Der Himmelssturz des Göttersohns

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Moderne Auslegungen der Phaéthon-Legende als Schilderung eines Impakt-Ereignisses

Leseprobe aus dem Buch "Atlantis und sein Zentrum Althelgoland"

von unserem Gastautor Günter Bischoff

Abb. 1 Der Sturz des Phaéthon - Gemälde (Öl auf Leinwand) nach einer Skizze von Peter Paul Rubens (1577-1640) Die von altgriechischen Autoren überlieferte Legende über diesen 'Himmelssturz' geht, wie nicht wenige Forscher vermuten, auf Schilderungen eines Impakt-Ereignisses zurück.

Die in ihrer Grundidee von W. Stender zurückgehende Theorie zum Sturz von Phaéthon [1] [2] erscheint dem Verfasser insgesamt am überzeugendsten. Doch auch andere Wissenschaftler haben in den letzten Jahrzehnten interessante Hypothesen entwickelt, auf die nachfolgend kurz eingegangen werden soll.

Am weitesten in die Vergangenheit zurückdatiert wurde Phaéthons Sturz von dem Wiener Forscherehepaar Edith und Alexander Tollmann (Abb. 2) Nach ihrer Ansicht [3] schlugen sieben Fragmente eines in Auflösung befindlichen Kometen genau am 23. September vor etwa 9545 Jahren [4] in die drei großen Ozeane ein und lösten verheerende Tsunamis aus. Die meisten Sintflutsagen und eben auch die Phaéthon-Legende sollen auf dieses Ereignis Bezug nehmen.

Die Hypothese der Tollmanns ist unter Fachwissenschaftlern sehr umstritten. Mögen die gut recherchierten Untersuchungen des Forscherehepaares in Einzelpunkten auch zutreffen - ein Asteroiden- oder Kometeneinschlag auf der Erde ist in einem Jahrzehntausend durchaus wahrscheinlich - so gibt es doch zu viele zeitliche und örtliche Unstimmigkeiten mit [Ovids Überlieferung. Beispielsweise sollen drei Fragmente weit entfernt von einer Küste in den Atlantik gestürzt sein und nicht in der Nähe einer Flussmündung, geschweige denn in einen Bernstein anschwemmenden Fluss.

Abb. 2 Prof. Dr. Alexander Tollmann und seine Gattin Dr. Edith Kristan-Tollmann brachten die Phaéthon-Legende mit einem Streu-Impakt vor etwa 9545 Jahren in Verbindung.

Innerhalb der "Englischen Schule" um den Katastrophenforscher Benny Peiser waren es vor allem [...] Bob Kobres [5] und Victor Clube ab den 1980er Jahren, die einen nahen Vorbeiflug des kurzperiodischen Kometen Encke an der Erde annahmen. Dabei kam es zu besonderen Sichtbarbeitsbedingungen im Mittelmeerraum, in Südamerika und in China. Den Überlegungen der Wissenschaftler zufolge geschah dies um das Jahr 1150 v. Chr., also in der vergleichsweise "nahen" Vergangenheit.

Um das Jahr 2005 veröffentlichte der an der italienischen Universität Bergamo lehrende Mathematiker und Katastrophenforscher Emilio Spedicato (Abb. 3) eine Hypothese, die der Annahme von Stender und Spanuth recht nahekommt. Seiner Meinung nach drang in der Bronzezeit, etwa um 1447 v. Chr., ein Asteroid in die Erdatmosphäre ein und explodiwerte über dem antiken Bersteinfluss Eridianos, den er ebenfalls mit der Eider gleichsetzte.

Abb. 3 Der italienische Mathematiker Prof. Dr. Emilio Spedicato - hier auf einem Foto aus dem Jahr 2012 - gehört zu den profiliertesten Vertretern des Neo-Katastrophismus.

Auch Spedicato konnte schwere Verwüstungen in Dänemark und Norddeutschland feststellen. Nach einem Einschlagkrater suchte er jedoch nicht, weil nach seiner Vorstellung der Asteroid bereits in der Luft zerbarst. Die Katastrophe soll genau zu dem Zeitpunkt erfolgt sein, als "die Kinder Israels" aus Ägypten auswanderten und die Deukalionische Flut die Mittelmeerküsten überschwemmte. Auch Spanuth nimmt die ungefähre Gleichzeitigkeit dieser Ereignisse an, doch nach seinen Überlegungen geschah dies erst um 1220 v. Chr. Spedicatos zeitliche Einordnung erscheint allerdings zweifelhaft, weil sich die Nordische Bronzekultur von 1450 bis 1250 v. Chr. auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung befand. Eine gravierende Zäsur der Lebensbedingungen der Bronzeleute bereits zu Beginn dieser Zeitspanne konnte von Archäologen bisher nicht festgestellt werden.

Wie umstritten gegenwärtig noch alle Überlegungen zum Sturz des Phaéthon sind, erlebt man äußerst öffentlichkeitswirksam am Beispiel der vom Geowissenschaftler Kord Ernstson sowie vom Astronomiehistoriker Michael A. Rappenglück und seiner Ehefrau Barbara im Jahre 2010 aufgestellten Hypothese. Danach schlugen in der Keltenzeit mehrere Asteroidenfragmente in Südbayern ein. Durch den schrägen Aufprall des größten Teilstücks entstand die Senke des Tüttensees. [6] Besonders heftig wurde in den letzten Jahren mit dem Bayerischen Landesamt für Umwelt diskutiert, dessen Vertreter den "Chiemgau-Impakt" kategorisch ablehnten [7] und die Entstehung der kraterähnlichen Formation in die letzte Eiszeit verlegen.

