Die Kanarischen Inseln und ihre Bewohner im Spiegel antiker Autoren

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Das Rätsel der Guanchen, Teil VI

(bb) Vor dem Hintergrund unseres bisherigen Wissens über die Guanchen erscheint es tatsächlich nicht so, dass diese Insulaner je irgendein Interesse an Kontakten mit der Welt außerhalb ihres Archipels gezeigt hätten. Stets waren es explorierende oder verirrte Reisende von fremden Gestaden, die, nicht selten ohne es zu wollen, von Wind und Wellen dorthin getragen wurden. Bezeichnender Weise stammten auch die ersten verlässlichen Nachrichten, die Europa im 'Zeitalter der Entdeckungen' Kunde von der Existenz der Kanaren brachten, von französischen Seefahrern, die dort Ende des 13. Jahrhunderts gestrandet waren. (Bolleter, 1910)

Abb. 1 Dass die Phönizier einst die Kanarischen Inseln besuchten, steht außer Frage. Die Suche nach archäologischen Spuren dieser Visiten gestaltet sich allerdings problematisch.

Jedenfalls sind sich konventionelle und nonkonformistische Forscher darüber einig, dass es bereits in der Antike Besucher aus Afro-Europa auf den Kanarischen Inseln gab. Schon Ignatius Donnelly wies unter Berufung auf Diodorus Siculus auf Seereisen zu einer großen, bewohnten Insel im Atlantischen Ozean hin, außerhalb der Säulen des Herakles und einige Tagesreisen von der Küste Afrikas entfernt. "Die ganze Insel strotzte von Reichtümern aller Art. Der Boden war außerordentlich fruchtbar; die Szenerie bot durch Ströme, Berge und Wälder die reichste Abwechsung. Es war bei den Einwohnern Sitte, sich während der heißeren Sommermonate in ihre prächtigen Landhäuser zurückzuziehen, die inmitten herrlicher Gärten standen. An Fischen und Wild war allenthalben großer Ueberfluß; das Klima war köstlich und die Bäume trugen Früchte zu allen Jahreszeiten."[1]

Auch der antike Autor Marcellus beschrieb in seiner "Äthiopischen Geschichte" Inseln im "äußeren Meer" (Atlantik) - drei großen und sieben kleinen - von denen Donnelly annahm, dass mit diesen sieben Inseln die Kanaren gemeint gewesen seien. Marcellus berief sich dabei auf namentlich ungenannte Historiker: "Nach deren Aussagen gab es in jenem Meer seinerzeit sieben Inseln, die Proserpine geweiht waren, und drei andere Inseln immenser Ausdehnung, von denen eine Pluto geweiht war, eine Ammon und die mittlere Neptun (dem römischen Poseidon). Letztere war tausend Stadien (184 Kilometer) groß. Sie (die Historiker) fügen auch hinzu, die Bewohner (dieser Insel) bewahrten von ihren Vorfahren das Gedenken an die atlantische Insel, die dort existiert hat und wahrhaft erstaunlich groß gewesen ist; die für viele Zeitalter die Herrschaft über alle Inseln des Atlantischen Meeres hatte und ebenfalls Neptun geweiht war." [2] Könnten damit die Kanarischen Inseln gemeint sein?

Es gibt in der Tat eine ganze Reihe von Hinweisen in der antiken Literatur, welche späte, proto-historische Beziehungen oder Begegnungen der Insulaner mit indoeuropäischen, mediterranen Völkern nahelegen. Charles Berlitz hält dazu fest, dass es noch im "Altertum zu gelegentlichen Kontakten zwischen den Guanchen und den Phöniziern, Karthagern, Numidiern und Römern" gekommen sei, "doch hatte ihre ehemalige Kultur sich beträchtlich zurückgebildet, als sie von den Spaniern >entdeckt< wurden." [3]

Weitere Referenzen aus der klassischen Literatur lassen es jedenfalls höchst wahrscheinlich erscheinen, dass die Isolation der Guanchen schon lange vor der "Entdeckung" der Kanaren durch Araber, Portugiesen und Spanier durchbrochen worden sein muss. So schrieb etwa E. Bolleter: "Die Phönizier waren die ersten, welche Kenntnis von ihnen hatten. Strabo berichtet, daß denselben eine Inselgruppe gegenüber Maurtanien (Nordwestafrika) gehört habe.

Abb. 2 Archäologische Funde von Gran Canaria. Aus der Antike liegt eine Reihe von Berichten vor, die auf frühe Kontakte mit den kanarischen Insulanern schließen lassen.

