Psychopathia atlantologica

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Wie die Beschäftigung mit der Atlantisforschung ihre Kritiker in den Wahnsinn treiben kann

"Hör mal, im Nachbarhaus ist ein Schatz vergraben." "Wieso? Wir haben doch gar kein Nachbarhaus." "Na gut, dann bauen wir eben eins!" (Marx Brothers)

Abb. 1 Diese Abbildung zeigt Anton D. (Name geändert), einen typischen Atlantisforscher, mit dem charakteristischen, fanatischen Gesichtsausdruck aller gemeingefährlichen Atlantomanen. Langjährige, exzessive Atlantologie hat sein Rückenmark angegriffen und sein Gehirn irreparabel geschädigt.

(bb) Atlantis ist im westlichen Kulturkreis (mithin im atlantischen Großraum) zweifellos ein äußerst populäres und massenwirksames Thema, wozu der Atlantologie-Kritiker Lyon Sprague de Camp 1954 bemerkte: "Vor nicht allzu langer Zeit hat eine Gruppe englischer Zeitungsleute das Wiederauftauchen von Atlantis an die vierte Stelle der >wichtigsten vorstellbaren Nachrichten< gesetzt - fünf Positionen vor >Eine zweite Wiedergeburt Christi<." [1]

Ein kurzer Blick ins Internet genügt, um festzustellen, dass der Begriff 'Atlantis' auch heute, ein halbes Jahrhundert später, noch in aller Munde und durchaus positiv besetzt ist. Hotels, Reiseunternehmen, Tauchschulen und selbst Unternehmen der Elektronik-Branche benutzen den "Namen" Atlantis keineswegs zufällig für ihre Geschäfte, und angebliche Atlantis-Wiederentdeckungen sind den Medien nicht nur in der 'Saure-Gurken-Zeit' eine Meldung wert. Zudem scheint Atlantis schlechthin zu einem Synonym für 'versunkene' Metropolen geworden zu sein. So leitartikelte etwa die westdeutsche Zeitung RHEINISCHE POST 2005 nach der Hurrikan-Katastrophe in den USA mit Blick auf New Orleans: "Das Atlantis des 21. Jahrhunderts". [2]

Angesichts eines solchen, historisch gewachsenen Stellenwerts und der gesellschaftlichen Präsenz des Atlantis-Motivs sollte man annehmen, dass sich auch die universitäre Forschung den unterschiedlichen Aspekten des Atlantis-Komplexes widmet, und dass 'Atlantologie' im Sinne einer rationalen, vorurteilsfreien Untersuchung des platonischen Atlantisberichts eine gewisse Akzeptanz genießt. Tatsache ist jedoch: Seit mehr als 100 Jahren gilt die, vormals respektable, Beschäftigung mit der Atlantida sowie mit der Frage nach möglichen historischen Hintergründen des "versunkenen Inselreichs" mehr oder weniger als 'no-go-area' des offiziellen, akademischen Wissenschafts-Betriebs.

Atlantisforschung wird heute zumeist als eine exotischen "Spielerei" angeblicher "Spinner" und "Sonderlinge" angesehen, die von vielen "ernst zu nehmenden" Wissenschaftlern mit Misstrauen und Unverständnis betrachtet und etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts sogar psychologisch ausgedeutet bzw. als "psychischer Defekt" eingeordnet wird. So bemerkte der Basken-Forscher und Atlantologe Louis Charpentier 1975 verärgert: "Hörte man nicht erst kürzlich in einer Radiosendung, in der Historiker und Naturwissenschaftler hart diskutierten, wie eine zweifellos ein wenig frustrierte Dame behauptete, es handle sich bei Atlantis um ein typisch Freudsches Symbol, beladen mit allen entsprechenden Komplexen... Atlantis, wie es Psychoanalytikerinnen verkauft wurde." [3]

Der Diskredtitierungs-Prozess der Atlantisforschung hat u.a. dazu geführt, dass sich vorwiegend nur noch so genannte "Laienforscher" und "fachfremde" Wissenschaftler mit dieser Materie befasst haben. Die wenigen Fachwissenschaftler (Historiker, Zivilisations-Geschichtsforscher, Archäologen, Altphilologen usw.), die 'akzeptierende' Atlantologie betrieben und bereit waren, dafür ihre berufliche Karriere auf´s Spiel zu setzen, bezahlten ihre Konsequenz seither in aller Regel damit, dass sie lächerlich gemacht oder ignoriert wurden, wie etwa die Archäologin Elena Maria Whishaw, der Geologe Prof. Alexander Tollmann, oder sein Fachkollege Christian O´Brien.

