Der atlantische Krieg im Timaios

von unserem Gastautor Frank Joseph

Abb. 1 Bei den Priestern der Göttin Neith im ägyptischen Saïs erfuhr Solon vom Krieg der Atlantier gegen die Athener und ihre Verbündeten; Informationen, die später von Platon in seinen Dialogen Timaios und Kritias aufgegriffen wurden.

Der in Platos Dialog Timaios zitierte ägyptische Priester berichtete, dass die Atlantier auf dem Höhepunkt ihrer imperialen Macht weitreichende Feldzüge in den gesamten Mittelmeer-Raum eingeleitet hätten. Sie marschierten in Westitalien und Nordafrika ein, um Ägypten zu bedrohen, wurden jedoch von den Griechen zurückgeworfen, die nach der Niederlage ihrer Verbündeten allein standen. Erfolgreiche Gegenangriffe befreiten alle besetzten Gebiete bis zur Straße von Gibraltar, als ein großes seismisches Ereignis gleichzeitig die Insel Atlantis und die verfolgenden griechischen Armeen vernichtete. Die Gründe oder Ursachen für den Krieg werden nicht beschrieben. [1]

Abb. 2 Die Statuette eines sardischen Kriegers der Bronzezeit mit Rundschild und Hörnerhelm. Ein Kämpfer der atlantischen Streitkräfte?

Der ägyptische Priester vermittelt den Eindruck, dass die Griechen bei einem Erdbeben an der Küste Nordafrikas (Nordmarokko) vor der feindlichen Inselhauptstadt ums Leben kamen. Er sprach von "der Stadt, die jetzt Athen ist" [2] (Kursivschrift durch den Autor), was bedeutet, dass die von ihm beschriebenen Griechen zu einer anderen Stadt gehörten, die in präklassischen Zeiten vor Athen am selben Ort lag. Dies stellt [quasi] eine Datierung des Krieges in die späte Bronzezeit (15. bis 12. Jahrhundert v. Chr.) und der Blütezeit des mykenischen Griechenlands dar. Es gibt zahlreiche archäologische Beweise für die weitreichende Aggression der Atlantier, die der ägyptische Priester beschrieben hat.

Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. wurden die Balearen, Sardinien, Korsika und Westitalien plötzlich von behelmten Kriegern überrannt, die sich mit der Anwendung überlegener Bronzewaffentechnologie auskannten. Gleichzeitig wurde Libyen von Legionen der gleichen Invasoren getroffen, die der griechische Historiker Herodot (ca. 500 v. Chr.) Als „Garamanten“ bezeichnete. In der Zwischenzeit verteidigte der Pharao Merenptah das Nildelta gegen die Hanebu oder „Seevölker“. Seine Feldzüge fielen mit dem Trojanischen Krieg zusammen, in dem die Achaier (mykenische Griechen) das anatolische Königreich Ilios und alle seine Verbündeten besiegten. Unter diesen befanden sich 10.000 Soldaten aus Atlantis, angeführt von General Memnon. Jene weit verstreuten militärischen Ereignisse vom westlichen Mittelmeer bis nach Ägypten und Kleinasien gehörten [alle] zu dem im Timaios beschriebenen Atlantischen Krieg.

Abb. 3 Handelte es sich bei dem Trojanischen Krieg quasi um einen 'Nebenkriegsschauplatz' des Atlantischen Krieges, wie Frank Joseph vermutet?

Es ist jedoch möglich, dass die atlantische Aggression nicht ausschließlich militärischer, sondern eher kommerzieller Natur war. Troja war zwar keine Kolonie von Atlantis, aber ein blutverwandtes Königreich, und die Trojaner beherrschten die wirtschaftlich strategischen Dardanellen, das Tor zum Bosporus und den reichen Handelszentren des Schwarzen Meeres. Es war ihr Monopol dieser lebenswichtigen Position, das ihnen einen sagenhaften Reichtum einbrachte. Tatsächlich scheinen die Atlantier kurz vor dem Trojanischen Krieg eine wichtige Hafenstadt in Westanatolien gegründet zu haben (siehe: Attaleia). Aber die Veränderung der Situation in Kleinasien brachte ihnen auch die Feindseligkeit der Griechen ein, die von den Dardanellen abgeschnitten waren. Dies war die angespannte wirtschaftliche Situation, von der viele Gelehrte glauben, dass sie tatsächlich zur achaischen Invasion in Troja geführt hat.

