François de Sarre: »Die Landenge von Gibraltar«

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Eine Rezension von Horst Friedrich (1996)

Abb. 1 Der Biologe und Katastrophist François de Sarre

Nicht nur gute Bücher sind eine Rezension wert, mitunter verdienen es durchaus auch außergewöhnliche Zeitschriften-Beiträge, solcherart einem breiteren Leserpublikum bekannt gemacht zu werden. Nämlich immer dann, wenn der Autor uns zu einem besseren Verständnis komplexer, interdisziplinärer Problem-Zusammenhänge verhelfen kann. Eine solche Arbeit ist die hier besprochene von François de Sarre (Abb. 1), die mit 51 Seiten Text und Kartenmaterial fast die ganze letzte Nummer von MEDITERRANEA füllt [1]. Für einen solchen Umfang gibt es bei Jacques Touchet, dem Herausgeber von MEDITERRANEA, keinen Präzedenzfall. Er muss also wohl auch gefühlt haben, dass hier ein kompetenter - aber von scholastischen Scheuklappen freier - Autor eine Arbeit von ungewöhnlichem Wert verfasst hat. De Sarre demonstriert überzeugend, wie man sich durchaus in seriöser, aber ideologiefreier Forschungsarbeit seinen Weg durch den von der Neo-Scholastik erzeugten Nebel bahnen und bei einem realistischeren Bild unserer Vor- und Frühgeschichte anlangen kann.

Manche Leserinnen und Leser mögen oben bei der Landenge von Gibraltar gestutzt haben: handelt es sich denn nicht um eine Meerenge, eben die Straße von Gibraltar? Man hat trotzdem richtig gelesen. Heute haben wir dort zwar eine Meerenge, aber de Sarres ganze Arbeit handelt davon, dass wir - geologisch gesprochen - bis in allerjüngste Zeit - der Rezensent denkt, noch über de Sarre hinausgehend, an die Zeit um -700 - dort eine breite Landverbindung zwischen Andalusien und Marokko, d.h. zwischen Europa und Nordafrika, hatten. Allerdings scheint es zeitweilig alternative, schiffbare schmale Meeresverbindungen zwischen Atlantik und Mittelmeer gegeben zu haben: einerseits nördlich der Sierra Nevada, andererseits südlich des marokkanischen Rif-Gebirges. Die beigefügte Karte aus de Sarres Arbeit skizziert diese Verhältnisse.

De Sarre fasst eingangs die derzeitigen geologischen Lehrmeinungen zur Entwicklung des Mittelmeeres in jüngster geologischer Vergangenheit zusammen. Die scholastischen Haupt-Paradigmata (Eiszeit-Szenario, geologische Chronologie) werden dabei zunächst nicht in Frage gestellt. Irgendwann in vorgeschichtlicher Zeit - de Sarre bleibt, wie gesagt, im Rahmen das Millionen-Jahre-Mythus der geologischen Scholastik - war demnach das Mittelmeer-Becken eine aride Wüstenlandschaft, möglicherweise bis zum Übergang vom Tertiär zum Quartär. Nun aber wird das Szenario dieses Autors dramatisch und kataklysmisch!

Abb. 2 François de Sarres graphische Darstellung der prä-kataklysmischen Region von Afro-Iberien

Das große Rätsel des Mittelmeeres ist nach ihm die dort vorhandene Tiefseefauna. Wie ist sie dorthin gekommen? Das Mittelmeer war ja zuvor völlig ausgetrocknet. Durch die Straße von Gibraltar oder andere flache Verbindungen zum Weltmeer — im iberisch-marokkanischen Raum oder in der Gegend des Suez-Kanals — hatte diese Tiefseefauna unmöglich in das Mittelmeer gelangen können. Nach de Sarre ereignete sich um -10.000 ein gewaltiger Kataklysmus — er denkt an einen Planetoiden-Impakt in den Golf von Biskaya —, bei dem ungeheuere Wassermassen aus dem Atlantik, über Südfrankreich hinweg, sich als »Super-Tsunami« in das Mittelmeerbecken ergossen und dabei diese Tiefsee-Tierwelt mit sich führten. Er glaubt, dass dieses Ereignis dem »sumerisch«-biblischen Sintflutbericht zu Grunde lag [2].