Noch im Jahr 1974 bemerkte beispielsweise Prof. H.G. Wunderlich, damals Ordinarius für Geologie und Paläontologie in Stuttgart, geringschätzig über akademische Atlantologen und Paläo-SETI Forscher: "Die verzweifelte Suche nach dem angeblich untergegangenen herrlichen Sagenreich Atlantis, die These von götterähnlichen Besuchern aus dem Weltall als frühen Kulturbringern, die liebevolle Ausschmückung früher Hochkulturen sind nicht zuletzt ein Symptom [von] Gegenwartsflucht. Und selbst nüchtern erscheinende Fachwissenschaftler können sich hin und wieder offenbar nicht dem Reiz solcher im Grunde unwissenschaftlichen Ausschmückungen entziehen." [4]

Abb. 2 In krassem Gegensatz zum zuvor gezeigten geisteskranken Atlantomanen (Abb. 1) präsentiert sich hier der Atlantologie-Kritiker Kurt S. (Name ebenfalls geändert), erkennbar an seinem wissenden, milden Lächeln und am strahlenden Leuchten seiner Augen, in denen sich das Licht der Wissenschaft spiegelt!

Vor diesem Hintergrund ist auch die Herausbildung einer quasi revisionistischen Strömung innerhalb der rationalen Atlantisforschung (siehe: Jungzeitler) zu verstehen, deren Repräsentanten (wie etwa Adolf Schulten, Victor Bérard oder Spyridon Marinatos) den Spagat zwischen schulwissenschaftlicher Paradigmen-Treue und akzeptierender Atlantologie wagten, wobei sie Modelle zur Interpretation des Atlantisberichts entwickelten, die sich mit den gängigen Vorstellungen konventioneller Erd-, Menschheits- und Zivilisationsgeschichts-Forschung weitestgehend in Einklang bringen ließen. Ihr Distanzierungsbedürfnis gegenüber den Vertretern anderer, als "unwissenschaftlich" empfundener, Richtungen der Atlantisforschung ist also nicht zuletzt als „Karriere sichernd“ zu verstehen und insofern durchaus nachvollziehbar.

So betrachtet etwa der konformistisch argumentierende Atlantologe Prof. Dr. Helmut Tributsch, den wir hier exemplarisch zitieren, die Zeitangaben Platons für den Untergang von Atlantis (ca. 11 600 Jahre BP) schlichtweg als "ein Mißverständnis": "Über eine solche Zeitspanne hinweg können natürlich keinerlei Überlieferungen erhalten sein, ganz zu schweigen davon, daß damals weder Hochkulturen noch eine Schrift existiert haben und die Menschen noch als Nomaden durch das Land zogen." [5] Auch sein Urteil über die Vertreter anderer Betrachtungsweisen fällt eindeutig aus: "Wer diesen Zeitpunkt von 9600 v. Chr. ernst nimmt, was viele Atlantisforscher getan haben, ist dazu verurteilt, eine Phantasiewelt aufzubauen, die sich weder auf archäologische noch auf gesicherte kulturelle Fakten stützen kann." [6]

Phantasiewelt? Tatsächlich stehen diese, ach so "wissenschaftlichen", Prämissen von Tributsch et al. sämtlich zur Disposition! Dies gilt sowohl für die Lehrmeinung, vor mehr als 10 000 Jahren könne es "weder Hochkulturen noch eine Schrift" gegeben haben [7] als auch für die, lediglich 'vernünftig' klingende Behauptung, eine (mündliche) Überlieferung historischer Fakten über Jahrtausende hinweg [8] sei völlig ausgeschlossen.

Trotz ihrer zahlreichen 'Ergebenheits-Adressen' an den akademischen Status quo blieben auch die konformistischen Atlantologen eine unbedeutende Minorität innerhalb des Wissenschafts-Betriebs, und die konsequente Verweigerungs-Haltung der 'Scientific community' gegenüber einer differenzierten Betrachtung des Atlantis-Problems hatte schließlich auch gravierende Auswirkungen auf Charakter und Qualität der Atlantologie-Kritik, also auf die kritische Rezeption der Atlantologie, mit der wir uns in diesem Beitrag auseinandersetzen wollen. Dazu sei vorab bemerkt, dass letztlich auch die Atlantologie-Kritik einen legitimen Bereich oder Aspekt der Atlantisforschung darstellt, dessen grundsätzliche Berechtigung und Notwendigkeit außer Zweifel stehen sollte.