Erst nach dem Falle Karthagos gelangten reichlichere Nachrichten ins Abendland. Verschiedene Römer berichten über die Eilande (Statius Sebosus, Sertorius, Pomponius Mela), Genaueres jedoch erst Plinius. König Juba II. von Mauretanien veranstaltete im Jahre 40 v. Chr. eine Expedition nach den Inseln, über welche er später einen Bericht an Augustus schickte. Sie werden darin mit dem Kollektivnamen Fortunatae (glückliche Inseln) bezeichnet; es werden aufgeführt Ombrios (Palma), Junonia, Capraria (Gomera) und Ninguaria oder Nivaria (Tenerife). Plinius erzählt, daß die Einwohner außerdordentlich große Hunde besessen hätten; die Inseln werden daher auch Kanaren genannt." [4]

Die römischen Autoren mögen die Kanaren zwar erwähnt haben, eine größere Bedeutung hatten diese Rand-Notizen im alten Rom offenbar nicht. Nach der Vernichtung Karthagos und dem heimtückischen Angriffs- und Vernichtungs-Krieg gegen das (mit Rom verbündete!) Mauretanier-Reich in Nordwest-Afrika (siehe: "Burrows Cave - Mauritanier in Illinois" von Frank Joseph), ca. 40-45 n. Chr., scheint man am Tiber kein größeres Interesse gezeigt zu haben, auf den Spuren der vernichteten Nordafrikaner und Iberier in den Atlantikraum vorzustoßen. Egerton Sykes bemerkte kurz und knapp über diese Phase alt-kanarischer Geschichte: "Nach dem Fall von Karthago ließen ihnen die Römer Ruhe." Das gewaltsame Ende ihrer postkatlantischen Inselkultur soll, wie er schrieb, erst in historischen Zeiten, im Jahr 1111 n. Chr., gekommen sein, "als Moslemhorden einfielen und die Bevölkerung töteten und versklavten und nur kahle Wüsten zurückließen."[5]

Wenn man von jenen vermuteten "besseren Zeiten" der Kultur der Proto-Guanchen oder anderer Ur-Kanarier ausgeht, so schließt dies später verloren gegangene nautische Fähigkeiten dieses Volkes ein. Immerhin müssen sie, wie wir heute wissen, ursprünglich genügend seefahrerisches Können besessen haben, um auf ihr Archipel zu gelangen und auch kulturelle Relikte, die wir kennen gelernt haben (Felszeichnungen von Schiffen, das 'Stein-Boot von Garafia', etc.), sprechen dafür, dass es noch in der Spätzeit der Guanchen-Kultur zumindest eine mythisch-religiöse Erinnerung an Seereisen vergangener Tage gab.

Abb. 3 Weitere Relikte der kanarischen Guanchen.

Diese Annahme gilt umso mehr, wenn wir die klimatischen Verhältnisse von der Atlantischen Periode bis zum Ende des Subboreals (ca. 10 500 bis 3400 Jahre v.d.G.) zugrundelegen, die auch der Seefahrt auf dem Atlantik ungeheuer entgegengekommen sein müssen. So schreibt etwa Prof. H. Tributsch über das Subboreal (6000 bis 3400 Jahre v.d.G.): "Damals blieb das Wetter warm und war mit Ausnahme einer feuchten Epoche um 2900 v. Chr. relativ trocken. Hochflächen im Nordwesten Europas konnten nach der Rodung als fruchtbares Ackerland Verwendung finden. In die ersten zwei Jahrtausende dieser Periode fallen die Ausbreitung der Megalithkultur und ihre eigentliche Blüte.[6]

Wesentlich sind im Kontext unserer Betrachtung die anhaltend milden und freundlichen Klima-Verhältnisse im atlantischen Raum dieses gewaltigen Zeitraums, über die es bei Tributsch heißt: "Auf den Hebriden, auf den Landzungen der Bretagne und auf Jütland, wo heute niemand in einer luftigen Hütte neben den Megalithen leben möchte, waren die Lebensbedingungen damals ausgezeichnet. Was vor allem erstaunlich ist: Der Himmel war die meiste Zeit blau und der Atlantik mit einer ungewöhnlich glatten Oberfläche geradezu einladend für die Navigation." [7]

Begünstigt durch eine regelrechte 'Wärmezeit' während des mittleren Holozäns, vor etwa 7000 bis 5500 Jahren, dürfen wir spätestens für diesen Zeitraum die Wiederentdeckung und Neubesiedlung [8] der atlantischen Inselwelt und eine kontinuierliche Reisetätigkeit europäischer Neolithiker nach Amerika voraussetzen, die sich durch zahlreiche "nonkonforme" Megalith-Fundstätten in Nordamerika belegen lassen (siehe dazu z.B.: Die 'Stehenden Steine' von Ost-Massachusetts und Die steinernen Rätsel von Neuengland).

