War Amerika Atlantis?

Aus Atlantisforschung.de
Wechseln zu:Navigation, Suche

von Andrew Collins

Abb. 1 War mit Atlantis Südamerika - oder auch der amerikanische Doppelkontinent insgesamt - gemeint? Andrew Collins stellt in diesem Beitrag seine Argumente für die Annahme vor, dass dies nicht der Fall sein kann.

Bald nach der Entdeckung des amerikanischen Festlandes durch Christoph Kolumbus im Jahr 1498 begannen spanische Historiker [1] vorzuschlagen, dass Nordamerika, Südamerika (Abb. 1) oder sogar Amerika insgesamt Platos Atlantis seien. In jüngerer Zeit wurden Bolivien in Südamerika (Allen) und Mittelamerika (Zapp und Erikson) für den Standort der sagenumwobenen atlantischen Stadt vorgeschlagen. Sicherlich passen die Amerikas zu den Proportionen der atlantischen "Insel", die in Platos ca. 350 vor Christus verfassten Werken Timaios und Kritias beschrieben sind. Wenn Atlantis einst existierte und es wirklich von der immensen Größe war, die dort angegeben wird, gibt es keine bessere Lösung.

Tatsächlich hat diese Lösung jedoch einen erheblichen 'Haken', denn nachdem er die Größe der atlantischen Insel erwähnt hat, sagt der alte Priester in Sais zu Solon: "Von dort [von Atlantis; A.C] konnten die Reisenden jener Tage die anderen Inseln erreichen, und von diesen Inseln den ganzen entgegengesetzten Kontinent". (Timaios 24c-25a) Diese letzte Aussage sollte im Kontext des Zeitatlters gesehen werden, in dem sie geschrieben wurde. Um es deutlich zu sagen: zu Platos Zeit kannte man keinen "entgegengesetzten Kontinent"!

Abb. 2 Die fruchtbare Ebene von Atlantis nach Nikolai Zhirov (1970)

Dennoch scheint sich Plato eindeutig auf das amerikanische Festland zu beziehen, was darauf hindeutet, dass er sich der anderen Seite des westlichen Ozeans irgendwie bewusst war, wahrscheinlich aufgrund von Geschichten und Gerüchten, die damals in der Welt der Philosophen kreisten (andere klassische Autoren, wie Aristoteles, Theopompus, Plutarch und Strabo spielen ebenfalls auf einen gegenüberliegenden Kontinent an). Wenn aber der "entgegengesetzte Kontinent", den er beschreibt, Amerika ist, so bedeutet dies, dass es nicht auch Atlantis sein kann. Dieses Paradoxon hat einige Autoren dazu gebracht, vorzuschlagen, dass, wenn Amerika Atlantis sei, der Pazifische Ozean der wahre äußere Ozean und Ostasien der "entgegengesetzte Kontinent" sein müssen.

Obwohl es aus der Antike gute Beweise für transatlantische und transpazifische Reisen nach Amerika gibt, scheint es keinen Grund zu geben, solch weit hergeholte Schlüsse zu ziehen. Amerika ist ganz klar ein Kontinent und Atlantis war ohne Frage eine 'Tochter des Atlas', ein Begriff, der eine Insel im Atlantik oder im Westen des Ozeans bezeichnet. Wie der Name andeutet, kam der Ozean unter die Schirmherrschaft des Titanen Atlas, der die Länder und Meere im äußersten Westen der antiken Welt regierte, einschließlich jener, die hinter den Säulen des Herkules lagen - den mythischen Felsen am Eingang zum äußeren Ozean.

Abb. 3 Ein Vergleich zwischen der Schilderung des großen Gebirges auf Atlantis und dem Himalaya (Bild) macht deutlich, dass Platons Angaben zur Geographie von Atlantis und zur Größe der Insel inkonsistent sind.