Eine Einführung in den 'paradoxen Atlantismus'

Abb. 3 Atlantis als historische Realität? Für "Anti-Atlantologen" eine inakzeptable, ja unerträgliche Option, deren Verfechter sie mit einer irrationalen, bisweilen geradezu pathologischen Vehemenz bekämpfen.

Die meisten Atlantologie-Kritiker sind, ebenso wie die klassischen Atlantisforscher, 'Atlantis-Sucher' [9], die Platons versunkenes Reich allerdings nicht im Bereich der Historie, sondern im Kosmos menschlicher Imagination 'verorten'. Insofern lassen sie sich typologisch in die gleichen grundlegenden Kategorien einordnen, welche auch für diejenigen gelten, die sich auf der Suche nach einem 'historischen' Atlantis befinden. In beiden Fällen haben wir im Grundsatz zwischen rationalen und irrationalen (auch: scheinrationalen) Ausformungen der Beschäftigung mit dem Atlantis-Komplex zu unterscheiden.

Betrachten wir die Auslegung des platonischen Atlantisberichts aus atlantologie-historischer Sicht, so haben sich die Meinungen dazu seit jeher zwischen zwei extremen Polen bewegt. Das eine Extrem wird repräsentiert durch den ideologischen sowie den naiven oder 'vulgären' Atlantismus, also die beiden Formen der positiven 'Atlantis-Gläubigkeit', bei der Platons Atlantida fundamentalistisch rezipiert und im Kontext einer Ideologie - oder auch frei nach Gusto - instrumentalisiert wird; d.h. für den 'gemeinen' Atlantisten ist die Existenz eines historischen Atlantis Teil seines Glaubens-Systems und braucht als solcher weder kritisch hinterfragt zu werden, noch besteht für ihn die Notwendigkeit einer allgemein nachvollziehbaren Beweisführung.

Das andere Extrem in diesem bipolaren Schema stellen die - ebenfalls ideologisch vorgehenden - 'Atlantis-Verneiner' und Repräsentanten eines quasi 'paradoxen Atlantismus' dar, die den Atlantisbericht in toto als fiktional einstufen und Argumente (oder das, was sie dafür halten) wie alle Atlantisten nur dann zulassen, wenn sie zur Untermauerung der eigenen Position tauglich sind. Die Vertreter dieser beiden, in ihrer Kernauffassung diametral entgegengesetzten, Pole gleichen sich auffallend in ihrem irrationalen Anspruch auf den Besitz der absoluten Wahrheit, wenn es um die Interpretation der Atlantida geht.

Zwischen diesen beiden Extremen der Rezeption findet sich ein breites Spektrum unterschiedlichster Auffassungen, die von sachlicher, erkennbar um Objektivität bemühter, Ablehnung der Vorstellung von Atlantis als historisch-geographischer Entität, und schul- bis grenzwissenschaftlichen Auslegungen der Atlantida als interpretationsbedürftiger Quasi-Historie reichen. Während nun die sachliche - im eigentlichen Sinne - wissenschaftliche Atlantologie-Kritik (etwa 1922 bei William H. Babcock oder aktuell bei Heinrich Tischner) lediglich als absolute Ausnahmeerscheinung feststellbar ist, tummeln sich auf diesem Gebiet seit Jahrzehnten vor allem selbst ernannte "Fachleute", deren gnadenloser Opportunismus gegenüber einem so genannten "Stand wissenschaftlicher Forschung" Hand in Hand mit einer ausgeprägten Aversion gegenüber nonkonformistischen Positionen geht, die ihr "gefestigtes Weltbild" in Frage stellen.

So ist es wenig verwunderlich, dass es zu den Charakteristika der ideologischen "Kritik" dieser 'Crackpot-Hunter' gehört, von vorneherein in Abrede zu stellen, es könne überhaupt so etwas wie ernst zu nehmende Atlantisforschung geben. Aus dem Blickwinkel derartiger 'Anti-Atlantologen' ist eine Unterscheidung zwischen Atlantologie und Atlantismus weder möglich, noch notwendig, kollidiert doch JEDWEDE akzeptierende Atlantida-Interpretation mit der von ihnen postulierten "karge[n] Wahrheit, dass jenes Inselreich nur eine literarisch-kritische Figuration Platons war", wie es Burchard Brentjes 1993 formulierte, einer der 'Vorturner' des paradoxen Atlantismus im deutschsprachigen Raum.

