Briefe über Amerika - Brief Nr. 5 (1777)

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von Giovanni Rinaldo Carli

Abb. 1 Graf Giovanni Rinaldo Carli, Verfasser der 'Briefe über Amerika'

Nicht nur aus der Aehnlichkeit der Sitten, der Gebräuche, der Religion und der Sprache, können wir, wie wir schon gethan haben, auf die alte Gemeinschaft zwischen der einen und der andern Halbkugel schließen; sondern auch aus einer beständigen Tradition, durch welche die Nachrichten von den alten Begebenheiten und Ereignissen aufbehalten werden.

Die alte von Plato im Timäus angeführte Tradition von Ägypten ist Ihnen hinlänglich bekannt. Ich läugne nicht, daß dasjenige, was er über die Atlantiden gesagt hat, für eine Fabel gehalten worden ist; aber um dieses zu behaupten, muß man dem Plato den Vorwurf eines Betrügers machen, oder ihn beschuldigen, dasjenige, was er bey dieser Gelegenhheit in dem andern Dialog, Critias betitelt, bezeugt und versichert, nicht untersucht zu haben.

In diesem nun sagt Plato, daß Solon aus den aegyptischen Büchern die alten Nachrichten abgeschrieben, daß er selbst diese Schrift oder die Abschrift derselben, dem Großvater des Critias gegeben, und daß sie Critias bey sich selbst in Verwahrung gehabt habe. Plato ist gewohnt, der Fabel den Namen Fabel zu geben; aber in der Nachricht von der Ankunft der Atlantiden sowohl im Timäus, als in dem Critias, versichert er, daß es eine alte Geschichte, und daß es zwar eine bewunderungswürdige, aber eine zuverlässig wahre Sache sey.

In dieser Schrift nun des Solons las man, daß sich, jenseits der Säulen des Herkules, eine sehr grose Insel, gröser als Asien und Libyen befände, welche von dem Atlas, dem erstgebohrnen Sohne des Neptuns, Atlantis hieß, welcher Name sich auch auf das dazwischen befindliche Meer erstreckte; daß Atlas einen Bruder, namens Gadirus, gehabt habe; daß diese Völker in unser festes Land einfielen, daß Gadirus die Inseln eroberte, welche sich am nächsten bey den Säulen des Herkules befanden, welcher Ort von seinem Namen Gadiricum benennt wurde, woraus Gaditanum entstand.

Hierauf wurde dieses grose Land sehr genau beschrieben, und auch einige Gesetze und Gebräuche angeführt, bey welchen in der That, wie es scheint, die Aegypter mehr ihrer Einbildungskraft als der Wahrheit gefolgt haben. Da aber der übrige Theil dieses Dialogs verlohren gegangen ist, so nehmen wir zu dem Timäus unsere Zuflucht, in welchem angemerkt wird, daß die Atlantiden auf der einen Seite in Afrika bis nach Aegypten, und auf der andern bis zu den Tyrrheniern eingedrungen wären, daß die Völker von Athen, von denen die Einwohner von Sais abstammten, sich zur Wehre gesetzt, und nach einem langen Kriege die Atlantiden verjagt hätten.

Abb. 2 Die Werke Hesiods, der vermutl. im 6. Jahrhundert v.d.Z. lebte, gehören neben denen Homers zu den Hauptquellen hellenischer Mythologie und Mythographie.

Dieses Kriegs wird auch von dem Hesiodus (Abb. 2), in der Theogonie v. 608 u. f. Gedacht, wo er anmerkt, daß Atlas, der Sohn des Japets und der Clymene, der Tochter des Ozeans, gewesen sey, und daß er, weil er, nebst dem Menöcius, dem Premetheus und dem Epimetheus, gegen den Jupiter Krieg führen wollen, darzu verdammt worden sey, den Himmel zu tragen [→] den listigen Hesperiden gegen über.

Die Dichter nannten alle diejenigen Kinder des Ozeans, welche, nach der Tradition, vorgaben, von daher gekommen zu seyn. Da aber Hesiodus ohngefähr 933. Jahr vor unserer gemeinen Zeitrechnung lebte, so kann man versichert seyn, daß die Tradition von der Ankunft der Atlantiden, und von dem Krieg derselben, sehr alt gewesen sey, nämlich ohngefähr 1000. Jahr v. C. Welches so viel als ohngefähr 700. Jahr vor Plato sagen will. Diese Tradition wird durch die Fabel von den Titonen bestätigt, Menschen von einer riesenmäßigen Gröse, die Krieg in Aegypten führten, der uns von den Griechen als ein Krieg wider Jupiter vorgestellt wird. Daher auch Klemens von Alexandrien (Strom. Lib. I) behauptet, daß der lybische Atlas der erste gewesen sey, welcher Schiffe verfertigt habe.

