Euenor

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"...In dieser Ebene wiederum lag in der Mitte ein allseits niedriger Hügel. Auf diesem Hügel wohnte einer von den dort zu Anfang aus der Erde entwachsenen Männer mit Namen Euenor, welcher die Leukippe zur Frau hatte. Beide zeugten eine einzige Tochter, Kleito." (Kritias 113c-113d) [1] [2]

Abb. 1 Bereits vor der Errichtung der Atlantier-Metropole lebten Platon zufolge an diesem Ort Euenor und seine Frau Leukippe, zwei Ureinwohner der Insel, deren Tochter Kleito dem Gott Poseidon zehn Söhne schenkte.

(red) Euenor (griech.; Εὐήνωρ [3]) ist der Name des "sterbliche[n] Ahnherr[n] der Könige von Atlantis" [4], dem in der Atlantisforschung üblicherweise weitaus weniger Beachtung geschenkt wird als Poseidon, dem göttlichen Stammvater Der Atlantier-Dynastie, oder dessen Sohn (Euenors und Leukippes Enkel) Atlas. Die vermeintliche 'Ignoranz' in Hinsicht auf Euenor dürfte allerdings weitgehend auf der Tatsache beruhen, dass Platon uns in seinem berühmten Atlantisbericht nicht mehr über diesen Ureinwohner von Atlantis erzählt als das Wenige, was im eingangs wiedergegebenen Zitat aus dem Dialog Kritias zu finden ist.

Abb. 2 War Euenor einer der urtümlichen Vorfahren der heutigen Berber, wie Paul Borchardt vermutete? (Foto: Einer der noch heute nomadisch lebenden Berber Marokkos)

Wenn Euenor bisweilen doch einmal ins Zentrum atlantologischen Interesses rückt, dann vordringlich in solchen Fällen, in denen er herangezogen wird, um irgendwelche Aussagen zur Verortung von Atlantis zu begründen. So etwa bei bei Alfred E. Schmeck, einem Anhänger der Fiktionalitäts-These, der Atlantis im Rahmen einer Inspirations-Hypothese mit Sizilien assoziiert. Bei ihm wird, wie Thorwald C. Franke in seiner Rezension von Schmecks Atlantisbuch aus dem Jahr 2003 [5] bemerkt, "aus Euenor kurzerhand ein sizilischer Ureinwohner, der zusammen mit Leukippe, dem >weißen Pferd<, i.e. dem Kalkplateau der Insel Ortygia, die gemeinsame Tochter Kleito, die >Berühmte<, sprich Syrakus, gezeugt habe." [6] [7] Schmecks Auslegung ist natürlich nichts anderes als eine evidenzfreie, phantasievolle Spekulation!

Anders ist dies im Fall von Paul Borchardt (1886-1957), der Platons Atlantis in Tunesien lokalisierte und Euenor im Rahmen einer etymologisch-onomastischen Betrachtung mit dem nordafrikanischen Volk der Berber in Verbindung bringt. Ulrich Hofmann, der eine ähnliche Atlantis-Lokalisierung vertritt wie Borchardt, zitiert ihn dazu folgendermaßen:

"Euenor ist ein alter libyscher Name. Wir hören von Ibn Chaldoun, der sich auf Ibn Coteiba bezieht, daß der Stammvater der Berber Goliat war, und von diesen Uennur (Ouennour) genannt wurde. Er kennt sogar noch den Stamm der Uennour (Ouannougha) (Bd. II, S. 4), der zwischen den Sanjadja im Gebiete bei Medea hauste. [...] Aber auch heute noch ist dieser Berbername in Gebrauch. Die berühmten heißen Quellen Hammam-Ksena in Algier heißen auch Hammam Ouennougha (gh = r), ebenso wird das ganze Gebiet zwischen den Orten Aumale und Bordj bou Arreridj mit dem Namen Ouennougha bezeichnet. Dieses Gebiet ist ein uraltes Siedlungsgebiet, in dem wir viele alte Berbergräber und megalithische Ruinen finden."