Wer ihre Meinung nicht teilt, der ist nicht einfach im Unrecht, sondern er gehört zu der ungeheuren Menge "Phantasten, Dilettanten und Geschäftemacher" (ebenfalls Brentjes 1993), deren "im Brustton der Überzeugung" vorgetragene Meinung "man freilich auch als Anflug von Wahn definieren kann." [10] Nur ein Anflug von Wahn? Ach was, bei diesen "Atlantomanen", die natürlich lauter "verkannte Genies oder geistige Hochstapler" sind (Arn Strohmeyer, 1997), handelt es sich doch zweifelsfrei um Geisteskranke, denen ein "psychopathologischer Befund" (ebd.) auszustellen ist. Wer jedoch solche Pseudo-Kritik nicht unwidersprochen hinnimmt und sich gegen eine derartige Pathologisierung zur Wehr setzt, macht sich natürlich doppelt verdächtig, muss selbstredend auch noch unter Verfolgungswahn leiden, wie z.B. Strohmeyer unterstellt: "Die Atlantologen [...] drehen den Spieß aber stets um und sehen sich permanent von lauter ignoranten Feinden umgeben." [11]

Abb. 4 Für ideologische Atlantologie-Kritiker ist Atlantis lediglich als "Fabel", als "herrliches Sagenreich", oder als fiktionales "Utopia" vorstellbar". Jede historische Interpretation der Atlantida wird von ihnen als "Pseudowissenschaft" betrachtet.

Neben diesem allgemeinen Hang zur Diffamierung von Atlantologen als potentielle Psychatrie-Patienten stellen selektive Wahrnehmung, gnadenlose Verallgemeinerung und atlantologie-historische Inkompetenz weitere, durchgängige Charakteristika des scheinrationalen, paradoxen Atlantismus dar. So glauben Möchtegern-Psychologen wie Strohmeyer zu wissen: "Atlantologen sind keine gelegentlichen Hobby-Forscher. Ihnen gemein ist die Besessenheit, die völlige und restlose Identifizierung mit ihrem Gegenstand. Neben dem Finden von Atlantis kann es nichts geben, was auch noch Bedeutung hätte auf dieser Welt. Jeder ist felsenfest davon überzeugt, das Rätsel ganz allein und ohne fremde Hilfe gelöst zu haben. [sic!] Zweifel sind nicht erlaubt." [12]

Spätestens die Verwendung des Begriffs "Besessenheit" macht deutlich, dass es derartigen "Kritikern" keineswegs um eine sachliche Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Positionen 'akzeptierender' Atlantisforschung geht, sondern vor allem um eine Stigmatisierung derjenigen, die unter ihr 'Feindbild' fallen. Der typische, universitär zugerichtete, atlantologie-"kritische" Ideologe hat sich - wie alle Anhänger totalitärer Ideologien - in einer schlichten Welt des 'Schwarz-Weiß-Denkens' eingerichtet, in der die Trennungs-Linien zwischen 'Gut und Böse', zwischen 'Normalität' und 'Wahnsinn' eindeutig verlaufen:

Wer Atlantis als 'Mythos' (und damit aus Sicht konventioneller Forschung: als Fiktion) begreift, ist 'normal'; wer sich dieser "kargen Wahrheit" verweigert, muss zwangsläufig Probleme mit sich und der 'realen' Welt haben, und ist mithin als k r a n k zu betrachten. Ein kurzer Blick in die Literatur zeigt, dass diese Feststellung keineswegs eine unzulässige Übertreibung darstellt, oder der getrübten Wahrnehmung eines an "Verfolgungswahn" leidenden oder in seiner Eitelkeit gekränkten "Atlantomanen" entspringt.

Als unfreiwilliger 'Urahn' der vulgär-psychologischen "Atlanto-Pathologen" darf der Jurist, Kulturhistoriker und Schriftsteller Alexander Bessmertny (1888 - 1943) gelten, der sich (unter dem Eindruck des aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland) bereits 1932 mit der psychischen Konstitution der "Atlantomanen" beschäftigte, und seither mit besonderer Vorliebe von 'atlantophoben' Autoren zitiert bzw. kolportiert wird. In "Das Atlantis-Rätsel" erklärte Bessmertny damals: "Sicher ist, daß die Beschäftigung mit Atlantis und die Vorstellung der Existenz von Atlantis, als der Heimat eines vollkommenen Volkes [13], einer universalen Sehnsucht entspringt, die, einen mythischen Wunschtraum weiterspinnend, sich ein Wunschbild schafft, für das die Mittel des geistigen Erkennens (Wissenschaft - auch falsch verwandte - und überwissenschaftliche Wesensschau, also ein Akt des Glaubens) die Stützen schaffen müssen." [14]