Auf der andern Seite fanden die Europäer in Amerika eine andere Tradition, welche die unsrige bestätigt. Kortes erstattete, wie ich erinnert habe, Karl dem V. Bericht von einer Unterredung, die Montezuma (Abb. 3) mit ihm hatte, in welcher dieser Kaiser ihm erzählte, daß sie aus einer sehr alten Tradition wüßten, daß einige ihrer Vorfahren in die gegen den Morgen gelegenen Länder gegangen wären, und er daher vermuthete, daß die Spanier Abkömmlinge von ihnen seyn müßten, weswegen er sie auch als Mitbürger aufnahm, und sie ersuchte zu glauben, daß sie sich in ihren Häusern und in ihrem alten Vaterland befänden.

Herrera und Solis hinterbringen uns das Gespräch des Montezuma wörtlich, in welchem sie diese Worte ausführen: Wisset, daß es unter uns nicht unbekannt ist, und daß wir eurer Versicherung nicht bedürfen, um zu glauben, daß der große Prinz, dem ihr dient, von unserm alten Quezecoal [1] dem Beherrscher der sieben Hölen der Navatlachos, und rechtmäßigem Könige der sieben Nationen, welche das Reich von Mexiko gestiftet haben, abstamme. Wir haben aus einer der Prophezeyungen, die in unsern Jahrbüchern aufgezeichnet sind, die Nachricht, daß er aus dem Lande ging, um gegen den Morgen neue Länder zu erobern, und daß er das gewisse Versprechen zurück gelassen hätte, daß in der Folge der Zeit seine Nachkommen wieder kommen würden, um die Gesetze zu verbessern, und die Regierungsform zu reformiren. Herrera fügt einen Umstand hinzu, nämlich, daß die Kaiser von Mexiko von einem Prinzen abstammten, der aus Osten gekommen, und hierauf wieder dahin zurückgegangen wäre. Die Prophezeyung ist in der That nicht richtig, denn, anstatt Verbesserung der Gesetze und der Regierungsform, hätten sie sagen sollen, Zerstörung des ganzen Landes.

Abb. 3 Montezuma II., der letzte Kaiser der Azteken

Dem sey indeß wie ihm wolle, wir finden eine alte Tradition in Aegypten und in Griechenland, daß von dem Ozean herüber eine kriegerische Nation gekommen sey, welche in Spanien, Italien und einem großen Theil von Afrika eingedrungen wäre; und in Amerika finden wir ebenfalls eine Sage, daß aus einer Halbkugel ein groser Prinz gekommen sey, um Länder und Reiche in der unsrigen zu erobern.

Aber wenn hat sich dieses zugetragen? Unsere Geschichtschreiber, die sich, aus einem, dem Menschen eigenen, Stolze als den Mittelpunkt und den Ursprung betrachten, haben untersucht, wenn und wie die Völker unserer Halbkugel nach Amerika haben übergehen können. Der gute Gonzalo d'Oviedo [2] will beweisen, daß Atlas ein Italiäner gewesen sey, daß sein Bruder Hesperus nach dem Herkules in Spanien regiert habe, daß derselbe der zwölfte König in Spanien gewesen wäre, daher dieses Reich Hesperien genennet wurde; und daß folglich, da die Könige von Spanien die Beherrscher der Hesperiden wären, welche nicht die glücklichen Inseln, sondern wirklich, einem Vorgeben nach, jene große Halbkugel waren, die Oberherrschaft Karl des V. über Amerika deutlich dargethan sey.

Grotius sagt, daß die mitternächtlichen Völker von Amerika, durch den Uebergang der Norwegen, über die Inseln von Island, Friesland, Estotiland nach Grönland, Abkömmlinge von demselben wären, und nimmt also, obwohl stillschweigend, die Nachricht des Nicolaus Zenus [3] an, die aus den Briefen des Herrn Ritters Nicolaus genommen ist, welcher im Jahr 1380 aufs baltische Meer ging, auf dem er Schiffbruch litte, und auf den Inseln, vielleicht auf den orkadischen, einen Prinzen, namens Zichmi, fand, unter welchem er Entdeckungen bis nach Grönland machte, und wider den König von Norwegen Krieg führte, was aber die mittägigen Völker anbetrift, so nimmt Grotius keinen Anstand, sie von den Chinesern, den Aethiopiern, und den Afrikanern abstammen zu lassen.