Diese Reisetätigkeit scheint sich bis zum abrupten Ende der Bronzezeit (ca. 3200 v.d.G.) fortgesetzt zu haben und möglicherweise weisen auch die prähistorischen Kupfer-Bergwerke, die im nordamerikanischen Michigan entdeckt wurden, auf intensive transatlantische Beziehungen während des Sub-Boreals hin. [9] William R. Corliss bemerkt zu diesem rätselhaften Bergbau-Komplex in der 'Neuen Welt': "Etwa 1800 Jahre lang, abrupt um etwa 3000 v. Chr. beginnend, gruben irgendwelche arbeitsamen Völker eine Erz-Menge von etwa 500 000 Tonnen Kupfer aus Michigan's Isle Royale und der Halbinsel Keweenaw. Wer waren diese mysteriösen Bergleute, und was geschah mit all dem Kupfer? Mit Sicherheit wurde es nicht bei den Relikten nordamerikanischer Indianer gefunden. Und wo wurde das Erz geschmolzen?" [10]

Die Erinnerung an frühere kataklysmische Vorgänge könnte bei den Guanchen, die offenbar einer kulturellen Regression unterworfen waren, verloren gegangen sein. Möglicherweise haben Überlieferungen von einem letzten, wenn auch weniger ausgeprägten, Kataklysmus (um 1200 vor der Zeitenwende?) das mögliche Wissen um ähnliche Vorgänge in noch fernerer Vergangenheit überlagert oder sind damit verschmolzen.


Fortsetzung:


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Bernhard Beier © wurde 2006 für Atlantisforschung.de erstellt.

Fußnoten:

  1. Quelle: Ignatius Donnelly, "Atlantis - Die vorsintflutliche Welt", Eßlingen 1911, S. 31
  2. Quelle: Andrew Collins, "Neue Beweise für Atlantis", Scherz, 2001, S. 111
  3. Quelle: Charles Berlitz, "Das Atlantis-Rätsel", Zsolnay, 1976, S. 206
  4. Anmerkung: Vergl. dazu Die Phönizier und die Kanaren-Inseln als ihr 'Sprungbrett' nach Amerika
  5. Quelle: Martin Ebon, "Atlantis - Neue Beweise", Heyne 1978, Kapitel 7: Was traf Atlantis? Siehe: Egerton Sykes´ postatlantische Inselwelt
  6. Quelle: H. Tributsch, "Die gläsernen Türme von Atlantis", Ullstein, 1986, S. 159
  7. Quelle: ebd.
  8. Anmerkung: Im Gegensatz zu E. Sykes halten wir es für höchst unwahrscheinlich, dass die Inselwelt des Atlantik "seit den Tagen von Atlantis bis in die heutige Zeit ständig bewohnt gewesen" sei. So ist z.B. davon auszugehen, dass nach dem vermuteten Atlantis-Impakt um 11 500 v.d.G. Mega-Tsunamis ALLE atlantischen Inseln mit einer derart vernichtenden Gewalt (vergl.: Simulation eines Asteroiden-Impakts vor der Küste von New York von David Crawford, Sandia National Laboratorys sowie Ablauf und Folgen eines Impaktes von Christian Rother) getroffen haben müssen, dass dort nirgendwo eine größere Überlebens-Chance bestand. Selbst weitaus niederschwelligere Katastrophen im Atlantik hätten für dortige Insel-Bewohner und diejenigen der zirkum-atlantischen Küstengebiete bereits desaströse Folgen (vergl. z.B. Zeitbombe La Palma - Erdrutsch auf der Kanareninsel mit katastrophalen Folgen? von Stefanie Kriner) gezeitigt. Vor diesem Hintergrund setzen wir voraus, dass die hypothetischen Urbevölkerungen der atlantischen Inselwelt völlig ausgelöscht wurden, und dass später - von Amerika und Afro-Europa aus - eine Neu-Besiedlung stattfand.
  9. Siehe dazu auch Atlantis und der prähistorische Abbau von Metall in Amerika von Peter Marsh; sowie: Gesucht: 500 000 Tonnen Kupfer von William R. Corliss.
  10. Quelle: William R. Corliss, Science Frontiers, Nr. 90, Nov. / Dez. 1993; online unter http://www.science-frontiers.com/sf090/sf090a01.htm

Bild-Quellen:

1) http://www.btinternet.com/~k.trethewey/AncientLights/Images/PhoenicianShip1A.jpg (nicht mehr online)
2) G. Gadow, "Der Atlantis-Streit", 1973, S. 99
3) ebd.