Kreta oder Thera als Atlantis?

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Kritische Anmerkungen zu den 'kretominoischen' Atlantis-Theorien

von Andrew Collins

Abb. 1 Die These, Platons Atlantisbericht basiere vorwiegend auf einer 'dunklen Kunde' der Griechen des klassischen Altertums über die kretominoische Kultur ist nach wie vor recht populär. Bei näherem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass sie letztlich 'auf tönernen Füßen' steht. (Bild: Die Ruine des Palastes von Knossos auf Kreta)

Die Vorstellung, dass Atlantis eine Erinnerung an die sagenhaften Paläste, Höfe und Tempel des minoischen Kreta sein könnte [1], wurde ursprünglich in einem anonymen Brief vorgeschlagen, der 1909 von der Times veröffentlicht wurde und später einem irischen Studenten namens K. T. Frost zugeschrieben werden konnte. Nachfolgend wurde sie von einer Reihe von Autoren und Historikern des Mittelmeer-Raumes weiterentwickelt (siehe Leseliste) und gilt heute als eine akademisch akzeptierte Theorie über die Ursprünge der Atlantis-Legende.

Nach Meinung vieler konstruierte Plato seine Atlantis-Darstellung aus Gerüchten und Geschichten, die die hellenische Welt über die vormalige Existenz der großen Seefahrer-Nation in Umlauf gebracht hatten, welche auf der Insel Kreta und in anderen Teilen der Ägäis existierte. Es wurde vermutet, dass die minoische Kultur infolge der Nachwirkungen des Ausbruchs von Thera und der Tsunamis zerstört wurde, welche diesem katastrophalen Ereignis - 1628, 1450 oder 1380 v. Chr., je nach herangezogener Quelle - gefolgt seien. Archäologische Beweise zeigen, dass Häfen und Städte auf Kreta, sowie die minoische Stadt Akrotiri auf Thera selbst, in der Weise zerstört wurden, die von Plato in seinen, ca. 350 vor Christus verfassten Werken Timaios und Kritias angedeutet wird.

Als weiterer Beweis für diese Theorie wird vorgeschlagen, dass die Fixierung der Minoer auf den Stierkult spiegele sich in Platos Aussagen bezüglich der Stiere wieder, die laut Kritias in den Höfen des Poseidon-Tempels von Atlantis frei herumgewandert sein sollen. Jedes fünfte oder sechste Jahr kamen die Prinzen der atlantischen Inseln zusammen, um den heiligen Gesetzen Treue zu schwören. Zu solchen Zeiten soll einer dieser Bullen geopfert worden sein [2] und sein Blut sei auf eine beschriftete Säule aus Oreichalkos, "Bergkupfer", vielleicht eine Form von Bronze, gegossen worden.

Abb. 2 Wurde Platons Bericht über das Stieropfer der Könige von Atlantis tatsächlich durch den kreto-minoischen Sierkult inspiriert? (Bild: Stierkopf-Rhyton aus dem kleinen Palast von Knossos, ca. 1600–1450 v.Chr.)

Es wird weiter angenommen, dass Platos Bericht über den Seekrieg zwischen dem atlantischen Aggressor und der athenischen Nation die Erinnerung an die Unterdrückung des griechischen Festlandes vor dem Fall der minoischen Kultur bewahre.

All dies sind attraktive Ideen, die helfen könnten, bestimmte Aspekte von Platos Atlantisbericht zu erklären. Doch Plato stellt klar, dass Atlantis jenseits der Säulen des Herkules lag - mythischen Felsen, die am Eingang zum Atlantischen Ozean standen. [3] Darüber hinaus sagt Plato, dass Atlantis vor einem "gegenüber gelegenenen Kontinent" gelegen habe, der über eine Reihe von "anderen" Inseln von "Reisenden" aus seiner eigenen Welt erreichbar gewesen sei. Auch legte er die Zerstörung von Atlantis im Timaios auf einen Zeitpunkt nach 8570 v. Chr. fest, und in seinem späteren Werk, dem Kritias, auf ca. 9421 v. Chr.