Von Lart und Horn, die von uns öfters angeführt worden sind, finden verschiedene leichte Wege, von Asien nach Amerika, (welches jetzt die große Bemühung der Russen ist,) um die Scythen, die Mogoln, die Tartarn, und die Chineser hinüber gehen zu lassen, und eben so leicht finden sie den Weg der Phönizier, der Karthaginienser, der Kananäer durch das atlantische Meer. Acosta, Escarbot, Breeernivood, Moraes, Gumilla lassen sie von Cham oder von den Tartarn, den Karthaginiensern u.s.w. abstammen.

Von diesen ersten Auswanderungen aus unserer Halbkugel, in jene, wird immer noch die Frage übrig bleiben, wie die Menschen es haben wagen können, sich, ohne zu wissen, wo sie hingiengen, mit kleinen Kähnen, auf das hohe Meer zu begeben; und wie sie, ohne Beyhülfe des Kompasses, ein bekanntes und fruchtbares Land, wie Asien, Afrika oder Europa war, haben verlassen können, um ein anderes zu suchen, das sie nicht kannten, und dessen Daseyn so gar, durch die Meinung, daß es keine Gegenfüßler geben könne, widerlegt wurde; und, was noch mehr ist, wie sie diesen kleinen Kähnen nicht alleine Weiber, sondern auch Haasen, Kaninchen, Affen, Wölfe, Tieger, Schlangen, und die unzähligen Geschlechter von Landthieren und Geflügeln, die sich in jener Halbkugel befinden, haben anvertrauen können?

Abb. 4 Pierre Daniel Huet (1630-1721) gehörte zu den Gelehrten seiner Zeit, laut welchen Amerika von Phöniziern und Karhagern besiedelt worden sein sollte.

Eine andere sonderbare Bemerkung macht der P. Gumilla [4]. In Amerika, sagt er, findet man vierfüßige und geflügelte Thiere, die nur diesem Lande eigen sind, wie die Vikunnas, die Pakos, die Hammel von Peru, die Tropillos, (Gellinassen,) die Tukan´s [5], die Tomineos [6], die Guanaw´s, und eine unendliche Anzahl anderer Thiere.

Wie ist es nun möglich, sagt er, daß sie aus unserer Halbkugel nach Amerika übergegangen seyn, Sans qu'l en soit resté un seul, pas même dans souvenir? In der That hat man auf unserer Halbkugel von diesen Thieren niemals einen Begriff gehabt. Bey alle dem bezeichnet Herr Huet den Weg, den die Phönizier und die Karthaginienser (welche aber weder Weiber noch Schlangen mit aufs Meer nahmen,) genommen haben sollten, um Amerika zu bevölkern, ohnerachtet sie zufälliger Weise, durch die Winde, welche zwischen den Wendekreisen wehen, dahin sollen verschlagen worden seyn. [7] St. Augustin aber schließt so: nimis absurdum est, ut dicatur, aliquos homines ex hac in illam partem Occani immensitate trajecta navigare ac pervenire potuisse. [8]

Ich läugne nicht, daß in den alten und mittlern Zeiten, durch den Zufall, Reisen auf dem Ozean gemacht, und Inseln auf demselben entdeckt worden sind, die man aber, aus Mangel des Kompasses, in der Folge nicht wieder gefunden hat.

Aristoteles, oder, richtiger zu reden, der Verfasser des Buchs, von wunderbaren Dingen, und Theophrast hinterbringen uns, daß im Jahr 356. nach Erbauung der Stadt Rom, welches den Zeiten des Aristoteles ziemlich nahe ist, ein karthaginiensisches Schiff in den Ozean eindrang, und eine sehr angenehme Insel entdeckte, auf welcher ein Theil der Mannschaft zurückblieb, und daß, als die übrigen nach Karthago zurück kamen, der Senat sie alle umbringen ließ, damit diese Entdeckung nicht bekannt würde. Es ist wahrscheinlicher, daß ihnen nur ein Stillschweigen auferlegt wurde.