Interessierte Leserinnen und Leser seien zu Details in der allmählichen Wiederauffüllung des |Mittelmeeres auf die de Sarresche Originalarbeit verwiesen. Festzuhalten bleibt, dass in spät-prähistorischer/protohistorischer Zeit noch erhebliche Küstengebiete des Mittelmeeres über Wasser lagen, die heute versunken sind [3]. Befremdlich im Lichte der Topperschen Beschreibung hochgelegener alter Strandlinien an der iberischen Halbinsel [4] — kommt dem Rezensenten die Behauptung vor, es gebe keine Anzeichen für ein quasi-stationäres Mittelmeer-Niveau, zu historischen Zeiten, oberhalb des heutigen Meeresspiegels. Topper (S. 32) schreibt: »An einem alten Turm nahe der Hauptstadt Almeria und dem Hügel, auf dem er steht, lernte ich das Bild der drei Küsten zu erkennen. Es gibt hier drei Linien, die vom Wasser ausgewaschen sind: Die oberste befindet sich direkt am Sockel des Turmes; hier war die Küste I. Der Fuß des Turmes selbst trägt Anzeichen dafür, dass die Meereswellen einige Zeit daran genagt haben; es handelt sich wohl um die Hochwassermarke. Die zweite Küste liegt auf der Höhe der heutigen Straße. Hier und da sind kleine Höhlen ausgewaschen, untrügliches Zeichen einer Brandung. Die dritte Küste kann man hier leider nicht sehen; sie befindet sich weiter nördlich am Ufer des Andarax-Flusses, einige hundert Meter von hier.

Die — heute! (Anm. d. Red. EFODON) — dem Land zugekehrte Seite des Hügels ragt steil in die Höhe. Sie muss fast senkrecht gewesen sein, denn der Turm steht heute schräg geneigt, was sicher auf eine Hebung des gesamten Untergrundes zurückzuführen ist. Die Seite, die dem Mittelmeer zugewandt ist, fällt sanft ab und zeigt noch Auswaschungen von den Gezeiten des Meers.«

Abb. 3 Das Frontcover der einige Jahre nach der Erstveröffentlichung dieses Artikels erschienenen, ausführlichen Abhandlung von François de Sarre zu seiner Hypothese einer rezenten Flutung des mediterranen Beckens. Dieses lesenswerte Buch ist heute leider nur noch antiquarisch zu beziehen.

Hier ist offensichtlich noch Klärungsbedarf gegeben, teils vor Ort durch Begehung der Mittelmeerküsten, teils durch definitionsmäßige Einigung darüber, inwiefern die von Topper wiederentdeckten alt-iberischen Kulturen als historisch, protohistorisch oder prähistorisch zu bezeichnen sind.

Der wegen seiner überzeugenden Fakten-Präsentation eindrucksvollste Teil der de Sarreschen Arbeit ist zweifellos jener, in dem die Affinitäten zwischen den Faunen zu beiden Seiten der Straße von Gibraltar behandelt werden. Er zeigt nämlich, dass die einstige »Landenge« bei Gibraltar eine massive, breite Landbrücke gewesen sein muss, und zwar so breit, dass sogar die Binnengewässersysteme (Flüsse, Bäche, Seen, Sümpfe) ineinander übergingen, so dass Frösche und andere Süßwasserbewohner sich ungehindert zwischen Andalusien und Marokko hin- und herbewegen konnten. Aus der Verbreitung des Chamäleons lässt sich ablesen, dass die Landbrücke auch bewaldet gewesen sein muss. Über diese Landbrücke muss auch der (sonst in Afrika nicht heimische) Bär, von Europa kommend, bis nach Marokko vorgedrungen sein, wo er für historische Zeiten noch bezeugt ist.

Diese Landbrücke erlaubte es bis in frühgeschichtliche Zeit hinein, dass Tier und Mensch von Nordafrika zur Iberischen Halbinsel — und umgekehrt — »trockenen Fußes« überwechselten. De Sarre hebt hervor, dass noch die antiken Schriftsteller (Pomponius Mela, Diodor, Plinius) von dieser einstigen Landverbindung an der Stelle der späteren Straße von Gibraltar wussten. Erst um die Zeit des biblischen Exodus — um -1.446 nach gängiger Bibelexegese — sei, nach einer langen Periode tektonischer Unruhen und wechselnder Meerestransgressionen, diese Landbrücke endgültig verschwunden [5], meint de Sarre. Der Rezensent hält eine Datierung um -700 für wahrscheinlicher [6].

Ein solches, von de Sarre wahrscheinlich gemachtes Szenario, muss naturgemäß allerhand Fragezeichen bezüglich liebgewordener Vorstellungen zur Vor- und Frühgeschichte des Mittelmeerraumes in unserem Geist auftauchen lassen. Und nicht nur hinsichtlich des Mittelmeerraumes! De Sarre vermutet, dass die Träger der Cro-Magnon-Kultur — von Nordafrika kommend — über die Landenge von Gibraltar nach Europa gelangten. In gewissem Widerspruch dazu steht seine unmittelbar darauf geäußerte »persönliche Hypothese«, dass sie zu Schiff von Mittelamerika oder der Karibik nach Europa gelangt seien. Denn dann hätten sie ja auch gleich die europäischen Flussmündungen hinauffahren können [7]. Ähnlich sieht de Sarre in den »Megalithikern« weltweit aktive, mit hervorragendem Kartenmaterial versehene Proto-Phönizier, die er mit den legendären »Atlantern« gleichsetzt.