Gelehrte, wie der griechische Geologe A. A. Galanopoulos, umgehen dieses Datierungs-Problem, indem sie nahelegen, dass die im Timaios und Kritias angegebenen Daten und Maße falsch seien. Dies liege an einer Fehlübersetzung der angenommenen ägyptischen Texte, die ein alter Priester im Tempel von Sais im Nildelta Solon zeigte, der, wir Plato versichert, bei einem Besuch in Ägypten im Jahre 570 vor Christus von der Geschichte von Atlantis erfahren habe. Dabei habe der berühmte griechische Staatsmann irgendwie die Hieroglyphe, welche die Zahl 100 bezeichnet, mit jener Ziffer verwechselt, die einen Wert von 1000 darstellt. Wenn dies der Fall wäre, müsste das Datum für die Gründung Athens von 9000 Jahren vor Solons Besuch in Ägypten auf nur 900 Jahre geändert werden, was eine revidierte Datierung von ca. 1470 v. Chr. ergäbe, also nahe an der traditionellen Zeitangabe für den Thera-Ausbruch, nämlich ca. 1450 v. Chr.

Abb. 3 Die minoische Eruption des Inselvulkans Thera als Vorbild für die von Platon beschriebene Atlantis-Katastrophe? Bei Licht besehen, erscheint diese Vorstellung doch recht zweifelhaft.

Obwohl dies als eine saubere und logische Lösung sowohl für das Problem des sehr frühen Zeitrahmens erscheint, welcher für die Zerstörung von Atlantis vorgeschlagen wurde, als auch für die unvorstellbaren Dimensionen von Atlantis' Stadt und Ebene im Kritias, ist dieses Argument ernstlich fehlerhaft. Diejenigen Ägyptologen, die sich Zeit genommen haben, das Problem zu untersuchen, behaupten, dass eine solche Verwechslung nicht vorgekommen sein kann. Die Hieroglyphen, welche verwendet werden, um die numerischen Werte von 100 und 1000 zu bezeichnen, sind visuell ziemlich unterschiedlich. Solon - oder sonst jemand - kann einen solchen Fehler nicht begangen haben. Dies wird in einem wichtigen Aufsatz über die Verbindungen zwischen Ägypten und Atlantis von J. Gwyn Griffiths deutlich gemacht, der hervorhebt: "Nehmen wir eine Hieroglyphenform des Prototyps an, so scheint der Vorschlag sehr dürftig zu sein, da die Normalformen für 100 und 1000 so scharf unterschieden sind." [4]

Außerdem wissen wir aus Platos letzter [sic!; d.Red.], ca. 347 v. Chr. erschienenen Arbeit Nomoi (Die Gesetze), dass er [im Kritias; d.Ü.] bewusst Tausende anstatt Hunderte von Jahren angab, denn dort [im Nomoi; d.Ü.] sagt er, die ägyptische Kunst reiche 11.000 Jahre zurück. Da Solon im Nomoi nicht vorkommt, können wir sagen, dass die Angabe dieser frühen Zeitperiode nicht durch ein falsches Lesen der ägyptischen Ziffern bestimmt wurde. Die frühen Datierungen stammen sicherlich aus ägyptischen Königslisten, wie dem Königspapyrus von Turin, die von göttlichen und halbgöttlichen Wesen sprechen, welche viele tausend Jahre vor dem Erscheinen des ersten sterblichen Pharaos um 3100 v. Chr. herrschten. [5] Es war diese mythische Herrschaft, die das größere Altertum der ägyptischen Zivilisation und nicht die der dynastischen Könige definierte.