Diodor (B. 5) schreibt, daß die Phönizier vom Winde verschlagen wurden, und von den Ufern Libyens, nach Verlauf von vielen Tagen, an eine große, gegen den Abend gelegene, Insel kamen, welche an allerley Produkten fruchtbar war, und daß, als sie auf derselben einen Pflanzort anlegen wollten, die Karthaginienser sich darwider setzten; nicht allein, sagt Diodor, aus Furcht, daß ihre Mitbürger, durch die Güte des Bodens gereizt, ihr Vaterland verlassen möchten, sondern auch, um einen Zufluchtsort, im Fall des Untergangs der Republik zu haben.

Abb. 5 Bereits Aristoteles ging von der Existenz von Inseln und Ländern jenseits des Ozeans aus.

In dem Buch de Mundo (cap. 3.) behauptet Aristoteles zu wiederholten malen, daß es wahrscheinlich sey, daß es jenseits des Ozeans andere Inseln und feste Länder gäbe, die gröser als unseres, obgleich uns unbekannt wären. Anderer ungewisser Traditionen von verschiedenen Inseln des atlantischen Meeres gedenkt Plinius, [9] nach dem Zeugnis des Ephorus, des Eudor, des Timosthenes u. a. namentlich der Hesperiden, der Gorgaten, der Atlantiden; ja er fügt hinzu, Statius Sebosus versichern, daß man von den gorgatischen Inseln 40. Tage brauche, ehe man zu den Hesperiden gelange. In so viel Zeit segelt man von den Kanarien, oder den Inseln des grünen Vorgebürges, nach Amerika.

Plinius beschreibt in dem folgenden Kapitel die kanarischen Inseln genau, wovon er jeder ihren besondern Namen giebt, die erste nämlich nennt er Ombrion, die zweyte Junonia, die dritte Capraria, die vierte Nivaria, und die fünfte Kanaria. Aelian versichert, Silen habe den Midas gelehrt, daß Europa, Libyen und Asien eine Insel ausmachten, die vom Meer umgeben wäre, daß jenseits des festen Ozeans das wahre veste Land sey, in welchem die Menschen von größerer Statur, als in dem unsrigen wären, länger lebten, und daß sich daselbst Gold und Silber in großer Menge befände. [10] Er nennt auch einige von den Städten, z.B. Machimon, und fügt, nach dem von dem Theopomp angeführten Zeugniß des Silens, hinzu, daß diese Völker auch einstmals auf unsere Halbkugel gekommen wären. Gleichförmige Traditionen hatte vielleicht Lucian, und vornämlich Virgil, welcher [11] [→] Oceani finem juxta solemque cadentem die Hesperiden, woher, nach dem Vorgeben der Dido, die Wahrsagerin gekommen seyn sollte, versetzt. So singt Seneca, in dem Chor der Medea, als ein Prophet:

......venient annis
Secula feris, quibus Oceanus
Vincula rerum laxet, et ingens
Pateat Tellus, Typhisque novos
Detegat orbes, nec sit Terris
Ultima Thulae.

In diese unbekannten Länder, von deren Daseyn aber eine beständige Tradition redete, versetzten also die Alten die Hesperiden, und hierauf den Sitz der Seligen nach dem Tode, nämlich Elysium, wie uns Tzetzes, Strabo, u. a. melden. Die Reise des Hanno dürfen wir nicht anführen, denn er umsegelte blos Afrika bis zu den Küsten von Guinea und Senegal, und höchstens kann man vermuthen, daß er an einer Insel des grünen Vorgebürge gelandet habe, wo er die Fabel von den Feuerflüssen, den Pauken und den Trommeln schmiedete, die man in dem Periplus liest, welcher seinen Namen führt, wenn er nicht den Meerphosphorus, der in der That an diesen Küsten sehr gemein ist, oder jene Schwärme von Insekten, oder leuchtenden Seewürmern, für Feuerflüsse angesehen hat, welche zuerst Vianello von Chiozza entdeckte, und die, im Jahr 1749. in Venedig, verschiedene von meinen gelehrten Freunden, in Gesellschaft und auf dem Landhause unseres schätzbaren und werthen Freundes, des Senators Angelo Querini, dem Abt Rollet, beobachten ließen. Hier sammelte er die Kenntnisse und Erfahrungen, von denen er in der Folge in Frankreich, in seinem Bericht an die Akademie, als von einer Entdeckung, die ihm ganz zugehöre, Gebrauch machte, ohne der Art, wie er hierzu gelanget war, im geringsten zu gedenken.

