Alle Wege führen nach Atlantis

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von Hans-Joachim Heß

Abb. 1 Eine phantasievolle Darstellung der Metropolis von Atlantis, frei nach Platon. Zur Lösung des Atlantisproblems reicht das Studium seines Berichts über das verschollene Vorzeit-Reich alleine nicht aus. Ebenso wichtig ist, wie Hans-Joachim Heß mit diesem Beitrag demonstriert, die intensive Beschäftigung mit der Prä- und Protohistorie des atlantisch-mediterranen Großraums.

Stellen Sie sich vor, sie haben noch nie etwas von Atlantis oder Platon gehört, sind aber an populärwissenschaftlicher Frühgeschichts-Darstellung interessiert. Wohin wird Sie Ihr Wissen führen? Zum Beispiel haben sie gelesen, dass die ersten Bauern aus dem Orient nicht in Mitteleuropa, sondern um 6500 v. Chr. in Südfrankreich und Südwestspanien ankamen. Dort haben sie die neolithischen Kulturen von La Almagra und Lusitanien gebildet und sich [...] weiterentwickelt. Und Sie fragen sich: Was ist aus ihnen geworden?

Dann haben Sie womöglich aus der gleichen Gegend eine TV-Reportage über die Megalith-Kultur gesehen. Vielleicht wurde dort schon die Hypothese vertreten, wonach deren Ausbreitung zeitlich um etwa 1.000 Jahre versetzt zur neolithischen Expansion am Atlantik erfolgte. Aufgefallen war Ihnen aber, dass die Großsteinsetzer auf der Iberischen Halbinsel ihren absoluten Höhepunkt hinsichtlich Anzahl und Größe der megalithischen Konstruktionen erreicht haben mussten. Wer diese Leute waren, wollen Sie wissen?

Auch von den ersten Bronzeschmieden in Mitteleuropa, mit dem abstrusen Namen Aunjetitzer-Kultur, haben Sie gelesen. Sie hinterließen uns bei Ausgrabungen vollkommen identische Artefakte wie die Glockenbecherleute aus Südspanien. Die sollen von dort aus ganz Europa militärisch überrollt haben (Für Insider: bis Ungarn und Italien, nicht aber Griechenland!). Langsam fragen Sie sich, was dort im letzten Zipfelchen Europas vorgegangen ist.

Abb. 2 Die 'Himmelsscheibe von Nebra' - mit Sicherheit die allgemein bekannteste Hinterlassenschaft der so genannten Aunjetitzer-Kultur

Klar kennen Sie auch die archaischen Großreiche der Bronzezeit, wie die Palastkultur in Griechenland, die Minoer auf Kreta, die Hethiter in Anatolien, die phönizischen Hafenstädte im östlichen Mittelmeer und natürlich das Alte Ägypten. Und Sie grübeln: Muss es nicht auch ein zivilisatorisches Äquivalent im Westen am Atlantik gegeben haben? Die Innovationen aus dem Nahen Osten waren ja, wie oben gezeigt, immer kurz nach ihrer Einführung auch dort präsent.

So ist Ihnen vielleicht schon mal der Disput über eine alte Schiffsverbindung zwischen der Levante und Spanien bereits ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. untergekommen. Wenn die Phönizier ab 1000 v. Chr. Cádiz planmäßig aufgebaut haben, kann sich jeder selbst zurechtlegen, wie lange der Seeweg „hinter die Säulen des Herakles“ zuvor bekannt gewesen sein muss.

Sicher haben Sie schon von der Dorischen Wanderung oder jener der Seevölker gelesen. Dabei konnten Sie erkennen, wie um 1200 v. Chr. alle Hochkulturen am Mittelmeer zuerst von Erdbeben und Tsunamis zerstört und anschließend von Invasoren nacheinander vernichtet wurden. Vielleicht haben Sie auch gestutzt, als Sie erfuhren, dass zur gleichen Zeit in Mitteleuropa abrupt die übliche Tradition der Ganzkörperhügelgräber abgebrochen wurde und die Urnenfelderleute sich aus dem Pariser Becken heraus breit machten. Von den damals bei uns allerorts schlagartig auftretenden Höhenwallanlagen, speziellen Waffen und vergrabenen Schätzen wissen nur wenige. Welche Katastrophe hat solche Umwälzungen ausgelöst?