Und er behauptet weiter: "Atlantis ist ein Wunschbild der Menschheit und gib ihr als wachgewordene Erinnerung die Aufgabe, die Wunschinsel als exakte Tatsache an den Anfang der Geschichte zu stellen, um dem Glauben an eine bessere Zukunft die Vertrauensbasis für einen Wiederhohlungsvorgang zu geben." [15] Der Dramatiker Heiner Müller gab sich später in ähnlicher Weise als 'Fachmann' für die Psyche von Atlantologen aus und dozierte über sie: "Weil man die Gegenwart nicht mehr im Griff halten kann und sie keinen festen Boden mehr hergibt, auf dem man sicher steht, sucht man jetzt woanders einen Punkt, wo man noch stehen kann. Der Punkt wäre gleichzeitig eine Art Startbahn in phantastische Regionen." [16]

Abb. 5 Atlantisforschung als "eine Art Startbahn in phantastische Regionen" (Heiner Müller, 1986) und "verzweifelte Suche nach dem angeblich untergegangenen herrlichen Sagenreich" (H.G. Wunderlich, 1974) - ein ständig wiederkehrendes Thema mit Variationen der ideologischen Atlantologie-Kritik.

Es muss noch einmal betont werden, dass solche Äußerungen keineswegs nur auf einen explizit ideologischen Atlantismus abzielen (siehe dazu: Das Atlantis der Esoteriker - Ideologisch/religiöse Ausformungen der Atlantis-Suche), auf den bezogen solche Feststellungen durchaus Sinn machen können, sondern es wird stets Atlantisforschung per se mit einer angeblichen "Vorstellung der Existenz von Atlantis als der Heimat eines vollkommenen Volkes" verknüpft. Zudem deklarieren Bessmertny et al. Atlantis, ohne wenn und aber, als "Wunschinsel", obwohl keiner dieser Kritiker wirklich beweiskräftigen Argumente gegen die vermutete (zumindest partielle) Historizität des Atlantisberichts vorzubringen hat.

Diese bewusst indifferente Herangehensweise ist kennzeichnend für jene ideologische Atlantologie-Reflexion, die auch heute noch charakteristisch für 'atlantophobe' Kritiker der Erforschung des Atlantis-Problems ist, und welche konsequent die eindeutige Unterscheidbarkeit zwischen Atlantologie und Atlantismus ausblendet. Ihre Verfechter ignorieren ganz bewusst den Umstand, dass sich typologisch zwei klar zu differenzierende und geradezu antagonistische Entwicklungs-Linien der Atlantis- bzw. Atlantida-Rezeption ausmachen lassen.

Während sich die eine dieser Linien - nämlich die explizit atlantologische - in der Tradition des Humanismus, im Geist der Aufklärung und als legitimer Gegenstand offizieller Natur- und Geistes-Wissenschaften entwickelte (vergl. dazu: Atlantisforschung im Zeitalter der Entdeckungen und der Neuzeit), stellt der esoterisch-ideologische Atlantismus faktisch ein der empirischen Atlantisforschung diametral entgegengesetztes Phänomen dar. So bemerkt etwa der Philologe Dr. Roland Müller ganz unzweideutig: "In kulturgeschichtlicher Sicht ist die moderne Esoterik eine Gegenreaktion zuerst auf die Aufklärung, dann auf die Industrialisierung und schliesslich auf die Automatisierung." [17]

Die 'paradoxen Atlantisten' schieben bei ihren Betrachtungen der "so genannten Atlantologie" diese Tatsache beiseite, und sparen den gesamten rationalen Entwicklungs-Strang zur Erforschung des Atlantis-Problems geflissentlich aus, um ihr vorgefasstes Bild vom "Mythos Atlantis" und den "Narren", die ihn für bare Münze nehmen, aufrecht erhalten zu können. Dabei überbieten sie sich in ihren Beschreibungen dieses "erfundenen" Atlantis mit einer Begeisterung, die jener der Atlantis-Gläubigen in keiner Weise nachsteht. Tatsächlich sind es, neben den klassischen 'Atlantisten', vor allem derartige "Kritiker", die regelrecht auf ein "paradiesisches Wunschbild" von Atlantis fixiert sind und es publizistisch perpetuieren.