Abb. 6 Der Philosoph und Mathematiker Pythagoras wusste vermutlich bereits um die Kugelgestalt der Erde und gab dieses Wissen u.a. über Platon an Aristoteles weiter.

Diogenes von Laerte [12] sagt deutlich, einer der Lehrsätze der pythagoräischen Schule wäre gewesen, daß die Erde rund sey, daß es Antipoden gebe, welche ihre Füsse nach den unsrigen zu kehreten. Eben dies versichern auch Julius Solinus. [13] Diese so wahre, und durch die Wirklichkeit bestärke Meinung wurde, wenn wir den Geschichtschreibern glauben wollen, von den Kirchenvätern geläugnet, und von ihnen verboten, sie zu behaupten und zu glauben. Plutarch [14] versichert, daß der Lehrsatz von der Bewegung der Erde, dem Philolaus eigen gewesen sey; aber Aristoteles [15] schreibt sie den Pythagoräern zu.

Sonderbar ist auch dasjenige, was Plinius [16] nach dem Zeugniß des Kornelius Nepos, erzählt, nämlich, daß dem Q. Metellus Celer, als er Proconsul in Gallien war, von dem Könige der Sueven, einige Indianer zum Geschenke geschickt wurden, die durch einen Sturm, in einen von seinen Häfen verschlagen worden waren. Diese Begebenheit ist von dem Pomponius Mela nachgeschrieben worden. [17] Jene Indianer können höchstens von Grönland gewesen seyn, wo die Menschen mit denjenigen, welche das Land Labrator bewohnen, oder den Eskimos von gleicher Art sind, die in der That ein Gegenstand der Verwunderung bey den Römern haben seyn können. Herr Huet, in der Geschichte der Handlung [18], da er dieses Factums gedenkt, ist entschieden, zu glauben, daß diese Menschen Lappländer gewesen, welche durch den Ungestüm der Winde, an die Küsten von Deutschland geworfen worden wären. Diese Meinung dünkt mich noch wahrscheinlicher zu seyn.

Es ist ohnstreitig wahrscheinlich, daß man durch den Weg über Island, auch in spätern Zeiten an dem festen Lande des mitternächtlichen Amerika´s von unserer Halbkugel aus, zuweilen gelandet habe; und aus dem Bericht der Zeni, ohngeachtet einige Fabeln hinzugekommen sind, kann man schließen, daß diese Reise wirklich gemacht worden sey. In der Sammlung des Hakluynt, und nach dem Zeugnis des Pawel, wird die Unternehmung des Madoc, des Sohnes von Owen Guyned, Prinzen von Galles, vom Jahr 1170. gerühmt, welcher, sagt man, gegen Abend seegelte, und ein, mit Lebensmitteln und Gold überflüßig versehenes Land entdeckte, auf demselben 120. Menschen zurück ließ, und, nachdem er nach Engeland zurückgekehrt war, und eine neue Flotte ausgerüstet hatte, die Reise noch einmal unternahm, aber, daß man von ihm keine weitere nachricht erhielt. Zum Beweis von allem diesem, werden vom Pawel, in der Geschichte von Galles, vier Verse eines gewissen Marrdich angeführt, welcher aber ums Jahr 1477. lebte, und in denen nichts anderes gesagt wird, als daß Madoc ein Vergnügen daran gefunden hätte, neue Länder zu suchen, ohne zu bestimmen wo, oder welche.

Wenn es indeß, wie alte Geschichtschreiber versichern, mit dem Privilegium, das Ludwig der Gute im Jahr 834. unter dem 16ten May der Kirche von Hamburg ertheilt haben soll, seine Richtigkeit hat, so müssen wir hieraus schließen, daß die nordischen Inseln, Island und Grönland, in jenen bekannt gewesen sind, wodurch die Reise und der Bericht der Brüder Zeni einen höhern Grad von Wahscheinlichkeit erhalten.

