Theorien über Atlantis IV - Atlantis mal X: Synthese-Theorien

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Abb. 1 Drei Vertreter durchaus unterschiedlicher atlantologischer Synthese-Modelle (v.l.n.r.): Uwe Topper, Axel Hausmann, Jürgen Hepke

(bb) Abschließend soll hier auch die Position der Synthetiker vorgestellt werden. Vertreter dieser, ebenfalls noch ziemlich jungen, Schule oder Richtung der Atlantologie gehen davon aus, dass Platon in seinem Atlantisbericht verschiedene ur- und protohistorische Episoden literarisch verquickt und "verdichtet" hat. Tatsächlich habe es mehrere atlantische Frühkulturen gegeben, die - zum Teil unter kataklysmischen Umständen, teilweise auch durch kriegerische Ereignisse - untergegangen seien. Die Atlantis-Legende fasse letztlich eine ganze Reihe von Episoden zusammen, die sich über viele Jahrtausende hinweg abgespielt hätten.

Die Synthetiker folgen somit in vielen Punkten den Altzeitlern, greifen jedoch auch Argumente aus dem Kreis der Jungzeitler und Mittelzeitler auf. Die Artefakte der Megalithkulturen Westeuropas werden entweder als Relikte des späten 'Ur-Atlantis', oder als Produkte der frühen Zeit des "zweiten Atlantis" interpretiert.

Die theoretische Grundlage dieser Annahmen ergibt sich aus einer strukturellen und quellen-orientierten Exegese des platonischen Atlantisberichts, die sich vorwiegend mit der Kohärenz seiner verschiedenen inhaltlichen Komponenten beschäftigt, diese untersucht und sie unterschiedlichen Quellen zuordnet. Die synthetische Exegese betrachtet die platonische Atlantida quasi als "Patchwork", indem sie ihre Inkohärenz anhand der erkennbaren Quellen-Lage und aufgrund text-immanenter Widersprüche aufdeckt. In ihrem Schöpfer Platon sieht sie weniger einen Autor als vielmehr einen Redakteur, der Material interpretiert und bearbeitet, welches - aus seiner Sicht - exakte Überlieferungen aus der fernsten Vergangenheit menschlicher Zivilisation beinhaltet.

Das Ergebnis dieser platonischen Redaktion entspricht also durchaus nicht dem, was ein heutiger Geschichtsforscher unter einer 'Historie' verstehen würde, sondern die Atlantida scheint vor dem oben genannten Hintergrund verkürzt und fragmentarisch (sowie in Einzelheiten vermutlich auch von ihm fehlinterpretiert) als Quasi-Geschichte mit massiven prä- und protohistorischen Kernen.

Atlantologie-geschichtlich haben sich entsprechende Betrachtungsweisen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Lager nonkonformistischer Atlantisforschung entwickelt. Wegweisend waren in dieser Hinsicht die Arbeiten des französischen Ethnologen Georges Poisson und des österreichischen Altphilologen Wilhelm Brandenstein. Zu den Pionieren der Synthese-Theorien im deutschsprachigen Raum gehören Uwe Topper [1] und Jürgen Hepke.

Die Annahme eines prädiluvialen (vorsintflutlichen) 'Ur-Atlantis' (im Sinne eines (pan-)atlantischen Zivilisationsraums) am Ende der jüngsten Eis- oder Kaltzeit, das in Folge gewaltiger Naturkatastrophen vom Angesicht der Erde verschwand, stellt ein verbindendes Element mancher nonkonformistischen Synthetiker dar. Dabei existieren (wie bei den modernen Altzeitlern) unterschiedliche Vorstellungen über seinen genauen Charakter (Großinsel- und Inselwelt-Szenarien sowie Lokalierungen). Dass höchst wahrscheinlich auch Ereignisse aus der Zeit der großen Völkerwanderung am Ende der "Bronzezeit" und der sogenannten Seevölkerkriege in Platons Fassung der Atlantida eingeflossen sind, wird von ihnen ebenfalls angenommen.

Zur Diskussion steht aber auch bei ihnen weiterhin die geographische Positionierung des "zweiten Atlantis". Hier hat sich vor allem Iberien zu einem der Favoriten entwickelt, wo schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts profilierte Archäologen und Atlantisforscher wie Elena Maria Wishaw und Adolf Schulten systematisch nach Spuren der atlantischen Kultur suchten.


Schlussbemerkung

Wie man sehen kann, stellt die moderne Atlantologie in ihrer konzeptionellen Vielfalt kein monolithisches Ideengebäude dar. Als (grenz-)wissenschaftliches Arbeitsgebiet beinhaltet sie durchaus widersprüchliches Gedankengut, und es gehört zu ihren interessantesten Aspekten und Charakterzügen, dass innerhalb des bunt gemischten Spektrums dieser poly- oder transdisziplinären Forschungsrichtung Positionen von Schulwissenschaft, Grenzwissenschaft und alternativer Forschung immer wieder kontrovers auf einander treffen, sich gegenseitig befruchten können und an einander messen lassen müssen.


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Anmerkungen und Quellen

  1. Red. Anmerkung: Zu Uwe Toppers ursprünglichem Modell siehe bei Atlantisforschung.de seinen Beitrag: "Die Chronik von Atlantis" (1977); zu seiner heutigen Position: "Eine Chronologie für Atlantis?" (2009)


Bild-Quelle

(1) Bild-Archiv Atlantisforschung.de