So erklärte z.B. Lyon Sprague de Camp, ein vielzitierter, populärwissenschaftlicher Atlantologie-Kritiker aus den USA, dessen scharfer Verstand nicht selten durch seine rührend-naive Wissenschafts-Gläubigkeit getrübt wurde, 1954 in Bezug auf die Rezeption der Atlantis-Legende: "Die Menschheit hat sich seit jeher nach einem Land gesehnt, in dem Milch und Honig fließen und Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Da dies in unserer Welt nicht realisierbar zu sein scheint, dachte man sich den Garten Eden aus, Utopia oder das Goldene Zeitalter [...] Es ist wohl eine Art Eskapismus, der Menschen dazu veranlasst, mit Zeitaltern und Kontinenten zu spielen wie ein Kind mit Bauklötzen." [18]

Abb. 6 Spielen Atlantisforscher tatsächlich "mit Zeitaltern und Kontinenten ... wie ein Kind mit Bauklötzen", wie Lyon Sprague de Camp 1954 erklärte, und verteidigen sie dabei lediglich "ihr Wunschbild von einer glücklichen Menschheit, von einem paradiesischen Zustand" (A. Strohmeyer, 1997)? Bild: Atlantis nach Robert B. Stacy-Judd, 1939

Dr. Klaus Richter, ein selbst ernannter Paläo-SETI- und Atlantologie-Kritiker aus dem deutschsprachigen Raum, schrieb viele Jahre Jahre später: "So mancher hat sich mit Atlantis ein schönes Weltbild aufgebaut, das er nur zu ungern zerschlagen läßt, und so flüchtet man sich lieber in eine Scheinrealität, anstatt sich den harten Fakten zu stellen. [...] Manchen mag das schmerzen, doch man muß sich, will man nicht einem Realitätsverlust erliegen, damit abfinden." [19] Arn Strohmeyer doziert zu diesem angeblichen "Realitätsverlust": "Man muss den festen Glauben, die dogmatische Intoleranz der Atlantologen wohl als verständlichen psychopathologischen Befund deuten. [...] Was die Atlantologen so erbittert verteidigen, ist viel weniger eine objektive Wahrheit - wie sie behaupten -, sondern ihr Wunschbild von einer glücklchen Menschheit, von einem paradiesischen Zustand..." [20]

Erst unlängst (August 2004) erklärte auch der Leiter des irischen Geography Department, Prof. Ulf Strohmayer: "Mythische Orte wie Atlantis sind lediglich dazu da, um irgendwelche Sehnsüchte nach einem Land Utopia in der menschlichen Psyche zu befriedigen. Wir schaffen sie, um uns selber weiszumachen, dass das menschliche Leben, wenn wir auf diesem Planeten die Augen zumachen, woanders, an einem besseren Ort, weitergehen wird." [21] Und selbst der Paläo-SETI-Pionier Erich von Däniken, der sich in seinem Buch "Im Namen von Zeus" vor allem kritisch mit der 'Atlantis-war-Troja'-These des Dr. Eberhard Zangger auseinandersetzt, reiht sich - besonders blumig - in den Chor derjenigen ein, die das Hohelied auf das Traumland Atlantis singen: "Atlantis, das ist die Faszination, der Traum aus der Traumwelt, das paradiesische Land, das nirgendwo existierte. Atlantis ist die Wunderwelt der Kinderzeit, eine Zauberinsel des Friedens, ein Märchen von der glücklichen Welt und von sorglosen Menschen." [22]

Unter der entlarvenden Überschrift "Lauter verkannte Genies oder geistige Hochstapler: Zur Psychologie der Atlantis-Forscher" dozierte 1997 beispielsweise der bereits zitierte Atlantologie-Kritiker Arn Stromeyer zu den vermeintlichen Motiven von Atlantisforschern: "Bei Atlantis geht es für seine Sucher nicht um die Entschlüsselung irgendeines Rätsels - etwa der Frage vergleichbar, ob Rungholt wirklich von der großen Sturmflut 1362 von der Nordsee verschlungen worden ist. [...] Rungholt ist auch längst ein Mythos, [...] Atlantis aber war - nach einer Tradition, die mit Platon, so gut wie nichts zu tun hat, sich aber in breiten Kreisen durchgesetzt hat - die Wiege der Menschheitskultur, der Anfang jeder Zivilisation überhaupt." [23]

Natürlich steht diese Behauptung, die allenfalls auf das heliozentrische Zivilisations-Geschichts-Bild mancher Atlantologen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zutreffen mag [24], in krassestem Widerspruch zur Realität heutiger nonkonformistischer ('alternativ-historischer') und auch 'schulwissenschaftlich'-konventioneller Atlantisforschung, aber atlantologie-historischen Laienforschern wie Strohmeyer et al. geht es ja auch nicht um eine sachliche Argumentation oder um Tatsachen, sondern um die Festschreibung der von ihnen propagierten Klischees und Vorurteile der Atlantisforschung gegenüber, die angeblich ja nur ein "pseudowissenschaftliches Problem" [25] behandelt.