Abb. 7 "Entdeckte" Leif Erikson Amerika? Carli war von weit früheren transatlantischen Kontakten überzeugt

In der That scheint es auser Zweifel zu seyn, daß Grönland in denjenigen Zeiten, die wir die mittlern nennen, bekannt gewesen sey, wenn es wahr ist, daß man daselbst noch immer Uiberreste von alten Gebäuden findet, die auf europäische Art eingerichtet gewesen sind; und wenn man demjenigen, was der, übrigens scharfsinnige, Herr Mallet, in seiner Einleitung zur Geschichte von Dännemark schreibt, Glauben beimißt. Er sagt nämlich, daß 100. Jahr nach der Entdeckung von Island, ein Herr, namens Torwald, ein Norwege, wegen eines im Zweykampf begangenen Mords, aus Norwegen entflohen, und nach Island gegangen sey, aus welcher Insel in der Folge sein Sohn Heinrich, wegen einer gleichen Ursache, habe fliehen müssen, und, nachdem er sich eingeschifft, im Jahr 982. dasjenige Land entdeckt, welches er Grönland d. i. grün Land genennt, und einen isländischen Pflanzort angelegt habe.

Sein Sohn Leif (Abb. 7), welcher einige Zeit darauf nach Norwegen gieng, macht eine votheilhafte Beschreibung von diesem Lande, und der König Olaus Trugeson, der damals ein Christ geworden war, schickte eine Kolonie dorthin, und ließ die Stadt Garde, und in der Folge Albe erbauen. Die Grönländer bezahlten an Norwegen bis zum Jahr 1348 einen Tribut. Eine Pest, oder ein anderer Zufall, richtete diesen Pflanzort, und auch die Stadt zu Grunde, und die Spur ging so gänzlich davon verlohren, daß die Dänen keine neuere Niederlassungen daselbst errichteten.

Im Jahr 1446 ereignete sich die grose Uiberschwemmung des Meeres, welche nur allein in Friesland an 300. Dörfer wegspülte. Vielleicht ist diese Uiberschwemmung in Grönland noch gröser als anderwärts gewesen, und vielleicht hat das Meer einen Theil der mittägigen Gegenden, auf denen sich diese alten Niederlassungen befanden, ja wohl gar einige von den Inseln verschlungen, deren in dem Bericht der Zeni gedacht wird, und welche man jetzt nicht mehr findet. So viel ist indeß gewiss, daß niemals eine Fahrt nach dem grosen festen Lande von Amerika unternommen worden ist.

In der That, gaben die Spanier, welche einem Italiäner den Ruhm einer so grosen Entdeckung nicht gönneten, vor, daß Christoph Kolomb von einem Seefahrer, welcher auf einer Reise nach den kanarischen Inseln, durch einen Sturm an jenes grose feste Land verschlagen worden wäre, genaue Nachricht erhalten habe; allein, da man weder den Namen, noch das Vaterland dieses Seefahrers jemals zuverlässig hat angeben können, und ihn bald für einen Andalusier, bald für einen Biscayer, bald für einen Portugiesen ausgegeben hat, und man überdies die Schwierigkeiten weiß, die Kolomb fand, um die Prinzen zu einem so gewagten Unternehmen zu bereden, ohne daß jemals gemuthmaßt worden sey, daß er wirkliche Nachrichten habe; so bleibt ihm immer der Ruhm der Entdeckung unangefochten.

Abb. 8 Carli sah eine sehr alte Überlieferung von transatlantischen Ländern, die bis auf Solon (Bild) und die Kultur der Alten Ägypter zurückgeht.

Ich muß ihnen indeß eine Sache gestehen. Es wird ohngefähr 34. Jahr seyn, daß ich in den Händen des Procurators Foscarini, der in der Folge Doge wurde, eine geographische Karte sahe, von welcher gesagt wurde, daß sie ums Jahr 1436. gemacht worden sey, auf der ein Land, oder eine Insel, ohngefähr in der Gegend von St. Domingo, gezeichnet war. Unterdessen macht der Bruder Maurus auf seinen grosen im Jahr 1449. verfertigten und in der Bibliothek von St. Michaele di Murano befindlichen Planisphär, nicht die geringste Anzeige davon. Man hat mir hinterbracht, daß sich jetzt diese geographische Karte, man weiß nicht durch welchen Zufall, auf der Bibliothek von Parma befände; aber vielleicht wird die in Parma befindliche, eine andere venetianische Karte seyn. Dem sey wie ihm wolle, man hat im 14ten und 15ten Jahrhundert in Venedig Karten und Registrierbücher von Seehäfen verfertigt, auf welchen die äusersten, gegen Amerika gelegenen, Inseln des Ozeans angezeigt sind: aber vielleicht sind sie mehr nach der alten Tradition, von den Hesperiden, als durch die Kenntnisse von dem Factum selbst, auf dem selben bezeichnet gewesen.

