Jürgen Spanuth wider die klassische Atlantis-Theorie

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(bb) Was Spanuths Zurückweisung der 'klassischen' Atlantis-Theorie (= Atlantis IM Atlantik) (Abb. 1) angeht, so bemühte der Pastor das übliche geologische Argumentations-Muster konventioneller, schulwissenschaftlicher Atlantologie und Atlantologie-Kritik. Die Theorie, Atlantis habe als 'Kleinkontinent' bzw. 'Großinsel' inmitten des Atlantik - z.B. auf dem 'Delphin-Rücken' - gelegen, und dass "die Azoreninseln die höchsten Bergspitzen des versunkenen Inselreiches" seien, leitet er atlantologie-historisch korrekt über Athanasius Kircher ("Mundus subterraneus", 1665) und Ignatius Donnelly ("Atlantis, the Antediluvian World", 1882) ab.

Abb. 1 Atlantis als mittelatlantische Großinsel, gemäß der 'klassischen' Atlantis-Theorie nach den Vorstellungen von (v.l.n.r.) I. Donnelly (1882), O. Muck (1954) und N. Zhirov (1970).

Bei seiner folgenden Kritik bezieht er sich dann ausschließlich auf Ignatius Donnelly, dessen atlantologisches Werk zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahrzehnte 'auf dem Buckel' hatte und schreibt: "Donnelly konnte zu seiner Zeit noch nicht wissen, daß die Azoren n i c h t die Bergspitzen und Überreste eines versunkenen Kontinents sind, sondern im Gegenteil die höchsten Erhebungen von vulkanischen Gesteinsmassen, die aus großen Tiefen emporquellen. Das haben die Forschungsarbeiten der letzten Jahrzehnte überzeugend nachgewiesen. Vor allem hat das amerikanische Forschungsschiff >Glomar Challenger< seit 1968 viele Bohrproben vom Meeresgrund heraufgeholt und dadurch den Nachweis erbracht, daß dort, wo die großen Platten, auf denen die Kontinente liegen, sich tiefe Spalten bilden, aus denen vulkanische Gesteinsmassen emporquellen.

Die mächtigen Platten, auf denen Nord- und Südamerika einerseits und Afrika und Europa andererseits liegen, triften auseinander (konstruktive Bewegung), zwischen ihnen quellen aus großer Tiefe vulkanische Gesteinsmassen empor, die den sogenannten >mittelatlantischen Rücken<, die sich von Spitzbergen im Norden bis ins antarktische Meer erstreckt, gebildet haben. Die Inseln auf diesem >Rücken<: Spitzbergen, Island, die Azoren, St. Paul, Ascension, St. Helena, Tristan-da-Cunha, aber auch die Kanarischen und Kapverdischen Inseln sind NICHT die höchsten Bergspitzen eines versunkenen Kontinents, sondern die höchsten Gipfel in der >Aufquellzone<, also aus großen Tiefen aufquellende vulkanische Gesteinsmassen." [1]

Spanuth beruft sich bei seiner Bewertung auf das Urteil den amerikanischen Geologen und Ozeanographen H. Pettersson, der 1948 erklärt hatte: "Platons Atlantis bei den Azoren ist geo-physikalisch eine Leiche, die kein Geologe, sei er noch so angesehen, ins Leben zurückführen vermag" [2], und er stellt auch bezüglich der Kanarischen Inseln fest: "Einen >Kontinent Atlantis< hat es dort nie gegeben." [3] Da diese legendäre und vielzitierte 'Grabrede' auf die klassische Atlantis-Theorie bereits den Abschluss von Spanuths "Widerlegung" darstellt [4] können wir bereits eine 'Zwischen-Bilanz' ziehen:

Im Gegensatz zu seiner polydisziplinaren Kritik der Ägäis-Theorien (Geologie + Atlantologie bzw. Atlantida-Exegese) und Tartessos-Lokalisierung (Geschichtsforschung + Atlantologie bzw. Atlantida-Exegese) führt Spanuth hier keinen argumentativen 'Zangen-Angriff' vor, sondern beschränkt sich auf eine rein geologische Quasi-Argumentation, die sich in nichts von der jedes anderen schulwissenschaftlich argumentierenden Atlantologen seiner Zeit - und der folgenden Jahrzehnte - unterscheidet. Kein Wunder: eine generelle, atlantologisch basierte Zurückweisung der 'klassischen' Atlantis-Lokalisierung ist ihm schon deshalb nicht möglich, weil er (abgesehen von der Datierungsfrage und der exakten Position der betreffenden Insel) wesentliche Grundpositionen der 'klassischen' Theorie teilt.