Eine bemerkenswerte Arbeit, von der man sich möglichst bald eine erweiterte und noch besser recherchierte Version in Buchform (Abb. 3) wünschen möchte! In dieser sollte dann aber ein Hinweis auf die beiden »großen alten Männer« nonkonformistischer Vorgeschichtsforschung — Velikovsky und Spanuth — nicht mehr fehlen [8].

Unbedingt eingegangen werden sollte auf die Konsequenzen, die sich aus de Sarres Forschungsergebnissen für das von J. Touchet [9] präsentierte Szenario ergeben, wonach das einstige Mutter-Zentrum aller mediterranen und nahöstlichen Zivilisationen im iberischen Westen lag. Nach Touchet fand der Exodus an der Stelle der Straße von Gibraltar statt, die sich damals, de Sarre zufolge, in ständiger tektonischer Veränderung befand. Wichtig wäre auch, dass de Sarre die neueren Vorschläge für eine drastische Chronologie-Verkürzung [10] zumindest tentativ in sein Szenario einbaut. Erst dann wird seine verdienstvolle Arbeit als der Meilenstein erkannt werden, den sie darstellt.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Dr. Horst Friedrich © wurde erstmals veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 14/1996. Bei Atlantisforschung.de erscheint er in einer redaktionell bearbeiteten Online-Fassung nach: http://www.efodon.de/html/archiv/rezi/friedrich/rezi1.htm

Fußnoten:

  1. Siehe: François de Sarre: »L'Isthme de Gibraltar«, in: MÉDITERRANÉA, No. 58, Carcassonne 1995. Eine erweiterte deutschsprachige Version dieser Arbeit wird vom EFODON e.V. in der Edition MESON veröffentlicht werden.
  2. Anmerkung: De Sarres Szenario hat erhebliche Affinitäten zu Emilio Spedicato: »Apollo Objects, Atlantis and the Deluge: A Catastrophical Scenario for the End of the Last Glaciation", in: NEARA JOURNAL, Vol. XXVI/No. 1-2, 1991. Bei Atlantisforschung.de in deutschsprachiger Erstveröffentlichung unter dem Titel: "Galaktische Begegnungen, APOLLO-Objekte und ATLANTIS"
  3. Siehe hierzu etwa Gernot L. Geise: »Antikes Mallorca - Frühzeit-Anlage an der Südküste«, EFODON-DOKUMENTATION DO-14, Wessobrunn 1993, und G. Jondet: »Les ports submergés de I'ancienne î1e de Pharos«, in: Mémoires présentés à l'Institut Égyptien, Kairo 1916.
  4. Siehe: Uwe Topper: »Das Erbe der Giganten«, Olten/Freiburg 1977.
  5. Vergl. hierzu Jacques Touchet: »La Grande Mystification«, kapitelweise veröffentlicht in MEDITERRANEA, No. 29 (1988) - No. 47 (1992), Carcassonne.
  6. Siehe hierzu etwa Horst Friedrich: »Velikovsky, Spanuth und die Seevölker-Diskussion (etc.)«, 2., erweiterte Auflage, Wörthsee 1990.
  7. Anmerkung: Ein wichtiger Vorläufer de Sarres hierzu ist Marcel F. Homet: »Die Söhne der Sonne«, Olten/Freiburg 1958.
  8. Siehe: Jürgen Spanuth: »Atlantis«, Tübingen 1965; Immanuel Velikovaky: »Worlds in Collision«, London 1963; zu beiden besonders auch Friedrich, op.cit. 1990.
  9. Siehe: J. Touchet: op.cit.; hierzu auch Horst Friedrich: »In welchem Land lag der Salomonische Tempel?«, in: EFODON SYNESIS Nr. 4/ 1994; sowie bei Atlantisforschung.de
  10. Anmerkung: Velikovskys Vorschläge hierzu waren teils ernstzunehmend, teils unhaltbar. Das große, aus der Diskussion nicht mehr wegzudenkende Pionier-Werk hierzu war John Dayton: »Minerals Metals Glazing & Man«, London 1978. Der nächste große Meilenstein war Gunnar Heinsohn: »Die Sumerer gab es nicht«, Frankfurt a. Main 1988. Ebenfalls wichtig in diesem Zusammenhang: Heribert Illig: »Die veraltete Vorzeit«, Frankfurt a. Main 1988.

Bild-Quellen:

1) Tetrapod Zoology, "Aquatic proto-people and the theory/hypothesis of initial bipedalism" (Darren Naish)
2) http://www.efodon.de/html/archiv/rezi/friedrich/rezi1.htm (nicht mehr online)
3) Bild-Archiv Atlantisforschung.de