Alles dieses ist ein hinlänglicher Beweis von einer beständigen Tradition, daß sich jenseits des Ozeans ein groses festes Land befinde, welches vorzüglich an Gold und Silber reich wäre, welche Tradition uns anzeigt, daß vormals die Völker des Ozeans in unsere Länder gekommen seyen, wovon die ägyptischen Nachrichten, welche Solon besaß, weitläuftig und ausführlich zeigten, und mit welchen die Traditionen der Mexikaner übereinstimmten.

Aber sie fragen mich voller Ungeduld nochmals: zu welcher Zeit eine solche gegenseitige Gemeinschaft unter den Menschen habe Statt finden können? Ich antworte Ihnen: in sehr alten Zeiten. Pauw will, daß die Länder von Amerika neu seyn sollen; ich halte sie im Grunde für alt, und noch mehr, ich glaube, daß sie von gesitteten Völkern bewohnt gewesen, und in der Folge grosentheils vom Ozean überschwemmt worden sind. Diese Beobachtung ist zu allererst vom Plinius gemacht worden, welcher [19] von den kanarischen Inseln sagt, daß auf denselben Spuren von alten Gebäuden gefunden werden. Auch in verschiedenen Gegenden von Amerika fand man Uiberreste von grosen Gebäuden, welche älter als diejenigen Völker waren, die dieses Länder bewohnten.

Garcilasse V. 3. c. I. beschreibt uns ein groses Gebäude im Lande Tiahuanacu, nämlich einen durch Kunst erbauten Berg, welcher in verschiedene Stockwerke eingetheilt, und ganz von Steinen war; er sagt, daß er den Gebrauch desselben nicht wisse, aber es scheint eine Art von Pyramide zu seyn. In einer anderen Gegend hat man die kollossalische Bildsäulen zweener grosen Riesen gefunden, welche in Stein gehauen waren, lange bis auf die Erde gehende Kleider und Müzen auf den Köpfen hatten, die aber durch die Länge der Zeit grosentheils verzehrt waren. Man hat auch darselbst eine lange und dicke Mauer von grosen Steinen und viele Uiberreste von auserordentlichen Gebäuden, als sehr große Thore, männliche und weibliche Statuen von gewöhnlicher Gröse, einige mit Gefäsen in der Hand, andere sitzend, andere stehend, einige mit Kindern an der Brust, andere, die sie an der Hand hielten, und verschiedene andere Alterthümer gefunden, unter welchen ein Gebäude beschrieben wird, das aus einem einzigen Stück von einem grosen Felsen verfertigt war, welches unglaublich scheint.

Abb. 9 Das zerborstene (heute reparierte) Sonnentor von Tiahuanaco. Bereits Carli vermutete ein enormes Alter der dortigen Ruinen.

Jene Völker sagten, daß die Gebäude in einer Nacht, durch magische Kunst, ausgeführt worden, und daß die Statuen, Körper von Männern und Weibern seyn sollten, welche wegen ihrer Verbrechen in Steine verwandelt worden wären. Eben diese Fabeln beweisen das Altherthum dieser Werke, denen man noch einige von den Pyramiden in Mexiko und in Yucatan hinzufügen könnte, welche zuverläßig nicht von denjenigen Völkern, die zur Zeit der Eroberung diese Länder bewohnten, erbaut worden sind. Endlich will ich Ihnen noch eine Bemerkung machen, welche ein sehr hohes Alterthum anzeigt, und die spätern vorgeblichen Reisen der Phönizier, der Hebräer, der Chineser u.s.w. in dieses Land, widerlegt.