Die etablierte Wissenschaft erklärt ihnen das alles durch Zufälle, lokale Naturereignisse, Palastrevolten, rituelle Strömungen und prähistorischen Modewandel. Sie können also bisher auch nichts von folgenden Autoren gehört haben, sonst brauchte ich all das hier nicht zu schreiben: Frank Falkenstein, Bernhard Hänsel, Dirk Husemann, Wolfgang Kimmig, Robert Drews, Reinhard Jung, Mathias Mehofer, Margarita Primas, David Kaniewski, Gustav Lehmann, Albrecht Jockenhövel, Carrilero Millán, A. Suárez Marques, Hans Holzhaider, Rosemarie Müller und Karl-Joachim Hölkeskamp. Alles gestandene Hochschulprofessoren! Sie haben o.g. Zusammenhänge wissenschaftlich mit Klimamodellen, uralten Zeugnissen und logischen Mustern bei Völkerwanderungen untersucht.

Abb. 3 Auch die Wanderung der geheimnisvollen Seevölker und ihr gescheiterter Angriff auf Ägypten erfolgte keineswegs aus Abenteuerlust, sondern notgedrungen als Resultat der großräumig katastrophalen Verhältnisse zu jener Zeit.

Danach müssen um 1200 v. Chr. Naturgewalten über ganz Europa hereingebrochen sein. Höhepunkt scheint eine Mega-Katastrophe am Atlantik gewesen zu sein (Meteor, Vulkan, Tsunami), mit anschließender Subsistenzkrise und Massenflucht. England, Frankreich, Spanien und Teile Italiens müssen überflutet, die Bevölkerung extrem dezimiert, die Überlebenden in den Osten getrieben worden sein. Dabei haben sie ihre Nachbarn überfallen und erreichten - diese vor sich hertreibend - im Dominoeffekt mit den Seevölkern Ägypten und mit der Schlacht im Tollensetal die Ostsee. Was mag damals am Atlantik passiert sein?

Wenn Sie jetzt nicht all die oben genannten Experten extra lesen wollen, empfehle ich den Englischkundigen, in der angelsächsischen Wikipedia den Artikel "Late Bronze Age collapse. [1] In der deutschen Wikipedia ist so etwas chancenlos, denn die Geschichtsadministratoren dort scheinen stock-konservativ zu sein. Wenden Sie die in Englisch beschriebene Katastrophentheorie auf alle oben genannten Wanderungen, Kriege und Naturgewalten an. Die Rätsel der Frühgeschichte scheinen plötzlich wie durch ein Wunder gelöst. Selbst die bisher mythischen Einzelereignisse, wie der Kampf um Troja, die lydische Dynastie der Herakliden, der Einmarsch der Phryger in Anatolien, das Bündnis von Seevölkern und Libyern, der Ursprung der Philister, das zweimalige Auftreten von Iberern (Spanien und Kaukasus) - alles passt in dieses Bild. Und welche Kultur konnte das alles anschieben?

Abb. 4 Ein detilliertes Rekonstruktions-Modell der stark befestigten neolithischen Siedlung von Los Millares

Bestimmt sagt ihnen der Name Los Millares etwas. Diese über 4.000 Jahre alte befestigte Höhensiedlung (Abb. 4) in Spanien gilt mit seinen Artefakten als Vorbild aller Wallanlagen, wie sie nach 1200 v. Chr. in ganz Europa und dem Nahen Osten entstanden waren: Lage an einer alten Heer- und Handelsstraße, umwehrtes Dorf auf einem Bergsporn, zusätzliche Akropolis für die Herrscher, gute Rundumsicht, Quelle, Acker- und Weideland, Gräberfeld und Kultstätte in Sichtweite. Davon wurden in Andalusien aus der Bronzezeit viele ausgegraben. Sie alle aber liegen irgendwie nur auf der Ostseite der Iberischen Halbinsel, weit weg vom Atlantik. Wo aber könnte das Zentrum eines solch vorbildgebenden Gemeinwesens gelegen haben?