Wir wissen heute zudem, dass der Thera-Ausbruch zwar die Ägäis verwüstete und Tsunami-Wellen verursachte, die Städte bis hin zum östlichen Mittelmeer zerstörten, aber nicht die minoische Zivilisation Kretas vernichteten. Diese existierte nach der Katastrophe noch mehrere Generationen weiter und wurde von den späteren mykenischen Völkern vom griechischen Festland abgelöst. Schon aus diesen Gründen konnte Platos Atlantikinsel nicht Kreta, Thera oder irgendein anderer Ort in der Ägäis sein. Sie lässt sich auch nicht auf dem türkischen Festland zur Zeit des Thera-Ausbruchs platzieren, wie dies mindestens zwei Autoren (James und Zangger) in den letzten Jahren vorgeschlagen haben.


Leseliste


Literaturhinweis

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Andrew Collins, "Atlantis in the Caribbean - and the Comet That Changed the World", Inner Traditions / Bear & Co, 2016


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Andrew Collins (©) ist ein Auszug aus seinem längeren Artikel "Where was Atlantis?" (Abschnitt: Atlantis as Crete or Thera), der seiner Webseite andrewcollins.com entnommen wurde. Übersetzung ins Deutsche und redaktionelle Bearbeitung durch Atlantisforschung.de im Januar 2018.

Fußnoten:

  1. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: Tony O’Connell, "Kretominoische Atlantis-Hypothesen"
  2. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: "Stieropfer" (red)
  3. Red. Anmerkung: Damit ist nach traditioneller Ansicht eindeutig die weit entfernt von der Ägäis gelegene Meerenge von Gibraltar gemeint. Verfechter eines ägäischen Atlantis sowie anderer nicht-atlantischer Atlantis-Lokalisierungen haben dieses 'Problem' dadurch zu lösen versucht, dass sie alternative Verortungen jener Säulen des Herakles vorschlugen. Eine fachwissenschaftlich fundierte Entgegnung auf solche Ansätze zu einer geographischen 'Verschiebung' der Säulen des Herakles lieferte 2008 der Klassische Philologe Heinz-Günther Nesselrath, der als Anhänger der Fiktionalitäts-These wohl kaum in Verdacht geraten kann, irgendeiner historisch-geographischen Atlantis-Lokalisierung das Wort zu reden. Siehe: Derselbe,"Die Säulen des Herakles - eine mythische Landmarke und ihre Bedeutung in der Klassischen Antike", in: Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 2008, 2009, S. 226-232 (online als PDF-Datei, 88,81 KB; abgerufen: 05. Januar 2018)
  4. Siehe: John Gwyn Griffiths, "Atlantis and Egypt with Other Selected Essays", Cardiff (University of Wales Press), 1991 (hier der Link zu einer englischsprachigen Rezension des Buches - mit augenfällig wenigen Informationen über die Vorstellungen des Autors hinsichtlich Atlantis - als PDF-Datei). Dessen Papier "Atlantis and Egypt" erschien ursprünglich in: Historia: Zeitschrift für Alte Geschichte, Bd. 34, H. 1 (1st Qtr., 1985), S. 3-28
  5. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: "Gott-Könige im vorsintflutlichen Ägypten" (red); sowie: Tony O’Connell, "Auriteaner"
  6. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: Tony O’Connell, "Atlantis: The Truth Behind the Legend (Rezension)"

Bild-Quellen:

1) Michael.chlistalla bei de.wikipedia, bei Wikimedia Commons, unter: Datei:Knossos2.jpg (Lizenz: Creative Commons, Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert)
2) Olaf Tausch (Urheber), de.wikipedia bei Wikimedia Commons, unter: File:Stierkopf-Rhyton 02.jpg
3) hinz kunz, Prähistorisches Europa - Vorschläge zu einer widerspruchsfreien Theorie über die Entwicklung der alten Zivilisationen an Atlantik, Nord- und Mittelmeer, Abschnitt: Kritik an der Katastrophentheorie 1200 v. Chr.