Zu den Ursachen dieser völlig ablehnenden Grundhaltung bemerkte 1970 der sowjetische Atlantisforscher Dr. Nikolai Zhirov: "Unserer Meinung nach gibt es zwei Gründe für die oben angesprochene negative Einstellung der Atlantis-Legende gegenüber. Bei näherer Betrachtung erscheint sie gleichermaßen als Manifestation von Konservativismus und Hyper-Kritizismus, oder als auf geringer Datenlage und den theoretischen Vorstellungen einer einzelnen Fachwissenschaft, oder sogar nur einer Schule von Forschern basierend. Sehr regelmäßig werden in Forschungen oder Schlussfolgerungen dieser Art Fakten, die widersprechen könnten, vorsätzlich oder unabsichtlich ignoriert." [26]

Und der Philosoph Ulrich Sonnemann stellte 1986 zum Umgang mit dem Atlantis-Problem in der scientific community fest: "Was mir an vielem auffällt, ist, was man im Englischen >jumping to conclusion< nennt: dass man schon bei der Formulierung des Themas auf phantastische Tendenzen schließt; dass man, wo man bestimmte Thesen wenig glaubhaft findet oder etwas an ihnen auszusetzen hat, sich nicht etwa kritisch auf sie einlässt, sondern das ganze Thema tabuisiert; dass man, mit anderen Worten, das den Wissenschaften entgegen gesetzte Verhalten an den Tag legt. [...] Es besteht auf Seiten des positiven Wissenschaftsbetriebs, der manchmal den Pionieren um astronomische Entfernungen hinterherhinkt, eine Beklommenheit mit einem Schielen auf den nächsten: was der dazu sagt und ob man noch ernst genommen wird, wenn man so etwas wie Atlantis thematisch aufnimmt. Diese ganze Haltung hat etwas Durchsichtiges und ein bisschen Lächerliches." [27]


Fortsetzung:


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten

  1. Quelle: L. Sprague de Camp, "Versunkene Kontinente - Von Atlantis, Lemuria und anderen untergegangenen Zivilisationen", Heyne, 1977, S. 10 --- Anmerkung: Später kolportierte offenbar auch die Süddeutsche Zeitung die oben zitierte Geschichte in etwas abgewandelter Form: „Eine Gruppe englischer Journalisten stimmten einmal über die sensationell­ste Meldung ab, die sie sich vorstellen könnten - und da belegte die Entdec­kung von Atlantis den ersten Platz so­gar vor der Wiederkunft des Messias.“ (Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 7.-8. Sep­tember 1991; nach: Fritz Nestke, "Das Atlantis-Archiv (III), Allerlei Kurioses von A bis F", Wissenschaft ohne Grenzen, 01, 1997, S. 28)
  2. Quelle: Godehard Uhlemann, "Das Atlantis des 21. Jahrhunderts", RHEINISCHE POST, 03.09.05, S. A2; in der gleichen Ausgabe schreibt Kathrin Lenzer zudem auf Seite A7 unter der Überschrift "Die Macht der Katastrophen-Bilder": "Und wieder spült uns das Fernsehen Flut und Tod und Leid ins Wohnzimmer. New Orleans, Biloxi und Gulfport versinken. Wir sehen: dreimal Atlantis."
  3. Quelle: Louis Charpentier, "Das Geheimnis der Basken", Walter-Verlag, Olten, 1986; (Übersetzung von "Le mystère basque" ins Deutsche durch Grit Kuntze zitiert nach: L. Charpentier, "Das cromagnoide Atlantis", bei Atlantisforschung.de
  4. Quelle: H.G. Wunderlich, "Die Steinzeit ist noch nicht zu Ende", Rohwolt 1974, Seite 401
  5. Quelle: Helmut Tributsch, "Die gläsernen Türme von Atlantis - Erinnerungen an Megalith-Europa", Ullstein, 1986, Seite 140
  6. Quelle: ebd.
  7. Anmerkung: vergl. dazu z.B.: Die unmögliche Siedlung von Starveco in Jugoslawien nach Rene Noorbergen; sowie: Streit um die Urschrift von R. Cedric Leonard)
  8. Vergl. dazu z.B.: Beringstraßen-Theorie und indianische Überlieferungen von Itztli Ehecatl
  9. Anmerkung: ATLANTIS-SUCHER = Obwohl dieser Ausdruck bei "Atlantologie-Kritikern" - z.B. bei Sprague de Camp (1954/1977) und Strohmeyer (1997) - stets mit einer pejorativen Konnotation verwendet wird, läßt er sich - sachlich neutral - als typologischer Oberbegriff für ALLE Formen der Atlantologie und des Atlantismus verwenden.
  10. Quelle: Burchard Brentjes, "Atlantis - Geschichte einer Utopie", Dumont (Köln) 1993, S. 135
  11. Quelle: Arn Strohmeyer, "Atlantis ist nicht Troja - Über den Umgang mit einem Mythos", Donat-Verlag, Bremen, 1997, S. 99
  12. Quelle: Arn Strohmeyer, op. cit., S. 97
  13. Red. Anmerkung: Bessmertny hob damit gezielt auf die Verfechter ariozentrischer Modelle ideologischer Atlantida-Rezeption ab (siehe: "Ario-Atlantismus"), nicht auf Atlantisforscher im Allgemeinen.
  14. Quelle: Alexander Bessmertny, "Das Atlantis-Rätsel", Leipzig (Voigtländer), 1932, S. 162
  15. Quelle: ebd., S. 164
  16. Quelle: Heiner Müller, in: Lothar Müller u. Eberhard Sens, "Einige Anmerkungen zur Legende von Atlantis", in: Ästhetik und Kommunikation, 17. Jg., Heft 64, Berlin, 1986, S. 20 (zit. nach A. Strohmeyer, op. cit. 1997, S. 110)
  17. Quelle: Dr. phil. Roland Müller, "Woher kommt die moderne Esoterik? - Eine kleine Kulturgeschichte", online unter http://www.muellerscience.com/NavStart.htm
  18. Quelle: Lyon Sprague de Camp, "Versunkene Kontinente - Von Atlantis, Lemuria und anderen untergegangenen Zivilisationen", München, 1975, S. 1-2
  19. Quelle: Dr. Klaus Richter, "Atlantis - Der 8. Kontinent, versunkene Kultur, Mythos?", online unter http://fischinger.alien.de/Probeausgabe/archiv/artikel2.html
  20. Quelle: A. Strohmeyer, op. cit., S. 98-99
  21. Quelle: Anonymus, Ireland On-Line news, August 12th, 2004, nach http://www.mythicalireland.com/ancientsites/tara/atlantis2.php
  22. Quelle: E. von Däniken, "Im Namen von Zeus", S. 182; nach: Dr. Klaus Richter, "Atlantis - Der 8. Kontinent, versunkene Kultur, Mythos?", online unter http://fischinger.alien.de/Probeausgabe/archiv/artikel2.html
  23. Quelle: Arn Strohmeyer, op. cit., S. 94
  24. Siehe dazu: Der Diffusionismus - zur Diskussion eines umstrittenen Konzepts von Bernhard Beier, Atlantisforschung.de
  25. Quelle: Y. V. Knorozov, "N. F. Zhirov, Atlantıda" ("N. F. Zhirov, Atlantis"), in: Sovjetskaya etnografia, No. 4, UdSSR (1961), S. 213-218
  26. Quelle: N. Zhirov, "Atlantis - Atlantology: Basic Problems", Honolulu / Hawaii, 2001 (englischsprachige, neu überarbeitete Erstausgabe: Moskau, Jan. 1968, Zweitaufl. 1970), S. 13
  27. Quelle: Ulrich Sonnemann, "Atlantis Trauma" (Gespräch mit Florian Rötzer), in: Ästhetik und Kommunikation H. 64 (Atlantis), XVII, 1986, S. 23-26; zit. nach: Siegfried G. Schoppe und Christian Schoppe, Atlantis und die Sintflut im Schwarzen Meer, unter: Atlantis und Wissenschaft - geht das?

Bild-Quellen:

1) http://hem.bredband.net/b213713/heads/ddd.jpg
2) http://www.drbrainzlab.com/drbrainzfiles/madsci_drloveless.jpg
3) Atlantis-Gemälde von Dovilio Brero; Bildarchiv Atlantisforschung.de
4) http://www.magicamente.org/immagini/fantasy/stronghold.jpg
5) Bildquelle unbekannt
6) Robert B. Stacy-Judd, "Atlantis - Mother of Empires", orig. 1939; Reprint bei Adventures Unlimited Press, Kempton, Illinois/USA, (März) 1999, S. 174