Abb. 2 Diese erste bildliche Darstellung von Atlantis als mittelatlantische Landmasse mit weiteren Inseln auf der Amerika zugewandten Seite, stammt aus der Feder von Athanasius Kircher (1602-1680). Der Jesuitenpaster darf neben Michel de Montaigne (1533-1592) als einer der beiden neuzeitlichen Begründer der atlantologischen Forschung klassischer Schule gelten.

So nimmt er - mit Kircher, Donnelly, Muck, Zhirov, Topper et. al., und im Gegensatz zu Borchardt, Marinatos, Galanpoulos, Bérard et al. - an, dass Platon "außerhalb des Mittelmeers" gemeint habe, als er im Timaios (24c-25b) erklärte, Atlantis habe vor den Säulen des Herakles ("pro stomo") gelegen. Er steht in der atlantologischen Tradition, die das 'ex oriente lux'-Paradigma der Schulbuchhistoriker verwirft, und mit Platon und anderen klassischen Autoren in der Hand nach Spuren urtümlicher Hochkulturen und Zivilisationen im atlantischen Westen sucht, und er geht (wie die Neith-Priester, oder auch moderne Exegeten wie Donnelly und Muck) von einem katastrophischen Großereignis kosmischen Ursprungs aus, das die Vernichtung des historischen Atlantis bewirkte.

Auch seine Chronologie-Revision liefert kein direktes Argument gegen die zentral-atlantische Lokalisierung von Atlantis. (Wie Jahrzehnte später der US-amerikanische Atlantologe und Alternativ-Historiker Frank Joseph exemplarisch vorführte [5], ist es durchaus möglich, ein stringentes Großinsel-Szenario für die Bronzezeit zu entwickeln. Dr. Martin Freksa aus Deutschland tat dies 1997 [6] für das "Neolithikum", vor etwa 5500 Jahren.) Jedenfalls will oder kann Spanuth bei seinem Versuch einer argumentativen Widerlegung der 'klassischen' Annahme einer Atlantis-Großinsel im Gebiet der heutigen Azoren offenbar nur geologische 'Geschütze auffahren'.

Diese Geschütze jedoch, das wissen Kenner des viele Jahrzehnte langen Wissenschafts-Streits um versunkene Landmassen - vor allem im Raum des Mittelatlantischen Rückens - haben jedoch in aller Regel weitaus mehr publizistisches Getöse als argumentative Durchschlags-Kraft entwickelt. Ihre destruktive Wirkung hat stets vor allem darin bestanden, anders lautende Meinungen zu übertönen und alternative Positionen völlig aus der öffentlichen Wahrnehmung ausblenden. So bemerkt der sowjetische Atlantologe Dr. Nikolai Zhirov 1970 mit Blick auf den geologischen Atlantis-Diskurs im Westen: "Sehr regelmäßig werden in Forschungen oder Schlussfolgerungen dieser Art Fakten, die widersprechen könnten, vorsätzlich oder unabsichtlich ignoriert." [7] (Vergl. dazu auch: Sowjetische Geologen zur Realität von Atlantis von N. Zhirov)

Dies gilt zweifellos auch für Spanuths Kritik der 'klassischen' Atlantis-Lokalisierung, die keineswegs auf einem vorurteilsfreien und umfassenden Studium der Materie zu beruhen scheint. Wer sich jedoch an einer zwingenden geologischen Widerlegung der 'klassischen' Atlantis-Hypothese versuchen will, der kann nicht nur ein paar unverfängliche geologische Grundsätzlichkeiten zum Besten geben, die Fahrten der Glomar Challenger (Abb. 3) erwähnen und Wegener anführen - oder er riskiert, wie Spanuth, der 'gegnerischen Partei' argumentative Steilvorlagen zu liefern und möglicherweise ungeahnt in 'Fettnäpfchen' zu treten.

Abb. 3 Das amerikanische Forschungschiff Glomar Challenger konnte Ende der 1960er Jahre zahlreiche harte Daten vom Mittelatlantischen Rücken ermitteln; aber sprechen diese Daten FÜR oder GEGEN die Realität versunkener Landmassen im Großraum der Azoren?

