einen Großteil seiner beruflichen Laufbahn verbrachte Jowett am Balliol College der Universität Oxford, wo er ab 1842 als Tutor, von 1855 an als Master tätig war. Im Herbst dieses Jahres wurde ihm auch die so genannte 'Regius Professorship of Greek (Regius Professur des Griechischen) übertragen. Unter seinem Rektorat stieg das Balliol zu einer der renommiertesten Lehranstalten unter den Oxford Colleges auf. 1872 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. [1]

Abb. 2 Über diejenigen, die den Atlantisbericht nicht für reine Fiktion hielten, zog Jowett in oberlehrerhaftem Tonfall her. (Bild: historische Jowett-Karikatur von Leslie Ward, 1876)

Im Zusammenhang mit seiner Professur begann Benjamin Jowett ein umfassendes Werk über Platon zu schreiben, das sich schießlich zu einer Gesamtübersetzung der platonischen Dialoge mit einführenden Essays auswuchs, die etwa zehn Jahre in Anspruch nahm - eine Zeit, während der er von seinen Dienstpflichten freigestellt war. Zu den umstrittenen Ansichten, zu denen Jowett dabei gelangte, gehört z.B. die Behauptung, dass die Platonische Liebe zwischen Männern frei von sexueller Aktivität gewesen sei. [2]

Ähnlich fragwürdig ist auch Jowetts Interpretation des Atlantisberichts, bzw. der von Platon damit verbundenen Absichten. Diesbezüglich war er darauf fixiert, dass der Athener Philosoph damit "beabsichtigte, den idealen Staat, engagiert in einem patriotischen Konflikt, darzustellen." Dieser "mythische Konflikt" - Ur-Athen versus Atlantis - sei "prophetisch oder symbolisch für das Ringen zwischen Athen und Persien [3], vielleicht in gewissem Grad auch [für] die Kriege der Griechen und Karthager..." [4]

Der Atlantis-Erzählung sprach er jedwede Historizität ab. Schließlich habe niemand besser als Platon gewusst, wie man eine 'Noble Lüge' erfindet (orig.: No one knew better than Plato how to invent >a noble lie.<) Dazu führte Jowett zehn Gründe [5] an, von denen tatsächlich kein einziger die Annahme widerlegt, der Atlantisbericht enthalte harte historische Kerne, oder beweist, Platon habe die Geschichte in toto erfunden.

Typisch für viele gelehrte Verfechter der Fiktionalitäts-These war auch der oberlehrerhafte Tonfall, in dem er andere Ansichten und ihre Vertreter abkanzelte: "Die Welt hat, wie ein Kind, bereitwillig und meistenteils bedenkenlos die Fabel von der Insel Atlantis akzeptiert. In modernen Zeiten suchen wir schwerlich nach Spuren des versunkenen Kontinents; doch selbst Mr. Grote ist geneigt an Solons ägyptisches Gedicht zu glauben, für das es im Altertum keinen Beleg gibt; während andere, wie Martin, den ägyptischen Ursprung der Legende diskutieren, oder, wie Herr von Humboldt, den er zitiert, gesinnt sind, es in einem Überrest einer weit verbreiteten Überlieferung zu finden. Andere, die eine abweichende Betrachtungsweise übernehmen, betrachten die Insel Atlantis als Antizipation einer noch größeren Insel — des Kontinents Amerika." [6]

Mit seiner doktrinären Auslegung des Atlantisberichts als Fiktion, seiner eindimensionalen, auf den 'Staatsphilosophen' reduzierten Platon-Betrachtung und der dünkelhaft-abschätzigen Haltung gegenüber Anhängern der Historizitäts-These gehört Benjamin Jowett in eine Reihe mit ähnlich orientierten Gelehrten seiner Zeit, etwa Franz Susemihl (1826-1901) und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848-1931), sowie zu den Wegbereitern der heute gängigen fachwissenschaftlichen Lehrmeinung in Sachen Atlantis bzw. des akademischen Atlantis-Mythos. Es bleibt anzumerken, dass, wie Tony O’Connell feststellt, einige heutige Atlantisforscher, so etwa Georgeos Díaz-Montexano, Jowetts englischsprachiger 'Standard-Übersetzung' der Atlantida kritisieren. Verschiedentlich wurde vermutet, dass Jowetts Sichtweise "wohl auch seine Übersetzung eingefärbt haben könne." [7] [8]





Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quellen: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Benjamin Jowett; sowie: Wikipedia - The Free Encyclopedia, unter Benjamin Jowett (beide abgerufen: 30. Juli 2015)
  2. Quelle: Wikipedia - The Free Encyclopedia, unter Benjamin Jowett
  3. Vergl. dazu bei Atlantisforschung.de: "Atlantis und die Perserkriege" (bb)
  4. Quelle: CRITIAS by Plato - Translated by Benjamin Jowett, unter: INTRODUCTION AND ANALYSIS, online bei Project Gutenberg (abgerufen: 30. Juli 2015; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  5. Zitat: "Observe (1) the innocent declaration of Socrates, that the truth of the story is a great advantage: (2) the manner in which traditional names and indications of geography are intermingled ('Why, here be truths!'): (3) the extreme minuteness with which the numbers are given, as in the Old Epic poetry: (4) the ingenious reason assigned for the Greek names occurring in the Egyptian tale: (5) the remark that the armed statue of Athena indicated the common warrior life of men and women: (6) the particularity with which the third deluge before that of Deucalion is affirmed to have been the great destruction: (7) the happy guess that great geological changes have been effected by water: (8) the indulgence of the prejudice against sailing beyond the Columns, and the popular belief of the shallowness of the ocean in that part: (9) the confession that the depth of the ditch in the Island of Atlantis was not to be believed, and 'yet he could only repeat what he had heard', compared with the statement made in an earlier passage that Poseidon, being a God, found no difficulty in contriving the water-supply of the centre island: (10) the mention of the old rivalry of Poseidon and Athene, and the creation of the first inhabitants out of the soil. Plato here, as elsewhere, ingeniously gives the impression that he is telling the truth which mythology had corrupted."
  6. Quelle: CRITIAS by Plato - Translated by Benjamin Jowett, unter: INTRODUCTION AND ANALYSIS, online bei Project Gutenberg (abgerufen: 30. Juli 2015; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  7. Quelle: Tony O’Connell, "Jowett, Benjamin (-l)", 8. Juni 2010, bei Atlantipedia.ie (abgerufen: 30. Juli 2015; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  8. Siehe auch folgenden Vergleich englischsprachiger Übersetzungen von Schlüsselpassagen des Atlantisberichts: J.M. Allen, "Comparison of different translations of Plato's Atlantis by Benjamin Jowett, R.G. Bury and Sir Desmond Lee", bei Atlantisbolivia.org (abgerufen: 30. Juli 2015)

Bild-Quellen:

1) Scewing bei Wikimedia Commons (Archiv), unter: Benjamin Jowett - Imagines philologorum.jpg (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
2) GeeJo bei Wikimedia Commons, unter: File:Benjamin Jowett.png