Darüber hinaus kann gezeigt werden, dass die Vorstellung, Atlantis habe eine Inselfläche von der Größe Libyens (Nordafrikas) und Asiens (Kleinasiens) zusammen aufgewiesen, ernsthaft fehlerhaft ist. In seinem zweitem Atlantis-Dialog, dem Kritias, spricht Plato deutlich von einer ausgedehnten bewässerten Ebene (Abb. 2), die sich in einer Richtung dreitausend Furlongs (603 Kilometer) weit erstreckte und in ihrer Mitte zweitausend Kilometer von der Küste entfernt lag. Im griechischen Originaltext werden die Maße der großen Ebene mit 3000 mal 2000 Stadien (552 mal 368 Kilometer) angegeben.

Jenseits dieser Ebene im Norden soll sich eine ausgedehnte Gebirgskette befunden haben, die bis zum Meer reichte und eine steile Küstenlinie bildete, welche die Stadt vor kalten Nordwinden schützte. Die Hochburg selbst befand sich am Südrand der Ebene, offenbar an der Stelle eines "Bergs, der nirgendwo von großer Höhe war", wo Euenor, der sterbliche Ahnherr der Könige von Atlantis, zuvor in einer Höhle [2] mit Frau und Tochter gelebt hatte. Flüsse und Bäche, die in den Bergen entsprangen, sollen in einen Graben oder Einschnitt geflossen sein, der zur Bewässerung der fruchtbaren Ebene beitrug.

Diese Fakten und Zahlen vermitteln den Eindruck einer viel kleineren Insel als Plato uns glauben machen möchte. Nur die nördlich gelegenen Berge scheinen die reiche fruchtbare Ebene auf Atlantis von dessen steiler Nordküste zu trennen. Die Ausdehnung dieses Gebirges wird nicht erwähnt, obwohl es keineswegs eine Landfläche bedecken konnte, die der von Plato [angegebenen Ausdehnung von Atlantis; d.Ü.] entspricht, wenn er uns sagt, dass die Insel die Größe von Libyen und Asien zusammengenommen hatte. Selbst der mächtige Himalaya (Abb. 3) in Zentralasien, obwohl rund 2400 Kilometer lang, ist nur zwischen 160 und 240 Kilometer breit. Die nördlich gelegene Gebirgskette von Atlantis kann nicht breiter gewesen sein als der Himalaya, was bedeutet, dass die größte Ausdehnung der Insel nicht mehr als 600 Kilometer von Küste zu Küste betrug. In der Tat würde es, wenn die Bergkette wirklich nur ein paar Kilometer stark gewesen wäre, nahe legen, dass Atlantis nicht mehr als 400 km oder so ähnlich breit war.

All diese Punkte machen es sehr unwahrscheinlich, dass Amerika Atlantis ist, oder dass Städte, prähistorische Merkmale oder antike Ruinen in Bolivien, Costa Rica oder irgendwo sonst auf dem dortigen Festland die Überreste der atlantischen Metropole sind. Wir werden anderswo nach dem wahren Ort von Platos Inselparadies suchen müssen.


Literatur


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Andrew Collins (©) wurde seiner Webseite andrewcollins.com entnommen, wo er in der englischsprachigen Originalfassung mit dem Titel "Atlantis as the Americas" erstveröffentlicht wurde. Übersetzung ins Deutsche und redaktionelle Bearbeitung durch Atlantisforschung.de im Dezember 2017.

Fußnoten:

  1. Red. Anmerkung: Siehe diesbezüglich vor allem: Bartolomé de las Casas (1484/1485-1566), Francisco López de Gómara (um 1511-1566) und Gregorio García (1556/1561-1627)
  2. Red. Anmerkung: Die Aussage, bei Euenor habe es sich quasi um einen Troglodyten gehandelt, der mit seiner kleinen Familie in einer Höhle gehaust habe, kann Andrew Collins einer allenfalls höchst 'exzentrischen' Übersetzung des Kritias entnommen haben. In keiner der uns bekannten Referenz-Übersetzungen ist von so etwas die Rede.

Bild-Quellen:

1) Jim Allen, Atlantis Maps - A resource page of maps of Atlantis, the continent opposite the Pillar of Hercules, beginning with..., bei atlantisbolivia.org
2) Nikolai Zhirov, "Atlantis - Atlantology: Basic Problems", Moskau (Progress), 1970 / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
3) NASA bei Wikimedia Commons. unter: File:Himalayas.jpg