Ulrich Hofmann merkt dazu an: "Wie Borchardt hier aus zuverlässiger Quelle mitteilt, galt Uennur als Stammvater der Berber. In der Atlantis-Überlieferung ist es Euenor, der gewissermaßen den Urvater der Atlanter darstellt. Es handelt sich also um eine sehr deutliche und kaum zufällige Übereinstimmung. Die Annahme eines berberischen Ursprungs der atlantischen Namen scheint somit richtig zu sein. Auch das von Borchard erwähnte algerische Gebiet Ouennougha (Ouennour) ist hier von besonderer Bedeutung, denn die Berge von Ouennougha grenzen unmittelbar an die Hodna-Berge an und sind nur etwa 50 km vom Chott el-Hodna entfernt, von dem Ort also, wo Atlantis vermutet wird. Der Urvater >Euenor< hätte sich demnach tatsächlich in unmittelbarer Nähe der Metropolis von Atlantis befunden. Borchardts Annahme, dass es sich in Platons Überlieferung nur um eine klangähnliche Übersetzung der Namen handelte, scheint auf diesen Namen bezogen absolut zutreffend gewesen zu sein." [8]

Halten wir abschießend fest, dass es sich bei Paul Borchardts oben geschilderter Interpretation des Namens Euenor - im Gegensatz zu den wilden Spekulationen Alfred E. Schmecks - um eine nachvollziehbar argumentativ gestützte und diskussionsfähige Hypothese handelt - aber, wie bei so vielen Aussagen im Zusammenhang mit Atlantis, keineswegs um eine gesicherte Erkenntnis.


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Übersetzung der Atlantis betreffenden Abschnitte aus den Dialogen Timaios und Kritias aus dem Altgriechischen ins Deutsche durch Jürgen Spanuth; in: Derselbe, "Die Atlanter: Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen (Grabert), 1977, S. 461
  2. Anmerkung: Zum Vergleich hier noch die abweichende Übersetzung der selben Stelle im Kritias durch den Schweizer Gräzisten Rudolf Rufener: "Am Rande dieser Ebene, etwa fünfzig Stadien gegen das Innere der Insel zu, erhob sich ein durchweg niedriges Gebirge. Dort oben hatte sich einer der Menschen angesiedelt, die zu Anbeginn in jener Gegend aus der Erde entstanden waren. Er hieß Euenor und wohnte zusammen mit seinem Weibe Leukippe; die beiden hatten eine einzige Tochter namens Kleito."
  3. Anmerkung: Im Lemma 'Εὐήνωρ' des englischsprachigen Wiktionary (Stand: 25. Dezember 2017) wird der Name Euenor mit "of good men" (von guten Menschen) übersetzt, was offenbar auf seine Herkunft anspielt. Offenbar stammte Euenor entweder 'aus guter Familie', oder sein Name bezieht sich wertend auf die "aus der Erde entwachsenen Männer" des vorzeitlichen Atlantis, also auf die Ureinwohner der Insel, zu denen er laut Platon gehörte.
  4. Quelle: Andrew Collins, "War Amerika Atlantis?" bei Atlantisforschung.de
  5. Siehe: Alfred E. Schmeck, "Atlantis – Platons Idealstaat", R.G. Fischer, 2003
  6. Siehe: Alfred E. Schmeck (2003), S. 28
  7. Quelle: Thorwald C. Franke, "Schmeck: Atlantis – Platons Idealstaat" 3. Januar 2004, bei Mysteria3000 (abgerufen: 25. Dezember 2017)
  8. Quelle: Ulrich Hofmann, "Platons Insel Atlantis", BOD GmbH DE, 2013, S. 195

Bild-Quellen:

1) Nikolai Zhirov, "Atlantis - Atlantology: Basic Problems", Moskau (Progress - Verlag für fremdsprachige Literatur), 1970 / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
2) Christopher bei Wikimedia Commons, unter: File:Nomadic Berber in Morocco.jpg