Die Entführung von Helena durch Paris war, sofern ein solches Ereignis nicht nur eine poetische Metapher für die „Piraterie“ war, die den Trojanern vorgeworfen wurde, der dramatische Vorfall, welcher die internationalen Spannungen zum Krieg eskalierte - sozusagen der Tropfen, der nach Jahren wachsender Feindseligkeit das Fass zum Überlaufen brachte. Die siegreichen Griechen stellten die besiegten Atlantier jedenfalls so dar, dass diese eine nicht provozierte militärische Eroberung in Angriff genommen hatten, während beide gegnerischen Seiten in Wirklichkeit via Troja wirtschaftliche Rivalitäten um die Kontrolle des Bosporus und seiner reichen Märkte austrugen. Diese kommerziellen Gründe scheinen glaubwürdiger zu sein als das ansonsten ungeklärte militärische Abenteuer, das die Atlantier angeblich bei einer selbstsüchtigen Eroberung der Mittelmeerwelt ins Leben gerufen hatten, wie es in Timaios dargestellt ist. Andererseits wird unser pro-atlantisches Beispiel für eine historische Revision zumindest teilweise unterminiert durch die unbestreitbare Aggression der Atlantier gegen Ägypten unmittelbar nach ihrer Niederlage in Troja und dann erneut, 42 Jahre später.



Zurück zur Rubrik → »Der große Krieg in Platons Atlantisbericht«


Anmerkungen und Quellen

Frank Joseph - The Atlantis Encyclopedia.jpg
Dieser Beitrag von Frank Joseph (©) wurde seinem Buch The Atlantis Encyplopedia entnommen (Lemma 'Atlantean War', S. 43-44), das 2005 bei Career Press, Inc. erschienen ist. Übersetzung ins Deutsche und redaktionelle Bearbeitung durch Atlantisforschung.de.

Fußnoten:

  1. Red. Anmerkung: Tatsächlich führt Platon im Dialog Kritias die militärische Agression der Atlantier - genz im Sinne seiner Vorstellung einer Zyklizität der Menschheits- und Zivilisationsgeschichte - auf die ethisch-moralische Degeneration dieses Volkes zurück, wozu es dort heißt: "Während vieler Menschenalter, solange nämlich die göttliche Natur in ihnen wirksam war, blieben sie den Gesetzen gehorsam und dem Göttlichen, das ihnen verwandt war, freundlich gesinnt. [...] Als aber der Anteil am göttlichen Wesen dahinschwand, weil es immer wieder mit vielem Irdischen vermischt wurde und so die menschlichen Wesenszüge die Oberhand bekamen, da vermochten sie ihren vorhandenen Reichtum nicht mehr zu ertragen und entarteten." (Kritias 120e-121b; Übersetzung ins Deutsche durch Rudolf Rufener, 1974)
  2. Red. Anmerkung: Dazu würden wir gerne wissen, auf welche Textstelle und auf wessen Übersetzung sich Frank Joseph hier bezieht. --- Zum alterümlichen Athen der Atlantida siehe bei Atlantisforschung.de: Ur-Athen - Definition und Beschreibung (red)

Bild-Quellen:

1) Ellie Crystal, "Ancient Egyptian Priesthoods" (Abschnitt: Temple Work and Purity), bei crystalinks.com
2) Giovanni Pinza (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:Bronzetto nuragico Sulcis.jpg
3) Unbekannte Original-Quelle; nach: Kyle Jacques, "What were the causes of the Trojan war?"