Abb. 4 Einige der Myriaden entasteter, angekohlter und umgestürzter Bäume im Gebiet des Tunguska-Impakts von 1908

Die Autoren des "Bayerischen Phaéthon-Falls" können viele Argumente zugunsten ihrer Auffassung vorbringen, aber nach neueren Überlegungen den Zeitpunkt des Einschlags lediglich auf 2000 bis 428 v. Chr. eingrenzen. Ein Gegenargument können sie aber nicht entkräften: Die Einschlagstellen der Asteroidenbruchstücke liegen nicht an der Mündung eines Flusses und erst recht nicht an der Mündung des Bernsteinflusses Eridianos.

Dass kosmische Körper auch in der Gegenwart die zivilisierte Welt bedrohen, ist den Menschen im Februar 2013 erneut bewusst geworden. Über der russischen Stadt Tscheljabinsk explodierte ein etwa 20 Meter großer Meteorit in der Atmosphäre.. Die Wucht der Explosion zerstörte Fensterscheiben und Gebäudeteile und es wurden dabei über tausend Menschen verletzt.

Dieser Meteoritenfall weckte die Erinnerung an den Niedergang eines Steinasteroiden oder Kometen im Jahre 1908 über der Steinigen Tunguska in Sibirien. Zum Glück explodierte er damals über einem fast menschenleeren Gebiet, doch die Bilder der umgeworfenen und verbrannten Bäume (Abb. 4) gingen um die Welt.

Eine russische Expedition unter Leitung des Mineralogen Leonid A. Kulik untersuchte Jahre darauf die Unglückstelle, kam aber zu keiner abschließenden Bewertung des kosmischen Ereignisses. Bis heute sucht man nach den Resten des Objekts. Eine italienische Expedition glaubt im Jahr 2007 Hinweise gefunden zu haben, dasss der Tscheko-See acht Kilometer nördlich des Epizentrums durch den Einschlag entstand [8] und an seiner tiefsten Stelle ein Bruchstück des Impaktors verborgen ist.

Die Parallelen zum Fall des Phaéthon vor 3200 Jahren sind bemerkenswert. Beide Male erfolgte der Anflug unter einem kleinen Winkel und mit einer geringen Geschwindigkeit. Die umgestürzten und verbrannten Bäume sind Zeugnis einer großen Druck- und Hitzewelle, genau wie Forscher besonders im Emsland für der Zeit der Nordsee-Katastrophe nachweisen konnten. In Sibirien entstand als Folge des Einschlags ein kleiner See, in der Helgoländer Bucht eine mit Sedimenten gefüllte Rinne. Mehrere Expeditionen gelangten bereits in das Unglücksgebiet von 1908. Im Unterschied dazu zeigte leider noch kein Institut Interesse daran, die spätbronzezeitliche Katastrophe im Nordseeraum unter dem Gesichtspunkt eines Asteroideneinschlags zu untersuchen.


Anmerkungen und Quellen

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Dieser Beitrag von Günter Bischoff (©) wurde seinem Buch "Atlantis und sein Zentrum Althelgoland" (Abb. 5) entnommen (Abschnitt: , 3.8 "Andere Deutungen der Phaéthon-Legende ", S. 100-102), das im August 2016 als gebundene Ausgabe bei der Verlagsgruppe Husum erschienen ist. Die Publikation dieser redaktionell bearbeiteten Online-Version des Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.

Fußnoten:

  1. Siehe dazu: Walter Stender, "Die Wirklichkeit der Phaéton-Sage", erstveröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 24/1997 (online als PDF-Datei; abgerufen: 13. November 2020)
  2. Red. Anmerkung: Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch von Günter Bischoff: "Phaéthons Sturz und der Untergang von Atlantis (Teil I)" und "Teil 2"
  3. Siehe: Alexander und Edith Tollmann, "Und die Sintflut gab es doch. Vom Mythos zur historischen Wahrheit", Droemer Knaur, München, 1993, S. 21 und 101 ff.
  4. Anmerkung d. Autors: Bezüglich 1992, dem Datum des Vorwortes im Buch von A. Tollmann, also etwa 7555 bis 7550 v. Chr.
  5. Siehe: Bob Kobres, "Comet Phaethon's Ride" (1993), bei defendgaia.org (abgerufen: 12. Nov. 2020)
  6. Siehe: Der Chiemgau-Impakt - Ein bayerisches Meteoritenkraterfeld (Homepage des CIRT, abgerufen: 13. Nov. 2020)
  7. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: Bernhard Beier, "Chiemgau Impact Research Team (CIRT)", Abschnitt: "Widerstände"
  8. Red. Anmerkung: "Russische Wissenschaftler haben im Januar 2017 Untersuchungsergebnisse veröffentlicht, wonach der See sehr wahrscheinlich mehr als 280 Jahre alt ist und somit als Einschlagkrater des Tunguska-Ereignisses nicht in Frage kommen dürfte." Quelle: The Siberian Times, 23 Januar 2017, unter: "Beautiful and mysterious: but was Lake Cheko formed from the exploding Tunguska meteorite?" (nach Wikipedia; abgerufen: 11. Nov. 2020)

Bild-Quellen:

1) Jl FilpoC bei Wikimedia Commons, unter: File:La caída de Faetón (Jan Carel van Eyck).jpg (Lizenz: Creative Commons, Attribution-Share Alike 4.0 International)
2) Bild-Archiv Atlantisforschung.de
3) 2012 Conference of Quantavolution, unter: Emilio Spedicato
4) Yevgeny Krinov bei Wikimedia Commons, unter: File:Tunguska event fallen trees.jpg
5) Verlagsgruppe Husum / Bild-Archiv Atlantisforschung.de