So zieht etwa Frank Joseph (2001) die Daten der Glomar Challenger ausdrücklich zur Argumentation f ü r ein 'Azoren-Atlantis' heran und kommt zum Ergebnis: "Die Existenz und das plötzliche Verschwinden von Atlantis liegt eindeutig nicht außerhalb des geologischen Erfahrungs-Bereichs zum höchst instabilen Mittelatlantischen Rücken. In den späten 1960er Jahren erfassten Echo-Lotungen, die von Forschungs-Schiffen wie der Glomar Challenger durchgeführt wurden, eine versunkene Landmasse von der Größe des heutigen Portugal, und ebenfalls in etwa rechteckig, die sich entlang einer Störungs-Zone [orig.: "fault zone"; d.Ü.] entlang des Mittelatlantischen Rückens erstreckte. Madeira und die Kanarischen Inseln könnten ihre einzigen an der Oberfläche verliebenen Überreste darstellen." [8]

Und sein Landsmann, der Atlantologe R. Cedric Leonard bemerkt (1979) zu Wegeners Theorie als Argumentations-Basis gegen Atlantis: "Professionelle Geologen waren bestrebt, die Platten-Tektonik (die das Rückgrat moderner Geologie darstellt) zu einem Argument gegen Atlantis zu machen (Speicher, 1972). Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Die Platten-Tektonik ist es, die Atlantis geschaffen und auch zerstört hat. Sie ist es auch gewesen, die es zu einem derart unzuverlässigen Siedlungs-Ort für Pflanzen oder Tiere gemacht hat, und die Landmasse, die wir uns Atlantis zu nennen entschlossen haben, könnte im Verlauf einer Periode von vielen Millionen von Jahren mehrfach aufgetaucht und wieder verschwunden sein." [9]

Um den explizit wissenschaftlichen Charakter solcher atlantologischen Aussagen zur Realität versunkener, einstmals bewohnter Landmassen im Atlantik zu verteidigen, sei hier abschließend noch der sowjetische Geologe (Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR) und Atlantologe Wladimir A. Obruchev zitiert, der 1954 feststellte: "Das Versinken eines beträchtlichen Landgebiets vor etwa 10 000 bis 12 000 Jahren [...] kann Geologen und Geographen nicht weiter überraschen oder unter ihnen Misstrauen oder Unglauben wecken. Aus diesem Grunde ist die Legende von Atlantis und über die Vernichtung eines großen Königreichs, bewohnt von einem zivilisierten und kriegerischen Volk, vom geologischen Standpunkt aus keineswegs unglaublich, unmöglich oder unzulässig..." [10]

Der Verfasser kommt daher zur Schlussfolgerung, dass Spanuths Kritik der klassischen Atlantis-Hypothese sowohl in ihrer fachzentristischen Form als auch argumentativ weit hinter seinen Betrachtungen anderer Atlantis-Lokalisierungen (Thera, Tartessos) zurückfällt und alles andere als zwingend ist.


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 424, 425
  2. Quelle: H. Pettersson, "Atlantis und Atlantik", Göteborg /´Wien, 1948, S. 63; zitiert nach: J. Spanuth, 1976, S. 425 --- Weitere Literatur von Pettersson: "Geochronology of the Deep-Ocean", in Tellus I, Stockholm 1949; "Reports of the Swedish Deep-Sea Expedition 1947/48", Göteborg 1950-59
  3. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 425
  4. Anmerkung: Im selben Jahr (1976) veröffentlichte Spanuth auch eine Kritik der 'Atlantis im Atlantik'-Theorie von Otto Muck ("Alles über Atlantis?", Besprechung des Buches von Otto Muck, DGG, 1976), die vermutlich eine umfangreichere Argumentation enthält, dem Verfasser derzeit allerdings noch nicht vorliegt.
  5. Siehe: Frank Joseph, "The Destruction of Atlantis - Compelling Evidence of the Sudden Fall of the Legendary Civilization", Rochester (Vermonth, USA), 2002
  6. Siehe: Martin Freksa: "Das verlorene Atlantis", Tübingen, 1997
  7. Quelle: N. Zhirov, "Atlantis - Atlantology: Basic Problems", Honolulu / Hawaii, 2001 [Orig.: Moskau, 1959-1963, englischsprachige, neu überarbeitete Erstausgabe: Moskau, Jan. 1968], S. 13
  8. Quelle: Frank Joseph, op. cit. (2002), S. 43
  9. Quelle: R. Cedric Leonard, "Geological Evidence, The Importance of Oceanography", bei www.atlantisquest.com unter http://www.atlantisquest.com/Geology.html; zitiert nach der deutschsprachigen Fassung bei Atlantisforschung.de unter dem Titel: Geologische und ozeanographische Evidenzen für Atlantis
  10. Quelle: Vladimir A. Obruchev, in: E. V. Andreyeva, "V poiskakh zateryannogo mıra (Atlantıda)"; in: Quest of the Lost World of Atlantis, Leningrad, 1961, S. 120-121 [nach Zhirov, 1970]


Bild-Quellen

(1) Bild-Archiv Atlantisforschung.de

(2) http://www.rodnoverije.com/misc/trojaburg-02.html (Seite nicht mehr online)

(3) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, Stichwort: Glomar Challenger