Wer sich für Geschichte interessiert, kennt sich aus in der Welt. Sicher haben sie die europäische und afrikanische Atlantikküste mehrfach abgeklappert. Sie zeugt mit ihren megalithischen Gräbern und Säulen nicht nur von erfolgreichen prähistorischen Zivilisationen, sondern auch von den enormen Kräften, die das Meer überall auf die Landschaft ausgeübt hat. Wenn sie aber nach den ältesten und meisten archäologischen Funden am Atlantik fragen, dazu nach der größten Fläche einer möglichen zerstörten Siedlung, landen Sie unweigerlich in Südspanien, im Delta des Guadalete gegenüber von Cádiz. Dort wurden auf einer Fläche von 10.000 Quadratmetern Artefakte besonders aus der Bronzezeit in chaotischer Anordnung zueinander gefunden. Tausende megalithische Gräber im Umland wurden in eine Zeit vor über 5.000 Jahren datiert. Ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. kann ihr Inhalt der Glockenbecherkultur zugeordnet werden.

In der Mitte des Deltas liegt die archäologische Ausgrabungsstätte von Doña Blanca, in der in fünf Meter Tiefe monströse Fundamente angeschnitten wurden. Genau um 1200 v. Chr. bricht diese Kultur ab. Erst nach einer Pause, gegen 1.000 v. Chr. wird die Gegend neu von der so genannten Tartessischen Kultur überbaut. Die Quellen bezeichnen sie als schnell aufstrebendes und wohlhabendes Königreich. Das archäologische Gelände nahe der Hafenstadt Puerto de Santa Maria ist öffentlich zugänglich. Im Geschichtsmuseum dort liegt so manches Artefakt, das eine gewisse Ahnung aufkommen lässt. Die Gegend ringsum heißt seit alters her „Gades“. Ja wo, in Dreiteufelsnamen, haben Sie das schon mal gehört?

Abb. 5 Ein Bereich der archäologischen Fundstätte von Doña Blanca. Werden dort Überreste von Atlantis ausgegraben?

Das Delta des Guadalete wird von sanften Hügeln umrahmt. Klettern sie auf den höchsten Punkt! Trotz der industriellen Zerstörungen ringsum erkennen Sie deutlich die ringförmige Struktur des Deltas, bestehend aus drei Hügelketten. Gegenüber liegt die ehemalige Insel Cádiz, sicher einmal selbst Teil dieses zerstörten Kreises. Die Landschaft mutet wie ein hügeliger Sandstrand an, die überschwemmt wurde und aus der sich nur noch die Reste der Berge über die Ebene erheben. Auf Ihrem Aussichtspunkt reihen sich zyklopische Monsterwacker aneinander. Rundum finden sich Steine von roter, schwarzer und weißer Farbe, kalte und warme Quellen. Man kann sich gut vorstellen, dass hier eine blühende Zivilisation schon in der Frühzeit gedeihen konnte.

Das Klima entsprach dem im östlichen Mittelmeer, der Boden ist fruchtbar, es gab zwei Ernten im Jahr, das Gebirge Sierra Morena schützt vor den kalten Winden aus dem Norden. Highlight für mich aber sind die riesigen Höhlen entlang der Hügel, die so groß sind, dass selbst antike Schiffe mit Segel und Ruder darin Platz gefunden hätten. Sie befinden so tief in der Erde, dass sie auch heute noch auf dem Niveau des Meeresspiegels liegen. Die Wände der künstlichen Gewölbe sind sauber bearbeitet, teils 10 Meter hoch und 30 Meter lang. Sie muten wie alte Steinbrüche an, aus denen man das Material für vorantike Großbauten geholt hatte. Von den Höhlen führen Schleifspuren von Transportschlitten zum Meer (für Wagenräder zu eng beieinander liegend). Wer kann solche Höhlen angelegt haben, die wie „unterirdische Häfen für Dreiruderer“ anmuten?

Eine letzte Frage könnte Ihnen zu den Völkerbewegungen nicht lange nach den Katastrophen um 1200 v. Chr. einfallen. Sie denken an die Ionische Kolonisation der griechischen Stadtstaaten, bei der beispielsweise Marseille gegründet wurde, an die phönizische Expansion aus dem Nahen Osten heraus, die auch Karthago hervorbrachte, die Etrusker, die jüngst als anatolische Lydier entlarvt wurden, aber auch die Kelten, die von Zentraleuropa bis auf die Iberische Halbinsel wanderten.