In Amerika, sowohl auf den Inseln, als auf dem festen Lande, hat man Weinstöcke und Trauben in Menge, aber unangebaut, und doch hat man keinen Wein gefunden. Die Eisenminen waren nicht unbekannt, aber nie haben die Völker von diesem Metall Gebrauch gemacht. Hingegen bedienten sie sich des Biers statt des Weins, und zu den schneidenden Waffen scharfer Steine, und gehärteten Kupfers statt des Eisens. Sie hatten überdies eine große Menge Goldes und Silbers, welches sie vortrefflich reinigten, und Gefäße Statuen und unendliche Arten von Arbeiten daraus verfertigten, und hatten doch keinen Begriff von Münze. Endlich, um die Nachrichten, die Rechnungen, und alles, was aufgezeichnet werden mußte, aufzubewahren, bedienten sich die Mexikaner der Hieroglyphen, und die Peruaner der Schnürchen mit Knoten; aber man hat keine Spur von Buchstaben oder Schrift gefunden. Die Gemeinschaft der Communication dieser Völker also mit den Völker unserer Halbkugel, muß vor der Entdeckung des Eisens, der Erfindung der Münze, des Weins und der Schrift, Statt gefunden haben; denn wenn zu denjenigen Zeiten, als diese Dinge schon in Gebrauch waren, jemand von den Unsrigen dahin gekommen wäre, so würde er eines oder das andere von diesen Dingen mit gebracht haben, und es würde dasjenige geschehen seyn, was zur Zeit der Entdeckung geschahe, nämlich eine schnelle Einführung, vorzüglich des Eisens und der Münze.

Für diesmal mag es genug seyn, Ihnen so viel gesagt zu haben, wenn ich kann, so werden wir in unsern Untersuchungen weiter gehen. Leben sie wohl.

Den 3. December. 1777.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Brief von Giovanni Rinaldo Carli wurde der deutschen Fassung seiner 'Lettere americane' entnommen, die 1785 in Gera unter dem Titel "Briefe über Amerika" erschienen ist (Band II, 5. Brief, S. 103-129). Bei Atlantisforschung.de erscheint er in einer redaktionell bearbeiteten Version nach der digitalisierten Ausgabe des Göttinger Digitalisierungszentrum (GDZ)

  1. Anmerkung: Er wird auch Quetzalcoatl genennt; aber wir wollen uns nicht darauf einlassen, alle Namen zu berichtigen, sondern wir halten uns gewöhnlich an diejenigen, welche die ersten Spanier angegeben haben, die Veränderung, die sie mit denselben vorgenommen haben, sey welche sie wolle.
  2. Siehe: Hist. Lib. II.
  3. Redaktionelle Anmerkung: Nicolo Zeno war ein venezianischer Kartograph, der Mitte des 16. Jahrhunderts lebte, und bis heute vor allem durch die von ihm verfertigte "Zeno-Karte" bekannt ist.
  4. Siehe: Hist. Tom. II. p. 219.
  5. Anmerkung des Übersetzers: Denn vermuthlich versteht der Verfasser diese amerikanischen Vögel, unter den, nach der löblichen Gewohnheit der Italiener verstümmelten Benennungen, Torpiali, Tochi.
  6. Anmerkung des Übersetzers: Ein zum Geschlechte der Kolibris gehöriger Vogel.
  7. Siehe: Demonstr. Evang. Prop. IV. cap. 7.
  8. Siehe: De civit. Dei Lib. XVI. cap. 9.
  9. Siehe: Lib. VI. cap. 31
  10. Siehe: Variae Hist. Lib. III. 18.
  11. Siehe: Aeneid. VI. v. 480.
  12. Siehe: Lib. VIII. cap. I. n. 19
  13. Siehe: Polyhist. cap. 20.
  14. Siehe: Placit. Phil. III. cap. 13.
  15. Siehe: De coelo II. 14.
  16. Siehe: Lib. II. cap. 67.
  17. Red. Anmerkung: Siehe zu dieser Begebenheit bei Atlantisforschung.de auch: "Indianische Schiffbrüchige bei den Germanen" von Alexander Braghine (1940)
  18. Siehe: Cap. 52.
  19. Siehe: Lib. VI. c. 32.


Bild-Quellen

(1) Stefano Bianchi, PUBBLICAZIONI BIBLIOTECHINA DEL CURIOSO - „Osservazioni sulla musica antica e moderna“ di Gian Rinaldo Carli

(2) CCE - Center for contemporary education, Hesiod

(3) northernblue.org, unter: Milestones for June 30

(4) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, Stichwort: Pierre Daniel Huet

(5) Wikipedia - The Free Encyclopedia, Stichwort: Aristotle

(6) Hans Zimmermann, Quellensammlung zum Weltbild der Antike und des Mittelalters: Raffael - Die Philosophenschule von Athen

(7) Texas Trifles - Happy Leif Erickson Day!

(8) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, Stichwort: Solon (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)

(9) Kurt Bilau, "Die Offenbarungen des Johannis - Ein Mondniederbruch vor 11 400 Jahren", Berlin (1935)