Abb. 6 Lage von Atlantis bei Puerto de Santa Maria nach Jürgen Hepke

Nach und nach hatten sich alle noch kurz zuvor ums Überleben ringende Kulturen aufgerafft und schickten Ableger Richtung Westen. Als sei dort neues Land entstanden, oder - logischer - zerstörtes Land erhole sich langsam. Vermeintliche Gründe wie Überbevölkerung, Klimawandel oder Zeitgeist haben Sie schon als abwegig erkannt. Eine der ersten phönizischen Expeditionen muss um 1000 v. Chr. in das am weitesten entfernte Cádiz stattgefunden haben. Dort scheinen sich mit den Tartessern gegenüber auf dem Festland bereits wieder Überlebende der Naturkatastrophe etabliert zu haben. War dies das „heilige“ Zentrum einer untergegangenen Hochkultur?

So könnte ich Ihnen weitere Fragen stellen, aber Sie ahnen was nun kommt: Setzen sie bitte bei allen obigen Fragen das Wörtchen 'Atlantis' als Antwort ein. Nehmen Sie alle von Platon beschriebenen Details des legendären Königreiches her und vergleichen Sie es mit diesem Standort. Ach ja, natürlich müssen Sie statt des Jahreskalenders den ägyptischen Mondkalender benutzen, um einen Zeitpunkt um 1200 v. Chr. Jahren für den Untergang von Atlantis durch eine Tsunami-Katastrophe anzusetzen. Und Sie sollten die ägyptischen Bezeichnungen für 'Insel' und 'Halbinsel' vergleichen, sowie sich mit der geografischen Entwicklung Iberiens beschäftigen. Viele Landgebiete nördlich der Pyrenäen sind nämlich nicht älter als 5000 Jahre. Da fehlt nicht viel, um von Iberien als einer Insel sprechen zu können.

Auf all diese Fragen hat mich Jürgen Hepke gebracht [2] [...] Ihm verdanke ich die Anregung zu einem populärwissenschaftlichen Vergleich aller hier aufgeführten Beobachtungen. Wer allerdings auf dieser Anhöhe über Doña Blanca gestanden hat, wird kaum mehr Zweifel an der dortigen Platzierung von Atlantis aufbringen können. Es waren keine anderen als die bronzeschmiedenden Glockenbecherleute, die von den Naturgewalten eiskalt erwischt wurden. Die ringförmige Struktur ihrer Königsstadt wird heute nicht nur durch die Hügelketten, sondern auch durch Bewässerungskanäle in der Ebene verstärkt. Sogar die von Platon angegebenen Maße für die Inselkreise und für das riesige Umland des Andalusischen Beckens stimmen verblüffend genau überein.

Natürlich finden Sie vielleicht andere Antworten, besonders wenn Sie gerade ein Buch über die Lokalisierung von Atlantis an einem anderen Ort geschrieben haben. Mich würde Kritik an meinen implizierten Fragen aber trotzdem interessieren: atlantischeseuropa.blogspot.de.


Anmerkumgen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe dazu auch auf Deutsch: MARJORIE-WIKI, unter: "Katastrophenzeit 12. Jahrhundert v. Chr." (Dieser Artikel stammt ursprünglich aus der deutschsprachigen Wikipedia, wo er gelöscht wurde.)
  2. Red. Anmerkung: Jürgen Hepke, "Die Geschichte von Atlantis - Der vergessene Ursprung unserer Kultur", TRIGA-Verlag, 2004; sowie online: tolos.de

Bild-Quellen:

1) Dr. Wilhelm Rathjen, "Wenn die Göttin nicht huldvoll bleibt: Atlantis - das deformierte Bild der >Ebene<", EFODON-SYNESIS Nr. 6/2005 (online als PDF-Datei)
2) Dbachmann bei Wikimedia Commons, unter File:Nebra Scheibe.jpg (Lizenz: Creative-Commons, „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“)
3) Oltau bei Wikimedia Commons, unter File:Medinet Habu Ramses III. Tempel Nordostwand Abzeichnung 01.jpg
4) Jose Mª Yuste, de la fotografía (Tuor123); Miguel Salvatierra Cuenca, autor de la ilustración bei Wikimedia Commons, unter File:Los Millares recreacion cuadro.jpg (Lizenz: Creative Commons, Attribution-Share Alike 4.0 International etc.)
5) Antonio M. Romero Dorado bei Wikimedia Commons, unter File:Lagar siglo IV Doña Blanca.jpg
6) Karl Jürgen Hepke, "Die >Insel< von Atlantis 2", April 2011, bei tolos.de